ADHS
Ich erzähle von meinen Beinen„Ich erzähle von meinen Beinen“ ist ein kluger, ungewöhnlicher und stellenweise sehr unterhaltsamer Roman, der mich vor allem wegen seines Themas sofort gepackt hat. ADHS aus der Perspektive einer erwachsenen ...
„Ich erzähle von meinen Beinen“ ist ein kluger, ungewöhnlicher und stellenweise sehr unterhaltsamer Roman, der mich vor allem wegen seines Themas sofort gepackt hat. ADHS aus der Perspektive einer erwachsenen Frau zu erleben, fand ich unglaublich spannend – und genau das setzt Cornelia Travnicek auf eine sehr eigene, literarisch überzeugende Weise um. Für mich sind das starke 4 Sterne.
Im Zentrum steht Wally, die nach außen hin ein funktionierendes Leben führt: Familie, Haus, Alltag – alles scheint geregelt. Doch innerlich sieht es ganz anders aus. Während ihre Tochter bereits eine ADHS-Diagnose hat, beginnt Wally, ihr eigenes Verhalten zunehmend zu hinterfragen: die ständige Unruhe, das Chaos im Kopf, das Gefühl, nie wirklich alles im Griff zu haben. Gleichzeitig gerät ihr Leben immer mehr aus dem Gleichgewicht – nicht zuletzt durch ihre fragwürdige Entscheidung, die Medikamente ihrer Tochter selbst zu nehmen.
Besonders gelungen finde ich, wie der Roman dieses innere Durcheinander einfängt. Man spürt beim Lesen förmlich, wie überfordernd sich der Alltag für Wally anfühlt – dieses Jonglieren zwischen Verpflichtungen, Gedanken, Ängsten und körperlichen Empfindungen. Gleichzeitig hat das Buch immer wieder sehr humorvolle Momente, die das Ganze auflockern, ohne das Thema ins Lächerliche zu ziehen.
Das Thema ADHS wird hier nicht trocken erklärt, sondern erfahrbar gemacht – inklusive der Grauzonen zwischen „funktionieren“ und „überfordert sein“. Gerade dieser Fokus auf Mental Load, gesellschaftliche Erwartungen und Neurodivergenz im Alltag von Frauen hat mir besonders gut gefallen.
Ein kleiner Kritikpunkt ist, dass die Erzählweise stellenweise etwas sprunghaft und chaotisch wirkt. Das passt zwar zum Inhalt, hat mich aber gelegentlich ein wenig aus dem Lesefluss gebracht.
Insgesamt ist es aber ein eindrucksvoller, oft witziger und gleichzeitig nachdenklich stimmender Roman über Kontrolle, Überforderung und die Frage, wie wir mit uns selbst umgehen. Ein Buch, das im Kopf bleibt.