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Veröffentlicht am 03.04.2026

Intensiv, eindringlich und verstörend

Ich, die ich Männer nicht kannte
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Dieses Buch ist intensiv, eindringlich und verstörend.

Da werden 40 Frauen in einem Keller im Käfig gehalten, niemand weiß warum und die Kleine, die Jüngste von ihnen, hat sogar nie etwas anderes gekannt. ...

Dieses Buch ist intensiv, eindringlich und verstörend.

Da werden 40 Frauen in einem Keller im Käfig gehalten, niemand weiß warum und die Kleine, die Jüngste von ihnen, hat sogar nie etwas anderes gekannt. Alle anderen haben Namen und eine blasse Erinnerung an ein anderes Leben, das Mädchen nicht. Sie weiß nur, was die Frauen ihr erzählen und das ist nicht viel. Lohnt es sich, über eine Welt zu reden, die es nicht mehr gibt? Oder gibt es sie noch irgendwo draußen, wohin keine der Frauen mehr gelangen kann… bis eines Tages alle Wächter verschwunden sind und die Tür offen steht.

Das alles erzählt sie uns aus einem weit späteren Blickwinkel. Jahre später ist sie alt, krank und ganz alleine und schreibt ihre Erlebnisse nieder, selbst wenn ihr Leben sich immer nur ums blanke Überleben gedreht hat.

„Ich, die ich Männer nicht kannte“ ist bestimmt „so existentiell wie »Die Wand«“, genauso fesselnd, obwohl nicht wirklich viel passiert, genauso intensiv und nachdenklich, die Grenzen auslotend und sich fatalistisch seinem Schicksal stellend. Den feministischen Aspekt konnte ich allerdings nicht ausmachen, der Vergleich zu »Der Report der Magd« hinkt stark.

Die Hörbuchversion ist besonders empfehlenswert. Vera Teltz findet genau den richtigen Ton, um diese finstere aber berührende Geschichte vorzutragen, verleiht dem Geschehen noch einen zusätzlichen sehr authentischen Touch. Es dauert 6 Stunden und 26 Minuten.

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Veröffentlicht am 22.03.2026

Anstrengend aber auch zu Herzen gehend

Gelbe Monster
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Wie sollte man mit seiner Wut umgehen? Wut ist irrational, kann man überhaupt damit umgehen? Charlie soll das in einem Kurs lernen, Antiaggressionstraining, obwohl sie das natürlich nicht braucht. Aber ...

Wie sollte man mit seiner Wut umgehen? Wut ist irrational, kann man überhaupt damit umgehen? Charlie soll das in einem Kurs lernen, Antiaggressionstraining, obwohl sie das natürlich nicht braucht. Aber das war die Bedingung, wenn sie weiter bei ihrer Freundin Ella wohnen möchte. Ihre eigene Wohnung ist gerade unbewohnbar, also fügt sie sich. Eine Therapie macht sie auch, na gut, schadet ja nichts.

Nach und nach erfährt man, was passiert ist und welche Probleme Charlie hat. Auch ihre Beziehung zu Valentin lässt sie Revue passieren. Der schönste und klügste Mann der Welt hat seine Freundin für sie verlassen, oder doch nicht?

Charlie lässt uns miterleben, wie schmal der Grad ist zwischen Liebe und Obsession, zwischen Leidenschaft und Besessenheit und auch zwischen Wut und Gewalt. Und was ist überhaupt Gewalt? Manche Menschen sind aufbrausend, ist das schlimm? Ist eine Ohrfeige eine Tätlichkeit? Sie weiß, sie hat überreagiert, mehrfach. Sie weiß, das geht nicht und möchte sich ändern, aber das ist schwer.

Dieses Buch liest man nicht, man durchleidet es. Das ist anstrengend aber auch zu Herzen gehend, meistens traurig, manchmal auch komisch, auf jeden Fall aufwühlend. Charlie ist irgendwie liebenswert auch wenn klar ist, dass sie sich rein gar nicht im Griff hat.

