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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 27.09.2020

Der Sheriff von Raufarhöfn

Kalmann
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Kalmann ist der inoffizielle Sheriff im isländischen Raufarhöfn. Er ist fast Mitte dreißig, in vielen Dingen jedoch kindlich naiv. Von seinem Großvater hat er gelernt, in der Natur und im Leben zu Recht ...

Kalmann ist der inoffizielle Sheriff im isländischen Raufarhöfn. Er ist fast Mitte dreißig, in vielen Dingen jedoch kindlich naiv. Von seinem Großvater hat er gelernt, in der Natur und im Leben zu Recht zu kommen. Kalmann ist Haifischjäger und stellt Gammelhai her. Nebenbei jagt er Füchse, zum Beispiel wenn er von der Schulleiterin der sehr kleinen Schule darum gebeten wird. Auf eben dieser Fuchssuche stößt er auf Blut im Schnee. Von da an ist für Kalmann und ganz Raufarhöfn alles anders. Ein Dorfbewohner wird vermisst und die Polizistin Birna macht sich an die Aufklärung.

Die Mischung aus Krimi und einfühlsamem Roman um Kalmann ist sehr gelungen. Der Schreibstil passt wunderbar zu Kalmann und vermittelt einen intensiven und authentisch wirkenden Eindruck von Kalmanns Innenleben. Die langsame Erzählweise hat mir wirklich gut gefallen und dem Protagonisten, aber auch Beschreibungen über das Leben in einem kleinen abgeschiedenen Ort im Norden Islands, viel Raum gegeben. Besonders überzeugt haben mich die Vergleiche, die Kalmann anstellt oder sein Großvater angestellt hat, um Sachverhalte zu verdeutlichen und zu erklären. „Kalmann“ ist kein rasanter Krimi im engeren Sinne, sondern eher ein Roman über die Entwicklung Kalmanns und dessen Beziehungen zu sich, anderen Personen und der Natur. Die Gedanken, die sich Kalmann bezüglich des Blutes und des Vermisstenfalls, aber auch um das eigene Verhalten und das seiner Mitmenschen macht, sind manchmal naiv und zum Schmunzeln, manchmal aber auch sehr zum Nachdenken anregend.

Kalmann zu begleiten hat mir viel Freude bereitet. Der Charakter Kalmann ist sehr liebevoll beschrieben und die eher langsame Erzählweise hat mich absolut in den Bann gezogen.

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Veröffentlicht am 16.09.2020

Unterschwellige Spannung

Ihr Königreich
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Roy und sein jüngerer Bruder Carl sind in dem norwegischen Bergdorf Os auf einem abgeschiedenen Hof bei ihren Eltern aufgewachsen. Nach dem Tod der Eltern ist Carl zum Studieren in die USA gegangen und ...

Roy und sein jüngerer Bruder Carl sind in dem norwegischen Bergdorf Os auf einem abgeschiedenen Hof bei ihren Eltern aufgewachsen. Nach dem Tod der Eltern ist Carl zum Studieren in die USA gegangen und Roy hat die Autowerkstatt bzw. spätere Tankstelle seines Onkels übernommen. Dann kehrt Carl mit seiner Frau Shannon zurück nach Os und plant, ein Erholungshotel zu bauen. Schnell wird klar, dass nicht alles so ist, wie es scheint und vorgegeben wird.

Jo Nesbø hat einen ruhigen Schreibstil, der unaufgeregt die Geschehnisse beschreibt. Roy ist ein interessanter Charakter, der für mich immer plastischer wurde je mehr ich gelesen habe. Generell ist die Konstellation der ProtagonistInnen sehr spannend und eindrücklich beschrieben.
„Ihr Königreich“ ist für mich eher ein Familiendrama mit Thrillerelementen als Kriminalroman, da es meiner Meinung nach weniger um die Aufklärung eines Verbrechens als um Dynamiken geht, die zu Verbrechen führen können. Nichtsdestotrotz habe ich den Roman als durchgängig spannend empfunden. Den Aufbau finde ich gelungen, da schrittweise im Roman Vergangenes ans Licht kommt und Gegenwärtiges dadurch erklärt wird. Nach Beenden des Buches war ich etwas unschlüssig, ob ich den Schluss noch realistisch finde. Die Wendungen habe ich als positiv und teilweise überraschend empfunden, dennoch ist es mir am Ende etwas zu viel, ohne jetzt spoilern zu wollen.

