Profilbild von Europeantravelgirl

Europeantravelgirl

Lesejury Star
offline

Europeantravelgirl ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Europeantravelgirl über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 26.02.2026

Bear oder Julian oder Gordon?

Die Namen
0

Habt ihr schon einmal einen Roman unter einer völlig falschen Prämisse gelesen und wart dann doch vollauf begeistert?

So erging es mir mit „Die Namen“. Ich fand die im Klappentext aufgeworfene Fragestellung ...

Habt ihr schon einmal einen Roman unter einer völlig falschen Prämisse gelesen und wart dann doch vollauf begeistert?

So erging es mir mit „Die Namen“. Ich fand die im Klappentext aufgeworfene Fragestellung faszinierend, ob der Name, der für ein Kind gewählt wird, sich auf dessen Persönlichkeitsbildung auswirkt. Der Vater wünscht sich, dass der Kleine Gordon nach ihm benannt wird, Mutter Cora fände Julian schön und die große Schwester Maia würde ihren Bruder am liebsten Bear nennen.

Beim Lesen nur weniger Seiten wurde mir jedoch schlagartig klar, dass dieser Roman außer dieser Frage noch ein ganz zentrales Thema behandelt, nämlich häusliche Gewalt. Und zwar in massiver, expliziter und alles beherrschender Form. Ich muss ehrlich gestehen, dass dies aus dem Klappentext einfach nicht ersichtlich war und ich damit im ersten Moment der unerwarteten Konfrontation doch einigermaßen schockiert war. Eine Triggerwarnung wäre hier dringend angebracht gewesen.

Hat dies jedoch dem Lesegenuss geschadet? Nein, sogar eher im Gegenteil. Denn dadurch gewinnt die Geschichte mächtig an Tiefe. In drei Handlungssträngen verfolgen wir das Leben des zu Beginn noch namenlosen Jungen. Aufgrund der ernsten und durchaus bedrohlichen Ausgangslage verläuft dieses als Bear, als Julian oder als Gordon extrem unterschiedlich, die Weichen werden dramatisch anders gestellt.

Die Autorin spart dabei keineswegs mit Tragik und Schockmomenten und beim Lesen drängt sich das unschöne Gefühl auf, letzten Endes doch einem rätselhaften Schicksal unterworfen zu sein. Ein Fazit habe ich daher nach dem Zuklappen der Buchdeckel nicht gefunden, aber einen geschärften Blick auf das, was die Gesellschaft aus einem kleinen Menschen macht.

Für einen besonderen, erhellenden Lesemoment sorgte eine Szene ganz am Ende des Romans im Zusammenhang mit den Pinturas negras von Goya und einer wirklich starken Symbolik.

Eine eindringliche Lektüre, über die ich noch lange nachdenken werde.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 25.02.2026

Was in der Tiefe liegt

Sommer auf Perigo Island
0

Der Sommer 1991 auf einer kleinen Insel in Neufundland verspricht für den zwölfjährigen Pierce und seine beiden besten Freunde Thomas und Bennie wenig Überraschungen. Die Tage sind gefüllt mit Herumlungern ...

Der Sommer 1991 auf einer kleinen Insel in Neufundland verspricht für den zwölfjährigen Pierce und seine beiden besten Freunde Thomas und Bennie wenig Überraschungen. Die Tage sind gefüllt mit Herumlungern und kleinen Jobs am Hafen. Der Ort ist geprägt von der Fischfabrik. Doch dann wird Perigo Island vom Verschwinden der nur wenig älteren Anna erschüttert. Pierce, Thomas, Bennie und dessen Cousine Emily stellen Nachforschungen an und stoßen auf den sonderbaren Solomon Vickers, der in einem unheimlichen, verlassenen Sanatorium haust.

