„Nichts außer Charlotte.“ denkt François Sauvin, ihr Vater. Und er hat recht. In diesem Roman von Alice Austen begegnet der Leser vielen Bewohnern des Hauses 33 Place Brugmann in Brüssel, aber am Ende ...
„Nichts außer Charlotte.“ denkt François Sauvin, ihr Vater. Und er hat recht. In diesem Roman von Alice Austen begegnet der Leser vielen Bewohnern des Hauses 33 Place Brugmann in Brüssel, aber am Ende ist es zumindest für mich nur diese Charlotte Sauvin, die mich fesselte.
Der Roman beginnt mit dem Protokoll der Bewohner von 33 Place Brugmann am 2. April 1939, nur eine Person ist gestrichen, weil verstorben. Am 20. Januar 1942 wird sie aktualisiert, wie sie nach Kriegsende aussehen wird, bleibt der Phantasie der Leser überlassen. Zwischen diesen beiden Daten liegt eine Welt. Alice Austen nimmt die Hausbewohner in die Pflicht, jeder berichtet aus seiner Sicht von Ereignissen, Gerüchten, Liebe, Verrat, einem Hund namens Zipper und der verschwundenen jüdischen Familie Raphaël, von Kleidern, die genäht werden und Köpfen, die für Hüte vermessen werden, und von einem ungeborenen Kind. Anfänglich fiel es mir nicht leicht, den unterschiedlichen Personen und ihren Gedankengängen zu folgen, aber ich gewöhnte mich an den ungewöhnlichen Stil. Und ich gewöhnte mich an Charlotte, die als Halbwaise bei ihrem Vater aufwächst, künstlerisch sehr begabt ist, aber vollkommen farbenblind.
Die Zeit, in der der Roman angesiedelt ist, lässt schon 1939 nichts Gutes ahnen, der Faschismus wirft seine Schatten voraus, als im Mai 1940 das neutrale Belgien von deutschen Truppen überfallen wird und Ende Mai kapituliert, wäre es für die Familie Raphaël wohl sehr viel schwieriger geworden, in Sicherheit zu kommen. Die Rechtzeitigkeit ihres Verschwindens bedeutet aber für Charlotte auch, dass sie den geliebten Jugendfreund Julian verliert. Aber noch bleibt ihr Masha, eine Schneiderin, die als staatenloser Flüchtling mit einem Nansen-Pass Zuflucht gefunden hat in diesem Haus, direkt unter dem Dach, als Ersatzmutter und Freundin. Auch sie wird misstrauisch beäugt, wie fast jeder Bewohner sich vom anderen beobachtet fühlt. Die einen still, die anderen laut, so wie das ganze Haus.
Die surreale Lage, in der sich die Hausbewohner ebenso wie die Deutschen befinden, wird mit Hilfe von Traumsequenzen noch verstärkt. Die ständig wechselnden Perspektiven erleichterten mir die Rezeption des Buches nicht. Das Davor und Danach machen es aber leichter, sich die Brüsseler Welt im Kleinen vorzustellen. Der Roman wurde schon im Vorfeld hochgelobt, auf der Umschlagrückseite ist zu lesen: »Das größte Leseerlebnis seit Jahren.« Oprah Daily. In der Originalfassung gibt es mindestens 20 Auszüge aus lobenden Rezensionen, bevor der Roman überhaupt beginnt. Nun sind Buchempfehlungen in jedem Fall sehr subjektiv, ich würde den Satz von Ophra Daily jedenfalls nach dem Lesen nicht verkünden. Mir hat das Buch nur teilweise gefallen, Euphorie hat es nicht ausgelöst. Und das, obwohl ich mich sehr häufig mit der Thematik Nationalsozialismus, Holocaust und Zweiter Weltkrieg beschäftige. Oder gerade deshalb.
