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Veröffentlicht am 17.03.2026

Erfrischend spritzig

Waisenkind
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Dies ist Avitals zweites Mal im Kloster. Zuerst war sie mit sechzehn hier, da hatte Jesus ihr den Weg gewiesen, damals war sie Nutte, genauso, wie man das der Maria Magdalena ja nachgesagt hatte. Heute ...

Dies ist Avitals zweites Mal im Kloster. Zuerst war sie mit sechzehn hier, da hatte Jesus ihr den Weg gewiesen, damals war sie Nutte, genauso, wie man das der Maria Magdalena ja nachgesagt hatte. Heute ist sie fast aus freien Stücken gekommen, als Mörderin. Es hat sich einiges geändert. Damals war Theresa die Äbtissin, jetzt ist es Agnes. Der schöne Innenhof mit den Bänken, so als habe Jesus hier irgendwann einen Gastauftritt, lockt zum Verweilen. Der Weg zur Bibliothek ist von Bougainvillen gesäumt und kurz, damit die Männer, die zum Lesen kommen die Nonnen nicht schwängern.

Aufgewachsen ist Avital in Lifta bei ihren Großeltern Malka und Jakob Ochajon, der Terroristin und dem Informanten. Ihre Mutter hatte sie nur als Grabstein kennengelernt, mit vielen Kanten und einem Foto, das mehr Dunkelheit als Licht enthielt. Sie hieß Schula und war in Avitals Geburtsjahr gestorben.

Sobald Oma und ihr Informant Mama erwähnten, ließen sie einen ganzen Schwall Flüche vom Stapel. S. 17

Eine ganze Weile lang hat Avital ihren König Lear gesucht, den Typen, den Shakespeare in seinem Stück beschreibt, ihren Vater halt, den sie eben Lear nannte. Aber diese Suche und die verfluchte Geschichte mit Opas Parlament, lauter alte Säcke, die anrückten, wenn Oma Arak besorgte oder Leichen wusch und Avital dann auf die Pelle rückten, hatte sie zum ersten Mal in dieses Kloster geführt.

Fazit: Galit Dahan Carlibach, mehrfach ausgezeichnete Autorin, hat mich aus dem Staunen nicht mehr rausgelassen. Ihre Protagonistin ist ohne Eltern bei ihren alkoholkranken Großeltern aufgewachsen. Sie sucht ihren Vater, weil sie sich ein bisschen Geborgenheit wünscht, die sie sonst nirgendwo findet. Nach einer Eskalation haut sie mit vierzehn ab und schlägt sich mit allem, was sie kann, durchs Leben, bis sie auf einen alten Mossad-Agenten trifft, der alles über Avitals Familie weiß, aber das weiß Avital wiederum nicht. Avitals Geschichte könnte schlimmer nicht sein, doch ich finde keine Sekunde Zeit, das arme Ding zu bemitleiden und das tut gut, weil mir nicht weh. Die Autorin bedient sich einer besonderen Stilart. Sie lässt ihre Protagonistin einen Brief an den Herrn Richter und die Sozialarbeiter schreiben, in dem sie ihnen alles berichtet, für was sie sie schuldig befinden könnten und die Umstände, die dazu geführt haben. Die Sprache ist erfrischend abgefuckt und macht Avital so authentisch. Natürlich geht es in Avitals Berichterstattung drüber und drunter, doch ich erkenne schnell, dass der Mossad Agent das Beste ist, was Avital passieren konnte, nicht weil der Mossad eine gute Einrichtung wäre, sondern weil der Spion sich schuldig fühlt. So mehr wird nicht verraten. Das ist kreatives Schreiben par excellence. So erfrischen und spritzig, ich bin hin und weg.

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Veröffentlicht am 16.03.2026

Intensive Inszenierung

Ultramarin
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Nora kam etwas zu spät, legte ihre dünnen Arme um Raf und küsste Lou danach auf die Wange. Sie stiegen ins Auto und Raf drehte den Zündschlüssel. Wo ist Sophie, fragte Nora. Nicht da. Sie rettet Bäume, ...

