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Veröffentlicht am 23.02.2026

Grün ist die Farbe der Hoffnung

Immergrün
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Ruth Olshan hat ein starkes Debüt vorgelegt! Das Buch, das nicht den Genretitel Roman trägt, ist eine autobiografisch-autofiktionale Bewältigung ihrer Kindheits- und Jugenderfahrungen in Romanform. Die ...

Ruth Olshan hat ein starkes Debüt vorgelegt! Das Buch, das nicht den Genretitel Roman trägt, ist eine autobiografisch-autofiktionale Bewältigung ihrer Kindheits- und Jugenderfahrungen in Romanform. Die Autorin arbeitet mit zwei Zeitebenen, es fiel mir nicht schwer, mich in beiden Zeiten zurechtzufinden, als geborene Berlinerin fiel mir das natürlich in Olshans Berliner Erinnerungen leichter als in denen, die sie zu Israel vermittelt. Erzählen kann sie aus der Zeit dort eigentlich noch nicht, die Baby- und Kleinkinderinnerungen sind wohl eher aus zweiter Hand. Aber das macht nichts, sie lesen sich wahrhaftig und lassen deutsche Leser sicher manchmal verwundert aufschauen. Erzählt wird diese Lebens- und Familiengeschichte immer aus Sicht der Hauptperson, der willensstarken Ruth.
Die Olschans (ich bleibe der Einfachheit halber bei diesem im Buch gewählten Familiennamen) sind eine Emigrantenfamilie aus Moskau, die Mutter stammt ursprünglich aus Litauen, das Jüdische und das Katholische mischen sich bei Ruth Olaschans Eltern, die Mutter wurde mit der Taufe während der Besetzung Litauens dem rassischen Verfolgungswahn der Deutschen entzogen. Der Vater ist Jude, mit dem schönen, bedeutungsschweren Vornamen Israel, aber praktiziert eher nicht. Es ist kompliziert und wird es das ganze Buch über auch so bleiben.
Nach einer zuerst geglückten Emigration 1970 aus der Sowjetunion nach Israel stellt sich dort bald heraus, dass Ruths Eltern sich an dieses Land nicht anpassen, sich dort nicht integrieren können. Ruth wäre das wohl gelungen, aber die Eltern wollen nach Deutschland. Das Land, das ihren Lebensweg so dramatisch mitbestimmte, über Leben und Tod in den Familien entschied, soll nun die neue Heimat werden. Auch hier, in Berlin (West) ist Integration und Assimilation schwierig, wieder ist es Ruth, die sich schneller an die Gegebenheiten gewöhnt. Da Ruths Mutter als ausgebildete Sängerin und Chorleiterin keine Arbeit findet, und auch der Vater sich mit einer Beschäftigung schwertut, ist die kleine Familie auf Sozialhilfe angewiesen. Wie sehr, das wird im Buch immer wieder deutlich. Die teilweise prekäre Lage spitzt sich zu und manifestiert sich in wüsten Streits und gegenseitigen Beschimpfungen der Eltern, die sich irgendwann auch scheiden lassen. Um die gemeinsame Tochter Ruth kümmern sie sich immer weniger. Bald zeichnet sich eine schwere psychische Erkrankung der Mutter ab, die Ruth versucht, mit allen Mitteln zu verheimlichen. Die Schilderungen des Zustands der Mutter und es Zustands der verwahrlosten Wohnung sind haarsträubend.
Der zweite Erzählstrang beginnt im ersten Kapitel mit dem Tod der Mutter; Ruth, unterdessen eine erwachsene Frau, hat als Hinterbliebene ein schweres Vermächtnis zu erfüllen: Die Asche von Mutter und Großmutter sollen im Familiengrab in Kaunas beigesetzt werden. Ruth will zuerst mit dem Flugzeug und den beiden silbernen Urnen, die wie kleine Bomben aussehen, dorthin fliegen, aber das stellt sich als zu kompliziert und bürokratisch heraus. Also packt sie die Urnen in eine Einkaufstasche und fährt, begleitet vom nervtötenden Scheibenwischerquietschen, von Berlin über Polen nach Litauen. Um dann in Kaunas festzustellen, dass sie nicht einmal vorher eruiert hat, auf welchem Friedhof sich das Familiengrab befindet. Die ordentliche Ruth muss schon ziemlich aus dem Konzept geraten sein, dass sie die Reise so unvorbereitet antrat. Aber das Glück ist ihr weiter hold.
Ich will hier nicht zu viel erzählen vom Inhalt, nicht von den Erlebnissen unterwegs, nicht von den Erinnerungen an die Kindheit von Ruth. Aber ein wirklich einschneidendes Ereignis will ich hervorheben: Der Fall der Mauer am 9. November 1989, der die Welt auch von Ruth und ihrer Mutter auf den Kopf stellt. Beide können bald danach in das Land der Vorfahren reisen, die Annäherung zwischen Enkelin und Großmutter ist rührend beschrieben.
Jeder wird dieses Buch anders lesen, manche werden es mögen, andere nicht, ich mag es sehr. Auch, weil ich in einer Mutter-Tochter-Großmutter-Welt aufgewachsen bin. Meine Ahninnen sind nicht emigriert, aber sie mussten flüchten am Ende des Zweiten Weltkriegs, die Befreiung war für meine Mutter nach 12 Jahren der Repressionen, die sie als Halbjüdin erlitt, eine echte Befreiung. Auch sie litt unter Depressionen, besonders im Alter, auch ich habe sie in einer psychiatrischen Klinik besuchen müssen. Alles unter vollkommen anderen Bedingungen, als Ruth sie erlebte, aber es hat mich sehr an meine eigenen Erfahrungen erinnert. Und ich habe mir beim Lesen vorgestellt, ich würde mit den Urnen meiner Oma und meiner Mutter nach Polen reisen und sie beide in Meseritz beerdigen, ich glaube, sie hätten nichts lieber gehabt als das. Deshalb kann ich das Vermächtnis, das Ruth nach Kaunas führt, so gut verstehen.
Dass die Autorin sich in der Lage sah, gerade über ihre Mutter, aber auch über ihren Vater so schonungslos zu berichten, hat mich trotzdem sehr erschüttert. Ich habe vor Jahren die Biografie meines Vaters veröffentlich, meine Mutter darin fast nicht erwähnt, ich habe es nicht übers Herz gebracht, etwas Negatives oder Unschönes über sie zu schreiben. Zu meinem Vater hatte ich ein distanzierteres Verhältnis, in einer Dokumentation war es auch leichter, ihn zu beschreiben und zu kritisieren. Über meine Mutter so zu schreiben, wie Ruth Olshan das gemacht hat, das könnte ich nicht.
Mich hat das Buch an eine Reihe von Emigranten-, Auswanderer- und Exilromanen erinnert, die alle mit alltäglichen Sorgen umgehen mussten, entweder hier in Deutschland oder weil sie aus Deutschland vertrieben wurden. Wenige Beispiele: Yoko Kuhn, Onigiri; Mariusz Hoffmann, Polnischer Abgang; Erich Maria Remarque, Arc de Triomphe; Sabrina Janesch, Katzenberge; Jehona Kicaj, ë; Melissa Müller, Mit dir steht die Welt nicht still – alles Romane, die den Verlust der Heimat und die Probleme des Alltags in einem fremden Land wunderbar beschreiben.
Dieses Buch IMMERGRÜN reiht sich ein, aber es hebt sich mit seiner Schärfe und Tragik auch sehr von anderen Romanen ab.
Der Epilog mit dem Gedicht vom Papierschiffchen hat alles Gelesene rückblickend in ein etwas sanfteres Licht gerückt. „Papierschiffchen, meine Hoffnung“ – hier schließt sich der Kreis, auch Immergrün hat die Farbe der Hoffnung.
Fazit: eine nicht alltägliche Lebens- und Familiengeschichte, auch die Geschichte einer psychischen Erkrankung, die das Leben zur Hölle machen kann. Leseempfehlung!