Die originale Leseprobe (von amazon.de) habe ich auch noch gelesen, sie hat mir gut gefallen, ersetzt aber natürlich nicht den Eindruck für das gesamte Buch. Frauke Brodd hat den Roman aus meiner Sicht so authentisch und gut lesbar wie möglich ins Deutsche übersetzt.
Fazit: Ich möchte keine ausdrückliche Leseempfehlung geben, aber empfehle das Lesen von anderen Rezensionen. Da wird vielleicht das Interesse dann doch geweckt.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.
Es gibt tatsächlich Leute, der „Volksmund“ genannt, die meinen, Geld verderbe den Charakter. Dabei ist es nur schlecht verborgener Neid, der hochkocht, wenn eine wie Swetlana auftaucht und die Umwelt locker ...
Es gibt tatsächlich Leute, der „Volksmund“ genannt, die meinen, Geld verderbe den Charakter. Dabei ist es nur schlecht verborgener Neid, der hochkocht, wenn eine wie Swetlana auftaucht und die Umwelt locker in die Tasche steckt.
Wer also ist Swetlana? Eine junge, bildschöne und blitzgescheite (wenn man von Mathematik absieht) Exilrussin, die mit ihrem Vater, der der Bruder des russischen Staatspräsidenten zu sein scheint, und mit ihrer Mutter, die von besseren Tagen am Theater träumt, in einer Villa in Hamburg lebt und sogar – man höre und staune – aufs Gymnasium geht. Dass ihr vor lauter Nachdenken übers richtige Outfit in der Schule schon mal etwas danebengeht, ist nachvollziehbar. Weniger nachvollziehbar war mir jedoch die ständige Wiederholung der teuren Accessoires. Der Autor trägt gern dick auf in dieser Geschichte, aber mir war es etwas zu heftig, auch was die Sprache und die Beschreibung einiger Szenen angeht. Die Namenswahl für seine Protagonisten hätte jedoch nicht besser ausfallen können. Besonders der kleine und der große Rasputin haben es mir angetan, aber auch der Spitzname Hering für einen Lehrer namens von Bismarck lässt nichts zu wünschen übrig.
Swetlana hat die Herzens- und die Geistesbildung nicht von ihren Eltern geerbt, sondern von ihrer Baba, der russischen Oma, die nun leider tot ist. Deren Vermächtnis aber bleibt der klugen Swetlana im Gedächtnis. Was sie daraus macht, das liest jeder am besten selbst. Bis zur Mitte des Buches passiert noch nicht so viel, wenn man von den merkwürdigen Lebensumständen und der Art der Tagesbeschäftigung absieht, mit der sich die Eltern am Leben erhalten oder von den Schulstunden und überkandidelten oder unterbelichteten Mitschülerinnen. Es gibt dann noch als Sahnehäubchen einen neuen Mitschüler, der vom Nerdy zum Melvy mutiert, und der zwar nur Englischstunden besucht, aber definitiv auch in Deutsch dringend Nachhilfe benötigt, ebenso wie in Körperpflege und beim sonstigen Umgang mit anderen Menschen. Da sieht sich Swetlana tatsächlich gefordert und begibt sich in den Kampf um das Äußere und Innere des kulleräugigen Nerds.
Was diese beiden zusammenhält und bis nach St. Petersburg bringt, das ist wirklich ein Spaß, besonders, wenn kleinere und größere Geheimnisse gelüftet werden. Trotzdem habe ich beim Lesen immer wieder über einen Punkt nachgedacht. Welches Genre ist das nun? Roman, Schelmengeschichte, Krimi, Märchen für Erwachsene? Bis ans Ende hat mich das verfolgt. Eines ist aber gewiss, der Autor Michael Hetzner liebt das Russische, das Gelehrte, das Weiche, das Tragische, das Melancholische, das Lyrische, die verschlungenen Wege der Gedanken und die Bonmots. Auch kennt er sich aus in den russischen Gepflogenheiten, den kleinen Witzen unter „Freunden“, spitze Bemerkungen sind in diesem Buch keine Mangelware. Und wenn er Gedichte einstreut, egal ob von der Achmatowa, von Rilke und anderen Geistesgrößen, sie sind perfekt gewählt und platziert.
