Großartig geschrieben, intensiv und toll vertont
Gelbe MonsterOh mein Gott! Ich LIEBE diese Sprecherin! Was Lisa Hrdina da beim Vorlesen macht lässt einen absoluten Film in meinem Kopf entstehen und irgendwann verwischten beim Zuhören für mich die Grenzen zwischen ...
Oh mein Gott! Ich LIEBE diese Sprecherin! Was Lisa Hrdina da beim Vorlesen macht lässt einen absoluten Film in meinem Kopf entstehen und irgendwann verwischten beim Zuhören für mich die Grenzen zwischen „Kopfkino beim Lesen/Hören“ und „Ich höre da gerade wirklich die Gedanken von jemanden“ (im guten Sinne, das klingt sehr seltsam so gelesen. Ich hoffe ihr versteht).
Clara Leinemann hat mit Charlie eine Protagonistin erschaffen die so vielschichtig ist, so nahbar und liebenswert durch ihre teilweise echt abstrusen Gedankengänge und dabei so greifbar für mich als Leserin, dass ich sie gerne einmal kennenlernen würde und das Gefühl habe, dass ich nur die Venloer ein wenig rauf und runter schlendern müsste und dann treffe ich sie schon. Weil eine so echte literarische Figur kann man sich doch nicht ausdenken, oder? Leinemann offensichtlich schon.
Und somit begleiten wir Charlie in teilweise fragmentarischen Gedankenschnipseln durch ihren aktuellen Alltag bei den Anti-Aggressions-Treffen ohne zunächst genau zu wissen warum sie überhaupt da ist. Im Verlauf der Geschichte wird durch eine weitere Erzählebene in der Vergangenheit nach und nach aufgedeckt was dazu führte, dass Charlie nun so ist wie sie ist. Sie ist sicherlich keine strahlende Heldin und hat einiges falsch gemacht, jedoch zu lesen/hören wie sie durch die (wie ich finde) toxische Beziehung zu Valentin immer weiter in diesen Strudel aus Gedanken, Gefühlen und dann auch Taten getrieben wurde macht sie doch sehr nahbar. Am Ende wollte ich sie so gerne in den Arm nehmen und ihr sagen, dass alles wieder gut wird und sie dann schütteln, ihr ins Gewissen reden und sie dann wieder ganz fest drücken.
Stellenweise ist Charlies Innenleben schwer zu ertragen das muss ich zu geben, das aber auf eine unterhaltsame Art und Weise so dass das Buch nie langweilig wurde. Ich betrachte das ganze ja jetzt nun auch aus einer anderen Altersgruppe heraus als Charlie selbst und somit mit etwas Abstand, aber ich muss zugeben, dass ich mein altes Ich doch in dem ein oder anderen Gedanken ertappt und wiedererkannt habe.
Leinemanns Schreibstil lässt sich einfach so weg atmen, ist klar und gleichzeitig verspielt, wenn Charlie mal wieder Gedankenschleifen dreht. Jeder Satz wirkt präzise ausgewählt und doch wie ein zufälliger Gedanke. Einfach ein Fest beim Lesen oder Hören.
„Gelbe Monster“ ist ein Roman der den Puls der Zeit trifft. Der aufzeigt wie schwierig es sein kann zwischen unterschiedlichen Arten von Gewalt zu differenzieren. Ab wann ist Gewalt überhaupt Gewalt? Welche ist hinnehmbar und welche geht gar nicht? Gibt es da überhaupt eine unsichtbare Grenze?
Das Buch will nichts erklären oder klar benennen. Es will uns selbst zum Nachdenken bringen und die Lektüre fordert uns als Leser:innen heraus darüber nachzudenken.
Ein wenig musste ich übrigens bei dem Titel „Gelbe Monster“ schon an das sehr alte „die gelbe Tapete“ denken und als ich dann im Verlauf der Geschichte erfahren habe, dass sich die gelben Monster auf Charlies Tapete befinden halte ich das nicht mehr unbedingt für einen Zufall. Haben die Romane doch auch eine gewisse (entfernte) Ähnlichkeit im Geiste.
Fazit:
„Gelbe Monster“ ist ein intensives, sehr gut geschriebenes Erlebnis, allein wegen Protagonistin Charlie und der großartige Sprecherin Lisa Hrdina, wodurch die Hörbuchversion lebendig wird. Das Buch bewegt sich in den Grauzonen menschlicher Gefühle und zeigt, wie komplex das Innenleben eines Menschen sein kann, der Fehler macht, verletzt wird und leider auch selbst verletzt.
Zugleich stößt der Roman bei seinen Leser:innen selbst Gedanken und Fragen an wodurch Charlies Geschichte noch lange nach dem Zuklappen (oder Beenden des Hörbuchs) in einem mitschwingt und nachhallt.
„Gelbe Monster“ ist für alle, die den Mut haben tief in das Innenleben einer vielschichtigen Protagonistin tauchen zu wollen und bereit sind, sich mit toxischen Beziehungsmustern und den Facetten von Gewalt auseinanderzusetzen.
4,5 Sterne