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Veröffentlicht am 15.09.2016

Das schwere Erbe der Vorfahren

Holmes und ich – Die Morde von Sherringford
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Bevor ich auf das Buch eingehe, wieder einmal etwas vorneweg: Der Klappentext ist völliger Much. Und der Titel erst recht. Wer zum Teufel denkt sich so einen totalen Humbug aus? Der englische Titel A study ...

Bevor ich auf das Buch eingehe, wieder einmal etwas vorneweg: Der Klappentext ist völliger Much. Und der Titel erst recht. Wer zum Teufel denkt sich so einen totalen Humbug aus? Der englische Titel A study in Charlotte ist so viel cooler, subtiler und spielt vor allem auf das Original an. Und es gibt zwar jede Menge MordVERSUCHE, aber durchgezogen wurde "nur" ein einziger. Derjenige, der für Klappentext und Titel verantwortlich ist, hat also seine Hausaufgaben nicht gemacht, Schande über ihn/sie.

Nachdem ich das losgeworden bin, ab zum Buch. Tatsächlich handelt es sich um die Nachfahren von Holmes und Watson. Sehr faszinierend finde ich, dass hier diese Familien wirklich existieren und das als relativ normal angesehen wird. So begegnen sich eines Tages James "Jamie" Watson und Charlotte Holmes "zufällig" in Sherringford, einer Eliteschule, die zwar nicht mit den allerbesten zu vergleichen ist, aber kurz dahinter steht. Und sie schlittern nicht nur in einen Mordfall, sondern sind auch gleich die heißesten Verdächtigen. Wurde doch ausgerechnet der Junge umgebracht, der ihnen beiden Ärger bereitet hatte. (Wobei das in Charlottes Fall noch sehr milde ausgedrückt ist.)

Rein vom Fall mitsamt seinen Verstrickungen her ist er jetzt nicht die Neuerfindung des Genres, aber das muss er auch nicht. Er lebt von der Dynamik zwischen Charlotte und Jamie, die sich tatsächlich mit Holmes und Watson ansprechen. Und Watson fungiert zwar auch als der Chronist der Geschichte (vom Epilog abgesehen), aber er ist keine Randfigur. Natürlich zieht er nicht dieselben Schlüsse wie Holmes - niemand tut das, immerhin hat sie im zarten Alter von zehn ihren ersten großen Fall gelöst. Aber er ist ein cleverer, sympathischer, sportlicher und loyaler Freund, auf den jeder stolz sein könnte, ihn an seiner Seite zu wissen. Dass er manchmal Aggressionsprobleme hat, macht ihn noch menschlicher. Im Gegensatz zu ihm frönt Charlotte der alten Leidenschaft ihres Vorfahrens, den Drogen. Das ist manchmal ein bisschen zu sehr auf die Spitze getrieben, andererseits habe ich noch nie welche genommen und kann das nicht ausreichend beurteilen.

Mir ging die Entwicklung der "best friends ever" ein bisschen zu schnell, ebenso gewisse Schlussfolgerungen oder die enorm einflussreiche Familie Holmes war einen Hauch "too much". Ansonsten habe ich mich sehr gut unterhalten gefühlt und hoffe, dass wir noch mehr von Charlotte und Jamie, Verzeihung, von Holmes und Watson lesen werden.

Veröffentlicht am 23.04.2026

Limerence

Two Can Play – Die spielerische Weiterentwicklung von Liebe
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Die Gameentwicklerin Viola eines kleinen, unabhängigen Studios könnte außer sich sein vor Freude. Ein großer Spieleentwickler möchte mit ihnen zusammenarbeiten, um ihr absolutes Lieblingsspiel zu kreieren. ...

Die Gameentwicklerin Viola eines kleinen, unabhängigen Studios könnte außer sich sein vor Freude. Ein großer Spieleentwickler möchte mit ihnen zusammenarbeiten, um ihr absolutes Lieblingsspiel zu kreieren. Könnte - denn leider bedeutet das, dass sie mit einem ebenso unabhängigen Studio zusammenarbeiten müssen, mit dem sie in der Vergangenheit immer mal wieder Probleme hatte. Und Viola kennt deren Projektleiter Jesse, der sie seit Jahren äußerst seltsam behandelt, obwohl sie sich bei ihrem Kennenlernen sympathisch fanden. Um die Diskrepanzen untereinander auszuräumen, müssen die Mitarbeiter der beiden Studios zusammen ein Wochenende auf einer eingeschneiten Hütte verbringen. Ganz schnell wird es in dieser kalten Umgebung ganz heiß ...

