Der schlichte, beinahe etwas skizzenhafte Cover verbirgt, welch starke Geschichte sich hinter diesem verbirgt.
Nach dem größten Schiffsunglück des 19. Jahrhunderts, dem Brand und anschließendem Untergang ...
Der schlichte, beinahe etwas skizzenhafte Cover verbirgt, welch starke Geschichte sich hinter diesem verbirgt.
Nach dem größten Schiffsunglück des 19. Jahrhunderts, dem Brand und anschließendem Untergang der "Austria" treibt Henriette Wulff allein auf einer Holztür auf den erbarmungslosen Wogen des Meeres. In Gedanken ist sie dabei aber Meilenweit weg, bei ihrem Freund, Hans Christian Andersen, bekannt für seine wunderschönen, aber unendlich traurigen Märchen.
Dieselbe Melancholie fängt auch der Autor Stefan Kutzenberger ein. Sie ist das Grundgerüst, auf dem diese Geschichte steht, die dieses Buch zu etwas ganz Besonderem macht.
Als Briefdialog verfasst berichten Henriette und Andersen abwechselnd von ihren Gedanken und Gefühlen: zu dem Unglück, zu den politischen Turbulenzen der Zeit, die Hoffnung, welche Amerika damals für die Menschen noch verkörperte, bis hin zu ihren Emotionen und Wünschen.
Meilenweit getrennt treffen sich ihre Gedanken und weben eine fiktive Geschichte mitten hinein in die wahren Begebenheiten der Zeit. Denn all dies, das Schiffsunglück, die Protagonisten, den freundschaftlichen Briefwechsel davor. Das alles gab es wirklich. Nur dieser letzte Gedankenaustausch, in seiner mutigen Verletzlichkeit, den gab es nicht.
"Die Liste der Lebenden" gab es, gibt es immer noch, doch wie Anderson es richtig erkannte, braucht es Mut, diese zu lesen. Denn mit der Gewissheit stirbt auch die Hoffnung.
Es ist ein unglaublich berührendes Buch und ein Muss für all jene, die historische Begebenheiten in Romanform gegossen lieben. Doch trotz seiner wenig anmutenden Seiten dauert es, dieses Buch zu lesen. Denn die Geschichte fordert die Zeit ein, die sie braucht, um anzukommen und verstanden zu werden.
Auch in dem vierten Band über die graphischen Viertel finden wir uns in Leipzig wieder. Und wieder schwebt der Schatten der Veränderung über der Geschichte. Und wieder steht ...
Leipzig, eine Stadt der Bücher
Auch in dem vierten Band über die graphischen Viertel finden wir uns in Leipzig wieder. Und wieder schwebt der Schatten der Veränderung über der Geschichte. Und wieder steht ein Buch in der Mitte der Handlung. Ein Buch, welches das Leben aller beteiligten für immer verändert.
In den 1930er Jahren folgen wir vier Studenten, Felix, Vadim, Eddie und Julius, die auf ihrer Jagd nach Abenteuern und dem Wunsch, gegen die Ansichten und Vorschriften der Eltern zu rebellieren, in einen Konflikt hineingezogen werden, der um einiges größer ist, als sie jemals für möglich gehalten hätten.
Fünfzehn Jahre später, am Ende des Krieges 1945, kehrt Felix zurück in seine Heimatstadt Leipzig und erneut erheben sich die Schatten von damals. Die Schatten, die das Leben der vier Freunde von damals aus den Fugen gehoben hatten.
Stein für Stein rollt Felix die Geschichte auf, trifft ehemalige Bekannte und vermittelt zwischen polizeilichen Behörden und Geheimdiensten. Puzzleteil für Puzzleteil fügt sich das Gesamtbild zusammen, verrät Motive und Schicksale, die immer dichter miteinander verstrickt werden.
Langsam, aber unaufhörlich bahnt sich die Katastrophe an. Der stete Wechsel zwischen den beiden Zeiten erhöht die Spannung, bis sie zu zerreißen droht. Zahlreiche Anspielungen und Vorzeichen nehmen mögliche Handlungsvorläufe vorweg, ohne zu viel zu verraten. Die Geheimnisse der Vergangenheit vermischen sich mit der okkulten Besessenheit von Hitler, Stalin und deren obersten Befehlshabern.