Was für ein wunderbarer Abenteuerroman mit Coming-of-Age-Story! Allein das Setting auf der rauen Insel in Neufundland packte mich und riss mich mitten in die Geschichte. Diese enthält alle bewährten Elemente wie den geheimnisvollen Einsiedler, die verfeindete, üble Jungs-Gang, eine ganz zarte Liebesgeschichte und vor allem wahre Freundschaft. Nicht neu, aber absolut zauberhaft und fesselnd erzählt. Dazu schenkt uns der Autor fantastische Bilder mit den Eisbergen, die vor Neufundland treiben.

Pierce als jugendlicher Held taugt perfekt, um auch die Tiefen der Erzählung zu tragen. Er kämpft noch immer mit dem Verlust seines Vaters, der auf dem Meer verschollen ist. Das Verschwinden von Anna rüttelt an seinen tiefsten Ängsten, entfesselt in ihm aber auch unglaublichen Mut.

Eine wirklich wunderbare Geschichte, für die ich gerne eine Leseempfehlung ausspreche.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 22.02.2026

Jahresbegleiter

Ein Jahr des Staunens
0

365 Wissenswunder für Neugierige verspricht der Untertitel dieser Sammlung von kleinen Wissenshäppchen.

Seit dieses Buch bei mir eingezogen ist, genieße ich diese informativen Häppchen jeden Abend zum ...

365 Wissenswunder für Neugierige verspricht der Untertitel dieser Sammlung von kleinen Wissenshäppchen.

Seit dieses Buch bei mir eingezogen ist, genieße ich diese informativen Häppchen jeden Abend zum Abschluss eines jeden Tages. Vor allem staune ich über die geradezu riesige Themenvielfalt. Da ist wirklich für jeden Geschmack etwas dabei, wie ich euch am Beispiel des aktuellen Monats Februar zeigen darf:

Außerordentlich faszinierend fand ich am 7. Februar die Erläuterung sprechender Figurennamen bei Charles Dickens, während mich nur wenige Tage später am 12. Februar die Erklärung des Begriffes „Inbrunst“ faszinierte. Wenige Tage später am 18. Februar durfte ich einiges über die Geschichte der Ananas erfahren.

Es sind tatsächlich vielfältige Themen und Beiträge, die jeden Tag einen kleinen Wissensfunken zünden. Ein vorsichtiger, neugieriger Blick auf kommende Monate hat die Vorfreude ansteigen lassen auf Rezepte, Fun Facts und Schlaumeiereien.
Ich freue mich auf weitere Monate bester Wissensunterhaltung!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
Veröffentlicht am 18.02.2026

„Nicht Argumente verändern Standpunkte, sondern Situationen“

Die mutige Rebellin
0

Der 1. Dezember 1955 lenkte den Fokus der Geschichte auf Rosa Parks, eine Näherin aus Montgomery, Alabama. Nach einem langen Arbeitstag weigerte sie sich, ihren Sitzplatz in einem segregierten Bus für ...

Der 1. Dezember 1955 lenkte den Fokus der Geschichte auf Rosa Parks, eine Näherin aus Montgomery, Alabama. Nach einem langen Arbeitstag weigerte sie sich, ihren Sitzplatz in einem segregierten Bus für einen Weißen zu räumen.

So weit, so bekannt. Der historische Roman „Die mutige Rebellin“ haucht dieser ikonischen Figur nun Leben ein. Wir lernen die Rosa Parks hinter der auf diesen einen Augenblick reduzierten Legende kennen. Vor allem aber beschreibt der Roman eindringlich die Lebenssituation, der sich Schwarze in dieser Zeit in Alabama ausgesetzt sahen. Es sind unerträgliche Zustände, nicht nur in den Bussen. In Kaufhäusern dürfen Schwarze gerne ihr Geld dalassen, aber Umkleidekabinen sind den Weißen vorbehalten. Auch in Restaurants oder Büchereien wird die Segregation hart durchgesetzt. Vor allem sind es aber Schikanen und willkürliche, folgenlos bleibende Übergriffe, die die schwarze Bevölkerung in Schrecken versetzen.

