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Veröffentlicht am 03.11.2018

Der Text eines Lebens

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Dmitry Glukhovsky - Text

Ein russischer Autor der modernen Generation, der in seinem neuen Roman auf außergewöhnliche Art und Weise das moderne Russland thematisiert, auch soziale Missstände benennt, ...

Dmitry Glukhovsky - Text

Ein russischer Autor der modernen Generation, der in seinem neuen Roman auf außergewöhnliche Art und Weise das moderne Russland thematisiert, auch soziale Missstände benennt, doch gleichermaßen die Abgründe menschlicher Existenzen berührt. Ja, das Regime (gemeint ist Putins Russland) trägt eine Mitschuld, indem es durch Korruption die kleinen Leute im Stich lässt. Trotz alldem ist jeder seines Glückes Schmied und muss zusehen, wie er selbst wieder auf die Beine kommt. Damit erinnert dieses Werk durchaus an bekannte russische Schriftsteller, wie Tolstoi und Dostojewski, mit den klassischen Themen der Schuld und Sühne, nur in moderner Ausführung.

Nach sieben endlosen Jahren wird Ilja aus dem Straflager entlassen, in ein Leben, das ihm nicht mehr gehört. Er muss feststellen, dass seine Mutter nur wenige Tage vor seiner Rückkehr verstorben ist, seine Freundin hat ihn längst verlassen. Völlig überfordert kommt er mit seiner lang ersehnten Freiheit nicht zurecht und ertränkt seinen Kummer, nach russischer Art, mit Wodka.
"Außen war seine Haut rein geblieben, aber die Innenhaut war voller Tätowierungen. Niemand kann im Gefängnis sein Inneres schützen." Seite 58

In seiner Verzweiflung beginnt er zu suchen und trifft schließlich tatsächlich auf den Mann, der ihn damals aus reiner Willkür und Bosheit ins Straflager gebracht hatte, Petja, von Ilja auch genannt, das Schwein. Überwältigt vom Alkohol und Rachegelüsten ersticht er ihn und nimmt sein Handy an sich. Um die Entdeckung seiner Tat hinauszuzögern, beginnt er, auf Nachrichten, die an das Opfer gerichtet sind, zu antworten. Nach und nach setzt er aus älteren Chats und Aufzeichnungen wie aus Puzzleteilen das Leben dieses Mannes zusammen.
Ilja hat den Text seines Lebens gefunden und hat sich unversehens viel zu sehr darin verfangen. Nachdem er in sein eigenes Leben nicht mehr zurückfindet, schlüpft er in die Rolle des Anderen und nimmt ein Stück weit dessen Identität an, denn dies ist alles, was ihm geblieben ist.

Ilja hat im Eifer des Gefechts Gott gespielt. Indem er den Täter ermordet hat, hat er ihn zu seinem Opfer und sich selbst wiederum zum Täter gemacht. Doch Ilja hat das Herz eigentlich am rechten Fleck und fühlt sich nun für die Angehörigen Petjas verantwortlich. (Schuld und Sühne)

Glukhovsky hat einen besonderen, sehr kraftvollen Erzählstil. In diesem Roman beschäftigt sich Ilja über weite Teile hauptsächlich mit dem Handy seines Opfers. Hauptsächlich auf der Grundlage von WhatsApp-Nachrichten und Mails erfährt man zeitgleich mit Ilja Hintergründe aus dem Leben seines Opfers. Das ist schon sehr gut gemacht und erfrischend anders. So etwas habe ich in der Art noch nicht gelesen.
Zwangsläufig spielt so der Einfluss der sozialen Medien eine große Rolle. In diesem Fall machen sie ein ganzes Leben nachvollziehbar, alles ist gespeichert. Offensichtlich leidet jedoch der persönliche Kontakt zueinander. Ein Handy kann man einfach wegdrücken oder ignorieren. Eine knappe Nachricht ist schnell geschrieben. Verstörend, wenn die Angehörigen tagelang nicht bemerken, dass es nicht Petja ist, der ihnen schreibt.

Mir hat der Schreibstil sehr gut gefallen und neugierig gemacht auf die früheren Werke des Autors. Mit der dystopischen Metro-Trilogie hat er einen Weltbestseller gelandet.

Auf jeden Fall, absolut empfehlenswert!

Veröffentlicht am 19.10.2018

Die gezielte Selbstzerstörung eines vernachlässigten Kindes

Loyalitäten
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In letzter Zeit habe ich einige recht schmale Bücher gelesen, die trotzdem (oder auch gerade deshalb?) mit einem sehr starken Inhalt punkten konnten. Dies hier ist eines davon. Vielleicht liegt es daran, ...