Ausnahmsweise gibt es mal keine Protagonistin im Mint-Bereich, dafür eine kompetente Führungskraft in der Gamesentwicklung, was für mich auch völlig okay war. Und wie üblich bei Ali Hazelwood lässt es sich megaleicht lesen und hat witzige Dialoge. Allerdings ist dieses Miskommunkationsding zwischen Viola und Jesse ein bisschen arg übertrieben und wie üblich hat mich auch das Verhalten des männlichen Parts teilweise geärgert. Die Geschichte ist ein bisschen zu kurz für Tiefe, dafür gab es allerdings zu viel Spice - aber das kritisiere ich ja bei jedem Ali-Buch. Ich möchte doch einfach nur eine schöne, leichte Geschichte mit witzigen Dialogen (kriege ich ja auch!) und würde liebend gern auf diese endlosen Spicescenen verzichten (dieser Wunsch wird mir nie erfüllt). Alles in allem hat's Spaß gemacht, aber nicht vom Hocker gehauen. 3.5/5 Punkten.

Veröffentlicht am 20.04.2026

Batty Hole Inn

Miss Swans zauberhafte Pension für magische Gäste
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Mit fünfzehn war Sera Swan die mächtigste Hexe in England, auch wenn das Institut der Hexen das nur ungern gesehen hat, denn sie ist eine PoC. Dann starb unvermittelt ihre geliebte Großtante Yasmine und ...

Mit fünfzehn war Sera Swan die mächtigste Hexe in England, auch wenn das Institut der Hexen das nur ungern gesehen hat, denn sie ist eine PoC. Dann starb unvermittelt ihre geliebte Großtante Yasmine und Sera holte sie mit all ihrer Macht zurück - nur dass sie dabei ihre Magie verlor. Mittlerweile führt Sera zusammen mit ihrer Tante eine Pension, die nur von Leuten gefunden wird, die dringend einen Platz brauchen und anständig sind. Einige von ihnen sind Dauergäste, beinahe Familienmitglieder. Noch immer versucht Sera, mithilfe eines Zauberspruchs ihre Magie wiederzuerlangen, und möglicherweise ist der mürrische Historiker Luke, der sich aufopferungsvoll um seine kleine, autistische Schwester kümmert, ihre letzte Chance darauf - und ganz sicher darauf, ihr Herz zu verlieren.

Das Buch ist cosy Fantasy, von jeder liebevoll gezeichneten Person bis hin zum untoten Gockelzombie Roo-Roo. Das heißt, es gibt wenig Action und auch die gefährlichen Szenen enden eher nicht schweißtreibend und fingernägelkauend. Dafür gibt es viel Liebe, Freundschaft und found family, sehr viele Blaubeerpfannkuchen und einem Schurken um des Schurkenseinswillen. Das kann zwischendurch ein bisschen langatmig werden, auch wiederholen sich einige Sachen. Ich weiß, dass Luke erst durch die Wiederholungen draufkommt, aber irgendwann ist wirklich mal gut. Alles in allem ist es eine nette Lektüre für scheußliche, verregnete Apriltage mit einer heißen Tasse Tee (und gerne auch Blaubeerpfannkuchen). 3.5/5 Punkten.

Veröffentlicht am 30.03.2026

Little Women Crime

Beth is dead
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Seit der Vater der Schwestern Meg, Jo, Beth und Amy ein Buch geschrieben hat, in dem er das Leben seiner Töchter beschreibt, ist deren Leben nicht mehr dasselbe. Die Menschen unterscheiden nicht zwischen ...

Seit der Vater der Schwestern Meg, Jo, Beth und Amy ein Buch geschrieben hat, in dem er das Leben seiner Töchter beschreibt, ist deren Leben nicht mehr dasselbe. Die Menschen unterscheiden nicht zwischen literarischen Kunstfiguren und echten Menschen und so sehen sich die Schwestern gefangen zwischen Häme und Verehrung. Besonders Beth, die ihr Vater im Buch hat sterben lassen, leidet darunter. Und dann ... wird sie ermordet. War es eine von ihnen? Jo, die als Influencerin mehr Follower wünscht? Oder Amy, die Jüngste, die so gern auf die Kunstschule gehen will, die Beth finanziert wird? Da ihr Vater schon seit einem halben Jahr verschwunden ist, müssen die Schwestern mit ihrer Mutter allein klarkommen und herausfinden, was passiert ist.

