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Veröffentlicht am 27.03.2026

Ein spitzes Feuilleton zum Sonntagskaffee

Die Freundin meines Freundes
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Zufälle machen das Leben und auch das Lesen interessanter. Dass ich bei hier bei Instagram auf die Frühjahrsvorschau des Wallstein Verlages blickte und mir das bekannte Gesicht der Polly Tieck entgegenschaute, ...

Zufälle machen das Leben und auch das Lesen interessanter. Dass ich bei hier bei Instagram auf die Frühjahrsvorschau des Wallstein Verlages blickte und mir das bekannte Gesicht der Polly Tieck entgegenschaute, das gehört in die Sparte der interessanten Zufälle. Bis heute hat kein Feuilleton in FAZ/FAS oder WELT eine Buchbesprechung gebracht, nur den Kulturredakteuren der Berliner Morgenpost war das Buch wohl aufgefallen, ich stieg also ohne Zögern vollkommen unvoreingenommen ein in diese Runde Literaturgeschichte.
Polly Tieck, geboren als Ilse Amalie Ehrenfried hinein ins „Berliner Bildungsbürgertum“, war mir bekannt, weil ich mit ihr aufs Entfernteste verwandt bin und über sie und ihre Familie bereits einiges recherchiert hatte. Die einzige „persönliche Begegnung“ hatte ich mit ihr 2019 in der Lotte-Laserstein-Einzelausstellung in der Berlinischen Galerie, als ich ihr Porträt im Original bewundern durfte. Der Bildtext, den ich damals fotografierte, wies im Übrigen keinen Fehler im Namen auf, daher konnte der Fehler in der von Heerde erwähnten Ausstellungsrezension also nicht stammen.
Mit diesem Buch nun ging ein Wunsch in Erfüllung, endlich konnte ich mehr über sie in Erfahrung bringen und – noch viel wichtiger – endlich einige ihrer Texte lesen.
Hans-Joachim Heerde hat nicht nur mühevoll nach ihren veröffentlichten Texten gefahndet, er hat auch eine exquisite Beschreibung der Modedesignerin, Schneiderin, Journalistin, Schriftstellerin und nicht zuletzt auch Lyrikerin geliefert. Nicht nur das Vorwort ist lesenswert und aufschlussreich, auch sein „Versuch einer biografischen Rekonstruktion“ ist sehr gelungen. Ihr erster Ehemann Hellmuth Falkenfeld, über den ich mit Polly Tieck „verschwägert“ bin, wird nicht nur in der Biografie ausführlich erwähnt, sie selbst schrieb auch über ihn in eindeutiger und zweideutiger Weise in ihren Feuilletons, wobei mir das Stück „Ende einer kleinen Konditorei“ eines der liebsten im Buch geworden ist.
Polly Tieck, die ab 1933 wegen ihrer jüdischen Herkunft in ihrer Tätigkeit beschnitten und behindert wurde, hat mit ihrem zweiten, auch jüdischen Ehemann Hans-Georg (später Juan) Aufrichtig Deutschland Ende der 1930er Jahre verlassen können und fand Aufnahme in Chile. Dort stand der Erwerb des Lebensunterhalts an erster Stelle, geschrieben hat sie nach der Emigration wenig, überliefert ist wohl kaum etwas.
Polly Tieck hatte aus erster Ehe eine Tochter, geboren 1917. Ob sie Eva Gabriele oder Eva Gabriela hieß, konnte ich bisher noch nicht klären. Hier im Buch wird sie Eva Gabriele genannt, all ihre öffentlich einsehbaren Reisedokumente sind mit dem Passbild versehen, das im Buch verwendet wird, der Vorname dort ist immer Eva Gabriela. Sie starb an einer schweren Krankheit im Hause ihrer Mutter in Chile bereits 1968, ihr Ehemann nahm sich kurz darauf das Leben. Evas Vater, der unter dem Namen Helmuth Falkenfeld in den USA lebte, verstarb 1954 durch einen Autounfall in New York; ihm ist ein liebevoller Nachruf in der Exilzeitschrift „Aufbau“ gewidmet. Polly Tieck verstarb 1975, ihr Ehemann Juan 1986, beide in ihrem Haus in Viña del Mar.
Nun zu den Feuilletons in diesem Buch: Hans-Joachim Heerde hat rund 400 Texte von Polly Tieck gefunden, aus denen er 65 in dieser Sammlung veröffentlich hat. Er hat sie transkribiert (eine echte Geduldsprobe, denn die Qualität der Originalzeitungen bzw. der vorhandenen Scanns ist oft nicht befriedigend) und vorsichtig bearbeitet, so dass der Leser einen guten Überblick über die Themen und über den Schreibstil von Polly Tieck erhält. Viele der Texte erschienen in der Vossischen Zeitung, oftmals an Wochenenden, und auch in Das Tage-Buch (Berlin), einer Wochenzeitschrift, die im Rowohlt-Verlag bis 1933 erschien. Aber auch Die Modewelt oder Das Unterhaltungsblatt u. a. veröffentlichten ihre Texte. Erstaunlicherweise wurden diese sogar im Ausland, z. B. in Prag oder Buenos Aires, nachgedruckt.
