Eine meisterhaft arrangierte Reise in die Welt der Kunst
The ArtistDieses Buch ist ein Schatz, der den Leser in die wunderbare Landschaft Südfrankreichs in das Jahr 1920 führt. Der Kunst-Journalist Joseph begibt sich in einen kleinen, verschlafenen Ort in der Provence, ...
Dieses Buch ist ein Schatz, der den Leser in die wunderbare Landschaft Südfrankreichs in das Jahr 1920 führt. Der Kunst-Journalist Joseph begibt sich in einen kleinen, verschlafenen Ort in der Provence, um ein Interview mit dem zurückgezogen lebenden Künstler Tartuffe zu führen. Der abweisende Maler lässt Joseph widerstrebend bei sich wohnen, allerdings nur, weil dieser ihm Modell für sein nächstes Bild sitzen soll. Joseph ist überwältigt, dem mysteriösen Meister, der sich vor vielen Jahren aus der Kunstwelt zurückgezogen hat, näher zu kommen. Doch Tartuffe ist unberechenbar. Mal herrisch, mal in sich gekehrt, mal überraschend zugänglich und dann wieder egozentrisch, gelangweilt und verschlossen wie eine Auster. Der Maler teilt sich das Haus mit seiner Nichte Ettie. Die junge Frau ist ebenso verschlossen, beinahe abweisend und doch sehr sensibel. Wie ein Geist bewegt sie sich durch das Haus, beschafft Pinsel, arrangiert die Motive, bestellt die Farben, liest Briefe vor, ist das Mädchen für alles. Die Beziehung zwischen Onkel und Nichte ist besonders. Nähe, Wut, Liebe und Abhängigkeit auf beiden Seiten prägen das Zusammenleben. Joseph fühlt sich anfangs wie ein Eindringling in diesem eingespielten Beziehungsgeflecht, in dem jeder Schritt, jeder Handgriff zu einer festgelegten Choreografie zu gehören scheint. Erst nach und nach kommt er Ettie näher. Zwischen den beiden entwickelt sich ein zartes Band. Vertrautheit, so etwas wie Freundschaft und letztlich sogar eine erotische Anziehung. Das kommt für den Leser nicht wirklich überraschend, beinah scheint es so, als würde die Handlung unausweichlich darauf zu steuern. Es passiert nicht viel in dem alten Haus in diesem heißen Sommer. Joseph sitzt Modell, schreibt fleißig Artikel für die Kunstzeitung und beobachtet den Maler und seine Nichte. Dabei offenbart Ettie nach und nach ihr Geheimnis. Dieses kommt für mich nicht wirklich überraschend, was aber nicht schlimm ist, da es in diesem wundervoll berührenden Roman um viel mehr geht. In ständigen Perspektivwechseln erlebt man aus Josephs und aus Etties Sicht, wie sich die Ereignisse in diesem heißen Sommer unwiederbringlich zuspitzen. Lediglich der große Meister Tartuffe scheint von dem, was um ihn herum passiert, nichts zu bemerken. Das mag daran liegen, dass er sich nur für sich selbst interessiert. Besonders berührt haben mich die Rückblicke in Josephs und Etties Vergangenheit. Das, was sie in den Kriegsjahren erlebt haben, Etties erste Liebe, Josephs Verlust von Mutter und Bruder, das alles ist so wunderbar einfühlsam geschildert, dass man sich beinah als stiller Beobachter der jeweiligen Szenen fühlt. Man spürt die flirrende Hitze, das Summen der Zikaden, den Geruch von Lavendel. Der Schreibstil ist äußerst bildhaft, satt und voll. Man sieht die üppigen Kulissen der Bilder, Zitronen, Auberginen, Pfirsiche. Am meisten begeistert mich aber die Hauptfigur, Ettie. Nicht etwa der große Maler oder Joseph, der auch äußerst liebenswert gezeichnet ist, sondern die verschlossene mysteriöse, aber unglaublich starke Ettie. Ich weiß nicht, wann ich zuletzt von einer so tollen Frauenfigur gelesen habe. Ihr Schicksal, ihre innere Zerrissenheit, ihre Angst, aber auch ihr Mut, ihre Entschlossenheit und ihre Leidenschaft zur Kunst beeindrucken mich sehr. Ettie schleicht sich in mein Herz. Besonders passend finde ich, dass der Titel des Romans The Artist auch für die deutsche Fassung übernommen wurde. Das wunderbar farbenfroh gestaltete Cover, die zu erahnenden Pinselstriche und die üppige Farbgebung des Lavendels passen wunderbar zur Handlung. Für mich ist dieses Buch ein absolutes Leseerlebnis, das sich langsam aufbaut, aber umso mehr berührt.