Nora kam etwas zu spät, legte ihre dünnen Arme um Raf und küsste Lou danach auf die Wange. Sie stiegen ins Auto und Raf drehte den Zündschlüssel. Wo ist Sophie, fragte Nora. Nicht da. Sie rettet Bäume, weil das Klima immer wichtiger ist als man selbst, meinte Raf. Nora verengte die Augen und sah Rafs im Rückspiegel auf sich gerichtet. Noch konnte sie aussteigen, aber sie tat es nicht.

Sie hielten zum ersten Mal an der Autobahnraststätte in Flensburg. Also Nora ausstieg, bemerkte Lou, dass sie noch da war, fast hätte er sie vergessen. Sie lief über den verbrannten Rasen und wirkte unsicher. Eine kleine blonde Frau, fast noch ein Mädchen. Sie hat einen süßen Knackarsch, grinste Raf. Lass das doch, sagte Lou. Raf wuschelte Lou im Haar und ließ seine Hand schwer auf seinem Genick liegen. Ich mag, wenn du eifersüchtig bist, bemerkte Raf. Lou schloss die Augen, bin ich nicht!

Lou vermisste Sophie. Sie waren immer zu dritt in Urlaub gefahren. Sie hatte sich von der Rückbank nach vorne zwischen ihre Sitze gedrückt, die Haare nach hinten geworfen und Raf Paroli geboten. Sie war die einzige, bei der er das zuließ. Raf und Sophie waren als Kinder oft in dem Haus ihrer Tante in Dänemark. Seit dem Tod ihrer Mutter allerdings nicht mehr. Lou hatte Raf nach seinem Schulwechsel kennengelernt, das war zehn Jahre her. Raf umwogten einige Sagen. Er war von der vorherigen Schule geflogen und man munkelte, er habe einen Hecht in den Goldfischteich des Direktors gesetzt. Er habe die Chemielehrerin gevögelt und einen Jungen die Treppe hinuntergestoßen.

Fazit: Ann-Christin Kumm hat in ihrem Debüt eine dysfunktionale Beziehung zwischen zwei jungen Männern aufbereitet. Raf ist ein Bild von Mann, gut aussehend, intelligent, siegesgewiss, charismatisch und rhetorisch ein Fuchs. Lou ist unsicher und voller Selbstzweifel. Schon am Anfang der Geschichte macht sich eine ungute Stimmung breit. Die Überheblichkeit und Dominanz Rafs ist gut gezeichnet. Das Ungleichgewicht zwischen den beiden tritt deutlich hervor. Über Lous Rückblicke erfahre ich, was die beiden so aneinanderfesselt. Lou verzweifelt an seiner konditionierten emotionalen Abhängigkeit und versucht sich mehrfach davon zu befreien, doch es gelingt ihm nicht. In diversen Fehlinterpretationen Lous verschwimmt das realistische Bild Rafs, der munter ganz wissentlich mit Lou spielt, ihn manipuliert und infrage stellt. Nora spielt eine kleine Nebenrolle in dieser intensiven Inszenierung, entscheidet am Ende jedoch über deren Ausgang. Du meine Güte war das krank, spannend und viel tiefsinniger als der Klappentext vermuten ließ. Ich mochte die detailgetreuen Situationsbeschreibungen und die Dialoge. Das Ende haut unerwartet rein. Gelungene Erzählung, die zeigt, dass nicht nur Frauen in solchen kranken Dynamiken landen.

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Veröffentlicht am 16.03.2026

Bildreiche Erzählung

Der letzte Sommer der Tauben
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Noah steht auf dem Dach und beobachtet seine Tauben. Anders als sonst schließen die nervösen Vögel Allianzen mit fremden Gruppen. Er setzt den Lockvogel auf den Zaun und sieht seine Tauben zurückfliegen. ...

