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Veröffentlicht am 20.06.2025

alles ist so, wie es scheint - oder?

Before we were innocent
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Ella Berman hat mit ihrem Roman „Before we were innocent“ ein Buch geschrieben, das ich irgendwie nicht weglegen konnte, weil fast jedes Kapitel sich wie derf Cliffhanger zum nächsten anfühlte…
Die drei ...

Ella Berman hat mit ihrem Roman „Before we were innocent“ ein Buch geschrieben, das ich irgendwie nicht weglegen konnte, weil fast jedes Kapitel sich wie derf Cliffhanger zum nächsten anfühlte…
Die drei Freundinnen Bess, Joni und Evangeline finden in der Highschool nicht richtig Anschluss, dafür aber einander und es verbindet sie eine Teenager-Freundschaft, die nicht immer sehr wertschätzend im Umgang miteinander ist.
Die drei reisen nach ihrem Highschoolabschluss auf eine kykladische Insel, um dort einige Wochen im Ferienhaus von Evangelines sehr reicher Familie zu verbringen. Dort wird die Situation immer unentspannter. Als Evangelines Bruder Theo mit seinen Freunden auftaucht, interessieren sich Bess und Theo für einander, was Ev extrem missfällt.
Bei einem Ausflug auf die Insel Mykonos kommt es dann zu einem Unfall, dessen Folgen für alle Betroffenen noch lange spürbar sind.
10 Jahre später: Joni sucht wieder Kontakt zu Bess. Als Jonis Verlobte verschwindet, holt die Vergangenheit die beiden Freundinnen wieder ein.
Dieses Buch habe ich bei der @lesejury gewonnen und an meiner ersten Leserunde dort teilgenommen. Das hat richtig viel Spaß gemacht, danke dafür!
Ich mochte es sehr, dass das Buch beide Zeitebenen (2018 und 2008/09) separat erzählt. Durch die abwechselnde Darstellung setzen sich immer mehr Puzzleteile zusammen und stellen sich gleichzeitig immer mehr Fragen, auf deren Beantwortung ich beim Lesen dringend wartete.
Das Buch las sich unglaublich leicht und schnell, ich bin durch die Kapitel geradezu geflutscht.
Die Charaktere der drei Freundinnen sind sehr unterschiedlich. Trotzdem entdeckt man bei jeder Aspekte, die für mich den ersten Eindruck erweitert haben oder mich sogar an meiner Wahrnehmung haben zweifeln lassen: Jonis Gewaltneigung, Evs Abhängigkeit von ihrem Bruder und Bess Selbstwahrnehmung und -darstellung.
Und plötzlich ist eben nicht mehr klar, wie die Freundinnen tatsächlich ticken, wer hier die Wahrheit sagt oder Machtspielchen spielt, die der Freundschaft alles andere als zuträglich sind.
Die Spannung der Geschichte lebt davon, dass die Autorin durch die Erzählperspektive von Bess auch andere Interpretationen der Realität zulässt.
Mir gefiel auch, dass die Situation im Elternhaus immer wieder mal angesprochen wurde und somit klar war, dass die drei sehr unterschiedlich aufgewachsen sind, hier aber kein Schwerpunkt der Geschichte liegt.
Das offene Ende passt hervorragend zur Geschichte. Denn beim Lesen war nur eines sicher: dass es auch alles hätte anders sein können…
Fazit: Eine spannende Geschichte über Freundschaft, Machtgefälle und die Frage, wem man was überhaupt glauben kann.

„Jemandem etwas schuldig zu sein, ist kein Grund, bei der Person zu bleiben, oder?““
immer ehrlich. immer neugierig. @dielesejule

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Veröffentlicht am 13.06.2025

Familienleben mit Tabuthema

Vergiss mich
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Zutiefst erschütternd, welche Spuren Sucht in einer Familie hinterlässt
Der Roman „Vergiss mich“ von Alex Schulman befasst sich mit einem Thema, das auch in seiner eigenen Familie totgeschwiegen wird: ...

Zutiefst erschütternd, welche Spuren Sucht in einer Familie hinterlässt
Der Roman „Vergiss mich“ von Alex Schulman befasst sich mit einem Thema, das auch in seiner eigenen Familie totgeschwiegen wird: der Alkoholsucht der Mutter.
Die frühen Kindheitserinnerungen an seine Mutter sind für Alex erstmal überaus positive, bis- sie das Trinken anfängt und sich ihr Charakter massiv verändert und die drei Kinder für sie eher Last als Glück bedeuten.
Es geht nunmehr darum, die Mutter nicht mehr zu stören, mit ihren Launen und ihrer Unberechenbarkeit umzugehen und viel zu früh Verantwortung zu tragen, die die Mutter aufgrund ihrer Krankheit nicht mehr übernehmen kann.
Als Alex als Erwachsener immer wieder die Auswirkungen dieser belastenden Kindheit zu spüren bekommt, konfrontiert er seine Mutter endlich und nach Jahren mit dem echten Problem. Kontaktabbruch.
Später dann, als Alex und sein Bruder die Mutter aus dem Ferienhaus, an dem auch viele schöne Erinnerungen hängen, aus ihrer Misere „retten“ und in die Stadt zurückbringen, nimmt diese nach langem Anlauf das Angebot wahr, sich in eine Klinik zu begeben.