Fazit: Ich habe mich entschieden, dieses Buch im Genre Unterhaltungsroman anzusiedeln. Wer etwas Ausgefallenes sucht und bereit ist, sich über „russische Bären“ zu amüsieren, für den ist das Buch richtig. Für mich war es nicht ganz die richtige Wahl, aber die Gedichte und die Rasputins haben mir trotzdem ein paar kurzweilige Stunden beschert.
3 Sterne
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Mein Interesse an „Mischka“ wurde schon mit dem Namen der Autorin geweckt. Ihre Bücher sind in meiner Erinnerung, ganz besonders „Georg“ hatte es mir angetan. Dass sie wie ich auch, der sogenannten zweiten ...
Mein Interesse an „Mischka“ wurde schon mit dem Namen der Autorin geweckt. Ihre Bücher sind in meiner Erinnerung, ganz besonders „Georg“ hatte es mir angetan. Dass sie wie ich auch, der sogenannten zweiten Generation angehört, wie ich in Ostberlin aufwuchs, das verbindet mich auch gedanklich mit ihr. Nun wieder etwas Neues von Barbara Honigmannzu lesen, darauf freute ich mich. Drei Porträts sind angekündigt im Untertitel und auf dem Umschlag gibt es schon Vorschusslorbeeren von der FAZ. Jetzt ist es Anfang März 2026, es wurden seit Erscheinen im Januar bereits unzählige Rezensionen veröffentlicht. Ich habe sie nicht gelesen, werde das erst tun, wenn meine eigene Rezension beendet ist.
Die Genrebezeichnung Porträt hat bei mir jedenfalls andere Erwartungen aufkommen lassen. Auch das noch ein zweites Mal gelesene Porträt der „Wilhelmine Hermannova Slawusdkaja [so] hieß sie [Mischka] nämlich in aller Länge, geborene Magidson“ hat meine Erwartungen nur teilweise erfüllt. Die Autorin erinnert sich an Mischka, verwebt eigene Eindrücke, Erinnerungen und Erlebnisse mit den Kenntnissen von Mischka und verliert sich im Labyrinth der sowjetischen Dissidenten und der Intelligenzia. Man braucht eine gehörige Portion Geschichtswissen und Geduld, um das Porträt der Mischka daraus hervortreten zu lassen. Personen, Namen, Gedanken und Ereignisse umgeben die Porträtierte wie ein flirrendes Licht. Ich habe mich selbst jahrelang bei Recherchen zur Biografie meines Vaters mit den 1950er bis 1970er Jahren beschäftigt; DDR, Staatssicherheit, KGB, Gulag, Tauwetter, Westemigranten, DPs, Abschottung, Kalter Krieg, Noel Field, Achmatowa usw. tauchen auch in Mischkas Porträt auf, hinzu kommen unzählige Namen wie Sacharow, Solschenizyn, Kopelew, Meyerhold, andere aus der Theater-, viele auch aus der Kunst- und Kulturszene der damaligen Sowjetunion.
Es gibt Insiderwitze und Insiderwissen, hier habe ich es mit einem Insiderbuch zu tun. „Drei Porträts“. Ein Roman ist es leider nicht geworden, ein Essay würde ich es auch nicht nennen. Was dann? Für wen? Wen interessieren all die Namen und Gegebenheiten, die ein halbes Jahrhundert zurückliegen, ihren Ursprung vor weit über 100 Jahren haben. Mich lässt das beinahe ratlos zurück, all die Namen verhallen noch beim Lesen. Bis ich auf einen Bekannten treffe, Richard Pietraß, mit dem ich Mitte der 1970er Jahre im Verlag Neues Leben zusammenarbeitete. Er wurde gegangen, ich ging freiwillig.