Noah steht auf dem Dach und beobachtet seine Tauben. Anders als sonst schließen die nervösen Vögel Allianzen mit fremden Gruppen. Er setzt den Lockvogel auf den Zaun und sieht seine Tauben zurückfliegen. Ein donnerndes Dröhnen erklingt, dann sieht Noah direkt vor sich, wie sich die Rotorblätter zweier Hubschrauber in den Himmel schrauben. Er könnte den Piloten winken, so nah sind sie, aber das ist keine gute Idee. Das Ehepaar, zwei seiner Tauben fehlen. Während er den Blick über den Himmel schweifen lässt, sieht er die schwarze Rauchsäule und weiß, dass er zurückmuss, dass sein Vater ihn braucht.

Gerade biegt er in die Gasse, die ihn in die Hektik des Basars führt und da sieht er am Rand der Medina den Rauch, noch bevor er ihn in die Augen beißt. Drei Männer in schlichten Uniformen mit geschulterten Gewehren werfen Poster, Kleidung und Zigaretten ins Feuer. Viele Menschen stehen drumherum, keiner sagt etwas.

Es ist ein Schauspiel, dessen Premiere alle erwartet haben – der Tag, an dem die Reinheit des Glaubens alle unislamischen Farben und Formen verschlingen soll. S. 9

Sein Vater sitzt zusammengesunken vor seinem Laden. Das Gesicht einst voller Wärme und Stolz, jetzt faltig und blass. Die Religionspolizei hat ihn mit mehreren Auflagen belegt. Die Puppen im Schaufenster hat er schon umgezogen, sie tragen jetzt Niqabs. Die fröhlichbunte Kleidung aus den schönsten Stoffen musste den traditionellen schwarzen Gewändern weichen. Jetzt müssen sie Gesichter, Haare und Haut auf den Verpackungen schwärzen und sie haben nicht viel Zeit.

Fazit: Abbas Khider, mehrfach ausgezeichneter Autor, schreibt über sein Heimatland Irak. Sein 14- jähriger Protagonist erzählt von seiner Familie. Sein Vater, der Kleider verkauft und nun einsieht, dass er besser bei Teppichen geblieben wäre. Seine Mutter und Schwester, die das Haus nicht mehr verlassen dürfen, sein älterer Bruder, über den niemand spricht und sein Onkel, der anders ist und ihm Halt und Stabilität gibt, in einer Welt, die sich rasend schnell verändert. Im Kalifat herrschen jetzt die Mudschaheddin, bewaffnete Männer mit Rauschebart, die alles verbieten, was Spaß macht. Zigaretten, Alkohol, Musik und Mobiltelefone. Jesiden verschwinden spurlos, Propagandafilme geistern durch die wenigen Sender. Mit zarter Sprache und melodiösem Satzbau lässt Abbas Khider mich diese Gewaltherrschaft miterleben. Als wäre ein Leben ein beschriebenes Blatt Papier, das in der Mitte durchgerissen, zu kleinen Schnipseln verarbeitet und vom Wind davongetragen wird., wie die Tauben, die Noah züchtet. Eine Geschichte voller Verluste, in einer Art erzählt, die mich völlig vereinnahmt hat. Ich bin dankbar und begeistert, dass immer mehr orientalische Autor*innen die richtigen Worte finden, uns die humanitären Katastrophen in ihren Heimatländern nahe zu bringen. Dieses Buch mochte ich sehr. Für alle, die Deniz Utlu, Behzad Karim Khani oder Necati Öziri lesen.

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Veröffentlicht am 09.03.2026

Sehr fesselnd

Parasiti
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Fürstenfeldbruck 2021

Rina läuft aufgebracht durch die Wohnung, als Valli nach Hause kommt. Rinas Großmutter Lydia sitzt auf dem Sofa und rührt sich nicht. Neben ihr hat Rina ein braunes Kuvert gefunden, ...

Fürstenfeldbruck 2021

Rina läuft aufgebracht durch die Wohnung, als Valli nach Hause kommt. Rinas Großmutter Lydia sitzt auf dem Sofa und rührt sich nicht. Neben ihr hat Rina ein braunes Kuvert gefunden, daneben ein streichholzkleines Plastiketwas mit einem winzigen Püppchen darin, dass den Daumen in den Mund gesteckt hat. In dem Begleitschreiben steht, dass ein echter Fötus im Alter von zehn Wochen genauso aussehe. Klein, schutzbedürftig und so bedroht wie nie, so schreiben es die Abtreibungsgegner.