Für mich bedeuten diese Feuilletontexte aber noch etwas anderes: Ich kann wie durch ein Fenster ein Jahrhundert zurückblicken, ich sehe eine Epoche, die oft mit „Die goldenen Zwanziger“ beschrieben wird. Polly Tieck lässt mich wie einen Stillen Teilhaber ihre Erlebnisse und Erfahrungen miterleben, ich gehe mit ihr ins Café, ins Theater, lasse mich lachend von den „vier Unvermeidlichen“ beim Konzert ärgern, über Modebewusstsein belehren und kann mit ihr über Krawatten lästern. Aber so golden waren die Zeiten dann doch nicht, mit dem Wissen von heute sieht man die dunklen Wolken, die sich über Polly Tieck und Deutschland schieben. Mitte der 1920er Jahre aber weiß Polly Tieck das Kommende noch nicht, sie lebt und arbeitet, nutzt ihr Wissen und Können und macht sich einen Namen. Zu jener lang vergangenen Zeit zählten Mühe, körperliche wie geistige Anstrengungen, Leistungsbereitschaft und echter Karrierewillen zu den Eigenschaften, die heute leider oft abfällig betrachtet und dem „bürgerlichen“ Milieu vorgehalten werden. Meine Großmutter, 1899 geboren, hat leider wenig über ihre Jugend und die Jahre vor dem Nationalsozialismus erzählt (das macht jetzt Polly Tieck für sie!), aber ich weiß, dass sie aus der Provinz nach Berlin zum Onkel geschickt wurde, damit sie in Neukölln ein Lyzeum besuchen konnte. Sie kam aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, aber ihr Vater, ein Schneidermeister, wusste um den unschätzbaren Wert guter Bildung. Das kam ihr ein Leben lang zugute.
Da der Autor in seinem Vorwort schon eine exzellente Zusammenfassung und Bewertung von Polly Tiecks journalistischer/feuilletonistischer Arbeit gegeben hat, ist es schwierig, hier noch etwas Besseres zu formulieren. Deshalb will ich nur über meine Leseeindrücke schreiben, die im Gegensatz zur hochgelobten Thematik manchmal nicht ganz so euphorisch sind. Das liegt wohl vor allem an den heutigen Schreib- und Lesegewohnheiten, ich möchte immer schnell und prägnant zur Pointe kommen, allzu lange, „eloquente“ Texte, wie Heerde sie beschreibt, machen mich doch einigermaßen ungeduldig. Beim Lesen hatte ich das Gefühl, die Schreiberin las selbst gern ihre Texte, fand sich darin wieder und hatte dann schon die nächste Idee. Sie fand die Ideen in ihrem eigenen Milieu, dem Bildungsbürgertum, und sie schrieb auch für dieses Milieu, wie anders könnte man sich Texte wie „Ifrudot“ oder „Der Kampf um die Schönheit“ erklären, denn der „tägliche Kampf… Also Training, Sport, Luft und Sonne…“ war in den 1920ern wohl kaum etwas, mit dem sich die durchschnittliche Berliner Arbeiterfrau beschäftigte. Dass Polly Tieck sich ob ihrer eigenen Klasse noch Asche aufs Haupt schüttete, weil sie meinte, die Besitzenden wären wohl an allem schuld, das hat mich im Text „Meine Erlebnisse als Geschworene“ dann doch etwas irritiert. Ebenso irritierend fand ich die Kindheitserinnerungen an „die neun Zimmer“, die ihr wie kalte Fratzen entgegenstarrten. Wem wollte sie mit solchen Bekenntnissen imponieren?
Dass Polly Tieck eine Frau von Bildung und Geschmack war, das wird ihr niemand absprechen. Ihr Ressort war die sogenannte „Neue Frau“, damit kannte sie sich aus. Und sie parlierte mit französischen Einsprengseln in ihren Artikeln, mein lang verschollenes Schulfranzösisch reicht leider nicht mehr aus, so dass ich von Zeit zu Zeit ein elektronisches Wörterbuch zu Rate ziehen musste. Mit »Pas sur la bouche« ging es im ersten Text los, Latein fand sich später auch noch, »Dulce et decorum est, pro patria mori.«
Polly Tieck legt in ihre Texte sehr viel Unterschwelliges, man bemerkt bei ihr auch eine kleine Überheblichkeit, die sie ab und an aufblitzen lässt. Da kann sie dann schon mal auf gewöhnliche Leute herabschauen von den Höhen ihres Bildungsbürgertums. Sie versucht es mit fast allen Themen, die der (politische) Alltag bietet, ihren Lesern ihre Gedankenwelt nahe zu bringen, ja, sie regelrecht zu belehren und zu überzeugen. Sei es Kindererziehung, Liebesbeziehung, Pazifismus oder Urlaubsstimmung, zu allem kann sie etwas beitragen. Wie dem auch sei, am Ende ihres Lebens wird Polly Tieck verstanden haben: Die Welt ist kein „goldener Garten“, die Menschheit ist nicht göttlich.
Noch einige Worte zur Buchgestaltung: Der Umschlag ist so passend, dass es besser nicht geht, das Foto der jungen Polly Tieck mit Monokel, Telefonhörer und supermodernem Haarschnitt fällt sofort auf. Und trifft auf den Punkt!