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 18.02.2026

Großer Künstler und ewiger Optimist

Wolfgang Kohlhaase
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Für mich ist Wolfgang Kohlhaase so etwas wie ein guter Verwandter, der mich durch meine Kindheit und Jugend begleitete. Als er 1954 seinen ersten Film dreht, werde ich gerade geboren, deshalb folgt für ...

Für mich ist Wolfgang Kohlhaase so etwas wie ein guter Verwandter, der mich durch meine Kindheit und Jugend begleitete. Als er 1954 seinen ersten Film dreht, werde ich gerade geboren, deshalb folgt für mich zuerst „Berlin Ecke Schönhauser“, ganz in der Nähe habe ich gewohnt. Meine Mutter arbeitete in der Filmbranche, so kam ich früh mit vielen Filmen auf Tuchfühlung, das hier im Kapitel „Denken ist wie Licht, es geht in jede Richtung“ von Bastienne Voss beschriebene Jahr 1966, das für Kunst und Kultur verheerende 11. Plenum des ZK der SED, verbotene Filme und kampfesmutige Filmemacher, all das ist mir lebhaft in Erinnerung. Auch, dies: „Für viele, vor allem politisch Denkende und Künstler, war die Bundesrepublik mit der gerade erst vergangenen Adenauer-Ära, mit den nur unbefriedigend aufgearbeiteten Verbrechen des Nationalsozialismus, mit ihrem Konservatismus und Katholizismus und dem ganzen verstaubten Heimatkitsch, keine Alternative.“ Das änderte sich erst nach der Ausbürgerung von Wolf Biermann drastisch.
Der Film, der meine Jugend geprägt hat, wird hier in diesem Buch sehr ausführlich behandelt, „Ich war neunzehn“. Gedreht hat ihn Konrad Wolf, das war ein geniales Duo, der Dramaturg Kohlhaase und der Regisseur Wolf! In den 1980er Jahren folgte von beiden der legendäre Film „Solo Sunny“, und mit dem Regisseur Frank Beyer „Der Aufenthalt“ nach dem Roman von Hermann Kant. Kohlhaase dazu, Zitat: »Man darf sich nicht vorstellen, dass die Leute sich damals nur Unterhaltungsware ansehen wollten«, erzählt er. »Es gab ein Bedürfnis, wenigstens im Nachhinein zu verstehen, was mit den Deutschen passiert war. Wir suchten nach Geschichten, die nicht vergessen werden sollten.« Ja, genauso war es. So viele und ähnliche Erinnerungen habe auch ich an diese Kinozeiten vor 1989. Aber die Wende hat einiges durcheinandergewirbelt.
Bewusst habe ich Kohlhaase dann erst wieder wahrgenommen, als „In Zeiten abnehmenden Lichts“ erschien, auch auf diesen Film, der 18 Jahre nach der Wende entstand, trifft ja das im letzten Absatz erwähnte Zitat auch zu. Unterdessen sind auch die DDR-Bürger um einiges klüger geworden, denn die inhaltlichen Beschränkungen der DDR-Zeit waren vorbei. Zumindest auf mich trifft das zu. Zitat: „Die Zeit“ schreibt (zu diesem Film): »Es gibt nicht so viele Filme, die den Osten mit seiner Steifheit, Verträumtheit, seinen Hoffnungen, seiner Sauffreude und leisem Humor glaubwürdig abgebildet haben. Dieser gehört definitiv dazu.«
Was mich im ganzen Buch sehr erstaunt hat, ist der Optimismus von Kohlhaase und seine Unerschütterlichkeit, was die DDR anbelangt. Vielleicht war er durch seinen Status doch etwas weiter weg von den „Mühen der Ebene“ (siehe Brecht).
Kohlhaase war mit Emöke Pöstenyi verheiratet, auch sie kannte ich, vom Berliner Friedrichstadtpalast und aus dem Fernsehen, dass sie seine Ehefrau war, hatte ich wohl vergessen. Erst im Buch habe ich wieder darüber gelesen. Sehr berührend beginnt es nämlich mit dem völlig unerwarteten Tot von Kohlhaase nach einem wunderbaren und gelungenen Abend. Da war er bereits 92 und hatte eigentlich noch viel vor.
Das Buch wird vielleicht nicht jeden interessieren, aber ich empfehle es trotzdem jedem. So gebündelt findet man nicht viele, gut lesbare Sachbücher über die DDR-Kunst- und Kulturgeschichte. Wer diese Zeit miterlebt hat, kann einiges auffrischen, wer nicht viel davon weiß, lernt eine Menge dazu. Der Autorin Bastienne Voss spreche ich meinen Dank aus für die liebevolle Umsetzung ihrer sicher nicht einfachen Recherchen und (Er)-Kenntnisse. Und einen zusätzlichen Dank dafür, dass ich mich mit ihrer Hilfe an so viele, meist schöne Filmerlebnisse erinnert habe.
Fazit: Eine interessante und aufschlussreiche Biografie zu einem hoffentlich noch lange in Erinnerung bleibenden Dramaturgen und den mit ihm entstandenen Filmikonen.