Ehrlich berichtet der Roman von den herrschenden Zuständen, die Rosa Parks an den Rand des Erträglichen und zum aktiven Handeln bringen: „Irgendwann aber sind alle Lektionen gelernt.“ In Geschichtsbüchern wird es so dargestellt, als habe Rosa damit den Bus-Boykott in Montgomery losgetreten, doch der Roman enthüllt, welche jahrelangen und minutiösen Vorbereitungen und Diskussionen diesem vorausgegangen waren. Und noch viel deutlicher wird, welche beinahe unmenschlichen Anstrengungen die Menschen auf sich genommen haben, um diesen umzusetzen. Besonders bemerkenswert fand ich auch die Rolle und die nicht zu unterschätzende Macht der Medien.

Historische Romane sind naturgemäß erzählerisch gefällig, und so wird natürlich auch regelmäßig detailverliebt geschildert, nach welcher Mode die Damen sich kleiden, zumal Rosa ja Näherin war. Dennoch wird für meinen Geschmack nichts unnötig romantisiert, sondern ungeschönt und eindringlich geschildert. Manches ist schwer zu ertragen, die ständige Gefahrenlage deutlich spürbar. Auch die Machtspiele der Organisationen im Hintergrund werden ehrlich in den Fokus genommen, für mich persönlich jedoch zu detailliert. Die Namensflut der Akteure war stellenweise nur noch schwer zu durchschauen. Ich persönlich hätte nicht jede einzelne Begegnung von Rosa auf ihren späteren Reisen haarklein geschildert gebraucht.

Insgesamt aber ein spannender historischer Roman mit wichtigem Thema.

Ich halte es wie im Roman und verwende den Begriff „Schwarze“ nicht als Beschreibung der Hautfarbe, sondern als soziale Kategorie, gegründet auf der gemeinsamen Rassismuserfahrung.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 16.02.2026

Traurig schön

Life's Too Short
0

Eigentlich führt Adrian ein ruhiges Leben in festen Bahnen als Partner einer Anwaltssozietät. Doch lautes Babygeschrei aus der Wohnung nebenan führt ihn zu seiner Nachbarin Vanessa. Die war eigentlich ...

Eigentlich führt Adrian ein ruhiges Leben in festen Bahnen als Partner einer Anwaltssozietät. Doch lautes Babygeschrei aus der Wohnung nebenan führt ihn zu seiner Nachbarin Vanessa. Die war eigentlich eine erfolgreiche Bloggerin, findet sich nun aber als überforderte Betreuung für das Baby ihrer Halbschwester. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs von Problemen in Vanessas Leben.

Mit dem straff organisierten Adrian und der im Chaos ertrinkenden Vanessa hat Abby Jimenez eine turbulente Ausgangslage für eine wunderbare RomCom geschaffen, die sie aber in gewohnter Manier mit jeder Menge Tiefgang und ehrlichem Drama ausstattet. Denn in Vanessas Familie wird ALS vererbt und nach dem Tod ihrer Mutter und ihrer Schwester lebt Vanessa ihr Leben, als könne es jeden Tag zu Ende gehen. Was es auch durchaus kann:

„…dankbar zu sein für das zu sein, was ich erleben durfte, statt Verlorenes zu betrauern.“

Bei aller Schwere dieses Themas und aller weiteren Probleme in Vanessas Familie – und oh ja, das sind einige! – erzählt die Autorin auf die ihr ganz eigene warmherzige und humorvolle Geschichte von Vanessa und Adrian. Dabei spart sie auch nicht mit Situationskomik und absolut passenden spicy Passagen.

Allerdings gab es für mich einen einzigen Punkt der Unglaubwürdigkeit: Vanessa ist erfolgreiche Bloggerin und ruft zu Spenden für ALS auf, kommuniziert das ganz offen. Nur Adrian schnallt das so gar nicht. Dafür verbiegt und verdreht die Autorin ihren Plot und lässt Adrian sozusagen unter einem Stein leben. Ich verstehe, dass sie das für ihre Handlung so brauchte, aber für mich als Leserin wirkte es realitätsfern.

Insgesamt aber wieder einmal eine RomCom, die ans Herz geht, voll wunderbarer Lesemomente!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere