"Alle glücklich" – ein Roman, der unter die Haut geht
Alle glücklichKira Mohn zeigt in ihrem neuen Roman eindrucksvoll, wie meisterhaft sie die Dynamiken und das Schweigen innerhalb einer Familie einfangen kann. Auf weniger als 300 Seiten entfaltet sie ein Familiendrama, ...
Kira Mohn zeigt in ihrem neuen Roman eindrucksvoll, wie meisterhaft sie die Dynamiken und das Schweigen innerhalb einer Familie einfangen kann. Auf weniger als 300 Seiten entfaltet sie ein Familiendrama, das so authentisch und schmerzhaft ist, dass es beim Lesen förmlich den Brustkorb zuschnürt.
Eine Vorzeigefamilie am Abgrund
Die Geschichte wird aus vier Perspektiven erzählt: Mutter Nina, Vater Alexander, Tochter Emilia und Sohn Ben. Nach außen hin wirken sie wie die perfekte Einheit, doch im Inneren hat sich jede:r in einem eigenen Gefängnis aus Erwartungen, Enttäuschungen und blinden Flecken isoliert.
• Alexander: Der erfolgreiche Arzt, dessen Selbstgefälligkeit fast physisch greifbar ist. Er merkt in seiner Ignoranz nicht einmal, wie herablassend er agiert, während er den Status quo seiner Karriere auf dem Rücken seiner Familie auskostet.
• Nina: Einst ambitioniert, heute im Schatten ihres Mannes verschwunden. Sie funktioniert als Mutter und Zuverdienerin, hat sich selbst aber schon vor langer Zeit verloren.
• Emilia: Die Tochter, die sich in ihrem Streben nach Perfektion und Gefälligkeit für ihren Freund mehr und mehr aufgibt – bis hin zum Verlust der eigenen Würde.
• Ben: Der Sohn, der von seinem Vater als "Loser" abgestempelt wurde und diese Rolle schmerzhaft verinnerlicht hat.
Ein literarisches Kunststück auf engem Raum
Es ist ein wahres Kunststück, wie Kira Mohn es schafft, diese vier Charaktere mit all ihren Stärken und Schwächen auf so wenigen Seiten zum Leben zu erwecken. Die Sprache ist dabei einfach, nahbar und unheimlich eingängig. Gerade diese Unaufgeregtheit im Stil macht die Wucht der "Eklats", die das mühsam aufrechterhaltene Kartenhaus schließlich zum Einsturz bringen, umso intensiver.
Warum dieses Buch so nachwirkt
"Alle glücklich" ist mehr als nur eine fiktive Geschichte; das Buch ist ein Sinnbild für unzählige Familienstrukturen unserer Zeit. Die zentrale Frage nach dem echten Glück – und der Erkenntnis, dass viele Menschen schlicht vergessen haben, wie man glücklich ist – entfaltet eine unglaubliche Kraft, die auch nach dem Zuklappen des Buches lange nachhallt.
Mein Fazit: Ein absolut lesenswertes Buch mit enormem Tiefgang. Einen winzigen Abzug gibt es für das recht abrupte Ende – ich hätte die vier Charaktere gerne noch ein Stück weiter begleitet, auch wenn der gewählte Schlusspunkt konsequent und nachvollziehbar gesetzt ist.