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Veröffentlicht am 09.11.2024

Jede:r ist des eigenen Glückes Schmied:in... oder doch nicht?

Selbst schuld!
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„Selbst schuld!“ ist ein Essayband, der sich mit dem immer präsenter werdenden Druck auf das Individuum auseinandersetzt, Verantwortung und Schuld für gesellschaftliche Krisen zu übernehmen. Die Herausgeber:innen ...

„Selbst schuld!“ ist ein Essayband, der sich mit dem immer präsenter werdenden Druck auf das Individuum auseinandersetzt, Verantwortung und Schuld für gesellschaftliche Krisen zu übernehmen. Die Herausgeber:innen Wolfgang M. Schmitt und Ann-Kristin Tlusty gehören zu den aufstrebenden Stimmen der aktuellen Kulturkritik: Schmitt ist bekannt durch seinen Youtube-Kanal Die Filmanalyse und den wirtschaftskritischen Podcast Wohlstand für alle, Tlusty arbeitet als Kultur- und Redaktionswissenschaftlerin bei Zeit Online und hat bereits eigene Essays veröffentlicht. Sie haben für diesen Band dreizehn Autor:innen eingeladen, die in persönlichen Essays über soziale Schuldzuschreibungen und gesellschaftliche Missstände schreiben.

Worum geht's?

Die Essays widmen sich der Frage, warum das Individuum immer wieder die Schuld für gesellschaftliche Probleme tragen soll, die in Wahrheit systembedingt sind. Ob Klimawandel, Armut oder soziale Gerechtigkeit – immer öfter wird suggeriert, dass einzelne Menschen ihre Probleme nur durch Eigenverantwortung lösen könnten. Die Autor:innen gehen darauf ein, wie das neoliberale System das Individuum zum Sündenbock macht, um von strukturellen Ursachen abzulenken. Die Beiträge reichen von sachlichen Analysen über autobiografische Berichte bis hin zu Essays mit ironischen Untertönen. Ein Beispiel ist das Vorwort, in dem bereits deutlich wird, wie der „Schuldvorwurf“ als Instrument genutzt wird: Statt das System zu hinterfragen, wird Schuld auf Streikende, Betroffene sexualisierter Gewalt oder den Klimaschutz übertragen. Ein wichtiges Thema ist auch, wie sich Scham und Schuld zu einer sozialen Kontrolle verbinden und die Eigenverantwortung dem Gemeinwohl entgegenstellt.

Meine Meinung

Als große Liebhaberin von Essaybänden, besonders wenn sie aktuelle und sozialkritische Themen ansprechen, hat mich "Selbst schuld!" sofort angesprochen, und meine Erwartungen wurden wieder einmal mehr nicht enttäuscht. Essays wie „Aufstiegsgeschichten“ von Sarah-Lee Heinrich, „Recht“ von Maximilian Pichl und „Instagram“ von Şeyda Kurt bieten spannende Perspektiven auf die Frage, wie gesellschaftliche Strukturen und ihre Missstände Menschen subtil zur Selbstbeschuldigung drängen. Besonders gefallen haben mir die abwechslungsreichen Formate und der Ansatz, Themen mal sachlich-analytisch und mal autobiografisch-persönlich zu behandeln, was dem Essayband eine schöne Vielfalt verleiht.

Die Texte zeigen, wie tief verankert die neoliberale Überzeugung ist, dass jede:r das eigene Glück schmieden kann, und wie diese Ideologie Probleme wie Armut und Ungleichheit ignoriert oder sogar auf die Betroffenen selbst projiziert. Das Vorwort bringt dies hervorragend auf den Punkt, wenn es aufzeigt, wie bequem es ist, wenn Einzelne die Verantwortung übernehmen sollen – anstatt das System infrage zu stellen. Mich hat der Band in vielen Themen neu sensibilisiert, besonders im Hinblick auf Klassismus, den ich bisher nicht im Detail betrachtet hatte. Einzige kleine Schwäche: Einige Essays hätten einheitlich gegendert sein können, da das teils uneinheitlich gehandhabt wird, was den Lesefluss stört. Dennoch verstehe ich, dass hier die persönliche Schreibweise der Autor:innen Vorrang hatte. Und natürlich sprechen einen manche Beiträge mehr an als andere. So waren bspw. meine Highlights die Beiträge von Sarah-Lee Heinrich ("Aufstiegsgeschichten"), Maximilian Pichl ("Recht"), Özge İnan ("Sexualisierte Gewalt") Sophie Lewis ("Familie"), Şeyda Kurt ("Instagram") und Sebastian Friedrich ("Klima").