Valli setzt sich neben Lydia, redet auf sie ein. Sie cremen ihre leblosen Hände mit Calendula ein, wie sie es gern hat, dann die Füße. Sie wissen nicht, was sie sonst machen sollen. Valli holt das rote Fotoalbum, das Lydia so liebt, blättert darin und sagt, was sie sieht. Als Rina auf dem Balkon steht und raucht, geht ein Ruck durch den Großmutterkörper. Kuckuckskind krächzt sie, Parasit!

Valli ist erschüttert. Wenn jemand sie jetzt mit einer Nadel pieksen würde, käme kein Blut. Sie weiß, dass sie gemeint ist. Nach allem, was Valli und Lydia zusammen erlebt, die Männer, die sie beerdigt haben. Seit Jahren wohnen sie zusammen, damit Valli sich um Lydia kümmern kann wie die sich einst um Valli und jetzt das.

Novosibirsk 1961

Lydia könnte noch schlafen, aber ihr Sashka hat wieder gestunken wie ein Klohäuschen. Nach Mitternacht kam er in die Hütte gepoltert und stank. Boshe moj! Sie waren in der Baracke untergekommen, weil ihr Schwiegervater es angeboten hatte. Dafür musste sie ihm ihren ganzen Lohn aus der Wäscherei geben. Der Alte lässt Sashka und der Jelenatochter alles durchgehen, nur an ihr mäkelt er rum, sie koche zu wenig und kümmere sich nicht genug um Jelena, dabei hat sie selbst ein kleines Mädchen.

Fazit: Alisha Gamisch, Lyrikerin und Kuratorin, hat in ihrem Romandebüt eine Familiengeschichte erschaffen, die drei Generationen Frauen umfasst. Da ist die jüngste, die unsichere, ängstliche Rina, die gelernt hat, dass man Männern besser kein Nein entgegensetzt. Valli wurde von Ihren Eltern an Lydias Schwiegervater abgegeben, Vallis Eltern hatten schon sechs hungrige Mäuler zu stopfen. Lydia wurde während des 2. Weltkriegs mit ihrer eigenen Familie aus Odessa vertrieben, kam nach Deutschland, dann nach Polen und wurde dann nach Sibirien deportiert, wo sie ihren Sashka kennenlernte. Sie hatte drei Abtreibungen hinter sich und wäre bei der vierten fast gestorben. Die Autorin hat mich absolut gekonnt in eine kalte, fremde Welt ohne Mitgefühl entführt. Frei von Pathos und mit enormer Ausdrucksstärke erlebe ich die unprätentiöse Lydia, die sich ihrem Schicksal nicht ergibt. Parasiten, das sind die Embryos, die sich ungefragt nach dem Geschlechtsakt einnisten. Es ist erschütternd, wie Frauen weltweit ausgebeutet wurden und werden. Wie sie das Nötigste über ihren Körper wussten, aber die „bedürftigen“ Männer nicht von sich fernhalten konnten. Erschütternd finde ich auch, welchen Leidensdruck Frauen aushielten und aushalten, ohne zu klagen. Mit diesem Mechanismus: Gute Miene zum bösen Spiel machen, sind viele Frauen vertraut. Ein wirklich guter Beitrag zum Thema transgenerative Traumata. Wie Erfahrungen auf die nächsten Generationen übertragen werden. Und noch dazu so fesselnd geschrieben.

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Veröffentlicht am 03.03.2026

Große Unterhaltung

Unser Haus mit Rutsche
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Der berühmte Künstler Anton Meme hatte Layla erst kürzlich einen Heiratsantrag gemacht, auf ihren Anrufbeantworter, um drei Uhr früh, nach einem halben Jahr Funkstille. Vermutlich schickte er seine Botschaft ...

Der berühmte Künstler Anton Meme hatte Layla erst kürzlich einen Heiratsantrag gemacht, auf ihren Anrufbeantworter, um drei Uhr früh, nach einem halben Jahr Funkstille. Vermutlich schickte er seine Botschaft von einem manischen Höhenflug aus, in die tiefe Schlucht, in die sie hinabgeglitten war, doch es war zu spät. Die großen Gefühle waren da, aber sie waren beide zu kaputt, um den Traum von Familie und Idylle zu verwirklichen.