Mir wurde durch den Roman von Alex Schulman klar, wie tabuisiert das Thema selbst in der engsten Familie sein kann und wie sehr sich Betroffene gegen die Erkenntnis sperren können, dass sie dringend Hilfe brauchen.

Ich finde, es ist Alex Schulman sehr gut gelungen, einen liebevollen, sprachlich leichten, aber dennoch klaren Roman über seine Mutter zu schreiben, in dem er sich nicht nur auf ihre Schattenseiten fixiert, sondern immer wieder deutlich wird, dass es sich hier um eine tolle, intelligente, witzige und interessante Frau handelt, die krank ist- nicht um eine schlechte Mutter, die per se ihre Kinder vernachlässigt.

Diese Sicht auf die Situation fand ich sehr wertschätzend und trotzdem frage ich mich schon, warum sich nie jemand getraut hat, das Thema viel früher anzusprechen und Hilfe anzubieten. Wie traurig, dass die Familienmitglieder unter dieser Abhängigkeit ihr Leben lang selbst extrem leiden. Allein die nächtlichen Nachrichten der Mutter lassen mich zusammenzucken.

Einprägsam waren auch die Momente der Ehrlichkeit, in denen Alex zugibt, Harmonie um jeden Preis aufrecht erhalten zu wollen und auch seine eigene Familie für den Frieden mit seiner Mutter „opfert“.

„Ich sage ebenfalls nichts, um abzuwarten, wie lange das Schweigen dauert. Zwischen den Sekunden vergeht wahnsinnig viel Zeit.“

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Veröffentlicht am 29.05.2025

Spannender Roman über das Leben einer Diplomatin

Die Diplomatin
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Der Roman „Die Diplomatin“ von Lucy Fricke startet in Montevideo, wo Fred als Diplomatin für die Bundesrepublik Deutschland arbeitet.

Nach dem Verschwinden einer Touristin muss Fred letztendlich Uruguay ...

Der Roman „Die Diplomatin“ von Lucy Fricke startet in Montevideo, wo Fred als Diplomatin für die Bundesrepublik Deutschland arbeitet.

Nach dem Verschwinden einer Touristin muss Fred letztendlich Uruguay verlassen und wir treffen sie zwei Jahre später in der Türkei wieder, wo sie mittlerweile in Istanbul als Kinsulin die Festlichkeiten zum Dritten Oktober vorbereitet.

Sie trifft dort den Journalisten David Fabian wieder, in den sie sich verguckt, der aber aufgrund seiner politischen Recherchen schnell in echte Gefahr gerät. Als Diplomatin setzt Fred sich nicht nur für ihn, sondern auch für Baris und dessen Mutter Meral ein, die in Istanbul als politisch Inhaftierte ungerechtfertigt im Gefängnis sitzt. Als dann auch noch Baris in die Bredouille gerät, wird deutlich, wie schmal der Grat der Diplomatie ist, auf dem Fred sich entlanghangelt.

Ich mochte, wie Lucy Fricke das Leben der Diplomatin in gradliniger und authentischer Sprache darstellt. Sie lässt genug Platz, zwischen den Zeilen zu lesen und sich nicht im Detail erzählte Teile der Geschichte zu erschließen.

Obwohl viele verschiedene Erzählstränge parallel laufen, empfand ich die Geschichte in keiner Weise als verzettelt oder zerrissen.

Sich der Thematik der Diplomatie in einem Roman zu widmen, fand ich sehr spannend und bereichernd.

„Meine übliche Flucht in den Plural, in die Funktion, das Amt, die Regierung. Wenn ich wollte, war ich nur ein Land,“

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Veröffentlicht am 27.04.2026

bewegende Geschichte

Unter Wasser
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📖 Marissa wächst nach dem Tod ihrer Mutter in Thailand auf. Hier forscht ihr Vater als Meeresbiologe und Marissa lebt mit ihrer besten Freundin Arielle ein Leben, wie man es sich erträumt: die beiden verbringen ...