In letzter Zeit habe ich einige recht schmale Bücher gelesen, die trotzdem (oder auch gerade deshalb?) mit einem sehr starken Inhalt punkten konnten. Dies hier ist eines davon. Vielleicht liegt es daran, dass bei einem geringeren Umfang die Sprache sehr prägnant und auf den Punkt sein muss. Möglicherweise auch daran, dass den Leser viele Emotionen zwischen den Zeilen erreichen, dass nicht alles deutlich ausgesprochen werden kann und der Leser stärker gefordert ist, sich seine eigenen Gedanken zu machen und Schlüsse zu ziehen.

Das Thema, um welches es hier geht, ist sicherlich kein Einfaches. Theo ist ein guter, wenn auch stiller Schüler, trotzdem findet seine Lehrerin Helene etwas an seinem Verhalten auffällig. Sie hat keine Beweise, kann ihren Verdacht nicht einmal benennen. Und wird damit im Lehrerkollegium auch nicht ernst genommen. Nur Theos Freund Mathis weiß von seinen Problemen, zögert jedoch, sich jemandem anzuvertrauen.

Theo ist ein Kind, das wöchentlich zwischen seinen seit vielen Jahren getrennten Eltern pendelt. Eine Kommunikation zwischen diesen findet in keiner Weise mehr statt, vielmehr kommt es zu Anfeindungen über Theo als Mittler. Als wäre es damit nicht genug, bürden sie ihrem Kind (unbewusst?) viel zu viel Verantwortung auf. Misstrauen und Distanz dominieren Theos Verhältnis zu beiden Elternteilen.
"Vielleicht wird er sich einfach nur im Dunkeln hinsetzen und die Füße zwischen den Stuhlbeinen baumeln lassen, weil er nicht mehr weiß, was er sagen oder tun soll, weil er weiß, dass das alles für ihn zu viel ist, dass es seine Kräfte übersteigt. " Seite 63

Doch Theo hat längst einen Weg gefunden, dem Druck zumindest für einige Zeit zu entfliehen. Er trinkt hochprozentigen Alkohol, um sich besser zu fühlen. Tatsächlich steigert er die tägliche Menge sogar, denn sein Ziel ist es, das Bewusstsein zu verlieren, um zu vergessen.

Die Autorin beschreibt ihre Figuren detailliert und nachvollziehbar. Die Lehrerin Helene, die mit ihrem eigenem Trauma kämpft und nur deshalb so beharrlich der Sache nachgeht. Andernfalls wäre Theo wohl durchs Raster gefallen und nicht zu retten. Immer wieder klingt hier auch eine sehr deutliche Kritik an unserer Gesellschaft an.
Theos Eltern, die traurig und desillusioniert, mit der Situation vollkommen überfordert sind. Sie sind nicht einmal in der Lage das Problem überhaupt zu sehen.
Und auch Mathis, Theos Freund, dessen Familie auf den ersten Blick intakt und glücklich erscheint, wo es unter der Oberfläche aber ebenfalls gewaltig brodelt.

Das Lesen selbst fällt leicht, ich hatte den Roman an zwei Abenden beendet. Kurze Kapitel, aus den Sichtweisen der einzelnen Protagonisten erzählt, machen es dem Leser leicht, sich voll und ganz auf den durchaus anspruchsvollen Inhalt zu konzentrieren.
Eine volle Leseempfehlung von mir. Vielleicht sollte man diese Geschichte zum Anlass nehmen, öfter mal genauer hinzusehen.




Veröffentlicht am 25.03.2026

Oz und das Chaos

Sie wollen uns erzählen
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Sie wollen uns erzählen – Birgit Birnbacher
Oz, eigentlich Oswald, hat ADHS, immer wieder Probleme in der Schule und jetzt kommt noch diese wirklich furchtbare Sache mit dem Hasen dazu. Bevor er es zuhause ...

Sie wollen uns erzählen – Birgit Birnbacher
Oz, eigentlich Oswald, hat ADHS, immer wieder Probleme in der Schule und jetzt kommt noch diese wirklich furchtbare Sache mit dem Hasen dazu. Bevor er es zuhause beichten kann, verschwindet seine Oma und das Chaos bricht aus. Wenig hilfreich ist dabei, dass auch seine Mutter neurodivergent ist und Probleme mit der Selbstregulation hat.
Ich mag vor allen Dingen den typischen Birnbacher-Sound. Sie erzählt einfach mitten aus dem Leben und mit wunderbarem österreichischen Lokalkolorit. Ihre Figuren sind nicht nur neurodivergent, sondern auch unkonventionell.
Meiner Meinung nach wird die Diagnose ADHS eigentlich nur am Rande thematisiert. Vielmehr geht es um eine chaotische Familie, aber auch um eine letztendlich gute Mutter-Sohn-Beziehung.
Insgesamt war mir hier das Zeitfenster von wenigen turbulenten Tagen etwas zu klein, um sich wirklich ein Bild vom neurodivergenten Familienleben zu machen. Denn mal ganz ehrlich – die Großmutter ist scheinbar verwirrt und flieht aus dem Krankenhaus – in welcher Familie würde es denn da nicht erstmal drunter und drüber gehen?
Sprachlich und erzählerisch mochte ich diesen Roman von Birnbacher wieder sehr, allerdings war ich hier thematisch nicht ganz überzeugt, bzw. bin ich der Meinung, dass dieses Thema mehr Seiten und damit mehr Raum erfordert hätte.
4 Sterne