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 18.02.2026

Mischung aus Cosy- und Regiokrimi

Mörderisches Therapieren: Krimikomödie aus Bayern
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Im abgelegenen und sonst eher ruhigen bayrischen Dorf Fackenreuth passieren merkwürdige und schlimme Dinge. Der Dorfpolizist Dorfpolizist Xaver Gottwald ist schnell etwas überfordert, eine Kriminalpolizistin ...

Im abgelegenen und sonst eher ruhigen bayrischen Dorf Fackenreuth passieren merkwürdige und schlimme Dinge. Der Dorfpolizist Dorfpolizist Xaver Gottwald ist schnell etwas überfordert, eine Kriminalpolizistin hängt tot im Wald, ein Psychotherapeut gibt komische Ratschläge, ein geistig etwas gestörter junger Mann wechseln sein Sammelgebiet usw. Hinzu kommen Probleme mit einer verschwundenen Undercoverfrau und zwei Damen namens Petra und Anna. Es gibt reichlich Abwechslung im Krimi, aber er ist auch leicht zu durchschauen. Auch wenn es dem Xaver beinahe an de Kragen geht, bleibt der Krimi eher cosy.
Mir hat die Stimme von Michael A. Grimm und ihr bayrische Klang gefallen, ich fühlte mich vor Ort und inmitten des Dorftrubels wohl. Einfach gute Unterhaltung, fürs Putzen, Bügeln, Autofahren. Und deshalb empfehlenswert.

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Veröffentlicht am 16.02.2026

Diese Biografie ergänzt die Romane von Lotte Paepcke eindrucksvoll

Lotte Paepcke
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Noch stehe ich unter dem Eindruck des Romans „Unter einem fremden Stern“, der gerade im Januar 2026 neu im 8 grad verlag aufgelegt wurde. Dort fand ich die Annotationen dieser bereits 2023 erschienenen ...