Layla hat viele schöne Erinnerungen an ihre Kindheit. Ihr irakischer Babe war zum Studium nach Saarbrücken gekommen, traf dort ihre französische Maman und warb um sie. Ja, er war charmant und spitzbübisch, steckte voller großer Zukunftsvisionen, aber sie rebellierte vor allem gegen ihre blasierte Mutter aus dem gehobenen Bürgertum.

Zuerst kam Layla auf die Welt und später ihr Bruder Nouri, den sie Seestern nennt. Sie erinnert sich noch gut an ihre ersten Flugversuche, vom Hochbett mit ausgebreitetem Tuch, wie Batman oder den schrägen Dielenboden hinab, wo sie es nie schaffte, noch vor dem großen Esstisch abzuheben und dann aus dem Fenster hinauszufliegen. Die Expeditionen mit Babe im Wohnzimmer, wo sie mit dem Schiff im Sand strandeten und sich gegen wilde Tiere verteidigen mussten, bis Seestern sie rettete und sie mit dem Teppich in die Lüfte flogen, wie bei Alibaba und den Räubern. Seesterns süßes Lachen, göttlich.

Layla hatte ihre Großeltern in Irak noch nie gesehen, Opa und Oma Lyne dagegen jedes Weihnachten. Sie fuhren zu der großen Villa, saßen gefühlt tagelang um den großen Wohnzimmertisch mit dem geblümten Geschirr und Tilda tischte Austern, Schnecken in Knoblauch, Paté, Gans mit Rotkohl und Klößen und Passionsfruchtsorbet auf. Noch bevor sie das Dessert vor sich stehen hatten, geschweige denn die Geschenke ausgepackt, stritten Babe und Oma Lyne, bis alle ins Auto springen und zurück nach Saarbrücken fuhren.

Fazit: Safia Al Bagdadi, Schauspielerin und Autorin, hat eine Familiengeschichte mit herrlich menschlichen Persönlichkeiten geschaffen. Ihre erwachsene Protagonistin verzweifelt daran, dass sie zu nichts kommt, obwohl sie arbeitet, seit sie vierzehn ist. Sie leidet unter Ängsten und Melancholie und hofft, dass eine Psychiaterin sie wieder in die Spur bringt. In dieser Therapie begegnet Layla unangenehmen Fragen, die dazu führen, dass sie sich mit ihrem Vater auseinandersetzt. Ein geselliger, allseits beliebter Mann, leidenschaftlicher Verfechter neuer Geschäftsideen und Querulant, der viel versprach und nichts hielt. Als der zweite Golfkrieg 1990 beginnt und der Irak mit einem Wirtschaftsembargo belegt wird, platzen Babes Träume. Er rutscht in eine Depression und die Mutter muss die Sorge für die Familie übernehmen. Aus dem einst schillernden Paar wird ein streitendes. Was mir an diesem Roman wirklich gut gefällt ist, wie Safia Al Bagdadi Laylas Kindheit beschreibt. So etwas Schönes, Lustiges, Anrührendes habe ich noch nicht gelesen. Ich spüre Layla mit jeder Zelle nach, lache und weine mit ihr. Was für eine tolle Persönlichkeit hier entstanden ist. Überhaupt sind alle Charaktere so authentisch gezeichnet. Die ganze Geschichte liest sich völlig reibungslos, obwohl es einen Schwerpunkt gibt, das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Kulturen. Babe, der mit einer Leichtigkeit agiert, die ihm das Gefühl der Verantwortung nicht nur für seine Familie in Deutschland nimmt, sondern ihn auch seine traditionellen Verpflichtungen seiner irakischen Familie gegenüber vergessen lässt. Diese Ambivalenzen zwischen tougher Mutter und laissez-fairem Vater, der nicht verlässlich ist, führt bei Layla schließlich zu Prozessen der Selbstsabotage und dem Verzweifeln daran. Große Unterhaltung.

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