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Veröffentlicht am 16.09.2025

Show-Down in der Wüste

No Way Home
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Das Cover ist unspektakulär und könnte den Kontrast zwischen Wüste und Großstadt( L. A.) andeuten. Die herabschauende Frau wirkt nicht sehr sexy, daher erkenne ich in ihr nicht die attraktive Bethany. ...

Das Cover ist unspektakulär und könnte den Kontrast zwischen Wüste und Großstadt( L. A.) andeuten. Die herabschauende Frau wirkt nicht sehr sexy, daher erkenne ich in ihr nicht die attraktive Bethany. Was soll das Cover also evozieren?
Inhaltlich geht es in diesem Roman um den Assistenzarzt, Terrence Tully, der, Anfang dreißig, in einem Krankenhaus in Los Angeles 14 Stunden täglich , an 6 Tagen pro Woche arbeitet. Er lebt allein in einer kleinen Wohnung und hat wenige Sozialkontakte. Wie üblich in den USA, muss er einen sehr hohen Studienkredit abzahlen. Sein Leben besteht also aus Arbeiten und Lernen für die Facharztprüfung und als seine Mutter, die in Boulder ( Nevada) lebt, plötzlich verstirbt, erbt er ihr Haus, ihr Auto, Geld und ihren Hund. Er ist also ein „Guter Fang“ für die 24-järige Bethany, die sich in einer Bar an ihn heranmacht. Terrence möchte das Haus verkaufen, jedoch zieht seine neue Freundin unerlaubterweise in das Haus seiner Mutter ein und quartiert frecherweise auch noch eine Freundin im Gästezimmer ein. Bethany ist sehr unverschämt und übergriffig, wickelt Terrence immer wieder ein und nutzt ihn finanziell und sexuell aus, ohne dass er etwas dagegen tun kann, denn er ist ihr verfallen. Wie kann ein intelligenter, zwar nüchterner Mann, diesem Weibstück dermaßen auf den Leim gehen?
Es kommt aber noch besser, denn sie hat noch Kontakt zu ihrem Ex-Freund, der Bethany nicht hergeben will. Jesse ist das Gegenteil von Terrence. In einer enganliegenden Motorradkluft wirkt er attraktiv und sexy. Hier arbeitet T.C. Boyle stark mit Stereotypen und präsentiert uns einen trunksüchtigen Macho, der zwar Lehrer an einer Junior-Highschool ist, ständig pleite ist und sich wenig normenkonform verhält, daher wirkt er wenig glaubhaft auf mich.
Terrence kommt nur manchmal zu Besuch aus L.A. und muss erfahren, wie wenig zuverlässig Bethany ist und, dass sie ihn betrügt. Es kommt zum Show-Down zwischen den Männern! Eifersucht, Lügengebilde und Rachsucht kennzeichnen ihr Verhalten.
Der Schluss kommt sehr abrupt und ist offen gehalten. Er hinterlässt den Leser, die Leserin zwar mit der eingehenden Beschäftigung zu dieser Thematik, ist für mich aber unbefriedigend. Das Ende könnte auch mit dem Titel “No way home“ interpretiert werden.
Boyle hat die Charaktere, wie immer, sehr präzise beschrieben. Allerdings sind alle drei, zu klischeehaft, so dass ich mich mit keiner/ keinem identifizieren kann.
Realistisch ist die Kritik an der amerikanischen Konsumgesellschaft, wo Obdachlosigkeit, Armut und eine schlechte Gesundheitsversorgung an der Tagesordnung sind. Der Drogenkonsum der drei Hauptakteure ist ebenfalls erschreckend!
Gut gefällt mir die Erzählstruktur, denn die Geschichte ist abwechselnd aus der Perspektive der drei Personen erzählt, was einem einen sehr guten Einblick in die jeweilige Denkstruktur ermöglicht.
Sprachlich arbeitet Boyle, wie immer, mit gekonnten Bildern und einer mitreißenden, flüssigen Diktion. Ich kenne mehrere Werke von T. C. Boyle und bin jedes Mal überrascht, wie unterschiedlich die Werke sind. Hier gebe ich aber nur 4,5 Punkte

Veröffentlicht am 30.06.2020

Leises Sterben

Kostbare Tage
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Kent Harufs Werk „ Kostbare Tage“ wurde aus dem Amerikanischen übersetzt und repräsentiert in vielerlei Hinsicht eine typische amerikanische Kleinstadt, mit Bewohnern, die noch niemals gereist sind, aber ...