📖 Marissa wächst nach dem Tod ihrer Mutter in Thailand auf. Hier forscht ihr Vater als Meeresbiologe und Marissa lebt mit ihrer besten Freundin Arielle ein Leben, wie man es sich erträumt: die beiden verbringen ihre Tage am und im Meer, genießen die Natur und bewegen sich gefühlt schwerelos in ihrem Element Wasser 🐟. Doch dann verliert Marissa ihre beste Freundin im Tsunami und kehrt allein nach New York zurück. Als sich dort ein Hurricane ankündigt, wird sie zunehmend von Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend eingeholt. Flashbacks durchziehen ihre Gegenwart und lassen das Vergangene wieder aufbrechen.
⭐ Die Kapitel des Romans wechseln zwischen der Oktober 2012 in New York und Dezember 2004 in Thailand. Je bedrohlicher der Sturm wird, desto näher rückt auch in der Erinnerung der Tag der zerstörerischen Riesenwelle. Ich fand diesen Wechsel sehr gelungen, denn er spiegelt die enge Verflechtung zwischen Marissas Albträumen, ihrem Verhalten und ihrem Trauma eindrücklich wider.
⭐ Ich bin wirklich abgetaucht in die wunderbaren Beschreibungen und Beobachtungen der Natur und vor allem der Meereswelt in Thailand. Ich hab wirklich viel Neues gelernt, diese Seite der Geschichte empfand ich als sehr lehrreich, ohne jemals belehrend zu wirken. 🌊 🌿 Persönliche Vokabularerweiterung um das Wort „Lepidopterologe“! 🦋
⭐ Die Beschäftigung mit den Tagen nach der Katastrophe rief auch in mir Bilder wieder hervor, die ich schon fast vergessen hatte. Die ungeschönten Beschreibungen geben zumindest eine Ahnung davon, wie verheerend die Situation vor Ort war und wie schwierig es sein muss, mit dem Gesehenen weiterzuleben.
⭐ Obwohl die Grundlage des Romans wirklich auf viel Schrecklichem basiert, nehmen für mich vor allem die tiefe Freundschaft der beiden Mädchen und das Leben im Einklang mit der Natur einen ebenso wichtigen, fast tröstlichen Platz ein.
Ein intensiver, atmosphärischer Roman über Verlust, Erinnerung und die Kraft der Natur – absolut lesenswert für alle, die sich gerne emotional und bildgewaltig in Geschichten verlieren. Übrigens auch ein Lesetipp von @mona.ameziane !

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Veröffentlicht am 01.04.2026

ADHS im Roman

Sie wollen uns erzählen
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📖 Oz fällt einfach aus dem Raster – Schule, Alltag, Erwartungen, alles fühlt sich für ihn irgendwie nicht passend an. Ziemlich schnell bekommt er ein Label (ADHS, neurodivergent), und plötzlich drehen ...

📖 Oz fällt einfach aus dem Raster – Schule, Alltag, Erwartungen, alles fühlt sich für ihn irgendwie nicht passend an. Ziemlich schnell bekommt er ein Label (ADHS, neurodivergent), und plötzlich drehen sich alle nur noch darum, ihn zu analysieren, zu therapieren und irgendwie „anzupassen“.Aber seine Mutter Ann macht da nicht einfach mit. Sie spürt, dass diese Zuschreibungen ihm nicht gerecht werden – vielleicht sogar im Gegenteil. Und je mehr sie hinschaut, desto klarer wird: Das, was Oz „anders“ macht, kennt sie selbst nur zu gut.
Als dann noch die Großmutter verschwindet, müssen die beiden zurück in Anns Heimat – und plötzlich geht’s nicht mehr nur um Oz, sondern auch um Anns eigene Geschichte. Vieles, was früher „komisch“ oder „falsch“ wirkte, bekommt eine neue Bedeutung.
⭐ Am beeindruckendsten fand ich, wie intensiv die Gedankenwelt von Ann und Oz dargestellt wird. Diese Flut an Gedankenfetzen, das Abschweifen, die Verästelungen – man hat wirklich das Gefühl, direkt in ihren Köpfen zu sein. Dieses „Mitschreiben“ macht alles unglaublich nahbar und authentisch.
⭐ Es ist mein erstes Buch mit ADHS-Protagonist:innen gewesen, und ich habe nochmal ganz anders verstanden, wie herausfordernd Fokus sein kann. Gleichzeitig wird aber auch sichtbar, wie reflektiert Ann ist – sie hinterfragt sich selbst ständig und erkennt sehr klar, wo Spannungen entstehen.
⭐ Besonders berührt hat mich, dass das Anderssein hier nicht nur als Problem gezeigt wird, sondern auch als eigene Art, die Welt wahrzunehmen – sensibel, vielschichtig und irgendwie intensiver.
⭐ Wer entscheidet eigentlich, wie wir sein sollen? Das Buch nähert sich dieser Frage ganz ruhig und unaufgeregt – und genau das macht es so nachhallend.
💭 Greifst du bewusst zu Geschichten über das Anderssein – oder liest du solche Bücher eher zufällig/ gar nicht?

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