Fazit: Die aufwendige Recherchearbeit von Hans-Joachim Heerde hat das feuilletonistische Werk von Polly Tieck aus den Tiefen der Archive hervorgeholt, so dass dieses Buch durch ein exzellentes Vorwort und einen ausführlichen biografischen Teil zu einem literaturgeschichtlichen, wohl einmaligen Gesamtwerk wurde.

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 26.03.2026

Die Rückblicke der Frauen

Wo der Wind die Namen trägt
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Die Hauptpersonen in diesem Buch sind Frauen ganz unterschiedlicher Art, von der Ärztin bis zur einfachen Bauersfrau, von der Journalistin bis zur Sängerin. Teilweise sind sie miteinander verwandt, teilweise ...

Die Hauptpersonen in diesem Buch sind Frauen ganz unterschiedlicher Art, von der Ärztin bis zur einfachen Bauersfrau, von der Journalistin bis zur Sängerin. Teilweise sind sie miteinander verwandt, teilweise hat sie das Leben an einem Ort zusammengeführt. Die häufig wechselnden Stimmen, Zeiten und Orte machen es dem Hörer nicht so leicht, der Grunderzählung zu folgen. Ich glaube, dass ich dieses Hörbuch wohl als Buch noch einmal in Ruhe lesen werde, denn es birgt eine Vielzahl an interessanten Details ans Licht. Alles spielt sich ab in der Heidelandschaft Lüneburger Heide, immer im Hintergrund der Gedanke an Bergen-Belsen und die Außenlager des KZs.
Ausgangspunkt der Erzählungen sind die Erinnerungen von Inge, 1945 ein Kriegskind, das den Bombennächten aus Hamburg mit ihrer Mutter entfliehen konnte. Die Mutter, eine Kinderärztin, wird im und nach dem Krieg versuchen zu helfen, wo sie kann. Die Tochter Inge lernt einen geigenspielenden Eigenbrötler kennen, der ihr später auch Geigenunterricht geben wird. Jene Inge wird mit 85 Jahren mit ihrer Enkeltochter und ihrem Urenkel Paul noch einmal in die ehemalige Heimat reisen, dabei kommen ihr viele Erinnerungen wieder ins Gedächtnis, tragische und schöne und solche, über die sie ihr Leben lang mit niemandem gesprochen hat.
Eine andere Hauptperson ist Helga, eine Journalistin, die schon vor und im Krieg Lokalreporterin war. Nach Kriegsende ist es für sie schwierig, eine neue Stelle zu finden. Aber irgendwann erhält sie den Auftrag, eine Chronik zu erstellen; sie beginnt, die Einwohner zu interviewen und erfährt wohl auch mehr als ihr manchmal lieb ist. Ihr Tagebuch ist es Jahre nach ihrem Tod, das zu vielen Fragen führt, deren Antworten äußerst schmerzhaft sind.
Die Last der Zeit des Nationalsozialismus liegt wie eine schwere Decke über allem, immer sind die Verbrechen, die in der Lüneburger Heide geschehen sind, in den Gedanken und Erinnerungen aller Protagonisten in diesem Hörbuch unmittelbar präsent. Einzige Ausnahme ist wohl der kleine Paul, Urenkel von Hilde.
Gesprochen wird das Hörbuch von Ruth Reinecke, Tessa Mittelstaedt und Monika Oschek, die alle drei sehr einfühlsam und mit Empathie vorlesen.