Fazit

"Selbst schuld!" ist ein hochaktueller und reflektierter Essayband, der wichtige Fragen stellt und deutlich macht, dass gesellschaftliche Verantwortung nicht allein bei den Einzelnen liegen kann. Eine klare Empfehlung für alle, die sich kritisch mit den Mechanismen der Schuldzuschreibung und dem Einfluss des Neoliberalismus auseinandersetzen möchten. 4,5 von 5 Sternen.

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Veröffentlicht am 27.02.2026

Sechs Wochen, ein Deal und das Herz dazwischen

Open Hearts
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Roxy Dunns "Open Hearts" (Pola, Übersetzung Angela Koonen, 336 S.) erzählt die Geschichte von Misty, die nach einer plötzlichen Trennung in ihr altes Kinderzimmer in Brighton zurückkehrt. Auf einer Dating-App ...

Roxy Dunns "Open Hearts" (Pola, Übersetzung Angela Koonen, 336 S.) erzählt die Geschichte von Misty, die nach einer plötzlichen Trennung in ihr altes Kinderzimmer in Brighton zurückkehrt. Auf einer Dating-App begegnet sie Christopher, der klug, charmant, aber in einer offenen Beziehung ist. Ein Sechs-Wochen-Deal soll klare Regeln schaffen, doch schnell verschwimmen die Grenzen, und Misty muss herausfinden, wie man liebt, ohne sich selbst zu verlieren.

Meine Meinung

Ich hatte das Buch zunächst gar nicht auf dem Radar, weil ich sonst selten Romane über Dating-Deals lese. Doch das Cover hat mich iwie neugierig gemacht & so hab ich mich doch auf die lovelybooks-Leserunde beworben & war erfolgreich. Und was soll ich sagen? Dunn hat mich ehrlich überrascht: Ihre Mischung aus Humor, Intimität und reflektierter Tiefe hat mich definitiv gepackt.

Die Stärke des Romans liegt meiner Meinung nach in den Figuren und ihren Gesprächen. Manche Momente erscheinen etwas skurril, aber gleichzeitig gnadenlos ehrlich: „Wenn du die Freiheit satthast, dann bekomm ein Kind. Dann wirst du nie wieder frei sein“ (S. 74) oder „Es heißt ja, bei einer Trennung bricht für uns eine Welt zusammen. Und am nächsten Morgen bricht sie von Neuem zusammen. Aber jeden weiteren Morgen bleibt ein bisschen mehr von der Welt stehen“ (S. 110). Dunn zeigt, wie komplex Beziehungen sind und wie sie durh Sehnsucht, Erwartungen und den eigenen Grenzen geformt werden.

Die Protagonistin Misty selbst ist nahbar in ihrer Naivität, ihren Fehlern und der Suche nach Orientierung. Christopher wiederum ist ambivalent und damit ebenso glaubwürdig: charmant, aber auch verletzlich, mit eigenen Konflikten und moralischen Grauzonen.

Der Roman bricht meiner Meinung nach klassische Liebesromane nicht radikal auf, spielt aber mit Konventionen. Die offenen Beziehungsmodelle, die Reflexion über Kinderwünsche, Selbstbestimmung und Freundschaften geben dem Text Tiefe. Dunns Sprache ist direkt, persönlich und präzise; die Übersetzung fängt den Ton gut ein. Einzig manche Szenen wirken ein klein wenig klischeehaft, wie die ersten flirtenden Momente, aber das hat sich für mich durch die Authentizität der Figuren schnell ausgeglichen.