Erst beim zweiten Lesen über Mischka, ich habe dabei bewusst nur noch das sie Betreffende für mein Gehirn herausgefiltert, finde ich die Frau, die über hundert Jahre alt wurde und ein wahnsinnig interessantes, aber auch entbehrungsreiches Leben lebte. Sie wurde in Riga geboren, war in großbürgerlichen Verhältnissen zu Hause und wendete sich in sehr jungen Jahren dem Kommunismus zu. „Mischka war aus Moskau von der Partei nach Berlin delegiert worden.“ Dort wurde Inprekorr, die Zeitschrift der Komintern, herausgegeben, und das ganz im Sinne der sowjetischen Ideologie und Führung aus Moskau. Mischka wird später wieder nach Moskau zurückbeordert und gerät in das Getriebe aus Verrat und Denunziation, wird noch vor der „Großen Säuberung“ verhaftet und nach dem Schreckensparagraphen 58, in dem alles steckt, was ein Richter benötigt, zu acht Jahren Lagerhaft verurteilt. Aber sie wird nicht entlassen im Jahr 1944, als feindliche Ausländerin bleibt sie bis 1946 in Gefangenschaft, es folgen unmenschliche zehn Jahre Verbannung. Ihren ersten Mann, den deutschen Kommunisten Kutschi (Kurt Müller) wähnt sie schon lange tot, sie heiratet Naum, einen Mithäftling, und beide überstehen die eisigen Jahre der Verbannung. Ich kann es mir auch bei wiederholtem Lesen einfach nicht vorstellen, was diese tapfere Frau, was Millionen anderer Menschen im Namen des Kommunismus und Stalinismus geschah. Es ist die Hölle auf Erden. Honigmann, die all das in der kleinen Küche von Mischka in Moskau erfährt, schreibt „All das hörte ich und davon las ich, und all das hörte dann endlich auch die ganze Welt, und wer will jetzt sagen, was schlimmer war, Auschwitz oder Workuta, das Butyrka-Gefängnis oder das Zuchthaus Brandenburg?“ Es steht mir so wenig wie anderen zu, diese Grauen miteinander zu vergleichen, mein Großvater wurde in Auschwitz ermordet, mein Vater war jahrelang im Zuchthaus Brandenburg, dass es Orte von menschengemachtem Unrecht, von Mord und Knechtschaft waren, ist aber Tatsache. Wichtig ist, dass es nie vergessen wird, dazu trägt auch dieses Buch bei.
Mischka wird die Moskauer Mama für Barbara Honigmann und diese herzliche, zutiefst menschliche und intellektuelle Verbindung gibt beiden einen großen Halt. Bis zu Mischkas Tod werden sie eng befreundet und verbunden bleiben. Das Ziehkind setzt der Mama ein ehrwürdiges Denkmal.
Das zweite Porträt widmen sich dem Ehepaar Max und Yvette, die die Autorin erst in Straßburg, ihrer Wahlheimat, kennenlernt. Hier wird vor allem vom Überlebenskampf während der deutschen Besetzung im Zweiten Weltkrieg berichtet, von all denen, die lang erwartet nie mehr aus dem Osten zurückkamen und von denen, die nach dem Krieg in Straßburg ein neues jüdisches Leben aufbauten, das bis heute fortbesteht. Auch hier sind es die Erfahrungen und Erinnerungen der Autorin, die den Text zusammenhalten, das jüdische Leben beschreiben, Gemeinsamkeiten und Trennendes in der zusammengewürfelten Gemeinde kurz und klar benennen. Außenstehende befassen sich eher selten mit den Unterschieden zwischen aschkenasischen und sephardischen Juden, so ist das auch ein sehr lehrreiches Porträt geworden.
