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Veröffentlicht am 18.04.2026

In der Stille und Einsamkeit vermag man seine innere Stimme am lautesten zu vernehmen. (Dieter Uecker)

Lass den Tag nicht vorübergehen
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Theodor kann den Lärm des Alltags nicht ertragen - seine Zuflucht ist die weiße Leinwand, die er mit seinen außergeöhnlichen Bildern zum Leben erweckt. Denn was noch niemand weiß - Stille kann sprechen, ...

Theodor kann den Lärm des Alltags nicht ertragen - seine Zuflucht ist die weiße Leinwand, die er mit seinen außergeöhnlichen Bildern zum Leben erweckt. Denn was noch niemand weiß - Stille kann sprechen, ohne Worte zu verwenden. Theodor gelingt mit seinen Bildern das auszudrücken, wonach er sich sehnt. Reinheit, Sanftheit, Stille und innerer Einklang. Der Zufall will es, dass aus dem unbekannten Maler aus dem Malerkeller bald ein gefeierter Künstler wird. Doch je lauter die Stimmen der Kunstszene werden, desto leiser wird Theodor. Kann er die inneren Stürme mit einem neuen Bild zum Ausdrück bringen ?


Wow, was für ein Brett ! Dieses Buch passt in keine Nische, hebt sich vom Mainstream ab und geht tief unter die Haut. Frank Wilmes erzählt in leisen unaufgregten Tönen von den vielen Facetten der Stille: ohrenbetäubend, kreativ, niederschmetternd, emotionsgeladen, köstlich, hungrig, satt, gehaltvoll...diese Liste ließe sich noch ewig fortführen, denn für jede/n Leser:in hat, genau wie für Theodor, Stille eine ganz eigene Bedeutung.

Während sich die männliche Hauptfigur regelrecht freischwimmt, gelingt Wiles etwas ganz Besonderes. Er lässt die Leserschaft Teil der Emotionen und Gedanken werden, die zum Schaffensprozees eines Bildes beitragen. Auch werden sie zu Weggefährt:innen, die nicht nur Sir Walter, Herr Jäger und auch Birgit kennenlernen, sondern tief in ihr Innerstes blicken.

Wilmes ist ein Wortpoet, malt mit Eloquenz ein wunderbar stilles Kopfkino, das beim Lesen auch "Bilder einer Ausstellung" von Modest Mussorgski als leise musikalische Untermalung erklingen lässt. Der Werdegang von Theodor ist mit vielen Begegnungen behaftet, die ihn unweigerlich an seine großes Ziel führen: Seine Kunst wird geachtet, geschätzt, gekauft, gesammelt.

Doch genau dieser Erfolg ist es, der Theoder alles nimmt, für was er eigentlich steht - Stille, Ruhe, Abgeschiedenheit. Der Roman ist tiefsinnig, sinnlich erlebbar und zeigt auf, dass alles im Leben seinen Preis hat. Ganz gleich, ob monetär oder emotional. Eine feinsinnige Erzählung über das Leben selbst, über Sehnsüchte, Verlust, Freundschaft und der Gewissheit, dass in der Stille auch immer eine ganz eindringliche Aufforderung steckt, die der Buchtitel wiedergibt: "Lass den Tag nicht vorübergehen", denn jeder Tag ist (d)ein ganz persönliches Geschenk.

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Veröffentlicht am 04.04.2026

“Zu reisen bedeutet sich zu entwickeln.” – Pierre Bernardo

Zugvögel wie wir
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Eva hat es sich über Jahrzehnte hinweg in ihrem Kokon aus Melancholie, Trauer und Selbstmitleid bequem gemacht und dabei vergessen zu leben. Irgendwann ist sie falsch abgebogen und es scheint, als würde ...

Eva hat es sich über Jahrzehnte hinweg in ihrem Kokon aus Melancholie, Trauer und Selbstmitleid bequem gemacht und dabei vergessen zu leben. Irgendwann ist sie falsch abgebogen und es scheint, als würde sie Kurve nicht mehr bekommen, um wieder Träume fliegen zu lassen, den inneren Regenbogen zum Leuchten zu bringen und die Frau sein, sie die einmal gewesen ist. Ein Urlaub in Schweden bringt die unerwartete Wendung: Eva findet einen jungen verletzten Kranich und in ihr reift der Wunsch, diesen Kranich auf seiner weiteren Reise zu beschützen. Kurzerhand schnappt sich Eva ein Fahrrad und begleitet "ihren" Kranich auf der Route gen Süden. Noch ahnt Eva nicht, dass diese Reise sie vollkommen verändern wird....


