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Veröffentlicht am 17.03.2026

Starke Atmosphäre, aber inhaltlich nicht ganz gepackt

Verrat der Schwäne
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Ich bin mit ziemlich hohen Erwartungen an Verrat der Schwäne von A. B. Poranek rangegangen, vor allem wegen der Idee mit der düsteren Schwanensee-Version und der queeren Liebesgeschichte. Der Einstieg ...

Ich bin mit ziemlich hohen Erwartungen an Verrat der Schwäne von A. B. Poranek rangegangen, vor allem wegen der Idee mit der düsteren Schwanensee-Version und der queeren Liebesgeschichte. Der Einstieg hat mich auch direkt abgeholt. Die Stimmung ist dicht, fast schon märchenhaft düster, und man merkt, wie viel Mühe in die Atmosphäre geflossen ist.

Besonders gefallen hat mir die Grundidee rund um Odile und ihre Vergangenheit. Ihre innere Zerrissenheit und das schwierige Verhältnis zu ihrem Vater bringen Tiefe rein. Auch einzelne Beziehungen, etwa zu ihrem Bruder oder neuen Verbündeten, hatten starke Momente.

Trotzdem hat mich die Handlung über weite Strecken nicht wirklich packen können. Vieles zieht sich so sehr, gerade am Anfang passiert wenig, und einige Entwicklungen wirken vorhersehbar. Die versprochene Liebesgeschichte bleibt für mich einfach zu blass und farblos und hätte deutlich mehr Raum gebraucht, um emotional zu wirken.

Der Schreibstil ist stellenweise sehr bildhaft, manchmal aber auch etwas zu verspielt, sodass Dialoge oder Szenen dadurch an Wirkung verlieren. Dazu kommen kleine handwerkliche Schwächen, die mich immer wieder rausgebracht haben.

Am Ende bleibt für mich ein Buch mit richtig guter Atmosphäre und interessanten Ansätzen, das aber beim Plot und bei den Figuren nicht ganz das Niveau hält. 4 Sterne, weil ich die Stimmung wirklich mochte, auch wenn mich die Geschichte nicht komplett überzeugen konnte.

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Veröffentlicht am 02.03.2026

Hotel zwischen Traum und Abgrund

Das White Octopus Hotel
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Das White Octopus Hotel von Alexandra Bel hat mich doch wirklich überrascht. Ich bin ohne große Erwartungen gestartet und war schnell mitten in dieser besonderen Atmosphäre. Die Geschichte beginnt fast ...

Das White Octopus Hotel von Alexandra Bel hat mich doch wirklich überrascht. Ich bin ohne große Erwartungen gestartet und war schnell mitten in dieser besonderen Atmosphäre. Die Geschichte beginnt fast zart und persönlich, dann öffnet sie sich Schritt für Schritt in eine viel größere, dunklere Richtung, als von mir erwartet.

Die Hauptfigur wirkt am Anfang verletzlich und suchend. Ihre inneren Bilder und Gedanken haben mich gefesselt, auch wenn ich an manchen Stellen bewusst langsamer gelesen habe. Es ist kein leichtes Buch (!), weil es sich intensiv mit menschlichen Abgründen und historischen Grausamkeiten beschäftigt. Einige Szenen haben mich wirklich beschäftigt und nicht sofort losgelassen.

Was ich sehr gelungen fand, ist die Verbindung zwischen persönlicher Geschichte und realen historischen Ereignissen. Der Übergang fühlt sich mutig an und ist nicht immer bequem. Genau das aber macht die Geschichte so stark. Trotzdem hätte ich mir stellenweise doch etwas mehr Fokus gewünscht, da die Fülle an Themen fast überwältigend sein kann.

Für mich sind es gute vier Sterne. Kein cosy Wohlfühlroman, aber ein Buch, das nachhallt und im Kopf bleibt. Wer Literatur mag, die fordert und auch wehtut, sollte hier zugreifen.