Dann folgt das Kapitel „Peter Thomas Klaus Wolfgang“, kein Porträt einer einzelnen Person, sondern einer Gruppe, der Gruppe der zweiten Generation, ihrer Schicksalsgemeinschaft, die bis heute nicht aufgelöst ist und sich teilweise in der dritten Generation (Enkelgeneration) wiederfindet. „…das Gemeinsame ist nur unser Herkommen, aber zumeist ohne eine Tradition, ohne Überlieferung, ohne Religion sowieso…“ Die Elterngeneration bemüht sich um Assimilation, die Namen der Kinder sind nicht auffällig, wie man in der Kapitelüberschrift sieht. Ich war wohl mit dem Vornamen Judith eher eine Ausnahme von dieser Regel. Th. hat sein Schicksal selbst in die Hand genommen, sah im Suizid den Ausweg. Barbara Honigmann schreibt über ihn und die anderen mit Wehmut, keines der Nachkommen kann die Zeit zurückdrehen, die Eltern bleiben schicksalbeladen, manche haben sich vom Stalinismus verabschiedet, manche haben ihn fürs Leben verinnerlicht. In diesem Konglomerat aus Erfahrung und Bürde seinen Weg zu finden, ist zumindest Barbara Honigmann mit ihren Büchern gelungen.
Kritisch anmerken will ich, dass ich ein Personenverzeichnis – insbesondere für Mischkas Porträt – als hilfreich angesehen hätte. Einen Anhang über diese Personen, der einige biografische Details aus dem Inhalt wiederholt und Zusätzliches genannt hätte, würde aus dem kleinen Buch der drei Porträts ein zeit- und kulturhistorisches Nachschlagewerk machen. Vielleicht war das nicht der Ansatz, den die Autorin verfolgt hat, aber mir hätte es gut gefallen.
Wenn man, wie ich, etwas mehr wissen will über einzelne Personen, ist das Internet dann die erste Wahl, interessant die Seite www.gulag.memorial.de, auf der man Kurzbiografien z. B. von Mischka und ihrem ersten Ehemann Kurt Müller findet, aber auch von Naum Slavutzki, Jewgenija Ginsburg oder Alexander Solschenizyn.
Fazit: Interessante Menschen hat Barbara Honigmann für ihr Buch ausgewählt, die Fülle an Namen und Informationen im Porträt „Mischka“ hat mir die Annäherung an die Porträtierte etwas erschwert. Das Porträt „Max und Yvette“ hat mir einen neuen Blick auf die jüdische Gemeinschaft nicht nur in Straßburg gewährt, das Porträt der sog. „Zweiten Generation“ wäre aber intensiver ausgefallen, wenn der Fokus nur auf eine Person aus diesem Kreis gerichtet worden wäre. So verschwindet am Ende diese Gruppe aus meinem Gedächtnis wieder, ohne einen tiefen Eindruck zu hinterlassen.
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Die Autorin Christien Brinkgreve, Niederländerin und Mitte 70, steht nach dem Tod ihres Ehemannes A (ein Name stand ihm wohl nicht zu in diesem Buch) vor den Scherben ihrer Liebe und versucht, sie zu einem ...
Die Autorin Christien Brinkgreve, Niederländerin und Mitte 70, steht nach dem Tod ihres Ehemannes A (ein Name stand ihm wohl nicht zu in diesem Buch) vor den Scherben ihrer Liebe und versucht, sie zu einem Ganzen zusammenzusetzen, das auch in der Erinnerung einem kritischen Blick besteht. Aber Liebe ist nicht Lego und so baut sie an einer Stelle auf und woanders entgleiten ihr die Gefühle. Nicht einmal das Umräumen ihrer Wohnung lässt sich ohne Widerstände von außen und innen bewerkstelligen, Brinkgreve war immerhin 40 Jahre mit A verheiratet und hat mit ihm zwei nun erwachsene Söhne sowie Töchter aus seiner ersten Ehe. Allen soll alles recht gemacht werden, war nicht geht. Setzt sie ihren Kopf durch, erfährt sie Kritik und Ablehnung. Erst allmählich, das Trauerjahr neigt sich schon dem Ende zu, wird sie selbstbewusster und ruhiger.