Julia Dibbern ermöglicht ihren Leser:innen einen aufregenden Roadtrip der ganz besondren Art - nicht laut, bunt und und durch überfüllte Städte, sondern mit leisen Tönen, sanften Naturerlebnissen und einem In-sich-Hineinhören.

Mit Klarinettistin Eva hat sie eine Frau gezeichnet, die - wie viele Frauen - das Wohl der Familie an vorderste Stelle gestellt und ihre eigene Karriere dafür "geopfert" hat. Mit dem Ergebnis, dass Eva eine gescheiterte Ehe vorzuweisen hat und die Kluft zwischen ihr und ihrer erwachsenen Tochter Sophie so groß ist, dass eine Annäherung fast aussichtlos erscheint.

Während Eva im Gleichtritt der Pedale die Reise durch Europa antritt, lernt sie durch zufällige Reisebekanntscheften, auf ihr Herz zu hören, ihre Bedürnisse zu erkennen und auch zu benennen. Jeder gefahrene Kilometer steht für den Prozess des Lassens: Darauffeinlassen - Zulassen- Loslassen - und Eva erkennt, dass es Zeit ist, sich ihren Gefühlen zu stellen, auch wenn diese weh tun. Denn durch den Schmerz lernt sie, ihre Trauer zu verarbeiten und sich selbst wieder zu finden.

Dibbern komponiert eine ganz besondere Symphonie - nicht aus Noten, sondern aus Worten und lässt diese wie einen zart gewebten Schleier die Leser;innen umhüllen. Mit jeder gelesenen Seite wird deutlich, dass das Loslassen von negativen Erinnerungen und Gefühlen das Abwerfen von emotionalem Ballast bedeutet. Sinnbildlich hierfür steht der Weg durch den See, der eine Perspektivenverschieung nicht nur bei denjeinigen hervorruft, die diesen Weg gehen, sondern auch für alle, die aktiv durch einen Perspektivenwechsel einen Übergang finden und den Wechsel akzeptieren.

Erneut ein Buch der leisen Töne, das lange nachhallt und in Erinnerung bleiben wird - sehr lesenswert !

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Veröffentlicht am 01.04.2026

Es gibt nur ein Mittel, sich wohl zu fühlen: Man muss lernen, mit dem Gegebenen zufrieden zu sein und nicht immer das verlangen, was gerade fehlt. Theodor Fontane

Waldbad
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Luan ist eigentlich ganz zufrieden mit seinem Leben - er kommt gerade so über die Runden, ist ein Tausendsassa und hält sich mit seinen vielen Jobs über Wasser. Auch kann er sich nicht vorstellen, jemals ...

Luan ist eigentlich ganz zufrieden mit seinem Leben - er kommt gerade so über die Runden, ist ein Tausendsassa und hält sich mit seinen vielen Jobs über Wasser. Auch kann er sich nicht vorstellen, jemals irgendwo anders zu leben als in Waldbad. Dieser Ort gibt ihm so unendlich viel und doch geht eine Veränderung im Kurort vor. Dort, wo einst die Einheimischen gewohnt haben, entstehen sogenannte Zweitwohnsitze und Ferienwohnungen zu exorbitanten Preisen. Bezahlbarer Wohnraum ist knapp und Luan merkt schon bald, dass sein kleines Nest in Gefahr ist. Gehen ober bleiben ? Aber Luan möchte nicht, dass sich etwas verändert, denn er ist zufrieden mit allem, wie es ist...


"Waldbad" ist ein Buch der leisen Töne, das auch zwischen den Zeilen ganz viele Botschaften für die Lesenden bereit hält. Lea Catrina erzählt vom Ausschlachten eines Kurortes, den die Tourist:innen für sich entdeckt haben. Daraus entsteht Wohnraummangel für die Einheimischen, was zu Konflikten führt.

Die Infrastruktur wandelt sich und je mehr Ferienwohnungen im Resort an wohlhabende Bürger:innen verkauft werden, desto mehr verändert sich die Sachlage vor Ort. Es ist kein Bohren mit dem Finger in der offenen Wunde, sondern ein sanfter Denkanstoß, den Catrina hier gibt, um das eigene Reiseverhalten zu überdenken und auch diejenigen miteinzubeziehen, die nach dem Urlaub vor Ort bleiben,um den Reisenden den Komfort zu ermöglichen, der von ihnen gewünscht/erwartet wird.