„Der Krieg machte sie alle zu Gefangenen. Die Lügen, die sie überleben ließen, waren ihre Ketten und die Umstände ihr Kerker.“
So deutlich wie in bisher keinem seiner Bücher zeigt Kai Meyer, wie stark der Krieg Menschen verändern kann, wie schnell Jugendlicher Leichtsinn in brutale Realität münden kann, wie oft die Unschuldigen zu Opfern der Gewalt und der Umstände werden können und wie welch gefährliche Waffen Bücher in den Händen der falschen Person werden können.
„Immerhin waren es Bücher, die Stalin an die Macht gebracht haben […] Bücher haben den Zaren gestürzt, Bücher haben die russischen Juden aus dem Land getrieben, und Bücher haben zur Revolution aufgerufen. Und am Ende werden es wieder Bücher sein, die Stalins Regime beenden. Bücher, die irgendwer im Exil oder im Arbeitslager schreibt.“
„Das Antiquariat am alten Friedhof“ ist ein erneutes Meisterwerk von Kai Meyer, der seinen Leserinnen und Lesern mit seiner bildgewaltigen Sprache erneut vor Augen führt, wie schmal der Grat zwischen Mut und Leichtsinn, zwischen oberflächlicher Freundschaft und tiefer Verbundenheit ist.
Wie auch bei den anderen Bänden müssen die Vorgänger der Reihe nicht gelesen werden. Dennoch findet sich die eine oder andere bekannte Figur zwischen den Seiten wieder. Genau wie der sanfte Schimmer der Hoffnung, der jedes Mal erscheint, sobald einer, der schon so vieles war, ein Gärtner, ein blinder Passagier, ein Kindermädchen, ein Buchbinder, ein Dolmetscher, ein Spion, wieder einmal das Wort ergreift:
„Jeder hat einen Koffer dabei. Nur wir nicht. Beste Voraussetzungen für ein neues Leben. […] Ein Neuanfang mit nichts. Eine neue Stadt, ein neuer Name. Vielleicht etwas Besseres als das, was war“
"Diese Stellen wurden direkt aus dem Buch, Auflage Oktober 2025, entnommen"
Sherlock Holmes ist mal wieder einem Fall auf der Spur. Unterstützt wird er dabei, wie so oft, von seinem guten Freund, Dr. Watson, der wie immer pflichtbewusst, den Leser/die Leserin auf dem Laufenden ...
Sherlock Holmes ist mal wieder einem Fall auf der Spur. Unterstützt wird er dabei, wie so oft, von seinem guten Freund, Dr. Watson, der wie immer pflichtbewusst, den Leser/die Leserin auf dem Laufenden hält. Die zuerst einfach wirkende Geschichte entwickelt sich zu einem verzwickten Fall, der nicht nur Holmes‘ gesamtes detektivisches Genie auf den Plan ruft, sondern auch seinen erbittertsten Gegenspieler: Professor Moriarty. Dieser folgt seinem eigenen Geschäft, begleitet stets von seinem ruchlosen Scharfschützen Moran. Unaufhaltsam verwebt das Schicksal ihre beiden Pfade, bis sie schließlich vor der Entscheidung stehen, gegen ihre Prinzipen und Natur, zusammenzuarbeiten. Die Zukunft der Menschheit, wie sie bis dahin existierte, liegt in ihrer Hand. Können sie ihre Unterschiede überwinden?
Handlungsstrang und Schreibstil
Gareth Rubin lässt beide Seiten gleichermaßen zu Wort kommen, und das sprichwörtlich. Abwechselnd erzählen Doktor Watson und Colonel Moran die Geschichte. Kapitel für Kapitel nähern sich ihre Pfade an und das Tempo der Geschichte verdichtet sich.
Der Schreibstil des Autors erinnert stark an die alten Klassiker von Sir Arthur Conan Doyle. Seine Art und Weise, zu beschreiben trägt den Leser/die Leserin zurück in das Jahr 1889. Die dunklen Gassen voll mit dichtem, Londoner Nebel, das Klappern der Pferdekutschen, die hohen Zylinder auf den Köpfen der Männer, der Gestank der Zeit – all dies erscheint vor dem Leser/der Leserin, so deutlich zeichnet Gareth Rubin das Bild seiner Welt und bringt damit Sherlock Holmes wieder ein Stück weit zurück in die Gegenwart.
Fazit
Sherlock & Moriarty ist eine Liebeserklärung an einen der größten und bekanntesten Detektive, die die Welt je kannte. Der Fokus liegt dabei nicht zwingend auf der berühmten Spürnase, sondern beleuchtet vor allem die Unterschiede in den Denkweisen der beiden Konkurrenten. Moriarty, dessen Genie dem von Holmes in keiner Weise nachsteht, rückt ebenfalls in das Zentrum und wird auf eine beinahe unheimliche Art beinahe sympathisch.
