Wie gut kennt man die eigenen Freund:innen wirklich?
Don't Believe HerMit "Don’t Believe Her – Die Fremde unter deinem Dach" legt Nicola Sanders einen Psychothriller vor, der im Original unter dem Titel "Don’t Believe Her" erschien. Die deutsche Ausgabe ist bei HarperCollins ...
Mit "Don’t Believe Her – Die Fremde unter deinem Dach" legt Nicola Sanders einen Psychothriller vor, der im Original unter dem Titel "Don’t Believe Her" erschien. Die deutsche Ausgabe ist bei HarperCollins Hamburg erschienen, übersetzt von Wolfgang Thon, das Hörbuch wird von Marie Bierstedt gesprochen und ist bei Saga Egmonts rausgekommen.
Im Zentrum der Story steht Ellie, deren beste Freundin Carla als Teenager spurlos verschwindet. Zwölf Jahre später lebt Ellie ausgerechnet mit Carlas Bruder Nick und dessen Mutter in einem gemeinsamen Haus – und hat die Suche nach Carla nie ganz aufgegeben. Als diese plötzlich wieder auftaucht, kippt die mühsam stabilisierte Familienordnung. Doch ist es wirklich Carla? Und wem kann Ellie überhaupt noch trauen?
Meine Meinung
Der Stoff verspricht klassische Domestic Suspense: ein Familienanwesen, alte Geheimnisse, eine mögliche doppelte Identität, psychologische Manipulation. Ich habe mir das Hörbuch bewusst als „leichtere Thriller-Unterhaltung“ ausgesucht und genau das habe ich auch bekommen. Leider aber nicht viel mehr.
Das größte Problem für mich waren die Figuren. Ellie agiert über weite Strecken so irrational, impulsiv und naiv, dass ich Mühe hatte, emotional anzudocken. Ihre ständigen Zweifel, ihre Eifersucht, ihre Gedankenspiralen; all das hätte spannend sein können, wirkte auf mich aber zunehmend anstrengend. Wenn man als Hörerin wiederholt denkt: Ich würde in dieser Situation komplett anders handeln, entsteht leider Distanz statt des zu erwartenden Nervenkitzels.
Sprachlich bewegt sich der Roman stark im melodramatischen Bereich. Die Übersetzung liest sich flüssig, doch der Grundton bleibt sehr pathetisch. Das Hörbuch verstärkt diesen Eindruck. Marie Bierstedt ist ohne Frage eine erfahrene Sprecherin, aber ihre sehr intensive Intonation hat Ellies ohnehin schon aufgewühlte Innenwelt noch weiter zugespitzt. Gerade in der ersten Hälfte hat mich das eher aus der Geschichte rausfallen lassen als hineingezogen.
Im letzten Drittel zieht das Tempo deutlich an, die Wendungen überschlagen sich. Einige Twists funktionieren gut, andere empfand ich als überzogen oder konstruiert. Für das Finale braucht man eine gewisse Bereitschaft, Logiklücken großzügig zu übersehen. Mich hat das Buch am Ende leider nicht packen können.
Fazit
Ein Thriller mit spannendem Grundkonzept und solider Unterhaltung für zwischendurch. Wer überzeichnete Figuren, schnelle Twists und viel Drama mag, könnte hier gut abgeholt werden. Wer psychologische Tiefe und glaubwürdige Charaktere erwartet, wird möglicherweise enttäuscht. Vielen Dank an Netgalley.de und Saga Egmont für das Hörbuch-Rezensionsexemplar.