Die Lebensrealität von Frauen - Heute und Damals
Das Tränenhaus. Roman
Eine wirkliche Empfehlung und mein Lesehighlight bisher in diesem Jahr. Der neuaufgelegte Klassiker wird nicht nur seinem Ziel gerecht, die Frauen der Literaturgeschichte wieder mehr in den Fokus zu nehmen, ...
Eine wirkliche Empfehlung und mein Lesehighlight bisher in diesem Jahr. Der neuaufgelegte Klassiker wird nicht nur seinem Ziel gerecht, die Frauen der Literaturgeschichte wieder mehr in den Fokus zu nehmen, sondern zeigt in der Aktualität der Geschichte, dass sich die Realität von Frauen trotz der vergangenen Zeit nur scheinlich verbessert hat.
Mit einem faszinierenden Talent, Sprache so zu verwenden, dass die Geschichte zum Leben erwacht und farbenfrohe, lebendige Bilder entstehen, führt uns Gabriele Reuter in das Leben einer Frau, die nicht in die gesellschaftlichen Konventionen ihrer Zeit passt. In ihrer Geschichte liegt der klar formulierte und zwischen den Zeilen schmerzhaft greifbare Appell an die weibliche Solidarität. Zwar müssen Frauen heute -zumindest in meiner privilegierten Blase - keine Angst mehr haben, mit einem „unehelichen“ Kind gesellschaftlich geachtet zu werden und mittellos dazustehen, aber Gleichberechtigung der Geschlechter haben wir noch lange nicht erreicht. Frauen verdienen nach wie vor weniger als Männer und müssen auch heute noch oft das Recht auf finanzielle Unterstützung des Vaters einklagen. Wenn sie das „Glück“ haben, in einer partnerschaftlichen Beziehung zu sein, sind sie zwar finanziell abgesichert, aber nicht selten trotzdem in Gefahr: noch immer erlebt fast jede Vierte Frau in der Partnerschaft Gewalt und noch immer leben wir in einem System, dass den Täterschutz mehr priorisiert als die Opfer.
In diesem Sinne bleibt auch heute der Appell von Gabriele Reuter bestehen: Dass sich das Schicksal der Frau nicht ändern wird, „solange Mädchen leben und lieben - solange Männer Männer bleiben“ (S. 112). Auf, dass sich Frauen nicht länger „gegenseitig hassen, verachten und verfolgen“ (S. 116), sondern sich zusammenschweißen.
Eine Empfehlung also für Alle, die die Situation von Frauen ebenfalls noch ungerecht finden und dazu einen ausgezeichnet geschriebenen Roman lesen wollen.