Noch stehe ich unter dem Eindruck des Romans „Unter einem fremden Stern“, der gerade im Januar 2026 neu im 8 grad verlag aufgelegt wurde. Dort fand ich die Annotationen dieser bereits 2023 erschienenen biografische Skizze sowie des zweiten Romans von Lotte Paepcke „Ein kleiner Händler, der mein Vater war“, beides auch im 8 grad verlag erschienen. Dem Verleger Matthias Grüb und auch den Nachfahren von Lotte Paepcke sei Dank! Mich packte das Lesefieber wie selten: die berührende Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin, die mit viel Glück den Holocaust überlebte und danach voller innerer Kraft und mit hohem Intellekt das neue Leben im Nachkriegsdeutschland und dann in der noch jungen BRD meisterte, auch wieder ein echtes Familienleben haben konnte, das alles fordert mir höchsten Respekt ab.
Die Autorin Gisela Hack-Molitor, die sich bereits mehrfach mit biografischen Arbeiten verdient machte (z. B. über den Verleger Bruno Hauff oder den Neurologen Kurt Goldstein), hat sich intensiv mit den publizierten und veröffentlichten Arbeiten und Interviews der Lotte Paepcke auseinandergesetzt. Offensichtlich hat das Lesen des ersten Romans bei ihr ähnliche Gefühle verursacht wie bei mir. Ich hatte meiner Rezension den Titel "Der Tod hatte mich nicht genommen." gegeben, sie hat ihrem Buch mit dem Untertitel „Es wurde nicht wieder gut“ emotionalen Nachdruck verliehen. Beides ist die Quintessenz aus Lotte Paepckes Leben. Trotzdem kann sie auf Fotos ein zauberhaftes Lachen zeigen, das mich sehr an meine Mutter erinnert, die als Halbjüdin den Holocaust ebenfalls überlebte.
Das „Lebensthema jüdischer Existenz in Deutschland“ wird Lotte Paepcke bekannt machen, sie vertritt vehement ihre Ansichten, Hack-Molitor scheibt dazu „Die Interviews mit Lotte Paepcke sind von ihrer ausgesprochen zurückgenommenen, rational-nüchternen Art geprägt, auch in Bezug auf emotional aufwühlende Erlebnisse.“
Die Biografie zeichnet mit kurzen, prägnanten Passagen das Leben von Lotte Paepcke nach, ihre Jugendjahre, ersten Jahre nach der Machtergreifung Hitlers, dass sie trotz dieser nach einem Aufenthalt im Ausland mit ihrem Mann Ernst August wieder zurück nach Deutschland kommt, nicht ahnend, dass sie das beinahe das Leben kosten wird. Der Leser erfährt von ihrer Ehe, vom kleinen Sohn Peter, der mit drei Jahren kurz vor den Novemberpogromen getauft wird, trotzdem als Mischling herabgewürdigt wird, von schwierigen (Über-)Lebensbedingungen, von Flucht und zuletzt vom Verstecken in einem Kloster. Es war harte Kost für mich, auch wenn das Buch nicht dick ist, hat es mich sehr berührt und traurig gemacht. Daran konnte auch der gute Ausgang nichts ändern, das beständige Denken und Erinnern fiel sicher auch Lotte Paepcke nicht leicht.
Lotte Paepcke hat nach dem Krieg eine sehr bestimmte, feministische Haltung eingenommen, ob sie es aber wegen der „Geschlechtergerechtigkeit“ für notwendig erachtet hätte, mit häufigen Doppelnennungen den Lesefluss oder in Interviews den Redefluss zu stören, das wage ich zu bezweifeln. Leider kann man die Interviews nicht nachhören, es sei denn, man begibt sich in die Archive des SWR und SR. Nachbarinnen und Nachbarn, Mitbürgerinnen und Mitbürger, Jüdinnen und Juden, Mitarbeitende (1938 hat wohl niemand so gesprochen), Leserinnen und Leser etc. Über sich selbst schreibt Lotte Paepcke nämlich „… Ich werde nach Deutschland zurückkehren und dort leben als ein Jude.“ Schade, dieses Buch wäre mit Verwendung des generischen Maskulinums weitaus lesbarer geworden.