Fazit

"Open Hearts" ist für mich eine gelungene Mischung aus Unterhaltung und Reflektion. Es ist witzig, manchmal schmerzhaft ehrlich und gleichzeitig überraschend warmherzig. Wer Romane über Selbstfindung, Liebe mit Regeln, Freundschaften und die Widersprüche des Erwachsenenlebens schätzt, wird hier fündig. Für alle, die klare Strukturen und "typische" Liebesgeschichten suchen, könnte die offene, leicht unkonventionelle Herangehensweise irritierend sein. Aber warum nicht über den eigenen Tellerrand hinausblicken ;) ? Vielen Dank an lovelybooks und Pola für das Rezensionsexemplar.

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Veröffentlicht am 22.02.2026

Im Dreieck der Überlebenden

Triskele
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"Triskele" von Miku Sophie Kühmel ist 2022 im S. Fischer Verlag erschienen. Drei Schwestern – 48, 32 und 16 Jahre alt – treffen nach dem Suizid ihrer Mutter in deren Wohnung in Arendsee aufeinander. Sie ...

"Triskele" von Miku Sophie Kühmel ist 2022 im S. Fischer Verlag erschienen. Drei Schwestern – 48, 32 und 16 Jahre alt – treffen nach dem Suizid ihrer Mutter in deren Wohnung in Arendsee aufeinander. Sie räumen aus, sortieren Nachlass, Erinnerungen und Zuschreibungen. Jede hatte eine andere Mutter. Und doch war sie ein und dieselbe Person

Meine Meinung

Das Buch lag viel zu lange auf meinem SuB und war dann mein Buchclub-Pick im Februar. Das erste Drittel hat sich eher schleppend gelesen, aber danach entwickelt das Buch einen Sog, der mich nicht mehr losgelassen hat. Vor allem die Sprache finde ich sehr bemerkenswert.

Kühmel erzählt aus wechselnden Perspektiven und lässt die verstorbene Mutter in Briefen „aus dem Off“ auftreten, ein starkes Stilmittel wie ich finde, das der Schwere immer wieder eine trockene, fast boshafte Komik entgegensetzt. Schon der nüchterne „Erbschein“ ganz zu beginn des Buches, in dem die Katze Muriel juristisch nicht als vierte Erbin anerkannt werden kann ist so eine Stelle.

Die Autorin zeichnet tolle Sprachbilder, die im Gedächtnis bleiben und trotz der Grund-Ernsthaftigkeit des Buches: „Die Umbrüche lauern im Kleinen. Ein Stolpern auf gebohnerter Treppe […] und ein Nervenzusammenbruch passiert gegebenenfalls ungeduscht zwischen Gurkengläsern.“ (S. 26) Diese Mischung aus Alltagsdetail und existenzieller Fallhöhe zieht sich wie ein roter Faden durch den Roman.

Besonders beeindruckt hat mich aber, wie die Autorin das Thema Trauer & Trauerbewältigung der Hinterbliebenen nach einem Suizid aufgegriffen hat: „Alle fünfzig Minuten stirbt ein Mensch an Selbsttötung. […] Und pro Tote drei Trauernde.“ (S. 102) Die Autorin mischt auch immer wieder Fakten in das romanhafte und romantisiert nichts. Sie zeigt, wie komplex Trauer ist und vor allem wie ambivalent. „Ich traute mich kaum zuzugeben, dass ich auf eine Art beruhigt war, sie nun tot zu wissen.“ (S. 234)

Neben dem zentralen Verlust verhandelt der Roman Queerness, Ost-West-Zuschreibungen, Mutterschaft, psychische Erkrankung und das schwierige Sprechen bzw. einander Fremd-(Geworden)-Sein in Familien. „Wir sprechen, aber wir reden ja nicht.“ (S. 139).

Nicht alles hat mich gleichermaßen erreicht; manche gedanklichen Schleifen wirkten auf mich etwas überdehnt. Aber insgesamt ist das ein sehr durchdachter, literarisch ambitionierter Roman, der viel Raum für Zwischentöne lässt.