Fazit: Eine interessante, mit historischen Tatsachen unterlegte Geschichte, die über viele Jahre hinweg ihre Protagonisten begleitet und in der es auch echte Überraschungsmomente gibt.

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 28.02.2026

Es hört nie auf

Giftiger Grund
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Thomas Knüwer hat sich mir ins Gedächtnis geschrieben mit „Das Haus in dem Gudelia stirbt“, das ist zwei Jahre und einen Deutschen Krimipreis 2024 her, nur erscheint sein neuester Roman, giftgrün-schwarzes ...

Thomas Knüwer hat sich mir ins Gedächtnis geschrieben mit „Das Haus in dem Gudelia stirbt“, das ist zwei Jahre und einen Deutschen Krimipreis 2024 her, nur erscheint sein neuester Roman, giftgrün-schwarzes Cover und 330 Seiten stark. Stark auch der Inhalt, der auf dem giftigen Grund einer verlassenen Tankstelle seinen anziehend abstoßenden Platz hat.
Drei Hauptpersonen bevölkern den neuen Krimi, die Randfiguren sind fast durch die Bank negativ besetzt und fordern keine Sympathiebekundungen heraus. Wer sind die drei? Zuerst ist da Joran, der sieben Jahre zuvor an einem Tankstellenraub beteiligt war und beinahe versehentlich einen Mann mit seinem Messer verletzte. Ergebnis waren sieben Jahre Haft. Als Joran sich zu ebendieser Tankstelle begibt, um die magere Beute von siebenhundert Euro zu suchen, findet er einerseits die Leiche seines ehemaligen Freundes, andererseits aber kein Geld. Aber er lernt auf unsanfte Art Protagonistin Nummer zwei kennen, Charu. Sie ist eine Urbexerin, die sich die Tankstelle als Lost-Place-Location für ihre nächsten Instagram-Videos auserkoren hat. Sie filmt heimlich und filmte dabei unbemerkt das Mädchen Edda, das ihr Videoaccessoire, eine „Glitzerkatze“, geklaut hat. Aus den drei Protagonisten erwächst eine Schicksalsgemeinschaft, die es in sich hat.
Joran hat Geldsorgen, sein Kumpan Marvin versucht ihn erneut auf die schiefe Bahn zu ziehen, Charu lebt bei ihrer Schwester und muss sich mit deren unerquicklichem Freund Mike auseinandersetzen, Edda lebt unter äußerst prekären Umständen, die erst im weiteren Verlauf der Geschichte Konturen annehmen. Alle drei werden immer wieder auf harte Proben gestellt und müssen um Leib und Leben fürchten. Ob es jedem von ihnen gelingt, ein neues Leben zu beginnen, das lasse ich hier offen.
Der Krimi kommt erst langsam in Fahrt, man sollte Geduld haben, beim Lesen wie beim Hören.
Das Buch hat eine klare und angenehm zurückhaltende Typografie. Das Cover wird inklusiver der Innenklappen gut genutzt, leider ist die weiße kleine Schrift auf dem giftgrünen Grund (Inhalt und Autorenvorstellung) auf den Klappen schlecht lesbar, da wäre schwarz die bessere Wahl.
Das Hörbuch wird von verschiedenen Sprechern gelesen, bekommt beinahe einen Hörspielcharakter. Die Stimmen passen gut, es wird sehr lebendig und authentisch gelesen!

Fazit: Ein guter Krimi, ungewöhnliches Ambiente, spannend bis zum Ende.