Für alle, die Sherlock Holmes lieben, ist dieses Buch eines, dessen Reise es absolut wert ist.
Kann jeder zum Mörder werden? Oder haben einige – ja, die meisten von uns – eine Art mentale oder moralische Sperre, die sie daran hindert, zu töten? Ich rede nicht davon, jemanden in Notwehr oder im Affekt ...
Kann jeder zum Mörder werden? Oder haben einige – ja, die meisten von uns – eine Art mentale oder moralische Sperre, die sie daran hindert, zu töten? Ich rede nicht davon, jemanden in Notwehr oder im Affekt zu töten, sondern davon, ganz normale, anständige Menschen, wie zum Beispiel Bent Halden, dazu zu bringen, einen Mitmenschen kaltblütig und ohne ein anderes Motiv, als das eigene Leben etwas besser oder leichter zu machen, zu töten.
Mit diesen Worten beginnt Jo Nesbo seinen neuen Kriminalroman, der anders als seine Vorgänger, nicht mehr hinter einem schwarzen Cover mit roter Schrift versteckt ist, sondern als hellgraues Buch mit Bronze schimmernden Worten beim ullstein Verlag erschien.
Wie bereits in seinem Buch „Ihr Königreich“ findet sich die Leserin bzw. der Leser in dem fiktiven kleinen Dorf Os wieder, das irgendwo in Norwegen liegt. Die beiden Brüder Carl und Roy „regieren“ über dieses verschlafene Nest, das auf den ersten Blick an ein idyllisches Dorfleben erinnert, unter dessen Oberfläche mehr Geheimnisse und Verbrechen schlummern, als es zunächst den Anschein hat.
Der König ist das Nachfolgewerk von „Ihr Königreich“. Zahlreiche Konflikte vom ersten Buch kommen auch hier wieder zu Sprache. Es ist hilfreich, den ersten Teil zu kennen, da die Charaktere dadurch viel greifbarer werden, es ist jedoch nicht zwingend notwendig. Jo Nesbo erläutert die wichtigsten Verwicklungen und Ereignisse, sodass auch ein Neuling dieser Geschichte ohne weiteres die komplexen Zusammenhänge nachvollziehen kann.
Der Autor liebt es, moralisch komplexe Figuren zu erschaffen und gipfelt dieses Streben mit dem Brüderpaar Roy und Carl, die für die Familie alles tun und vor nichts und niemandem zurückschrecken. Selbst vor Mord nicht. Wie auch schon beim ersten Teil folgen wir dem Älteren der beiden, Roy, auf seinen dubiosen Geschäftswegen und blicken über seine Schulter, während er hemmungslos die Schwäche seiner Mitbürgerinnen und Mitbürger ausnutzt, um das zu bekommen, was er möchte. Die beiden Brüder agieren als funktionierende Einheit, sie kennen sich in- und auswendig und vertrauen blind auf die Stärken des jeweils anderen. Doch ihre dunkle Vergangenheit droht sie einzuholen und das Band zwischen ihnen wird auf eine harte Probe gestellt.
Ich starrte in die Dunkelheit und wartete auf einen weiteren Blick. Um ihn zu sehen. Um mich zu sehen. Den König des Mülls. Den armen Tropf, der seine Würde auf dem Altar des Überlebens opferte, wie wir alle. Wir verschieben lediglich die Grenzen des Erträglichen und ändern die Spielregeln, damit wir uns selbst ertragen können. Sogar Menschen, die alle und jeden umbringen, die ihnen im Weg stehen […], glauben noch daran, ihre Ehre zu verteidigen. Sie tun das verzweifelter als die meisten anderen, weil ihre Grenzen nicht mehr weiter verschoben werden können, ohne dass sie auch noch den letzten Rest an Selbstachtung verlieren.
Mit den Bewohnerinnen und Bewohnern von Os beleuchtet Jo Nesbo unverhüllt die Seelen der Menschen. Jede und jeder hat ihre/seine eigene Agenda, versucht die eigenen Dämonen zu bekämpfen. Mord, Eifersucht, Inzest, Vergewaltigung – alles schlummert unter der scheinbar friedlichen Schale des Dorfes. Jede und jeder hat eigene Leichen im Keller – manche symbolisch, andere tatsächlich. Die ungeschminkte Realität und nüchterne Betrachtungsweise auf das Leben, die uns der Blick aus Roys Augen gewährt, machen es schwer, die Figur trotz seiner moralischen Abgründe, nicht zumindest zu respektieren wenn nicht sogar für seine Weitsicht und Unverfrorenheit zu bewundern.
