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Veröffentlicht am 12.04.2026

"Alle glücklich" – ein Roman, der unter die Haut geht

Alle glücklich
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Kira Mohn zeigt in ihrem neuen Roman eindrucksvoll, wie meisterhaft sie die Dynamiken und das Schweigen innerhalb einer Familie einfangen kann. Auf weniger als 300 Seiten entfaltet sie ein Familiendrama, ...

Kira Mohn zeigt in ihrem neuen Roman eindrucksvoll, wie meisterhaft sie die Dynamiken und das Schweigen innerhalb einer Familie einfangen kann. Auf weniger als 300 Seiten entfaltet sie ein Familiendrama, das so authentisch und schmerzhaft ist, dass es beim Lesen förmlich den Brustkorb zuschnürt.

Eine Vorzeigefamilie am Abgrund
Die Geschichte wird aus vier Perspektiven erzählt: Mutter Nina, Vater Alexander, Tochter Emilia und Sohn Ben. Nach außen hin wirken sie wie die perfekte Einheit, doch im Inneren hat sich jede:r in einem eigenen Gefängnis aus Erwartungen, Enttäuschungen und blinden Flecken isoliert.

Alexander: Der erfolgreiche Arzt, dessen Selbstgefälligkeit fast physisch greifbar ist. Er merkt in seiner Ignoranz nicht einmal, wie herablassend er agiert, während er den Status quo seiner Karriere auf dem Rücken seiner Familie auskostet.
Nina: Einst ambitioniert, heute im Schatten ihres Mannes verschwunden. Sie funktioniert als Mutter und Zuverdienerin, hat sich selbst aber schon vor langer Zeit verloren.
Emilia: Die Tochter, die sich in ihrem Streben nach Perfektion und Gefälligkeit für ihren Freund mehr und mehr aufgibt – bis hin zum Verlust der eigenen Würde.
Ben: Der Sohn, der von seinem Vater als "Loser" abgestempelt wurde und diese Rolle schmerzhaft verinnerlicht hat.

Ein literarisches Kunststück auf engem Raum
Es ist ein wahres Kunststück, wie Kira Mohn es schafft, diese vier Charaktere mit all ihren Stärken und Schwächen auf so wenigen Seiten zum Leben zu erwecken. Die Sprache ist dabei einfach, nahbar und unheimlich eingängig. Gerade diese Unaufgeregtheit im Stil macht die Wucht der "Eklats", die das mühsam aufrechterhaltene Kartenhaus schließlich zum Einsturz bringen, umso intensiver.

Warum dieses Buch so nachwirkt
"Alle glücklich" ist mehr als nur eine fiktive Geschichte; das Buch ist ein Sinnbild für unzählige Familienstrukturen unserer Zeit. Die zentrale Frage nach dem echten Glück – und der Erkenntnis, dass viele Menschen schlicht vergessen haben, wie man glücklich ist – entfaltet eine unglaubliche Kraft, die auch nach dem Zuklappen des Buches lange nachhallt.

Mein Fazit: Ein absolut lesenswertes Buch mit enormem Tiefgang. Einen winzigen Abzug gibt es für das recht abrupte Ende – ich hätte die vier Charaktere gerne noch ein Stück weiter begleitet, auch wenn der gewählte Schlusspunkt konsequent und nachvollziehbar gesetzt ist.

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Veröffentlicht am 02.03.2026

Ein schlummerstarkes Abenteuer mit kleinen „Sichtproblemen“

Herr Hütchen sagt Gute Nacht - Neue Einschlaf-Geschichten aus dem Wald
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Herr Hütchen ist ein kleines Eichelmännchen, dessen Aufgabe es ist, den Tieren im Wald in den Schlaf zu helfen. Der kleine Mann tut das mit absoluter Hingabe und auf so herzerwärmende Art, dass nicht nur ...

Herr Hütchen ist ein kleines Eichelmännchen, dessen Aufgabe es ist, den Tieren im Wald in den Schlaf zu helfen. Der kleine Mann tut das mit absoluter Hingabe und auf so herzerwärmende Art, dass nicht nur die Kinder beim Zuhören ihre helle Freude haben, sondern auch die Leser:innen auf ihren Geschmack kommen.

Besonders schön: Die Geschichten sind regelmäßig mit kleinen Achtsamkeitsübungen verbunden, die so geschickt Teil eingewoben wurden, dass die Kinder fast automatisch mitmachen – auch wenn sie keine Achtsamkeits-Fans sind. Ebenfalls eine schönes Ritual: Herr Hütchens Gute-Nacht-Lied, welches zum Abschluss fast jedes Kapitel gesunden (oder vorgelesen 😉) werden kann.

Wortwitz, der Groß und Klein verbindet
Was „Herr Hütchen sagt Gute Nacht“ im Weiteren besonders macht, sind die liebevollen und herrlich kreativen Einfälle. Während die Kinder über die leuchtenden Fühler der SMS (Schnelle-Mitteilungs-Schnecke) staunen, amüsieren sich die Vorleser:innen über Charaktere und Anspielungen wie Astro-Axel.