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Veröffentlicht am 22.02.2026

Herzzerreißend schön und kaum zu ertragen

The Poet Empress
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The Poet Empress von Shen Tao hat mich nicht erst am Ende getroffen. Es hat mich von der ersten Seite an zerrieben. Ich dachte, ich wüsste, worauf ich mich einlasse. Dunkle Hofintrigen, ein grausamer Prinz, ...

The Poet Empress von Shen Tao hat mich nicht erst am Ende getroffen. Es hat mich von der ersten Seite an zerrieben. Ich dachte, ich wüsste, worauf ich mich einlasse. Dunkle Hofintrigen, ein grausamer Prinz, ein armes Mädchen, das überleben will. Ich lag absolut falsch.

Yin Wei wächst in einem Dorf auf, das kaum genug zum Leben hat. Sie meldet sich für die Auswahl zur Konkubine des Kronprinzen Guan Terren, ein Mann, der für seine Brutalität bekannt ist. Und was danach folgt, ist schwer auszuhalten. Die Gewalt ist direkt, roh, ohne Beschönigung. Er quält sie, immer wieder.

Das hier ist keine Romantasy, keine Liebesgeschichte! Zwischen Wei und Terren gibt es keine romantische Spannung, keine Sehnsucht, keine körperliche Anziehung. Es geht um Macht, Trauma, Schuld und darum, was aus Menschen wird, wenn man sie immer wieder bricht.

Wei ist eine starke Hauptfigur. Nicht, weil sie kämpft wie eine Kriegerin, sondern weil sie lernt. Sie kann anfangs nicht lesen, weil Mädchen es nicht dürfen. Sie begreift, wie der Hof funktioniert. Sie hört auf, nur zu ertragen, sie handelt und plant. Ihr Wandel ist konsequent und glaubwürdig.

Und Terren? Er ist ein Monster. Er foltert, tötet und verstümmelt. Das Buch macht daraus kein Spiel, trotzdem zeigt Shen Tao, dass er nicht als Tyrann geboren wurde. Seine Vergangenheit ist absolut verheerend und grausam traumatisch. Ich habe mich dabei ertappt, wie ich ihn verabscheue und gleichzeitig Mitleid empfinde. Das macht die Geschichte so unangenehm intensiv.

Die Welt wirkt durchdacht. Politische Intrigen, Machtspiele und ein Magiesystem, das eng mit Herrschaft verknüpft ist. Alles greift ineinander. Viele Figuren handeln aus Eigeninteresse, denn jeder kämpft ums Überleben. Das erzeugt eine dichte, oft bedrückende Atmosphäre.

Was mich besonders getroffen hat, war die Sprache. Sie ist bildgewaltig, poetisch, fast schon überwältigend, wunderschön, aber auch fordernd und anstrengend. Das ist kein Buch, das man mal eben nebenbei liest. Man muss sich Zeit nehmen. Manche Szenen wollte ich weglegen, weil sie mir innerlich wehgetan haben.

Das Ende hat mich emotional komplett erwischt. Ich war wütend, traurig und leer, und genau deshalb gebe ich "nur" vier Sterne. Objektiv betrachtet ist dieses Buch meisterhaft geschrieben, aber subjektiv hat es mich so sehr verletzt, dass ich es nicht einfach nur genießen konnte.

The Poet Empress ist großartig, aber es ist schwere Kost. Wer sich darauf einlässt, sollte wissen, dass dieses Buch Spuren hinterlässt.

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Veröffentlicht am 20.02.2026

Düstere Magie, hohe Opfer und eine Familie voller Geheimnisse

House of Blight
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House of Blight von Maxym M. Martineau hat mich deutlich mehr überzeugt, als ich nach dem ersten Eindruck erwartet hätte. Das Cover sprach mich zunächst wenig an. In der Hand wirkt das Buch jedoch stimmiger ...

House of Blight von Maxym M. Martineau hat mich deutlich mehr überzeugt, als ich nach dem ersten Eindruck erwartet hätte. Das Cover sprach mich zunächst wenig an. In der Hand wirkt das Buch jedoch stimmiger als auf dem Bildschirm. Inhaltlich hat es mich schnell gepackt.