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 23.02.2026

Grün ist die Farbe der Hoffnung

Immergrün
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Ruth Olshan hat ein starkes Debüt vorgelegt! Das Buch, das nicht den Genretitel Roman trägt, ist eine autobiografisch-autofiktionale Bewältigung ihrer Kindheits- und Jugenderfahrungen in Romanform. Die ...

Ruth Olshan hat ein starkes Debüt vorgelegt! Das Buch, das nicht den Genretitel Roman trägt, ist eine autobiografisch-autofiktionale Bewältigung ihrer Kindheits- und Jugenderfahrungen in Romanform. Die Autorin arbeitet mit zwei Zeitebenen, es fiel mir nicht schwer, mich in beiden Zeiten zurechtzufinden, als geborene Berlinerin fiel mir das natürlich in Olshans Berliner Erinnerungen leichter als in denen, die sie zu Israel vermittelt. Erzählen kann sie aus der Zeit dort eigentlich noch nicht, die Baby- und Kleinkinderinnerungen sind wohl eher aus zweiter Hand. Aber das macht nichts, sie lesen sich wahrhaftig und lassen deutsche Leser sicher manchmal verwundert aufschauen. Erzählt wird diese Lebens- und Familiengeschichte immer aus Sicht der Hauptperson, der willensstarken Ruth.
Die Olschans (ich bleibe der Einfachheit halber bei diesem im Buch gewählten Familiennamen) sind eine Emigrantenfamilie aus Moskau, die Mutter stammt ursprünglich aus Litauen, das Jüdische und das Katholische mischen sich bei Ruth Olaschans Eltern, die Mutter wurde mit der Taufe während der Besetzung Litauens dem rassischen Verfolgungswahn der Deutschen entzogen. Der Vater ist Jude, mit dem schönen, bedeutungsschweren Vornamen Israel, aber praktiziert eher nicht. Es ist kompliziert und wird es das ganze Buch über auch so bleiben.
Nach einer zuerst geglückten Emigration 1970 aus der Sowjetunion nach Israel stellt sich dort bald heraus, dass Ruths Eltern sich an dieses Land nicht anpassen, sich dort nicht integrieren können. Ruth wäre das wohl gelungen, aber die Eltern wollen nach Deutschland. Das Land, das ihren Lebensweg so dramatisch mitbestimmte, über Leben und Tod in den Familien entschied, soll nun die neue Heimat werden. Auch hier, in Berlin (West) ist Integration und Assimilation schwierig, wieder ist es Ruth, die sich schneller an die Gegebenheiten gewöhnt. Da Ruths Mutter als ausgebildete Sängerin und Chorleiterin keine Arbeit findet, und auch der Vater sich mit einer Beschäftigung schwertut, ist die kleine Familie auf Sozialhilfe angewiesen. Wie sehr, das wird im Buch immer wieder deutlich. Die teilweise prekäre Lage spitzt sich zu und manifestiert sich in wüsten Streits und gegenseitigen Beschimpfungen der Eltern, die sich irgendwann auch scheiden lassen. Um die gemeinsame Tochter Ruth kümmern sie sich immer weniger. Bald zeichnet sich eine schwere psychische Erkrankung der Mutter ab, die Ruth versucht, mit allen Mitteln zu verheimlichen. Die Schilderungen des Zustands der Mutter und es Zustands der verwahrlosten Wohnung sind haarsträubend.
Der zweite Erzählstrang beginnt im ersten Kapitel mit dem Tod der Mutter; Ruth, unterdessen eine erwachsene Frau, hat als Hinterbliebene ein schweres Vermächtnis zu erfüllen: Die Asche von Mutter und Großmutter sollen im Familiengrab in Kaunas beigesetzt werden. Ruth will zuerst mit dem Flugzeug und den beiden silbernen Urnen, die wie kleine Bomben aussehen, dorthin fliegen, aber das stellt sich als zu kompliziert und bürokratisch heraus. Also packt sie die Urnen in eine Einkaufstasche und fährt, begleitet vom nervtötenden Scheibenwischerquietschen, von Berlin über Polen nach Litauen. Um dann in Kaunas festzustellen, dass sie nicht einmal vorher eruiert hat, auf welchem Friedhof sich das Familiengrab befindet. Die ordentliche Ruth muss schon ziemlich aus dem Konzept geraten sein, dass sie die Reise so unvorbereitet antrat. Aber das Glück ist ihr weiter hold.