Ein absoluter Favorit (womöglich nicht nur für meinen 5-jährigen Mitleser) ist der Weckkäfer Klickklack. Er ist die perfekte Mischung aus leicht grummelig und herzensgut. Wenn am Ende sein obligatorisches „Ab ins Bett und Pilze aus!“ erschallt, folgt gleich darauf herzliches Kinderlachen und das Wissen, dass es bald ins Bett geht.

Zeit einplanen: Ein ausgiebiges Ritual
Vorleser:innen und Zuhörer:innen sollten sich bewusst sein, dass die Geschichten etwas ausführlicher ausfallen. Das ist wunderbar für lange Kuschelabende, an denen man das Zubettgehen so richtig zelebrieren möchte. An Tagen, an denen die Zeit knapp oder die Müdigkeit schon zu groß ist, sollte eine Geschichte ggfs. aufgeteilt werden.

Ein kleiner Wermutstropfen: Die Lesbarkeit
Wo viel Licht oder in diesem Fall auch Lob ist, ist (leider) auch ein bisschen. Die Gestaltung des Buches ist künstlerisch zwar wunderschön, aber die Wahl von schwarzer Schrift auf dunklem Hintergrund ist für ein Vorlesebuch im gedimmten Kinderzimmer eine echte Herausforderung. Abhilfe kann eine Leselampe schaffen, da es andernfalls auf manchen der Seiten schon sehr anstrengend und herausfordernd für die Augen werden kann.

Fazit
„Herr Hütchen sagt gute Nacht“ Band 2 ist eine süße Empfehlung für gemütliche Vorlesestunden. Es besticht durch den herzensguten Herrn Hütchen, den Charakterkopf Klickklack, fantasievolle Details wie die SMS und allgemein viel Herz, Verständnis für die verschiedenen Bedürfnisse der unterschiedlichen Tiere und jede Menge zwischenmenschliche Wärme. Wäre die Typografie auf den dunklen Seiten etwas kontrastreicher, wäre es perfekt. So bleibt es ein inhaltliches Highlight mit leichtem Punktabzug in der B-Note der Handhabung.

Für alle Fans von Klickklack und Co. aber definitiv ein Muss im Bücherregal!

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Veröffentlicht am 25.10.2025

Atmospährisches Bilderbuch zum Vorlesen

Lichterland. Das kleine Irgendwas
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In "Lichterland: Das kleine Irgendwas" erleben die Freunde Karla und Frederik ihr neustes Abendteuer: Statt eines Steins hat ihr Wirbelwutsch "Wutschi" doch glatt ein Ei auf die Spitze seines Turms gestellt. ...

In "Lichterland: Das kleine Irgendwas" erleben die Freunde Karla und Frederik ihr neustes Abendteuer: Statt eines Steins hat ihr Wirbelwutsch "Wutschi" doch glatt ein Ei auf die Spitze seines Turms gestellt. Und nicht nur das, was auch immer in dem Ei ist, schlüpft...

Wie schon in den ersten drei Bänden der "Lichterland"-Serie steht auch hier die Hilfsbereitschaft und Freundschaft von Karla und Frederik im Vordergrund. Mich hat die Geschichte ein wenig an "Das kleine Ich-bin-Ich" erinnert. Dieses kommt jedoch an die wunderbar warme Stimmung und Atmosphäre des Lichterlands nicht heran.

Anders als die Vorgänger-Bände ist dieser ein klassisches Bilderbuch mit sehr reduziertem Text, wohingegen die ersten drei Bände (Vor-)Lesebücher von deutlich höherem Umfang sind. Es ist daher gut möglich, "Das kleine Irgendwas" als Abendgeschichte in überschaubarer Zeit vorzulesen.

Alles in allem erneut ein wunderschönes Buch der Autorin Carolin Jelden wie auch der Illustratorin Laura Bednarski, jedoch eben ein sehr kurzes Vergnügen, verglichen mit den Vorgänger-Bänden.

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Veröffentlicht am 17.07.2025

Eine poetische Reise zur Insel über allen Bergen

Über allen Bergen
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Vadim ist auf der Flucht. Er wird es zunächst nicht so nennen und auch ist nicht ganz klar, vor wem er eigentlich flüchtet - seinem Asthma, Menschen, die anderen Menschen schlimme Dinge antun, am Ende ...

Vadim ist auf der Flucht. Er wird es zunächst nicht so nennen und auch ist nicht ganz klar, vor wem er eigentlich flüchtet - seinem Asthma, Menschen, die anderen Menschen schlimme Dinge antun, am Ende gar sich selbst - und so beginnt eine poetische Reise in atemberaubende Kulisse.