Hack-Molitor schreibt ja auch, „Die sprachliche Palette Lotte Paepckes ist breit.“ Ich freue mich, dass so in der Biografie auch von ihren Gedichten zu lesen ist! Diese sind nicht Reime im eigentlichen Sinne, sie sind Ausdruck ihres ganzen Denkens und Fühlens, sie bringt damit alles auf einen „Nenner“. Romane werden zu kleinen Kunstwerken der Lyrik ohne Reim. Ich verweigere mich jeglichem Vergleich zu anderen jüdischen Dichtern, Lotte Paepcke hat ihre eigene Sprache, sie muss nicht zu den anderen passen oder sich abheben.
Lotte Paepcke fühlte sich oftmals im Nachkriegsdeutschland nicht wohl, sprach von Angst, wollte trotzdem in der Heimat bleiben, obwohl es nicht mehr „die“ Heimat ist, die sie in ihrer Jugend als solche empfand. Hochspannend die Ambivalenz, die Möglichkeit, Israel als neue, jüdische Heimat zu wählen, schlägt sie aus.
Am Ende beschäftigt sich Hack-Molitor noch einmal mit dem eingangs genannten Roman über Paepckes Vater. Auch dieses Buch lohnt einen zweiten Blick! Und am Ende kann man den Brief des Großvaters Max Mayer an seinen dreijährigen Enkel Peter lesen, den er 1938 kurz vor dessen Taufe schrieb. Es ist kein Brief an ein Kind, sondern an den erwachsenen Peter, es ist das gesamte Lebensvermächtnis dieses kleinen, hoch intelligenten Mannes. „… Erinnerung gehört zum Wesen des Judentums.“ Dieser Satz umfasst alles, was ich empfinde, die Erinnerung an die eigene Familie und ihre Geschichte, an die Juden und ihre Geschichte, begleiten mich unendlich.
Hack-Molitor geht auch auf die aktuelle Lage der Juden in Deutschland und in der ganzen Welt ein. Dieses Buch erschien rund 14 Tage vor dem 7. Oktober 2023, das Massaker der Hamas hat seitdem die Welt noch einmal mehr verändert, die Lage der Juden im ganz alltäglichen Leben verschlechtert, sie werden wieder öffentlich beschimpft und bespuckt, weitere Attentate sind seitdem gefolgt. Für mich ist das die schrecklichste Entwicklung, die die Welt nehmen kann. Meinetwegen muss niemand „Zeichen setzen gegen den Antisemitismus“, die Erinnerungswellen sind ja gut und schön, aber ich erwarte von der Politik einfach eine klare Haltung für die Juden und pro Israel und hoffe, dass ich nicht wie Lotte Paepcke eines Tages auch Angst haben muss um mein Leben und meine Familie. Gerade das Kapitel „Memento“ ist deshalb besonders wichtig für die heutigen Leser.
Ein letztes Zitat, das sich wie ein Vermächtnis und wie eine Warnung liest, will ich noch anfügen: „Ihre [Paepckes] Bücher machen am individuellen Schicksal begreiflich, wie der nationalsozialistische Staatsterror seine Rassenideologie in kürzester Zeit umzusetzen und ein funktionierendes staatsbürgerliches Miteinander zu zerschlagen imstande war.“
Zur Gestaltung und Typografie: Beides gefällt mir sehr, besonders das Cover ist gut gelungen. Die Wahl der Schriften ist vorzüglich, die unterschiedlichen Überschriften, Unterüberschriften und der Text sind eine gute Symbiose eingegangen, für mich eine Freude beim Lesen der schwierigen Thematik. Da hätten auf den Inhaltsseiten aus ästhetischer Typografensicht die Fußnoten sicher gestört. Trotzdem hat es mich etwas gestört, so oft nach hinten blättern zu müssen, denn die Fußnoten (sie heißenF im Buch ja Anmerkungen) auf der Seite mit dem zugehörigen Text wären hilfreich und würden das Lesen nicht ständig unterbrechen. Am Ende ein Dank für die Literaturangaben, ich suche jetzt vor allem noch nach den Gedichten.
Fazit: Die Veröffentlichung dieser Biografie und der Bücher von Lotte Paepcke macht mich sehr froh, aber auch nachdenklich. Ich empfehle die Lektüren allen Geschichtsinteressierten, egal welchen Alters.