Luan ist authentisch, echt und ehrlich, nimmt kein Blatt vor den Mund und zeigt den Leser;innen seine kleine Welt, die nach und nach immer mehr Risse bekommt. Auch lernen die Lesenden die Urlauber:innen, Best Friends und einige Einheimische kennen, sodass das Buch sehr lebhaft und interssant gestaltet ist. Der ständige Wechsel zwischen Rückblicken Einblicken und Ausblicken sorgt für eine dynamische Erzählung, die aus der Sicht und mit den Gefühlen von Luan sehr gut treansportiert wird.

Einige paranormale Ereignisse machen den Roman noch interessanter und bringen zusätzlich noch ein wenig Schwung in die ohnehin schon kurzweilige Handlung. Ein wunderbarer Mix aus Melancholie, tiefgreifenden Gedanken, skurrilen Szenen und schrägen Charakteren , der vom Suchen und Finden des Sinn des Lebens, vom kleinen großen Glück und (innerer) Zufriedenheit erzählt.

Weit ab vom Mainstream und daher umso lesenswerter !

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Veröffentlicht am 31.03.2026

„Wir leben, um zu erkennen und uns selbst zu erkennen.“ Baltasar Gracián

Schwesternland
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Es soll eine fröhliches Beisammensein werden, denn der Anlass gibt mehr als einen Grund zur Freude. 100 gelebte Jahre, voller Freude, Trauer, Hoffnung und Entbehrungen sind es wert, dass die Familie wieder ...

Es soll eine fröhliches Beisammensein werden, denn der Anlass gibt mehr als einen Grund zur Freude. 100 gelebte Jahre, voller Freude, Trauer, Hoffnung und Entbehrungen sind es wert, dass die Familie wieder zusammen am Tisch im Ferienhaus im Havelland Platz nimmt. Antonia fühlt sich nicht ganz so wohl in ihrer Haut, denn nicht nur das geliebte Zimmer muss sie an Tante Max abtreten, auch das ohrenbetäubende Schweigen und die ungesagten Worte, die zwischen ihr und ihren Schwestern stehen, machen die Rückkher ins "Schwesternland" zu einer Art Spießrutenlauf. Erst als Antonia ein Ahnengutachten auf dem Geschenketisch ihrer Großmutter findet, beginnt sich die Neugier in ihr zu regen. Sie kann gar nicht anders, sie muss unbedingt herausfinden, wie die Geschichte ihrer Ahnen mit der eigenen Persönlichkeit verwoben ist...


Katharina Fuchs ermöglicht ihren Leserr;innen eine ganz besonder Zeitreise. Mit dem Öffnen der Buchdeckel und der nicht alltäglichen Gabe von Antonia wird Geschichte lebendig und es fühlt sich an, als würde aus dem modernen Buch des 21. Jahrhunderts plötzllich ein in Leder gebundenes Nachschlagewerk, dessen vergiltes Pergament leise raschelt und bei dem die teilweise verblasste Tinte zu flüstern beginnt.

Antonia ist eine Art Zeitenwandlerin, kann sich um Jahrhunderte zurückversetzen und sehen, was sich einst zugetragen hat. Plötzlich wird Geschichte lebendig und die Leser:innen sehen sepiafarbene Bilder, die sich wie in einer Laterna magica abspielen. Das 17. Jahrhundert wird mit einer ungeanhten Brutalität, Rohheit und Rauhheit von Fuchs beschreiben, sodass die Schmerzen körperlich und seelisch nachfühlbar sind.

Die beiden Erzählstränge aus Vergangenheit und Gegenwart verflechten sich ineinander wie die Strähnen eines Zopfes und bilden eine neue, gelebte Realität, die teilweise mit einer unglaublich philosophische Tiefe erzählt wird. Beide weibliche Hauptfiguren sind starke Charaktere und sowohl Jeanne als auch Antonia nehmen die Lesenden an der Hand, zeigen ihnen ihre Welt und Sichtweisen und halten somit auch ein starkes Plädoyer für mehr Toleranz und Akzeptanz, Gleichberechtigung und ein rücksichtvolles Miteinander.

Der Roman enthält viele wichtige Botschaften, die auch heute noch Anwendung finden. Miteinander reden, das Erlebte gemeinsam verarbeiten, aufeinander zugehen und das Schweigen brechen sind die Schlüssel, die letztendlich zur inneren Heilung führen. 478 Seiten, die Zeit und Raum vergessen lassen, das Hier und Jetzt vollkomen ausblenden und bei denen Katharina Fuchs wieder einmal beweist, dass sie (deutsche) Geschichte nicht nur geschickt dramaturgisch erzählen kann, sondern auch das nötige Finderspitzengefühl besitzt, um ihre Figuren einfühlsam zu begleiten.