"Über allen Bergen" hat mich überrascht, da ich aufgrund des Klappentextes eine gewisse Vorstellung zu Vadim, der Hauptfigur dieses Romans hatte, und diese bereits auf den ersten Seiten widerlegt bekam. Vadim ist nämlich kein Erwachsener, sondern noch ein Kind, das auf eine schier unvorstellbare Reise in ein verstecktes Tal irgendwo in Frankreich, nahe der Schweizer Grenze geschickt wird. Dabei ist die Fantasie dieses Jungen schier grenzenlos und auch, mit welcher Intensität er die kraftvolle Welt der Berge, seine neue Identität, neue Gebräuche und Wörter in sich aufnimmt.

Valentine Goby nimmt die Leser:innen mit auf eine durch und durch intensive und anspruchsvolle Reise. Der Roman ist wunderschön, tiefgründig, poetisch und nur bedingt tauglich als entspannte Abendlektüre. Der Anspruch und Tiefgang braucht Zeit und Raum, um zu wirken. Eine klassische Spannungskurve gibt es zudem nicht. Das Buch ist eher eine Erzählung, in deren Zuge die Leserin / der Leser Vadim bzw. Vincent durch seine Zeit in Vallorcine, dem Tal der Bären, begleitet.

Warum also viereinhalb Sterne und nicht fünf? - Am ehesten deshalb, weil ich mir etwas anderes vorgestellt hatte. Nämlich einen Erwachsenen, der auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung durch abgelegene Bergdörfer zieht. Und weil ich eine leichtere Lektüre erwartet hatte, kein Werk von so literarischer Dichte. Wer also möchte und mit den richtigen Erwartungen an dieses Buch herangeht, darf gerne auch fünf Sterne daraus machen und jede Seite, jede Zeile und jedes Wort genießen.

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Veröffentlicht am 01.03.2025

Wie fühlt es sich an, wenn die böse Stimme in deinem Kopf immer lauter wird? – besonders, erschütternd, tieftraurig und urkomisch

Gute Gründe
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Yael hat da „diese Sache“ gemacht und damit sich und ihre Schwester in ein Vakuum befördert. Die beiden waren sich nie nah, aber im Angesicht dessen, was da fast geschehen wäre, ändert sich Vieles. Die ...

Yael hat da „diese Sache“ gemacht und damit sich und ihre Schwester in ein Vakuum befördert. Die beiden waren sich nie nah, aber im Angesicht dessen, was da fast geschehen wäre, ändert sich Vieles. Die Leserin / der Leser begleitet in diesem Roman die außergewöhnlich intensive Reise von Yael und weiterer denkwürdiger Charaktere.

Im Folgenden finden sich mögliche Trigger und Spoiler für die Handlung des Buches. Es werden keine Details verraten, aber womöglich doch mehr als anhand des Klappentextes erwartet.

Mir fehlen noch immer ein wenig die Worte. Ich habe noch nie so ein Buch gelesen, so viele Ambivalenzen erlebt, die doch so stimmig waren, so gelacht oder geschmunzelt, um im nächsten Moment wieder tieftraurig oder nachdenklich zu sein und umgekehrt. So viele kluge Sätze und so viele dumme Entscheidungen. Das Buch ist inhaltlich mächtig, immerhin geht es um menschliche Urängste wie Tod und Trauer, aber auch Depression und Selbstmord. Und gerade deshalb hat es mich auf eine Art abgeholt und bewegt, wie es bislang nur wenige Bücher vermocht haben.

Die Hauptfigur Yael nimmt die Leserin / den Leser dabei mit auf eine wahnsinnig sprunghafte Reise durch ihre Erlebens- und Gedankenwelt. Mir hat dieses Stilmittel sehr gefallen, da es sofort nah- und greifbar gemacht hat, wie es in Yaels Kopf zugehen muss. Kaum ist ein Gedanke, eine körperliche Empfindung da, schießt von der Seitenlinie eine Erinnerung hinein oder ein Musikstück triggert lange zurückliegende Gefühle. Sicherlich kommt der Stil nicht bei allen Leser:innen gut an.

Die Menschen, die Yael in einer schwer nachvollziehbaren Situation Halt geben, sie begleiten und ihr dabei ermöglichen, wieder zu sich zu finden, sind ebenso liebenswert wie die teils sehr verpeilte Katzenliebhaberin Yael selbst. Gespickt mit diversen Anspielungen und Insider-Kommentaren aus den Kontexten Judentum, Mode, Literatur und auch australischem Lokalkontext, die ich zu großen Teilen überhaupt nicht verstanden habe, geht es traurig-zuversichtlich in so etwas, das eine Perspektive sein könnte.

„Gute Gründe“ ist ein in mehrfacher Hinsicht total verrücktes und sehr, sehr liebenswertes, großartiges Buch, weil es eben gerade Menschen zeichnet. Mit all ihren schönen und weniger schönen Facetten, in all ihrer Angst und Menschlichkeit. Und gerade das macht es aus. Wir sind alle Menschen.

Außergewöhnlich. Sehr lesenswert.

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