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 31.01.2026

Viele, vielleicht zu viele Vorschusslorbeeren (Hörbuch)

Niemands Töchter
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Ich kannte den Namen Judith Hoersch bisher nicht, logisch, denn sie hat mit diesem Roman ihr Debüt als Schriftstellerin. Schon dafür gebührt ihr meine Anerkennung, denn in heutiger Zeit einen Roman so ...

Ich kannte den Namen Judith Hoersch bisher nicht, logisch, denn sie hat mit diesem Roman ihr Debüt als Schriftstellerin. Schon dafür gebührt ihr meine Anerkennung, denn in heutiger Zeit einen Roman so prominent bei einem großen Verlag zu veröffentlichen, dazu gehört schon eine große Portion Selbstbewusstsein und auch ein langer Atem. Ich hatte, bevor ich das Hörbuch begann, einige Rezensionen zu "Niemands Töchter" gelesen, einige auf Instagram, einige bei Amazon oder LovelyBooks. Aus Zeitmangel entschied ich mich dann fürs Hörbuch, das die Autorin selbst liest. Und hier begann mein Problem, ich kannte die Leseprobe (immerhin bis zur Seite 36), die mir gut gefallen hat, aber der gleiche Text – vorgelesen von der Autorin – kam mir sehr langatmig und langgezogen vor, die Stimme so langsam und ruhig, ja fast emotionslos. Das hat mich doch sehr enttäuscht.
Die Geschichte um die vier Frauen Marie, Gabriele, Alma und Isabell hat mich trotzdem sehr bewegt, schließlich bin auch ich eine Tochter und ich habe selbst zwei Töchter plus eine Patchworktochter, weiß um Beziehungstragödien und liebevolles An- und Abstoßen. Judith Hoersch bringt die Konflikte, die nicht nur in den Altersunterschieden lauern, sehr einfühlsam in ihrem Roman unter. Und sie löst die Geheimnisse, die unter der Oberfläche lauern, mit gekonnten Wendungen auf.
Judith Hoersch sagt selbst, dass sie "versucht, die tiefe Prägung zu ergründen, die Mütter an ihre Kinder weitergeben." Ja, das ist ihr gelungen und ich kann es aus vollem Herzen bestätigen, ohne meine Mutter würde ich heute auch keine Rezensionen schreiben. Das hat sie mir bereits als Kind in die Wiege gelegt.
Das Cover ist nicht ganz mein Geschmack, aber das liegt vielleicht daran, dass momentan unendlich viele Frauen- und Familienromane ähnlich gestaltet werden.
Fazit: wer gern Familienromane liest bzw. hört, ist hier genau richtig.

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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