Das Hörbuch liest Lisa Hrdina sehr authentisch, man meint, Charlie schüttet höchst persönlich ihr Herz aus. Es dauert 5 Stunden und 33 Minuten, ist eine aufschlussreiche Analyse zum Thema Selbstkontrolle und absolut herzergreifend.

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Veröffentlicht am 19.03.2026

Intensiv und sehr australisch

Ein weites Leben
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Wenn man dieses Buch aufschlägt ist man direkt mitten in Westaustralien, spürt die Weite, es ist heiß, staubig, karg, es gibt nur wenige Menschen und wenn, dann sind das skurrile Typen.

Da leben die MacBrides ...

Wenn man dieses Buch aufschlägt ist man direkt mitten in Westaustralien, spürt die Weite, es ist heiß, staubig, karg, es gibt nur wenige Menschen und wenn, dann sind das skurrile Typen.

Da leben die MacBrides schon seit Generationen und betreiben Schafzucht. So eine Schaffarm erstreckt sich über Kilometer, ist weit ab von allem, das schweißt eine Familie zusammen.

Als der Vater und der ältere Sohn bei einem Autounfall sterben, sieht das Leben der Familie plötzlich ganz anders aus. Mit einem Schlag steht Lorna MacBride alleine da mit einer Tochter im Teenageralter, einem schwerverletzten Sohn und dann noch der Verantwortung für den Familienbetrieb. Eine Tragödie, die dann tatsächlich noch einen Schicksalsschlag obendrauf bekommt.

Das Buch ist sehr plastisch geschrieben, das Lesen ist intensiv, es ist, als wäre man dabei. Das Schicksal der Familie geht zu Herzen und erfordert Taschentücher. Noch einmal schlimmer wird es durch das schrecklich konservative Frauenbild der 1960er Jahre. Auch das erlebt man hier hautnah. Wer ist der Vater von Roses Kind? Ist es etwa unehelich? Schlimmer kann ein Skandal nicht sein. In der Poststation ihres Gatten schnüffelt Myrtle Eedle durch die Briefe. Der Kängurujäger Pete Peachy ist verdächtig reserviert. Das kann nichts Gutes bedeuten.

Dieses Buch schlägt man auf und taucht ab, ist live dabei von 1960 bis ins Jahr 2000 und erlebt mit, wie sich die Familie MacBride neu aufstellt. Es hat gelegentliche Längen, aber wenn man es beendet hat fühlt es sich an, wie aus dem Urlaub zurückkommen. Man war lange Zeit ganz wo anders und hat viel erlebt.

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Veröffentlicht am 04.03.2026

ADHS pur, keine Pointe

Ich erzähle von meinen Beinen
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Wenn man wissen will, wie sich ADHS anfühlt, dann muss man dieses Buch lesen. Ein Spaß ist das nicht, das ist wohl so.

Hier berichtet Wally von dem Jahr, in dem sie ihren Zusammenbruch hatte und in dem ...

Wenn man wissen will, wie sich ADHS anfühlt, dann muss man dieses Buch lesen. Ein Spaß ist das nicht, das ist wohl so.

Hier berichtet Wally von dem Jahr, in dem sie ihren Zusammenbruch hatte und in dem ihr Haus überschwemmt wurde. Man vermutet natürlich Zusammenhänge, Fakt ist: Manchmal kommt es einfach dicke.

Wally ist lebendes Chaos, witzig, sympathisch, selbstkritisch und durch und durch unorganisiert. Wie sie erzählt, so lebt sie auch, hier ein bisschen, da ein bisschen, zielstrebig am Punkt vorbei, es gibt doch so viele schöne Punkte auf der Welt, warum sich auf einen beschränken?

Ihre Tochter hat eine ADHS Diagnose und braucht Unterstützung, Medikamente und Therapie, Wally braucht einen Plan, der ihr sagt, was zuerst dran wäre, wären nicht hundert andere Dinge auch noch zu erledigen, wer will da noch Pläne aufstellen?

Dieser Text liest sich wie eine Direktübertragung aus Wallys Gehirn, ist sprunghaft, klug, liebevoll, unsortiert, mal intensiv, dann wieder lückenhaft mit riesigen Absätzen. Mal wirkt es wie ein Bericht, mal wie ein Gedicht, eine Ideensammlung oder ein Einkaufzettel.