Die Geschichte startet kompakt und ohne lange Vorrede. Das Magiesystem wird früh eingeführt und verständlich erklärt. Im Mittelpunkt steht eine seltene Heilmagie, die jedes Mal Lebenszeit kostet. Dieser Preis verleiht der Handlung von Anfang an Gewicht. Im Vergleich zu sehr ausführlich erzählten Fantasy Reihen wirkt der Einstieg straffer. Das sorgt für Tempo und einen direkten Zugang zur Welt.

Atmosphärisch setzt der Roman klar auf Gothic Elemente. Ein unheimliches Anwesen, eine mächtige Familie mit eigenen Regeln und eine bedrohliche Seuche bestimmen das Setting. Die Stimmung ist dicht und stellenweise beklemmend. Gleichzeitig bleibt Raum für Figurenentwicklung und zwischenmenschliche Spannungen.

Die Protagonistin Edira überzeugt durch Entschlossenheit und Eigenständigkeit. Sie kennt die Folgen ihrer Magie und trifft bewusste Entscheidungen. Ihre Motivation ist nachvollziehbar, ihre Loyalität glaubwürdig. Besonders stark sind die Szenen, in denen sie Motive hinterfragt und sich nicht einschüchtern lässt.

Die Dynamik innerhalb der herrschenden Familie sorgt für anhaltende Spannung. Macht, Misstrauen und verborgene Interessen prägen die Beziehungen. Niemand ist eindeutig einzuordnen. Das hält die Geschichte lebendig.

Die Liebesgeschichte setzt auf Slow Burn und Wortgefechte. Nicht jede romantische Szene wirkt vollkommen rund, doch insgesamt fügt sich die Beziehungsebene in die Handlung ein, ohne sie zu dominieren.

Im letzten Drittel zieht das Tempo deutlich an. Die Ereignisse spitzen sich zu, ohne in einem harten Cliffhanger zu enden. Gleichzeitig wird klar, dass die Geschichte weitergeht.

House of Blight lebt von Atmosphäre, moralischen Konflikten und einem Magiesystem mit echten Konsequenzen. Themen wie Opferbereitschaft, Loyalität und Macht stehen im Zentrum. Wer Gothic Romantasy mit magischen Schwüren, erzwungener Nähe und einer geheimnisvollen Familie mag, findet hier eine dichte, stimmungsvolle Geschichte.

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Veröffentlicht am 14.02.2026

Ein Abschluss

Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel
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Ich habe die Geschichte von Evelyn und Silvia schon sehr gern gelesen. Deshalb war ich neugierig auf Hannah. Und ich war sofort wieder drin.

Der Roman springt zwischen 1945, 1989 und 2023. Das funktioniert ...

Ich habe die Geschichte von Evelyn und Silvia schon sehr gern gelesen. Deshalb war ich neugierig auf Hannah. Und ich war sofort wieder drin.

Der Roman springt zwischen 1945, 1989 und 2023. Das funktioniert erstaunlich gut. Ich mochte vor allem die Gegenwartsebene mit Hannah. Ihre Auseinandersetzung mit dem Vater hat für mich die größte Kraft. Diese Mischung aus Wut, Neugier und alter Sehnsucht hat mich sehr beschäftigt. Ich konnte Hannah gut verstehen, auch wenn ich sie manchmal gern geschüttelt hätte.
Die Vergangenheit ist stark erzählt, hätte an manchen Stellen für meinen Geschmack noch mehr Tiefe vertragen. Die Szenen im Forsthaus mit der Malerin Wilma und der eigenwilligen Haushälterin haben mich besonders berührt. Das Leben in der frühen DDR, die Enge, die politischen Erwartungen, der Wunsch nach eigener Kunst, das alles wirkt erstaunlich greifbar.

Das verschwundene Bild, das sich durch alle drei Bücher zieht, spielt hier eine leisere Rolle, als ich erwartet hatte. Das fand ich dann doch etwas schade. Trotzdem hat mich die Geschichte gepackt. Ich habe viele Passagen einfach in einem Rutsch gelesen.

Für mich ein stimmiger Abschluss dieser Familiengeschichte, wenn auch nicht ganz so eindringlich wie der erste Band, aber nah dran.

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