Als Brinkgreve und A heiraten, ist sie eine angehende promovierte Wissenschaftlerin, Soziologie, Psychologie, Psychotherapie, Feminismus und andere Themen, über die beide diskutieren können, an denen beide interessiert sind, scheinen der Kitt der frühen Beziehung. Noch schmückt sich der etwas ältere Mann, der seine erste Ehe gerade beendet, mit der klugen neuen Frau. Sie sieht diese Zeit so: „Ich verliebte mich nicht nur in den Mann, sondern auch in seine Entourage.“ Ich setze hinzu, auch in seinen Geist. Und sie gibt ihm von Anbeginn an nach, sogar den Verlust ihres eigenen Hauses nimmt sie in Kauf.
Aber als die Kinder kommen, erwartet er auch von einer Professorin gewisse zur Familie passende Eigenschaften. Dass Brinkgreve sich mit Hilfe von Haushaltshilfen Freiräume für ihre Arbeit erschafft, stößt auf wenig Gegenliebe. Im Rückblick lässt sie die Entwicklung an sich vorbeiziehen, erinnert sich an ihre Rückzüge, zuerst nur ins Arbeitszimmer unterm Dach, später auch nach Egmond in das Wochenendhaus. Etwas, das sich nicht jede Frau leisten kann, die Kinder und Arbeit unter einen Hut bringen will oder muss. Brinkgreve will. Und A nimmt übel, später werden ihr die Söhne verraten, dass auch sie die sich zurückziehende Mutter in gewisser Weise vermissten. Kolleginnen sehen die Rolle der Mutter nicht ausgefüllt und in Gefahr. Dabei versucht Brinkgreve, gerade die sogenannte Sorgearbeit zur Zufriedenheit aller zu erfüllen. Vorwürfe allenthalben.
In ihrem Versuch, die Liebe zu ordnen, schwankt die Autorin zwischen Selbstmitleid und Selbstliebe, zwischen Selbstverleugnung und Selbstbestimmung, dieses „Selbst“ hat ihr im Rückblick das Leben zur eigenen Hölle gemacht. Auch wenn sie irgendwann schreibt „Das Erschaffen einer eigenen Welt bot mir Schutz…“, frage ich „Schutz vor dem Ehemann?“ oder „Schutz vor dem Gedanken, sich von ihm zu trennen?“ Brinkgreve ist klug, sehr klug, sie weiß genau, was eine Trennung bedeutet. Verlust der Gemeinsamkeit, Verlust von Freundschaften, Verlust des Vertrauens der Kinder oder Schlimmeres. All das wollte sie nie, macht sich die Unfähigkeit, diese Entscheidung zu treffen, jedoch auch zum Vorwurf.
Brinkgreve ist sich ihrer selbst nicht sicher, der Ehemann war von Depressionen, oder wie er es nannte, von „Schwermut“ betroffen, Therapien lehnte er ab, die gemeinsame Paartherapie war aus meiner Sicht mit ihm der falsche Weg. Er kapselte sich immer mehr ab, wurde unleidlich, böse und grob in den Umgangsformen. Nur wenn sein Helfersyndrom beansprucht wurde, lebte er freundlich auf. Nicht unbedingt eine Ehe wie aus dem Bilderbuch. Freunde, Bekannte und Kollegen bemerkten diese Stimmungswechsel, konnten ihre Haltung, unbedingt bei ihrem Mann bleiben zu wollen, bald nicht mehr verstehen. „Womöglich konnte ich auch nicht ohne ihn?“. Diese Frage stellt sie sich nun selbst.