Ich bin ehrlich, ohne den Bezug zu dem Klassiker von Louisa May Alcott hätte mich das Buch rein vom Klappentext her nicht interessiert, von daher war es ein gelungener Kniff, sich dieser Vorlage zu bedienen. Die Mädels sind dann auch gut in die Gegenwart übertragen worden. Und egal, was Meg am Ende sagt, es WAR übergriffig von ihrem Vater, ihre Leben zu beschreiben. Er hätte ja zumindest die Namen ändern können, sodass den Lesenden klar gewesen wäre, dass es sich um eine reine Geschichte handelt. Dafür gibt es keine Entschuldigung, das braucht man dann zum Schluss nicht abschwächen. Was mich gestört hat, waren die Rückblicke aus Beths Sicht. Da man weiß, dass das Mädchen ermordet wird, finde ich es eher unangenehm und gerade zum Schluss absichtlich tränenrührig, es so zu schreiben, wie es getan wird. Auch finde ich die verschiedenen falschen Fährten gut gemacht, allerdings gibt es einen ziemlichen Logikfehler. Es lag Schnee, was bedeutet, man hätte an dem schneebedeckten Hang, an dem Beth gefunden wurde, Dutzende und Aberdutzende Spuren finden müssen, die nicht von den Schwestern zertrampelt worden waren, denn nichts in der Geschichte deutet darauf hin, dass die Täterperson sie verwischt oder gar entfernt hat. Und selbst wenn - schon mal das Wort Kontaktspuren gehört, Frau Autorin? Was soll's. Als Jugendthriller funktioniert es ganz gut, obwohl es für mich auch ein bisschen straffer hätte sein können. Es zog sich in der Mitte schon ordentlich, zumal noch die Sache mit dem pädophilen Künstler ins Spiel gebracht wurde. 3.5/5 Punkten.

Veröffentlicht am 16.03.2026

Mnemoskopie

Die Geister von La Spezia
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1822. Mary Shelley, die berühmte Autorin von Frankenstein, lebt im Exil in Italien. Ihr Mann Percy ist vor kurzem beim Segeln ertrunken und sie trauert, als plötzlich eine exzentrische Person bei ihr auftaucht: ...

1822. Mary Shelley, die berühmte Autorin von Frankenstein, lebt im Exil in Italien. Ihr Mann Percy ist vor kurzem beim Segeln ertrunken und sie trauert, als plötzlich eine exzentrische Person bei ihr auftaucht: Pat Colombari. Pat ist eine Spezialagentin und arbeitet tatsächlich an sehr speziellen Fällen und mit sehr speziellen Methoden. Dazu gehören Erinnerungsreisen, die Mnemoskopie, die sie mit wundersamen technischen Mitteln vollbringt. Dabei reist sie in und mit den Erinnerungen ihrer Klienten in die Zeit zurück, um herauszufinden, was wirklich passiert ist. Dabei lernt Pat nicht nur Lord Byron und dessen Freunde kennen, sondern auch, welche unheimlichen Ereignisse stattgefunden haben.

Ich mochte wirklich sehr die Atmosphäre, die der Autor die meiste Zeit heraufbeschwören konnte. Wie er die wahrscheinlich tatsächlichen Ereignisse am Genfer See mit seinen fantastischen Ausführungen verbindet, gefällt mir gut. Auch Pat selbst mochte ich, obwohl sie mir ein bisschen zu modern vorkam, selbst wenn man bedenkt, dass sie sich durch Mary im Dunstkreis von Lord Byron bewegt hat mit ihren Erinnerungsreisen. Und so sehr ich auch oft eine Art Sog beim Lesen verspürt hatte, so zog sich doch manches, gerade im Mittelteil des Buches, arg dahin, sodass ich nicht immer den unbedingten Willen zum Weiterlesen hatte. Alles in allem ist das Ganze ein guter Abstecher in einen modernen Schauerroman, dem ein paar Kürzungen oder zumindest Straffung gutgetan hätte. 3.5/5 Punkten.