Alles in allem bin ich beeindruckt davon, wie es Jo Nesbø gelingt, mit so viel Ruhe auf vielen Seiten die Spannung hochzuhalten. Und dass das mit einem Protagonisten gelungen ist, der mich fasziniert, mit dem ich mich aber nicht im Entferntesten identifizieren kann, ist wirklich erstaunlich.

Nachdem ich mich im ersten Versuch mit Harry Hole etwas schwer getan habe (warum auch immer), ist „Ihr Königreich“ mein zweiter Anlauf in Bezug auf Romane von Jo Nesbø. Ich muss sagen, ich bin froh, dass ich „Ihr Königreich“ eine Chance gegeben habe. Auch Harry Hole wird die wohl in naher Zukunft nochmal bekommen.

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Veröffentlicht am 15.09.2020

Ein sehr spannender Thriller, der klassische Ermittlungsarbeit und Social Media verknüpft

Der Fahrer
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Ein Täter entführt Frauen und hinterlässt einen Hashtag mit Leuchtfarbe auf ihren Autos. Auf ihren Social Media Kanälen hinterlässt er Botschaften an die Polizei. Jens Kerner und sein Team versuchen, die ...

Ein Täter entführt Frauen und hinterlässt einen Hashtag mit Leuchtfarbe auf ihren Autos. Auf ihren Social Media Kanälen hinterlässt er Botschaften an die Polizei. Jens Kerner und sein Team versuchen, die Frauen lebend zu finden und den Täter aufzuspüren. Es häufen sich die Hinweise darauf, dass alles mit Jens Kerner persönlich zu tun haben könnte.

„Der Fahrer“ ist der erste Thriller, den ich von Andreas Winkelmann gelesen habe. Dementsprechend sind mir die Protagonisten um Jens Kerner zunächst unbekannt gewesen. Allerdings war das unproblematisch, da die Charaktere schnell und verständlich eingeführt werden genauso wie deren Beziehungen zueinander. Die Charaktere haben Tiefe und obwohl ich Jens Kerners Liebe zu seinem Auto eigentlich nicht nachvollziehen kann, wirkte sie auf mich trotzdem authentisch. Andreas Winkelmanns Schreibstil lässt sich leicht und flüssig lesen und ich habe es als Hamburgerin als sehr spannend empfunden, viele der Orte wiederzuerkennen und vor Augen zu haben. Interessant fand ich auch die offensichtlichen Schnittstellen zwischen klassischer Ermittlungsarbeit und internetbasierten Methoden beziehungsweise die Herausforderung der Koordination von Ermittlungen, die teilweise auch online nötig sind. Diese thematische Verknüpfung ist gut gelungen. Auch die Passagen aus Sicht des Täters sind spannend, da sie häppchenweise Aufschluss über das Motiv geben, aber nicht so viel verraten, als das offensichtlich ist, um wen es sich bei dem Täter handelt.

Der Fall an sich ist bis zum Schluss spannend aufgebaut und wendungsreich, sodass ich gerne weiterlesen wollte und direkt einen weiteren Thriller aus der Reihe um Jens Kerner gelesen habe.

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Veröffentlicht am 22.02.2026

Überwältigende Verzweiflung

Elf ist eine gerade Zahl
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Der Roman beginnt am Tag bevor die 14-jährige Paula ins Krankenhaus muss. Erneut. Nachdem sie vor zwei Jahren nach Armoperation und Chemotherapie krebsfrei die Klinik verlassen konnte, wurde nun eine Zellansammlung ...

Der Roman beginnt am Tag bevor die 14-jährige Paula ins Krankenhaus muss. Erneut. Nachdem sie vor zwei Jahren nach Armoperation und Chemotherapie krebsfrei die Klinik verlassen konnte, wurde nun eine Zellansammlung an der Lunge festgestellt. Diese Zellansammlung muss operativ entfernt und auf Krebszellen untersucht werden.

Die kommenden Tage werden aus der Perspektive von Paulas Mutter Katja erzählt. Sehr deutlich wird ihre Hilflosigkeit, die Sprachlosigkeit, der Frust und die große Angst, die wieder da sind. Dazu kommt, dass sich Paula in den beiden Jahren seit ihrer Chemotherapie verändert hat: Sie lässt sich längst nicht mehr berühren, zwischen Mutter und Tochter besteht eine gewisse Distanz.