Kent Harufs Werk „ Kostbare Tage“ wurde aus dem Amerikanischen übersetzt und repräsentiert in vielerlei Hinsicht eine typische amerikanische Kleinstadt, mit Bewohnern, die noch niemals gereist sind, aber bei auftauchenden Problemen zusammenhalten und sich gegenseitig helfen. Eigenschaften, die in Deutschland zunehmend verloren gehen. Auch die Funktion der Kirche dort wird gut herausgearbeitet.
Was will uns der Autor aufzeigen? Eine ländliche Idylle mit einfach gestrickten Menschen, die sich in ihr eigenes Schicksal und das anderer Menschen ergeben. Der Autor arbeitet in ruhigen und einfachen Worten die Situation um den krebskranken Dad Lewis, der nur noch kurze Zeit zu leben hat, heraus. Er präsentiert Menschen in ihrem normalen Alltag mit den Problemen, aber auch Freude und Glück. Dabei werden die unterschiedlichen Nachbarn gegenübergestellt.
Das qualvolle Sterben wird detailliert beschrieben und konfrontiert den Leser mit seinem eigenen möglichen „Abgang“. Dad muss sein Erbe regeln. Dabei kommen viele Erinnerungen in sein Gedächtnis, die den Abschied umso schwerer machen. Zwar kümmern sich seine Frau Mary und seine Tochter Lorraine aufopfernd um ihn, aber sein homosexueller Sohn Frank ist vor der engstirnigen Enge der Kleinstadt geflohen und will nichts mehr mit seinen Eltern zu tun haben.
Die Thematik, das Sterben eines Menschen wir gut und unspektakulär in Szene gesetzt. Schuld und Vergebung, Hass, Verbundenheit und Pflichtbewusstsein werden angetippt. Diese Probleme existieren in Jedermanns Leben und machen das Werk universell. Es ist keine einfache Urlaubslektüre, sondern soll, trotz aller Banalität, zur Selbstreflexion anregen.

Veröffentlicht am 16.04.2026

Ein außergewöhnlicher Roman

Verlorene Schäfchen
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Das Cover in warmem Gelb evoziert Harmonie, und das typische amerikanische Mittelschichthaus mit den Säulen und der US-Flagge davor sowie einer großen Schönwetterwolke darüber, vermittelt “Heile Welt“. ...