Alle Katastrophen sollten ein Präludium haben. Ein Vorspiel, einen warnenden Hinweis auf das, was kommen sollte.
Die Geschichte fließt dahin, wie ein kleiner Gebirgsbach schlängelt sich die Handlung zwischen den unterschiedlichen Figuren hin und her, berührt die einen und umrundet die anderen. Bis es unvermutet zu Stromschnellen kommt. Gerade wenn sich ein Gefühl des Verstehens einfindet, wenn die Leserin bzw. der Leser glaubt, die nächsten Schritte erahnen zu können, ändert der Fluss seine Richtung. Die Karten werden neu gemischt, das Pokern beginnt von vorne.
Fazit
Der König erzählt die Geschichte eines Mannes, für den Mord kein Fremdwort ist und der die notwendige Kaltblütigkeit und Berechnung besitzt, für seine Zwecke erneut Leben zu beenden. Wir folgen dem Erzähler auf seinem Weg, lernen seine Motive und Gedanken kennen, seine Einstellung zum Leben und die Hintergründe für seine Taten. Jeder Schritt in Roys Stiefeln macht uns gleichzeitig zu Mitwissern und, ohne es so recht zu merken, beginnen wir ihn zu verstehen, ihn zu respektieren und manche sogar ihn zu mögen. Die ersten Sätze des Buches bleiben wie eine Art Mahnmal im Gedächtnis verankert, eine Frage, die immer wieder aufs Neue eine Antwort verlangt.
Kann jeder zum Mörder werden? Oder haben einige – ja, die meisten von uns – eine Art mentale oder moralische Sperre, die sie daran hindert, zu töten?
*diese Stellen wurden direkt aus dem Buch (1. Auflage 2024, ullstein) zitiert
Ich muss sorgfältig nachdenken, um tief in mir den Anfang zu finden. Der Schluss geht einem nicht aus dem Kopf, erst recht nicht, wenn man älter wird. Doch den Anfang, den vergisst man, fast wie die Geburt.
Das ...
Ich muss sorgfältig nachdenken, um tief in mir den Anfang zu finden. Der Schluss geht einem nicht aus dem Kopf, erst recht nicht, wenn man älter wird. Doch den Anfang, den vergisst man, fast wie die Geburt.
Das Haus der Bücher und Schatten. Bereits der Titel von Kai Meyers neuem Werk lässt die Gedanken spielen. Der dritte Teil seiner Buchreihe, die sich um Geheimnisse des Graphischen Viertels in Leipzig ranken, wird seinen Vorgängern mehr als gerecht. Die Bücher hängen nicht zusammen, das verbindende Element ist allein der Ort, an dem diese Geschichten ihre Bühne bekommen, sowie die Art ihrer Erzählung. Ein Geheimnis der Vergangenheit findet zurück ans Licht, um Geschehnisse der Gegenwart der handelnden Personen erklären zu können.
In diesem Werk wechselt der Autor zwischen den Jahren 1913 und 1933. Beide Jahre bergen die Vorboten eines neuen Krieges, der die Welt überschatten wird. Brutalität, Ideologien und Furcht prägen beide Jahre und überbrücken die zwanzig Jahre, die sie trennen.
„Falls Sie noch mal Hilfe brauche, dann wissen Sie, wo Sie mich finden“, sagte er. „In der Nacht“, erwiderte sie. „Bei den Büchern“
Im Jahr 1933 wird der Polizist Cornelius beinahe Zeuge eines Doppelmordes, ein Mädchen und ein Polizist. Entgegen der allgemeinen Meinung glaubt er nicht an eine schlichte, einfache Erklärung und beginnt in der Vergangenheit des Mädchens unter die Lupe zu nehmen. Freimaurer, Okkultisten und Séancen haben das Leben des toten Mädchens geprägt, während der Polizist, ein überzeugter Nazi, bei seinen Mitmenschen alles andere als beliebt war. Was verbindet die beiden und was bedeuten die rätselhaften Buchstaben auf der Hand der Toten? Bei seinen Nachforschungen nähert er sich immer mehr den Geheimnissen von gefährlichen Männern, die ihre dunklen Geschäfte im chaotischen Deutschland zur Blüte getrieben haben und kein Interesse daran haben, diese durch einen einfachen Polizisten in die Luft gehen zu lassen.
