Treffsichere, glasklare Sprache
In den Flügeln das LichtKaveh hatte bisher neun Jahre gelebt, als sein Vater starb. Kaveh sagte okay, als seine Mutter es ihm erzählte. Er hatte kein Gefühl für die Endgültigkeit des Todes. Sein Vater war seit drei Jahren in ...
Kaveh hatte bisher neun Jahre gelebt, als sein Vater starb. Kaveh sagte okay, als seine Mutter es ihm erzählte. Er hatte kein Gefühl für die Endgültigkeit des Todes. Sein Vater war seit drei Jahren in seinem Alltag abwesend, eingesperrt im Evin-Gefängnis, was konnte sein Tod noch verschlimmern?
Für die Trauerfeier wurde das Wohnzimmer geschmückt. Die Verbindung zwischen Trauer und Feier schien Kaveh unerklärlich. Auf kleinen Tellern wurde Halwa und reife Datteln herumgereicht, süße Köstlichkeiten, die es nicht auf Hochzeiten gab, sie kündigten den Tod eines Menschen an.
Der jüngere Bruder des Vaters kam ebenfalls zum Abschied. Er hatte sich frühzeitig auf die richtige Seite geschlagen, die der Revolutionsgarde, der Seite Gottes. Sicher hätte er mit wenigen Worten den Bruder aus dem Gefängnis holen können, manchmal bedurfte es nur der richtigen Worte, aber er hatte es nicht getan. Auch die Mutter des Vaters war zur Trauerfeier eingeladen, ohne dass sie wusste, dass es um eine Trauerfeier ging. Kavehs Mutter hatte sie unter falschem Vorwand hergelotst, um es ihr schonend beizubringen. Doch noch vor Eintreffen ihrer Schwiegermutter wurde sie verhaftet, weil sie gegen die Auflage – keine Trauerfeier – verstoßen hatte. Kaveh sah seine Großmutter eintreffen und rannte ihr entgegen. Er spürte ihre Unsicherheit, weil die Gäste sie betreten ansahen. Kaveh übernahm in Abwesenheit seiner Mutter die Verantwortung eines Erwachsenen und schrie ihr mit dem Enthusiasmus eines Kindes entgegen: „Sohrab ist tot!“
Fazit: Aidin Halimi, Poetry Slammer, Comedian und Autor, nimmt mich in seinem Debüt mit auf eine Reise in seine eigene Vergangenheit, in sein Herkunftsland Iran. Mit treffsicherer, glasklarer Sprache erzählt mir der Autor über den Verlust des Vaters und wie ein Regimewechsel alles verändert.
Der größte Kampf bestand nicht darin, sich gegen die herrschende Klasse aufzulehnen, sondern sich für oder gegen seine Familie zu entscheiden.
Obwohl der Autor von expliziten Gewaltbeschreibungen absieht, ist das Leid Sohrabs und seiner Familie omnipräsent. Ich erfahre, wie Sohrab verschwindet und die Mutter siebzig Tage nichts über seinen Verbleib erfährt. Dann sickern Informationen durch und es kommt zu dürftigen Besuchszeiten. Weil der Lebensunterhalt weggebrochen ist, zieht die Mutter mit ihren Kindern zu ihrer eigenen Mutter und dem angespannten Verhältnis zwischen ihnen. Die Geschichte ist durchtränkt mit Liebe. Der liebevolle Vater und Erzähler großer Geschichten. Die liebevolle Mutter, die um Zusammenhalt ringt, die Oma mit ihrem großen Garten und Bibi, die Iranerin mit der geschichtsträchtigen Vergangenheit und dem Antiquariat. Lauter starke Frauen, die während der Gewaltherrschaft versuchen, den Zusammenhalt zu forcieren und die Würde zu bewahren. Wieder eine so wichtige Geschichte, die Menschen eine Stimme gibt, die sonst kein Gehör finden. Für alle, die „Der letzte Sommer der Tauben“ von Abbas Khider oder „Evil Eye“ von Etaf Rum mochten.