Ich will hier nicht zu viel erzählen vom Inhalt, nicht von den Erlebnissen unterwegs, nicht von den Erinnerungen an die Kindheit von Ruth. Aber ein wirklich einschneidendes Ereignis will ich hervorheben: Der Fall der Mauer am 9. November 1989, der die Welt auch von Ruth und ihrer Mutter auf den Kopf stellt. Beide können bald danach in das Land der Vorfahren reisen, die Annäherung zwischen Enkelin und Großmutter ist rührend beschrieben.
Jeder wird dieses Buch anders lesen, manche werden es mögen, andere nicht, ich mag es sehr. Auch, weil ich in einer Mutter-Tochter-Großmutter-Welt aufgewachsen bin. Meine Ahninnen sind nicht emigriert, aber sie mussten flüchten am Ende des Zweiten Weltkriegs, die Befreiung war für meine Mutter nach 12 Jahren der Repressionen, die sie als Halbjüdin erlitt, eine echte Befreiung. Auch sie litt unter Depressionen, besonders im Alter, auch ich habe sie in einer psychiatrischen Klinik besuchen müssen. Alles unter vollkommen anderen Bedingungen, als Ruth sie erlebte, aber es hat mich sehr an meine eigenen Erfahrungen erinnert. Und ich habe mir beim Lesen vorgestellt, ich würde mit den Urnen meiner Oma und meiner Mutter nach Polen reisen und sie beide in Meseritz beerdigen, ich glaube, sie hätten nichts lieber gehabt als das. Deshalb kann ich das Vermächtnis, das Ruth nach Kaunas führt, so gut verstehen.
Dass die Autorin sich in der Lage sah, gerade über ihre Mutter, aber auch über ihren Vater so schonungslos zu berichten, hat mich trotzdem sehr erschüttert. Ich habe vor Jahren die Biografie meines Vaters veröffentlich, meine Mutter darin fast nicht erwähnt, ich habe es nicht übers Herz gebracht, etwas Negatives oder Unschönes über sie zu schreiben. Zu meinem Vater hatte ich ein distanzierteres Verhältnis, in einer Dokumentation war es auch leichter, ihn zu beschreiben und zu kritisieren. Über meine Mutter so zu schreiben, wie Ruth Olshan das gemacht hat, das könnte ich nicht.
Mich hat das Buch an eine Reihe von Emigranten-, Auswanderer- und Exilromanen erinnert, die alle mit alltäglichen Sorgen umgehen mussten, entweder hier in Deutschland oder weil sie aus Deutschland vertrieben wurden. Wenige Beispiele: Yoko Kuhn, Onigiri; Mariusz Hoffmann, Polnischer Abgang; Erich Maria Remarque, Arc de Triomphe; Sabrina Janesch, Katzenberge; Jehona Kicaj, ë; Melissa Müller, Mit dir steht die Welt nicht still – alles Romane, die den Verlust der Heimat und die Probleme des Alltags in einem fremden Land wunderbar beschreiben.
Dieses Buch IMMERGRÜN reiht sich ein, aber es hebt sich mit seiner Schärfe und Tragik auch sehr von anderen Romanen ab.
Der Epilog mit dem Gedicht vom Papierschiffchen hat alles Gelesene rückblickend in ein etwas sanfteres Licht gerückt. „Papierschiffchen, meine Hoffnung“ – hier schließt sich der Kreis, auch Immergrün hat die Farbe der Hoffnung.
Fazit: eine nicht alltägliche Lebens- und Familiengeschichte, auch die Geschichte einer psychischen Erkrankung, die das Leben zur Hölle machen kann. Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 18.02.2026