Zwanzig Jahre zuvor begibt sich Paula zusammen mit ihrem Verlobten und Kollegen Jonathan auf die Reise ins Baltikum, um das Manuskript eines Autors zu holen. Doch in dem gewaltigen Anwesen geht nicht alles mit rechten Dingen zu. Paula ist überzeugt, dass es spukt. Sie hört Schritte, wo keine Gänge sind und Stimmen, wo keine Menschen sind. Sie beginnt alles zu hinterfragen und stößt auf eine Geschichte, die besser im Verborgenen geblieben wäre.
Ich bin noch immer in diesem Zug, irgendwo zwischen Einsteigen und Endstation.
Die Handlungsstränge beider Geschichten wechseln sich in unregelmäßigen Abständen ab, vertiefen dabei die Spannung und die Neugierde darauf, wie es weitergehen soll und wird. Beide Teile sind geprägt vom Übersinnlichen, von Geistern und Stimmen aus dem Jenseits, von Geheimnissen der Vergangenheit, die nicht ans Licht kommen sollten. Entgegen so vielen seiner anderen Werke benutzt Kai Meyer in diesem Werk zwei Protagonisten und Protagonistinnen, die es mir schwer gemacht haben, sie ins Herz zu schließen.
„Wir beide sind uns zwar begegnet, aber ich habe keine Ahnung, wer du bist“
Cornelius ist ein verbitterter Polizist, der zuerst suspendiert und später wieder eingesetzt wurde, als seinem Arbeitgeber das fähige Personal ausging. Er verachtet den Nationalsozialistischen Staat und macht sich dadurch keine Freunde in der Stadt. Cornelius bevorzugt die Gesellschaft von Büchern deren von Menschen, mit Ausnahme seiner reizenden Verlobten. Er ist ein Einzelgänger, der alles im Alleingang erledigt, der nie um Hilfe fragt oder diese akzeptiert. Am liebsten geht er auf direkte Konfrontation mit seinem Gegenüber und er traut keinem seiner Kollegen über den Weg. Im Laufe des Buches lernte ich ihn zu schätzen, aber es dauerte.
Paula hingegen ist eine faszinierende Frau. Als einzige Lektorin des Verlags werden ihr deutlich größere Steine vor die Füße gelegt, als ihren Kollegen. Sehr zum Ärger von diesen ist sie es, die einen der bedeutendsten Autoren ihrer Zeit entdeckte und zu einem Bestseller machte. Selbst dieser Erfolg lässt die Kritiker nicht zum Schweigen bringen, im Gegenteil: die Eifersucht wird nur weiter angeheizt. Paula ist sehr sensibel und in ihren Träumen erscheinen immer wieder die Geister der Vergangenheit, um sie zu warnen oder ihr etwas mitzuteilen. Trotz ihrer beeindruckenden Geschichte wurde ich bis zum Schluss nicht richtig warm mit ihr. Fast, als würde ein Graben zwischen uns sein, der es ihr nicht ermöglicht, mich zu berühren.
„Das Weltall ist wie eine riesige Bibliothek: Niemand gibt einen Mucks von sich, man streift einfach wortlos von einem Wunder zum nächsten“
Es war eine faszinierende Erfahrung für mich, von einem Buch gefesselt zu sein, mit deren Charakteren ich nicht wirklich warm wurde. Es hat der Geschichte keinen Abbruch getan. Jede einzelne Seite des Buches war eine wunderbare Reise in eine Zeit, die wir nicht erleben wollen und die aktueller scheint als je zuvor in meinem Leben.
„Wenn beide Spieler mit Schwaz spielen, können sie dann ihre Figuren nach den ersten Zügen noch auseinanderhalten? Spielt es überhaupt eine Rolle, wer auf welcher Seite steht? Und geht es dann nicht nur noch darum, alle Figuren vom Feld zu räumen, ohne einen Unterschied zu machen zwischen den eigenen und denen des Gegners?“
„Die beiden Könige können sich nicht gegenseitig schlagen.“ „Aber eine einzelne Königin genügt, um das Spiel zu entscheiden“ „Oder ein einfacher Bauer“
Das Haus der Bücher und Schatten ist ein weiteres faszinierendes Buch von Kai Meyer. Es ist nicht notwendig, die vorherigen Bände des Graphischen Viertels zu lesen, da jedes eigenständig für sich steht, jedes sein eigenes Geheimnis verbirgt. Sein künstlerischer Umgang mit der deutschen Sprache und sein Talent für spannungsgeladene Handlungsbögen machen das Buch zu einem wahren Lesegenuss.
*Diese Stellen wurden direkt aus dem Buch (Auflage 2024) entnommen