Eine Geschichtsstunde zum Nacherleben und Mitfühlen - ganz, ganz großes Kino !!

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Veröffentlicht am 30.03.2026

Die Kochkunst ist eine Liebesgeschichte. Man muss sich in die Erzeugnisse und die Menschen, die diese machen, verlieben. Alain Ducasse

Küchengeflüster
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Die Restaurantkritiken von "Emil Fürst" sind berühmt, berüchtigt und von allen gefürchtet. Denn schärfer noch als die rasiermesserscharfen Damastklingen eines Profimessers ist die Feder gespitzt, mit der ...

Die Restaurantkritiken von "Emil Fürst" sind berühmt, berüchtigt und von allen gefürchtet. Denn schärfer noch als die rasiermesserscharfen Damastklingen eines Profimessers ist die Feder gespitzt, mit der die Artikel verfasst sind. Niemand ahnt, dass Tilda Kaufmann hinter diesem Pseudonym steckt und für die schlimmsten Verrisse verantwortlich ist, die es jemals in der Gastro-Szene gegeben hat. Und dann kommt der Tag, an dem Fass voll ist und Tilda sich mit ihren eigenen Worten konfrontiert sieet. Einziger Ausweg, um ihren Job in der Redaktion zu behalten: Sie wird inkognito als Küchenilfe in das Restaurant geschleust, das sie in Grund und Boden gestampt hat. Für Tilda startet eine Zeit des Lernens, denn die Tätigkeit in der Küche ist nicht nur ein Knochenjob, sondern auch mit viel Hingabe für die Lebensmittel und Gerichte verbunden. Während Tilda das Gemüse schnibbelt, beginnt sie ganz langsam, umzudenken und ihr Herz zu öffnen. Bis die unvermeintliche Katastrophe geschieht....


Mit "Küchengeflüster" hat Silvia Trippolt einen echten Wohlfühlroman vorgelegt, der wunderbar die Zutaten der warmherzigen Romanze, Familiengeschichte und ein bisschen Teufels Küche miteinander zu einem stimmigen Menu verwebt.

Während Tilda wie gewohnt ihre spitze Zunge ölt, rennt sie quasi sehenden Auges in die Katastrophe. Trippolt plaudert ein bisschen aus dem Nähkästchen und ermöglicht den Leser:innen, an ihrer eigenen Lovestory teilzuhaben. Denn diese ist der beste Beweis dafür, dass nicht nur die sprichwörtliche Liebe durch den Magen geht, sondern auch die reale.

Sowohl der Einblick in die Welt der Gastrokritiker:innen als auch in die Gastro-Szene ist mehr als gelungen, sehr authentich und lebhaft geschildert. Viel zu oft vergessen wir als Restaurantbesuchende nämlich, dass die kulinarischen Köstlichkeiten mit Herzblut und Respekt für die Produkte für die Gäste zubereitet werden und das ist wirklich kein Spaziergang. Das Team in der Küche gibt jeden Tag sein Bestes, um Gaumenschmeichler, Geschmacksexplosionen und pure Seligkeit auf die Teller zu zaubern.

Erst als Tilda dies erkennt, beginnt ihr Umdenken. Die Autorin zeichnet abwechslungsreiche Charaktere, die nicht nur ihre Ecken und Kanten haben, sondern Menschen wie Du und Ich sind - Pfundskerle und Powerfrauen, Miesepeter und Bissgurrn inkluusive. Das "Wolf" wird zum zweiten Wohnzimmer, vermittelt jederzeit das Gefühl, dort herzlich willlkommen zu sein - als Gäste und als Mitarbeitende im Team. Es entsteht eine Wohlfühlatmosphäre, die mit wundervollen Aromen, Düften und Genüssen verbunden ist.

Ein paar Küchenkatastrophen, Stolpersteine und Missverständisse gilt es zu überstehen, damit aus der Leidenschaft zum Kochen eine echtes Happy End wie im Film wird. Damit der kulinarische Genuss auch noch lange nach dem Beenden des Buches bliebt, öffnet Trippolt das Rezeptbuch ihre Herzensmenschen und gibt somit ihren LEser:innen die Mögichkeit, nicht nur dem Koch über die Schulter zu schauen und ein Blick in die Töpfe zu wagen, sondern auch das ein oder andere Rezeot aus dem Buch nachzukochen.

Die perfekte Lektüre für gemütliche Nachmittage auf dem Sofa und tolle Küchenparties mit Freund:innen :)

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