Als Paula und Katja im Krankenhaus darauf warten, dass Paulas Blutwerte die Lungenoperation zulassen, beginnt Katja ihrer Tochter eine Geschichte zu erzählen. Wie früher, um Paula abzulenken – und um die Distanz zwischen Mutter und Tochter zu überbrücken.

Ab diesem Zeitpunkt wechseln sich zwei Handlungsstränge ab: Der eine Strang widmet sich der Geschichte, die Katja ihrer Tochter erzähl, der andere Strang beschreibt Katjas und Paulas Ausnahmesituation in den nächsten anderthalb Wochen in der Klinik.
Mir persönlich haben die „realen“ Kapitel besser gefallen, ich finde die Idee dieser Wechsel aber sehr spannend.

Der Autor schildert sehr eindrücklich und berührend, wie Katja und auch Paula mit dem Rückfall umgehen. Wie Katja die Hilflosigkeit, die sie empfindet, ertragen muss. Und was eine Geschichte bewirken kann – natürlich keine Heilung, aber Annäherung und Kraft. Dabei nutzt Martin Beyer eine emotionale, berührende und gleichzeitig ruhige Sprache, die ausgesprochen passend ist.

Mich hat der Roman berührt und ich würde ihn allen empfehlen, die die Emotionalität, Verzweiflung und die Tatsache, dass es thematisch um eine schwere Erkrankung eines Kindes geht, aushalten können bzw. möchten.

Veröffentlicht am 14.09.2025

Ungewöhnlicher Aufbau, hat mich überzeugt

Adlergestell
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Die Erzählerin beschreibt ihr Aufwachsen im Adlergestell aus der Perspektive einer Grundschülerin, kurz nach der Wende. Die vielfältigen Umbrüche im Leben dort allgemein, aber auch für das kleine Mädchen, ...

Die Erzählerin beschreibt ihr Aufwachsen im Adlergestell aus der Perspektive einer Grundschülerin, kurz nach der Wende. Die vielfältigen Umbrüche im Leben dort allgemein, aber auch für das kleine Mädchen, das die ersten Schritte allein in der Wohngegend und in die Schule macht, werden beschrieben. Sie wird mit den Veränderungen durch die Wiedervereinigung konfrontiert und mit dem gemeinsamen Auflehnen gegen Regeln mit ihren aus sehr unterschiedlichen Familien stammenden Freundinnen. Unterbrochen wird die Erzählung aus der Perspektive des Kindes durch Zeitsprünge in das Erwachsenenleben der Erzählerin, durch kurze Kapitel aus der Perspektive anderer Romanfiguren und durch Beschreibungen von Werbespots aus der damaligen Zeit. Dieser Mix vermittelt ein interessantes Gesamtbild und hat mich beeindruckt.

Durch die unangekündigten Zeitsprünge in der Geschichte der Erzählerin und den zunächst losen Kapiteln von weiteren Figuren, die aber eher am Rande der Erzählung vorkommen, ist der Roman nicht ganz einfach zu lesen und es bedarf etwas Konzentration. Aber – und das ist meiner Meinung nach das ganz große Plus – der Schreibstil ist absolut fesselnd. Und so hat mich der Roman von Beginn an in den Bann gezogen. Auch die Kapitel, die für mich schwerer einzuordnen waren, haben sich nicht gezogen, sondern waren für mich eher Ausdruck schriftstellerischer Kreativität. Auch wenn ich nachvollziehen kann, warum diese Kapitel an den entsprechenden Stellen im Buch vorkamen, hat es mich manchmal in meinem Lesefluss unterbrochen. Insbesondere die Episoden aus dem Erwachsenenleben der Erzählerin haben mich zum Teil aus der so spannenden Erzählung über die Kindheit der Erzählerin herausgerissen.

Schlussendlich habe ich den Roman sehr gerne gelesen und kann den ungewöhnlichen Aufbau nachvollziehen, auch wenn ich manchmal gerne chronologisch in der Kindheit der Erzählerin geblieben wäre. Ich würde das Buch weiterempfehlen, allerdings nur, wenn man sich auf einen kreativen Aufbau einlassen mag. Sprachlich finde ich den Roman sehr gelungen und die Geschichte an sich ist spannend.