Saudade
Hotel Drei JahreszeitenIm Mittelpunkt von „Hotel Drei Jahreszeiten“ steht die Buchhändlerin Carla, die gerade beginnt, ihren neuen Nachbarn Kramer besser kennenzulernen. Viel weiß sie noch nicht über ihn. Nur, dass er kürzlich ...
Im Mittelpunkt von „Hotel Drei Jahreszeiten“ steht die Buchhändlerin Carla, die gerade beginnt, ihren neuen Nachbarn Kramer besser kennenzulernen. Viel weiß sie noch nicht über ihn. Nur, dass er kürzlich einen alten Mercedes geerbt hat.
Durch einen Zufall begegnet Carla außerdem dem Studenten Carlo, dem sie einen Brief vorbeibringt, der versehentlich bei ihr gelandet ist. Bei ihrem Gespräch erzählt er ihr von seinem letzten Aufenthalt in Lissabon und von einem Zimmermädchen, in das er sich dort verliebt hat und das ihm seitdem nicht mehr aus dem Kopf geht.
Diese Geschichte bringt Carla auf eine ebenso spontane wie verrückte Idee: Warum nicht einfach nach Lissabon fahren und Carlo helfen, seine große Liebe wiederzufinden? Kurzentschlossen schmieden sie einen Plan. Wie wäre es mit einem gemeinsamen Roadtrip? So wie früher, voller Hoffnung, Abenteuerlust und der leisen Frage, was am Ende dieser Reise wohl auf sie wartet.
Stefan Gärtner war viele Jahre Redakteur der Satirezeitschrift Titanic, ist Kolumnist und Autor. Genau das merkt man seinem Roman auch an, finde ich. Seine Schreibweise hat einen ganz eigenen Rhythmus. Die Sätze sind teilweise verschachtelt und wirken fast essayistisch, sodass ich mich beim Lesen erst einmal auf diesen Stil einstellen musste.
Erzählt wird die Geschichte aus Carlas Perspektive. Sie berichtet ihrer Freundin, einer Psychotherapeutin, von dem ungewöhnlichen Roadtrip nach Lissabon. Dadurch entsteht immer wieder eine Art Metaebene, wenn die Therapeutin von außen auf diese etwas zusammengewürfelte Reisegruppe blickt und Carlas Erzählungen einordnet.
Was alle Figuren verbindet, ist eine Sehnsucht. Eine Sehnsucht nach früheren Zeiten, in denen man jung, spontan und ungebunden war. Genau diese verlorene Spontaneität, dieses kleine Stück „Verrücktsein“ versuchen sie mit ihrer spontanen Fahrt nach Lissabon wiederzufinden. Und genau dieser Teil der Geschichte hat mir auch am besten gefallen. Es hat Spaß gemacht, die Figuren auf der Reise zu begleiten, ihre Gedanken zu verfolgen und ihre Dynamik untereinander zu beobachten.
Doch mit der Ankunft in Lissabon kippt für mich die Stimmung. Plötzlich scheint die Luft ein wenig aus der Geschichte heraus zu sein. Das Ziel ist erreicht und gleichzeitig merken die Figuren, dass die Realität doch anders aussieht als die romantische Vorstellung eines spontanen Roadtrips. Solche Fahrten bringen eben auch Rückenschmerzen und andere kleine Unannehmlichkeiten mit sich, auf die man im jetzigen Lebensabschnitt vielleicht gar nicht mehr so viel Lust hat. Gleichzeitig schleicht sich die Erkenntnis ein, dass der eigene Alltag womöglich doch nicht so schlecht ist, wie man ihn sich manchmal einredet.
Leider verliert die Geschichte auch an sich in diesem letzten Teil deutlich an Schwung. Der Spannungsbogen flacht ab, der Text zieht sich stellenweise und es gelingt Gärtner für mich nicht mehr, die anfängliche Neugier aufrechtzuerhalten. Gegen Ende musste ich mich tatsächlich etwas durch die Seiten kämpfen.
Fazit:
Ein Roadtrip, der verheißungsvoll beginnt und einige schöne Gedanken über Sehnsucht, Vergangenheit und Lebensentwürfe bereithält, der mich am Ende jedoch im übertragenen Sinn alleine am Straßenrand stehen gelassen hat.