Als der Ehemann krank wird, erübrigt sich jeder Gedanke an Flucht, da heißt es „in guten, wie in schlechten Tagen“, dass sie in den schlechten Tagen eine Menge aushalten muss, lässt sich nachvollziehen anhand ihrer Selbsterkenntnisse. Sie war 40 Jahre lang zu nachgiebig, zu anpassungswillig, zu lieb. „Ich kam nicht gegen ihn an.“ Mit dem Aufräumen und Entrümpeln des Hauses kommt sie dann endlich doch gegen ihn an, aber es fällt ihr schwer. Jeder Gegenstand ist eine Geschichte, mit Bedeutung, auch mit schlechter, aufgeladen.
Wenn Eheleute sich plötzlich Mails schreiben, anstatt miteinander zu reden, fühlt sich das fremd an. Erstaunlich, dass Brinkgreve auch hier noch das Schöne und Freundliche sucht und findet, von einem Menschen, der sie offen ablehnt, sie nicht im Fokus haben will, sie lieber nicht ansieht. Wer so sehr sich selbst aufgibt, hat am Ende Schwierigkeiten, sich selbst noch zu sehen und zu erkennen.
Brinkgreve schreibt das alles in einem gut lesbaren Stil, sie ist versiert im Schreiben und Formulieren, aber es gelingt ihr nicht, eine Ordnung in ihre Liebe zu bringen. Ihre Liebe, die so sehr auch Selbstaufgabe war, widersetzt sich. Im Epilog schreibt sie „Das Schreiben war eine Art Studie, … Es legt offen. … Es kleidet Erfahrungen in Worte, die bisher wortlos gespeichert waren. …“
Mich hat dieses Buch trotz der Offenheit nicht sehr berührt, vielleicht ist es so, dass ich das, was ich hier erfahren habe mit einem Seufzer der Erleichterung gelesen habe. Mein Leben war nicht so, ist nicht so. Da möchte ich nicht gern allzu negative Erfahrungen von anderen Frauen haben, die mir die Seele beschweren.
Es ist für Brinkgreve am Ende eine Neuordnung der Gedanken und Erinnerungen, der Gefühle und Schmerzen und auch des Hauses. Sie wird damit weiterleben. Vielleicht ist es das, was Brinkgreve gebraucht hat, einmal alles durchdenken und dann dieses Buch beenden. Der Ehemann A wird dadurch nicht besser und auch nicht schlechter, jedoch kann sie sich der angenehmen, bereichernden Zeit mit ihm wieder ohne Scheu erinnern. Schlechtes wird verblassen, ich wünsche ihr genügend Zeit, das auch zu genießen.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.
Dieses Buch ist nicht mehr ganz taufrisch, zuerst erschienen im Jahr 2003 in London, erlebt es aber zurzeit einen wahren Hype. Die Verfilmung von "Down Cemetery Road", die seit einigen Wochen auf apple ...
Dieses Buch ist nicht mehr ganz taufrisch, zuerst erschienen im Jahr 2003 in London, erlebt es aber zurzeit einen wahren Hype. Die Verfilmung von "Down Cemetery Road", die seit einigen Wochen auf apple tv+ zu sehen ist, scheint der Grund zu sein. Emma Thompson hat mit ihrem empathischen Vorwort zu dieser Neuausgabe und mit ihrer Hauptrolle als Privatdetektivin Zoë Boehm sicherlich stark dazu beigetragen.
Ich habe zwei der "Slow Horses"-Krimis (Dead Lions, Real Tigers) von Herron gelesen und bin nun doch etwas ratlos und enttäuscht. Das Gespann Sarah Tucker und Zoë Boehm konnte mich bis zum Finale nicht richtig fesseln. Vielleicht liegt es an den hochgesetzten Erwartungen, die nicht nur durch die Verfilmung sondern auch durch Rezensionstexte, wie den auf dem Cover von Val McDermid, verursacht wurden. Ich muss leider sagen, eine Lesesucht nach Zoë Boehm empfinde ich nicht.
Die Story birgt zu viele Unwahrscheinlichkeiten, als dass ich sie wirklich ernst nehmen kann. Trotzdem werde ich mir die Serie ansehen, vielleicht inspirieren mich die Filme mehr als das Buch.