Großer Künstler und ewiger Optimist

Wolfgang Kohlhaase
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Für mich ist Wolfgang Kohlhaase so etwas wie ein guter Verwandter, der mich durch meine Kindheit und Jugend begleitete. Als er 1954 seinen ersten Film dreht, werde ich gerade geboren, deshalb folgt für ...

Für mich ist Wolfgang Kohlhaase so etwas wie ein guter Verwandter, der mich durch meine Kindheit und Jugend begleitete. Als er 1954 seinen ersten Film dreht, werde ich gerade geboren, deshalb folgt für mich zuerst „Berlin Ecke Schönhauser“, ganz in der Nähe habe ich gewohnt. Meine Mutter arbeitete in der Filmbranche, so kam ich früh mit vielen Filmen auf Tuchfühlung, das hier im Kapitel „Denken ist wie Licht, es geht in jede Richtung“ von Bastienne Voss beschriebene Jahr 1966, das für Kunst und Kultur verheerende 11. Plenum des ZK der SED, verbotene Filme und kampfesmutige Filmemacher, all das ist mir lebhaft in Erinnerung. Auch, dies: „Für viele, vor allem politisch Denkende und Künstler, war die Bundesrepublik mit der gerade erst vergangenen Adenauer-Ära, mit den nur unbefriedigend aufgearbeiteten Verbrechen des Nationalsozialismus, mit ihrem Konservatismus und Katholizismus und dem ganzen verstaubten Heimatkitsch, keine Alternative.“ Das änderte sich erst nach der Ausbürgerung von Wolf Biermann drastisch.
Der Film, der meine Jugend geprägt hat, wird hier in diesem Buch sehr ausführlich behandelt, „Ich war neunzehn“. Gedreht hat ihn Konrad Wolf, das war ein geniales Duo, der Dramaturg Kohlhaase und der Regisseur Wolf! In den 1980er Jahren folgte von beiden der legendäre Film „Solo Sunny“, und mit dem Regisseur Frank Beyer „Der Aufenthalt“ nach dem Roman von Hermann Kant. Kohlhaase dazu, Zitat: »Man darf sich nicht vorstellen, dass die Leute sich damals nur Unterhaltungsware ansehen wollten«, erzählt er. »Es gab ein Bedürfnis, wenigstens im Nachhinein zu verstehen, was mit den Deutschen passiert war. Wir suchten nach Geschichten, die nicht vergessen werden sollten.« Ja, genauso war es. So viele und ähnliche Erinnerungen habe auch ich an diese Kinozeiten vor 1989. Aber die Wende hat einiges durcheinandergewirbelt.
Bewusst habe ich Kohlhaase dann erst wieder wahrgenommen, als „In Zeiten abnehmenden Lichts“ erschien, auch auf diesen Film, der 18 Jahre nach der Wende entstand, trifft ja das im letzten Absatz erwähnte Zitat auch zu. Unterdessen sind auch die DDR-Bürger um einiges klüger geworden, denn die inhaltlichen Beschränkungen der DDR-Zeit waren vorbei. Zumindest auf mich trifft das zu. Zitat: „Die Zeit“ schreibt (zu diesem Film): »Es gibt nicht so viele Filme, die den Osten mit seiner Steifheit, Verträumtheit, seinen Hoffnungen, seiner Sauffreude und leisem Humor glaubwürdig abgebildet haben. Dieser gehört definitiv dazu.«
Was mich im ganzen Buch sehr erstaunt hat, ist der Optimismus von Kohlhaase und seine Unerschütterlichkeit, was die DDR anbelangt. Vielleicht war er durch seinen Status doch etwas weiter weg von den „Mühen der Ebene“ (siehe Brecht).
Kohlhaase war mit Emöke Pöstenyi verheiratet, auch sie kannte ich, vom Berliner Friedrichstadtpalast und aus dem Fernsehen, dass sie seine Ehefrau war, hatte ich wohl vergessen. Erst im Buch habe ich wieder darüber gelesen. Sehr berührend beginnt es nämlich mit dem völlig unerwarteten Tot von Kohlhaase nach einem wunderbaren und gelungenen Abend. Da war er bereits 92 und hatte eigentlich noch viel vor.
Das Buch wird vielleicht nicht jeden interessieren, aber ich empfehle es trotzdem jedem. So gebündelt findet man nicht viele, gut lesbare Sachbücher über die DDR-Kunst- und Kulturgeschichte. Wer diese Zeit miterlebt hat, kann einiges auffrischen, wer nicht viel davon weiß, lernt eine Menge dazu. Der Autorin Bastienne Voss spreche ich meinen Dank aus für die liebevolle Umsetzung ihrer sicher nicht einfachen Recherchen und (Er)-Kenntnisse. Und einen zusätzlichen Dank dafür, dass ich mich mit ihrer Hilfe an so viele, meist schöne Filmerlebnisse erinnert habe.
Fazit: Eine interessante und aufschlussreiche Biografie zu einem hoffentlich noch lange in Erinnerung bleibenden Dramaturgen und den mit ihm entstandenen Filmikonen.

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