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Veröffentlicht am 25.03.2026

Briefroman

Die Liste der Lebenden
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Die Liste der Lebenden – Stefan Kutzenberger
In einem Briefroman verarbeitet der Autor historisch gesicherte Ereignisse, wie den Untergang des Auswandererschiffes Austria.
Henriette "Jette" Wulff ist ...

Die Liste der Lebenden – Stefan Kutzenberger
In einem Briefroman verarbeitet der Autor historisch gesicherte Ereignisse, wie den Untergang des Auswandererschiffes Austria.
Henriette "Jette" Wulff ist 1858 als Passagierin der Austria in Seenot geraten. Nackt und mit 57 Jahren auch nicht mehr ganz jung findet sie sich auf einer Tür mitten im Atlantik wieder und verfasst im Angesicht des sicheren Todes imaginäre Briefe an ihren langjährigen Vertrauten, den berühmten Dichter Hans Christian Andersen, der sich währenddessen in Kopenhagen noch in Unwissenheit befindet und reale Briefe an Jette schreibt. Wartend auf eine Adresse in Amerika legt er diese auf einen Stapel.
Im halb imaginären, hab realen Dialog zeigt sich nach und nach das Ausmaß und die wahre Tiefe dieser Beziehung, der beide Beteiligte nie eine Chance gegeben haben.
Sprachlich passt das Werk gut in die damalige Zeit. Wie auch der Stand der beiden ist auch die Ausdrucksweise eher gehoben, leicht antiquiert, beispielsweise sprechen sie einander mit Sie an.
Gerade an Jette auf ihrer Tür kommt man sehr nah heran. Sie wirkt authentisch, die Geschichte ist spannend und berührend.
Das war mal etwas ganz anderes und ich habe dieses Buch sehr gerne gelesen.
4 Sterne.


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Veröffentlicht am 15.03.2026

Abgründe

Ultramarin
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Ultramarin – Ann-Christin Kumm
Drei junge Menschen mieten sich in einem Ferienhaus an der dänischen Küste ein. Unbeschwert verläuft dieser Urlaub jedoch nicht. Denn zwischen Raf, Lou und Nora entfaltet ...

Ultramarin – Ann-Christin Kumm
Drei junge Menschen mieten sich in einem Ferienhaus an der dänischen Küste ein. Unbeschwert verläuft dieser Urlaub jedoch nicht. Denn zwischen Raf, Lou und Nora entfaltet sich ein komplexes, äußerst toxisches Beziehungsgeflecht.
Raf und Lou unterhalten bereits seit Jahren eine ungleiche, queere On-Off-Beziehung. Dass die beiden Männer homosexuell sind, spielt in dieser Geschichte für mich aber eigentlich höchstens eine untergeordnete Rolle. Viel gravierender ist Rafs eklatante Persönlichkeitsstörung, die immer offensichtlicher wird, für die der hörige Lou aber völlig blind zu sein scheint. Nora hingegen ist zum ersten Mal mit den beiden auf Reisen und scheint auf unglückliche Weise zwischen die Fronten zu geraten.
Raf manipuliert, spielt seine Macht aus und testet immer weiter Lous Grenzen aus – etwas, das dieser gar nicht zu besitzen scheint. Rückblenden in die Vergangenheit und damit in die Anfangszeit der beiden zeigen bereits deutliche Warnsignale. Auch Klassenunterschiede, die das ungleiche Machtverhältnis nur noch weiter manifestieren, sind ein Thema.
Frau Kumm hat einen bemerkenswert direkten, wenn auch manchmal etwas knappen Erzählstil. Schonungslos und mit großer Nähe führt sie ihre Leser ganz dicht an ihre Figuren heran – und lässt sie fassungslos zurück. Oft arbeitet sie mit kleinen, schockierenden Andeutungen. Die Geschichte ist psychologisch äußerst tiefgründig. Sowohl Raf als auch Lou sind auf ganz unterschiedliche Art und Weise sehr interessante Charaktere.
Es entsteht ein gewaltiger Sog und eine Spannung, die sich bis zum Finale hochschraubt.
Spannend, verstörend, bedrückend.
4 Sterne

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