Das Cover in warmem Gelb evoziert Harmonie, und das typische amerikanische Mittelschichthaus mit den Säulen und der US-Flagge davor sowie einer großen Schönwetterwolke darüber, vermittelt “Heile Welt“. Aber wie passt der Titel “Verlorene Schäfchen“ dazu?
Bud, der Familienvater, flieht in seiner Ohnmacht, da seine Ehefrau eine offene Ehe führen will, zu dieser so benannten Selbsthilfe-Gruppe. Aber der Titel könnte sich auch auf alle Mitglieder dieser komplett orientierungslosen Familie beziehen, wobei jeder nach Sicherheit und Selbstfindung sucht.
Die Autorin lässt die Flynns in einer absurden und total überzeichneten Welt in einer typischen amerikanischen Kleinstadt leben, wo die Verbindung zur Kirche wichtig ist. Allerdings ist auch Pater Andrew nur mit einem Augenzwinkern zu verstehen.
Mutter Catherine leidet an einer Sinnkrise, und auch ihre Töchter versuchen in dieser Lebenskrise zurechtzukommen, so dass sie sich ungewöhnlichen “Ankerpunkten“ zuwenden. So wähnt sich Harper, die Jüngste, einer großen Verschwörung auf der Spur, Louise hat einen fundamentalistischen Online – Freund und Abigail wendet sich einem sehr schweigsamen jungen Mann zu, der “Kriegsverbrecher Wes“ genannt wird.
Es laufen etliche Plot-Anteile kreuz und quer. Die Perspektiven wechseln häufig, wodurch eine gewisse Spannung erhalten bleibt. In ihrem flüssigen Schreibstil vermittelt Madeline Cash viel Ironie, Sarkasmus und trockenen Humor. Die Figuren sind liebenswert gezeichnet, jedoch werden ganz alltägliche Dinge oft parodiert.
Sicherlich hat Cash einen sehr ungewöhnlichen Familienroman geschrieben, aber für meinen Geschmack ist vieles skurril, überdreht und absurd. Soll man dieses Werk so gar nicht ernst nehmen? Das Ende des Plots ist teilweise schlüssig und könnte Fans von literarischen Romanen mit Satire gefallen. Für mich gibt es allerdings zu wenig Realitätsgehalt, daher 4 Punkte

Veröffentlicht am 25.02.2026

Erschreckende Geheimnisse in Kinlough

Kala
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Im stimmungsvollen Setting des Covers erleben wir die Natur Irlands mit Jugendlichen im hohen Gras, wobei eine Person durchgestrichen ist. Ist das Kala, die Namensgeberin des Werkes? Kala ist nämlich der ...

Im stimmungsvollen Setting des Covers erleben wir die Natur Irlands mit Jugendlichen im hohen Gras, wobei eine Person durchgestrichen ist. Ist das Kala, die Namensgeberin des Werkes? Kala ist nämlich der Dreh- und Angelpunkt, an dem die gesamte Problematik dieses kleinen Ortes, Kinlough, an der Westküste Irlands, aufgedröselt wird.
6 Jugendliche erleben in 2003 den Sommer ihres 16-jährigen Lebens mit viel Alkohol, Zigaretten und heimlichen nächtlichen Erkundungstouren. Dabei werden sie in gefährliche Dinge verwickelt. Kurz nach Halloween verschwindet die mutterlose Kala, die bei ihrer Großmutter aufwächst, dann spurlos.
Die Polizei ermittelt nur schlampig, so dass ihr Verbleib niemals aufgeklärt wird.
15 Jahre später treffen sich Joe, Mush und Helen zur Hochzeit von Helens Vater mit der Mutter von Aidan, ehemals Cliquenmitglied, der inzwischen Selbstmord begangen hat. Sie bringt ihre Zwillinge Marie und Donna mit in die Beziehung.
Joe konnte eine Karriere als erfolgreicher Musiker starten, Mush hat den Ort niemals verlassen, hilft seiner Mutter im Café, und Helen arbeitet als freiberufliche Journalistin in Montreal.
Die drei Freunde hatten sich aus den Augen verloren und werden nun durch den Fund von Kalas Leiche wieder zusammengeschweißt, denn es gilt zu ermitteln, wer ihre Freundin ermordet hat. Sie fühlen sich irgendwie mitverantwortlich und schuldig. Plötzlich sind dann auch die Zwillinge verschwunden. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Kalas Tod und den aktuellen Ereignissen?
Es werden unglaubliche Dinge ans Tageslicht befördert und sehr viele Fragen aufgeworfen. Woher kommen Mushs Narben, wer hat Kalas Schädel zertrümmert, wo sind die Zwillinge, wer sind Kalas Mutter und ihr Erzeuger, welche Funktionen haben Onkel Ger und seine Neffen, was weiß Blinkie?
Leider steigt die Spannungskurve erst im letzten Drittel, denn die Entwicklung der 3 Jugendlichen wird unnötig detailliert beschrieben und ist nicht sehr spannend. Erzählt wird auf zwei Zeitebenen, aus der Perspektive der 3 Freunde, wobei deren Entwicklung und Werdegang thematisiert wird. Die Auflösung kann nicht erraten werden. Das würzt die Handlung. Es werden Kriminalität, Korruption, Brutalität und soziale Strukturen im katholischen Irland angeprangert.
Der Schreibstil mit den vielen Personen, dem komplizierten Plot, der ständig wechselnden Perspektive und dem unangekündigten Wechsel der Erzählzeit macht die Lektüre manchmal mühsam, hinzu kommen die Längen im ersten Teil. Deshalb von mir ein Punkt Abzug.
Allerdings hat mir die Thematisierung der Freundschaft, die Sozialstudie und die Ermittlung des Cold Cases durch die 3 Freunde sehr gefallen.

