REM – Ein Horrortrip mit Sogwirkung
REM„REM“ war für mich ein echtes Blind Date, weil ich weder Annika Strauss noch Sebastian Fitzek zuvor gelesen hatte. Vielleicht war genau das der Vorteil: Ich konnte völlig unvoreingenommen in die Geschichte ...
„REM“ war für mich ein echtes Blind Date, weil ich weder Annika Strauss noch Sebastian Fitzek zuvor gelesen hatte. Vielleicht war genau das der Vorteil: Ich konnte völlig unvoreingenommen in die Geschichte eintauchen. Schon das Cover hat mich sofort gepackt – dieses schwarze Auge mit der gesprungenen Linse jagt mir jedes Mal eine Gänsehaut über den Rücken, sobald ich das Buch in die Hand nehme.
Die Handlung zieht einen ohne Umwege hinein. Die Rückblende in Alysees Vergangenheit wirft sofort Fragen auf, die einen durch das ganze Buch begleiten: Was haben ihr Vater und sein Freund erforscht, und warum verfolgt Alysee diese Angst bis heute so hartnäckig? Der Schreibstil ist leicht und flüssig, und ehe ich mich versah, war ich schon tief in der Geschichte. Die Sogwirkung ist enorm – man liest weiter und weiter, weil man unbedingt wissen möchte, was hinter all dem steckt.
Die Figuren bleiben insgesamt eher oberflächlich, was mich aber nicht gestört hat. Über Alysee und Nico erfährt man am meisten, während die anderen Charaktere zwar kurzzeitig wichtig sind, aber nicht wirklich Tiefe bekommen. Alysee wirkt auf mich wie eine starke Protagonistin, die trotz ihres Kindheitstraumas versucht, ihr Leben in den Griff zu bekommen und Pläne für eine bessere Zukunft schmiedet. Nico dagegen war mir von Anfang an unsympathisch. Es wirkt, als würde er Alysees Gutmütigkeit ausnutzen, gerade weil ihre Gefühle für ihn kompliziert sind. Die Entwicklung ihrer Beziehung fand ich etwas merkwürdig und emotional eher flach – aber es ist ein Horrorbuch und keine Romanze, daher ist das wohl eher mein persönliches Empfinden.
Besonders intensiv wird die Atmosphäre, als Alysee und Nico das alte „Hotel“ betreten, das Alysee geerbt hat. Der Verfall, die düstere Stimmung – all das bildet die perfekte Kulisse für das, was noch kommt. Die Nebencharaktere Amir, Dani und Mike verfolgen ihre eigenen finsteren Pläne, was zusätzliche Spannung erzeugt. Einige Szenen haben einen deutlichen Ekelmoment, etwa Amirs Erinnerung an die Straßenkinder oder Danis traumatische Vergangenheit. Das ist nichts für schwache Nerven, aber sehr wirkungsvoll eingesetzt.
Ab etwa 80 Prozent verliert die Geschichte für mich etwas an Kraft. Der Plot Twist kam zwar überraschend, fühlte sich aber ein wenig konstruiert an und nahm der zuvor aufgebauten Spannung den Druck. Bis dahin war das Buch für mich klar auf Fünf‑Sterne‑Kurs. Trotzdem bleibt „REM“ ein starkes, atmosphärisches und sehr gut lesbares Buch mit einem offenen Ende, das Raum für eine Fortsetzung lässt – und die würde ich definitiv lesen.
Besonders hervorheben möchte ich die Illustrationen von Jörn Stollmann. Sie sind düster, atmosphärisch und unglaublich ausdrucksstark. Die Zeichnungen zwischen Kapitel 35 und 36 haben mich besonders überrascht – dunkel, detailreich und unheilvoll, als würden sie die kommende Handlung vorwegnehmen.
Fazit: Ein düsterer, flüssig erzählter Horror‑Thriller mit beeindruckenden Illustrationen und einer Handlung, die einen packt und nicht mehr loslässt. Auch wenn der späte Twist nicht ganz mithalten kann, bleibt das Buch absolut lesenswert – und ich wäre einer Fortsetzung von Alysees Geschichte definitiv nicht abgeneigt.