Bear oder Julian oder Gordon?
Die NamenHabt ihr schon einmal einen Roman unter einer völlig falschen Prämisse gelesen und wart dann doch vollauf begeistert?
So erging es mir mit „Die Namen“. Ich fand die im Klappentext aufgeworfene Fragestellung ...
Habt ihr schon einmal einen Roman unter einer völlig falschen Prämisse gelesen und wart dann doch vollauf begeistert?
So erging es mir mit „Die Namen“. Ich fand die im Klappentext aufgeworfene Fragestellung faszinierend, ob der Name, der für ein Kind gewählt wird, sich auf dessen Persönlichkeitsbildung auswirkt. Der Vater wünscht sich, dass der Kleine Gordon nach ihm benannt wird, Mutter Cora fände Julian schön und die große Schwester Maia würde ihren Bruder am liebsten Bear nennen.
Beim Lesen nur weniger Seiten wurde mir jedoch schlagartig klar, dass dieser Roman außer dieser Frage noch ein ganz zentrales Thema behandelt, nämlich häusliche Gewalt. Und zwar in massiver, expliziter und alles beherrschender Form. Ich muss ehrlich gestehen, dass dies aus dem Klappentext einfach nicht ersichtlich war und ich damit im ersten Moment der unerwarteten Konfrontation doch einigermaßen schockiert war. Eine Triggerwarnung wäre hier dringend angebracht gewesen.
Hat dies jedoch dem Lesegenuss geschadet? Nein, sogar eher im Gegenteil. Denn dadurch gewinnt die Geschichte mächtig an Tiefe. In drei Handlungssträngen verfolgen wir das Leben des zu Beginn noch namenlosen Jungen. Aufgrund der ernsten und durchaus bedrohlichen Ausgangslage verläuft dieses als Bear, als Julian oder als Gordon extrem unterschiedlich, die Weichen werden dramatisch anders gestellt.
Die Autorin spart dabei keineswegs mit Tragik und Schockmomenten und beim Lesen drängt sich das unschöne Gefühl auf, letzten Endes doch einem rätselhaften Schicksal unterworfen zu sein. Ein Fazit habe ich daher nach dem Zuklappen der Buchdeckel nicht gefunden, aber einen geschärften Blick auf das, was die Gesellschaft aus einem kleinen Menschen macht.
Für einen besonderen, erhellenden Lesemoment sorgte eine Szene ganz am Ende des Romans im Zusammenhang mit den Pinturas negras von Goya und einer wirklich starken Symbolik.
Eine eindringliche Lektüre, über die ich noch lange nachdenken werde.