Fazit
"Triskele" ist kein leichtes, eher ein melancholisches Buch, das sich aber meiner Meinung nach sehr lohnt. Für alle, die leise und sich-langsam-entwickelnde Familiengeschichten mögen, die mehr Fragen stellen als Antworten geben. Und für alle die besonders auf Sprache einen großen Wert legen, die hier zugleich scharf, ironisch und zart daherkommt. Wer einen stringenten Plot mit einem krassen Spannungsbogen sucht, wird hier eher ungeduldig.

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Veröffentlicht am 21.02.2026

Schönheitsnormen, Schuld und das Gewicht der Generationen

Das schönste aller Leben
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"Das schönste aller Leben" ist das Debüt der in Arad geborenen, heute in der Nähe von Stuttgart lebenden Autorin Betty Boras (@bettyboras), erschienen bei hanserblau im Februar 2026. Der Roman erzählt ...

"Das schönste aller Leben" ist das Debüt der in Arad geborenen, heute in der Nähe von Stuttgart lebenden Autorin Betty Boras (@bettyboras), erschienen bei hanserblau im Februar 2026. Der Roman erzählt die Geschichte von Vio, die kurz nach dem Sturz der Diktatur mit ihren Eltern aus dem rumänischen Banat nach Deutschland flieht, und verwebt diese Gegenwartserzählung mit den Erfahrungen von Theresia im 18. Jahrhundert. Es ist eine Geschichte über Herkunft, Anpassung, die Suche nach Zugehörigkeit und den Preis von Schönheit, die sich durch Generationen zieht.

Meine Meinung

Ich hatte hohe Erwartungen, weil das eines der Bücher ist, die im Vorfeld in meiner Bookstagram-Bubble sehr präsent waren. Die Themen Mutterschaft, Migration und Schönheitsideale beschäftigen mich zudem häufig, und ich habe mich sehr gefreut, ein Buch lesen zu dürfen, dessen Autorin ich auch schon vor der Veröffentlichung über Bookstagram kennenlernen durfte. Bettys Debüt enttäuscht definitiv nicht. Die Sprache ist dicht, bildhaft, manchmal schmerzlich direkt. Besonders gelungen fand ich, wie dokumentarische Elemente, Reflexionen über „pretty privilege“ oder reale Traumata von Frauen wie Turia Pitt oder Sophie Delezio in die erzählerische Fiktion eingewoben werden.

Vio als Figur ist komplex: Sie navigiert zwischen Selbstanspruch, Familienerwartungen und gesellschaftlichen Normen. Ihre Sehnsucht nach Zugehörigkeit, die Erinnerungen an die Großmutter und die Verantwortung für ihre Tochter nach einem Unfall haben mich beim Lesen sehr betroffen gemacht. Die Geschichte springt zwischen den Jahrhunderten und zwischen Ich- und Erzählstimme. Der Aufbau hat mich stellenweise gefordert, macht das Buch aber erzählerisch auf jeden Fall vielschichtiger.

Das Buch ist auch durch und durch als feministisch zu lesen, was vor allem an den Stellen sichtbar wird, die die Macht von Schönheit und sozialem Status reflektieren: „Die Mädchen hießen Johanna, Charlotte oder Katharina, und bei ihnen zu Hause standen große Bücherregale … Aber Vio fühlte sich wie ein Fremdkörper“ (S. 92). Oder der Satz, der die Last der Mutterschaft zusammenfasst: „Seit dem Unfall gibt es wenig, das mir so wichtig erscheint wie das Aussehen meiner Tochter“ (S. 125).

Ein paar kleinere Kritikpunkte habe ich dennoch: Wie schon beschrieben, war mir der Wechsel zwischen den Jahrhunderten manchmal zu abrupt, und an einigen Stellen, wenn es um Theresias Erfahrungen geht, hätte ich mir mehr Kontext gewünscht. Dennoch überwiegt am Ende auf jeden Fall das Gefühl, ein ehrliches, literarisch dichtes Buch gelesen zu haben, das Schmerz, Schönheit und gesellschaftliche Erwartungen auf wundersame Weise und mit einer wunderschönen Sprache reflektiert.