Veröffentlicht am 17.08.2025

Ein Werk leiser Intensität.

Rückkehr nach St. Malo
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Das Buchcover von “Rückkehr nach St. Malo“ ist eine Art Gemälde, welches eine stürmische See mit Felsen im Vordergrund und einer Insel am Horizont unter einem bewölkten Himmel abbildet. Hierdurch wird ...

Das Buchcover von “Rückkehr nach St. Malo“ ist eine Art Gemälde, welches eine stürmische See mit Felsen im Vordergrund und einer Insel am Horizont unter einem bewölkten Himmel abbildet. Hierdurch wird man gut eingestimmt auf dieses Werk einer Naturliebhaberin, die unaufgeregt das Meer als verbundende Kraft darstellt.
Der Protagonist Yann erbt nach dem Tod seines Vaters die Familienvilla in St. Malo. Dorthin kehrt er nach seinem bisherigen Leben als Geschichtsprofessor an der Sorbonne in Paris zurück, um sich , jetzt fast 50 Jahre alt, selbst zu finden und seine Scheidung zu überwinden. Bisher hatte er sich nicht für die Familiengeschichte interessiert und die Leitung der Firma für Schiffsmotoren seinem Bruder überlassen, der mittlerweile verstorben ist. Jetzt, als Historiker, findet er im Arbeitszimmer in St. Malo ein großes Familienarchiv interessant, und nach intensiver Durchforstung der Materialien, begibt er sich auf die Suche nach den Geheimnissen der Familie
Kérambrun. Danach kann er die Persönlichkeit seines Vaters besser einordnen, der mit dynastischem Ehrgeiz, sehr hohen Ansprüchen, moralischer Strenge und fanatischer Hingabe an das Familienunternehmen, das von Yanns Urgroßvater gegründet wurde, handelte . Diese von Kälte und Vorherbestimmung in der Firma gekennzeichnete Beziehunge zwischen Vater und Sohn kann er immer besser einordnen und damit seinen Frieden machen.
Hélène Gestern erzählt fein beobachtend mit einer fast kontemplativen Sprache. Sie verwendet viele Metaphern, und zeitweise wirkt ihre Sprache poetisch und fast philosophisch. Dabei gelingt es ihr, Emotionen sehr gut zu vermitteln und die Atmosphäre in dieser vom Meer beherrschten Landschaft meisterhaft darzustellen. Das Meer wird oft wie ein gefährliches Biest beschrieben, dann wieder wie ein Ort der Ruhe, der zu innerer Meditation anregt.
Der Schreibstil variiert meisterhaft, je nachdem, ob es sich um den Gefühlszustand von Personen handelt oder um die wirtschaftliche Seite der Familiengeschichte, die Entstehung der Firma.
Die wechselnden Perspektiven und Zeitebenen machen die Lektüre anspruchsvoll, die Einordnung der Personen wird durch die Familienstammbäume im Anhang jedoch erleichtert.
Das Werk ist lohnend für Personen, die stille, nachdenkliche Geschichten lieben. Das hat auch mir gut gefallen, jedoch wurde, für meinen Geschmack, die Rahmenerzählung zu oft unterbrochen von zu langen Naturschilderungen und der Firmengeschichte mit vielen technischen Details, daher vergebe ich nur 4 Punkte.