„Warum die Sache überhaupt bei einem Namen nennen?

Vielleicht, damit man darüber sprechen kann, ohne eine

Erklärung in Länge eines Romans abzugeben.“

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„Warum sich selbst in eine Schublade stecken?

Damit endlich einmal aufgeräumt ist.“

Wally analysiert sich ständig und überall, klug, philosophisch, verzweifelt, herzzerreißend, mit ganz viel Galgenhumor und Selbstironie. Das Lesen könnte Spaß machen, wäre es nicht so grauenhaft anstrengend, sich wie Wally zu fühlen.

Ein bisschen habe ich auf die Pointe gewartet, aber da kommt keine. Das ist ADHS pur, ohne Pointe, anstrengend und sehr lesenswert.

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Veröffentlicht am 21.02.2026

Intensiv und aufwühlend

Der andere Arthur
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Liz Moore hat „Der andere Arthur" (Originaltitel: „Heft“) schon 2012 geschrieben und in den USA veröffentlicht. Es ist ihr zweites Buch, das jetzt auf Deutsch erschienen ist. Bei so etwas bin ich immer ...

Liz Moore hat „Der andere Arthur" (Originaltitel: „Heft“) schon 2012 geschrieben und in den USA veröffentlicht. Es ist ihr zweites Buch, das jetzt auf Deutsch erschienen ist. Bei so etwas bin ich immer skeptisch, aber neugierig bin ich auch.

Hier ist man sofort gefesselt. Arthur wiegt über 200 kg und hat resigniert. Er benutzt einfach nur noch das Erdgeschoss seines Hauses, lässt sich alles liefern, was er braucht und geht nicht mehr nach draußen. Er erzählt selbst, offen und schonungslos, wie es dazu kam, wie er sich in diesem Leben eingerichtet hat und wie es ihn aus der Bahn geworfen hat, als plötzlich Charlene bei ihm angerufen hat. Charlene war mal eine ganz besondere Studentin für ihn, jetzt braucht sie Hilfe für ihren Sohn. Sie hat einen Sohn?

Charlene hatte nicht sehr viel Glück im Leben. Ihr Sohn Kel ist es gewohnt, nicht auf Rosen gebettet zu sein und verlässt sich auf sein Talent für Sport. Er könnte ein Stipendium bekommen und Footballstar werden, nur hat er nicht den üblichen familiären Rückhalt eines Stipendiatsschülers.

Auch Kel erzählt persönlich, wie es ihm ergeht. Das ist anfangs die übliche Geschichte vom Jungen aus ärmlichen Verhältnissen, der nicht viel von Schule hält, aber im Sport glänzt. Schule, Partys, Drogen, Mädchen, dann auch noch die Mutter und wer mag der Vater sein? Das hat mich zunächst ein bisschen gelangweilt, aber irgendwann wird es doch sehr dramatisch und auch berührend.

Uve Teschner und Timmo Niesner lesen die Rollen von Arthur und Kel abwechselnd und machen das großartig. Uve Teschner verkörpert perfekt den abgeklärten Literaturprofessor, der sich kaum bewegen kann und weiß, es ist sein eigener Fehler. Und Timmo Niesner ist ein wunderbarer Kel, ein Junge, der ein Ziel hat, aber den seine Probleme zu erdrücken drohen.

Dieses Buch packt einen sofort auf der Gefühlsebene. Man sieht den Figuren mitten ins Herz und leidet mit. Es ist ein intensives Leseerlebnis. Alle haben große Probleme, machen Fehler, wollen aber eigentlich nur Gutes. Und dann stellt sich auch noch allmählich heraus, dass es jedem von ihnen guttut, über seinen Schatten zu springen und Neues zu wagen.

Es ist ein schönes Buch, das einen aufwühlt, überrascht, unterhält und von dem man sich wünscht, dass es nicht aufhört.

Es dauert 10 Stunden und 27 Minuten. Viel zu kurz.

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