Fazit
"Das schönste aller Leben" ist ein bewegendes, sprachlich starkes Debüt für alle, die literarische Gegenwartsliteratur mögen und sich mit Migration, Mutterschaft und weiblicher Perspektive auseinandersetzen. Vielen Dank an Betty Boras für dieses Buch und an netgalley.de sowie hanserblau für das digitale Rezensionsexemplar.

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Veröffentlicht am 20.02.2026

Gold über-Wunden

Die Routinen
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Mit „Die Routinen“ (Klett-Cotta, 272 Seiten, ET 17.01.2026) legt Son Lewandowski, die 2023 u. a. zum Klagenfurter Literaturkurs eingeladen war und mit diesem ihrem Debüt für den lit.cologne-Debütpreis ...

Mit „Die Routinen“ (Klett-Cotta, 272 Seiten, ET 17.01.2026) legt Son Lewandowski, die 2023 u. a. zum Klagenfurter Literaturkurs eingeladen war und mit diesem ihrem Debüt für den lit.cologne-Debütpreis nominiert ist, einen ebenso poetischen wie schonungslosen Roman über das Leistungsturnen vor. Erzählt wird aus einem kollektiven „Wir“, aus dem sich allmählich das „Ich“ der Turnerin Amik herauslöst, eine Emanzipationsgeschichte in einem System, das Individualität systematisch schleift.

Meine Meinung

Ich habe mich sehr auf diesen Roman gefreut. Hochleistungssport, feministische Perspektive, Systemkritik? Genau mein Thema. Und trotzdem: Ich habe wirklich gebraucht, um hineinzufinden. Aber von vorne:
Schon recht früh während des Lesens wird klar, dass nicht der Wettkampf an sich im Zentrum steht, sondern die Struktur dahinter: „Routine ist eine Erinnerung ohne Gefühl.“ (S. 93) Dieser Satz gibt schon einen ersten Hinweis auf die Titelwahl. Lewandowski schreibt in einer bildmächtigen, fast lyrischen Sprache, die sich immer wieder mit dokumentarischen Einschüben verschränkt. Reale Turnerinnen wie Nadia Comăneci, Olga Korbut oder Simone Biles werden zu Spiegeln eines Systems, das Kinderkörper formt, verbraucht und vermarktet. Am besten fasst das wohl dieses Zitat zusammen: "Eine Kindheit verpassen wie einen Termin.“ (S. 136) Der hohe Preis von Ruhm wird sehr klar benannt.

Die Waage am Halleneingang wird zum Symbol: „Ich stieg auf die Waage, ohne zu wissen, dass ich nie wieder aus ihr herausfinden würde“ (S. 58). Essstörungen, Pubertät, Menstruation, sexualisierte Gewalt, rassistische Schönheitsnormen: die Autorin benennt all das, ohne je ins Sensationelle zu kippen. Bezeichnend fand ich die Passagen über Medialisierung und Kommerzialisierung: „Wenn wir gewinnen, sind wir das Land, der Verein, der Werbevertrag … Wenn wir verlieren, fahren wir nach Hause und beginnen von vorn.“ (S. 106) Ich kann mir nur ansatzweise vorstellen, was für ein Druck das für die Athlet:innen bedeutet.

Formal ist das Buch fordernd. Chronologie wird aufgebrochen, Zeiten verschieben sich, das „Wir“ spricht mal historisch, mal gegenwärtig. Ich war stellenweise irritiert, musste nochmal zurückblättern und Passagen nochmal lesen. Was am Ende bei mir aber bleibt, ist wieder einmal Wut auf ein System, das Menschen nicht ausreichend schützt und Bewunderung für die (real existierenden) Frauen, die viel erlebt und überlebt haben, ohne in der Opferrolle zu verharren. Denn wie wir alle wissen: Die Scham muss die Seiten wechseln.

Fazit
„Die Routinen“ ist definitiv kein leichter Roman, aber ein notwendiger. Für alle, die sich für Körperpolitik, feministische Gegenwartsliteratur und die Schattenseiten des Spitzensports interessieren. Weniger geeignet für Leser:innen, die eine klassische, chronologisch erzählte Sportgeschichte erwarten. Vielen Dank an der Stelle an netgalley.de und den Klett-Cotta Verlag für das Rezensionsexemplar.

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