Unerwartet unbefriedigend und gleichzeitig sehr reflektiv.
Ich, die ich Männer nicht kannteIch, die ich Männer nicht kannte ist nicht nur eine Reise auf einen anderen Planeten und in eine andere Zeit, sondern vor allem eine Reise zu den grundlegenden Fragen, die in uns allen schlummern: Was ...
Ich, die ich Männer nicht kannte ist nicht nur eine Reise auf einen anderen Planeten und in eine andere Zeit, sondern vor allem eine Reise zu den grundlegenden Fragen, die in uns allen schlummern: Was bedeutet es eigentlich, Mensch zu sein?
Durch die Augen der Protagonistin entdecken wir eine Welt, in der zwar alles vorhanden ist, was man zum Überleben braucht – Luft zum Atmen, Essen und ein Dach über dem Kopf – und doch das Wesentliche fehlt: Verbundenheit. Die Erzählerin wächst mit 39 anderen Frauen in Gefangenschaft auf, ohne Eltern, ohne Privatsphäre und ohne jede Form von körperlicher Nähe. Berührungen sind verboten, Zuneigung ebenso. Gleichzeitig sind die Frauen auch aller Errungenschaften unserer Zeit beraubt – Bildung, Kultur, angemessene Kleidung.
Selbst nachdem die Protagonistin der Gefangenschaft entkommt, fühlt sich das nicht wie eine erkämpfte Freiheit an. Vielmehr ist es ein weiteres Anpassen an eine neue, fremde Realität. Besonders berührend fand ich, dass sie erst sehr spät erkennt, dass selbst sie – die ohne Bindung, Zuneigung und Nähe aufgewachsen ist – doch fähig war zu fühlen:
“I was forced to acknowledge too late, much too late, that I too had loved, that I was capable of suffering, and that I was human after all.”
Und vielleicht liegt genau darin die Antwort auf die zentrale Frage des Buches: Mensch sein heißt fühlen zu können. Freude ebenso wie Leid – und darin mit anderen verbunden zu sein.
Der Schreibstil hat mir sehr gut gefallen: klar, ruhig und gleichzeitig unglaublich eindringlich. Auch der Spannungsbogen bleibt über das ganze Buch hinweg bemerkenswert stark, obwohl die Geschichte eher von Gedanken und Beobachtungen lebt als von klassischer Handlung.
Viele Fragen bleiben am Ende offen – warum das alles passiert ist, wo diese Welt liegt, was mit der Menschheit geschehen ist. Das kann frustrierend sein, und auch ich hätte mir an manchen Stellen mehr Antworten gewünscht. Gleichzeitig ist genau dieses offene Ende vielleicht der stärkste Kniff des Romans: Denn so wie die Protagonistin müssen auch wir akzeptieren, dass wir nicht immer Antworten bekommen. Oft leben – und sterben – wir, ohne alle Fragen klären zu können.
Mich hat das Buch jedenfalls tief berührt und noch lange nach dem Lesen beschäftigt.