Profilbild von bstbsalat

bstbsalat

Lesejury Star
offline

bstbsalat ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit bstbsalat über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 20.04.2026

Ein neuer Känguru-Band? Sign me up!

Die Känguru-Rebellion (Die Känguru-Werke 5)
0

Um den anekdotischen Kapiteln der Känguru-Rebellion folgen zu können, muss man die vorherigen Bände der Känguru-Werke nicht kennen. Es hilft, um die Figuren besser einordnen zu können, aber es ist nicht ...

Um den anekdotischen Kapiteln der Känguru-Rebellion folgen zu können, muss man die vorherigen Bände der Känguru-Werke nicht kennen. Es hilft, um die Figuren besser einordnen zu können, aber es ist nicht unbedingt nötig.

Die Känguru-Rebellion habe ich, wie auch schon die Känguru-Chroniken, als Hörbuch gehört, anstatt das Buch selbst zu lesen. Marc-Uwe Kling liest die Stimmen einfach so großartig, dass mein Kopfkino – oder in diesem Fall: meine innere Vorlese-Stimme – schlicht nicht mithalten kann. Auch diese Live-Lesung war wieder super unterhaltsam zu hören. Das lachende und applaudierende Publikum im Hintergrund spielt dabei bestimmt auch eine Rolle, für mich liegt es aber hauptsächlich an dem Autor. Dass das Känguru nicht tatsächlich auch auf der Bühne sitzt und liest, entfällt mir dabei ab und zu sogar, so gut wird die Atmosphäre vermittelt.

Vor einigen Jahren konnte ich eine Live-Lesung der Känguru-Comics in Mainz besuchen – aufgrund der Pandemie war es eine Open-Air-Veranstaltung bei bestem Wetter. Deshalb kann ich sagen, dass die Lesung vor Ort genauso unterhaltsam ist, wie es im Hörbuch den Anschein macht.

Inhaltlich ist Die Känguru-Rebellion wieder sehr anekdotisch aufgebaut. Das hat mir einerseits sehr gut gefallen, weil ich gut zwischen den einzelnen kurzen Kapiteln pausieren und dann wieder weiterhören konnte, ohne überlegen zu müssen, wo ich aufgehört hatte. Dazwischen gab es einen roten Faden dadurch, dass das Känguru und der Kleinkünstler durch das ganze Hörbuch hindurch gegeneinander wetten, wer mehr Leute für ihre Rebellion gewinnen kann. Darauf wird immer wieder Bezug genommen. Auch ein paar andere kleine Details werden häufiger aufgegriffen und dadurch zu einem dezenten Running-Gag.

Die politischen und gesellschaftlichen Themen, die hier behandelt werden, sind wieder einmal top aktuell und der Autor legt an einigen Stellen so richtig schön den Finger in die sprichwörtliche Wunde. Der Sarkasmus und Humor, der neben allen ernsten Themen in diese Geschichte eingewoben wird, die doch mehr eine Sammlung von Momenten als eine fortlaufende Story ist, ist für mich erneut das i-Tüpfelchen. Ich schließe mich dem Känguru an, wenn es fragt, ob Marc-Uwe schon einmal daran gedacht hat, Satiriker zu werden. Seine Wortspielereien machen die Welt des Kängurus so besonders.

Die Känguru-Rebellion hat mich wieder einmal köstlich unterhalten, beim Abwaschen, beim Aufräumen, auf der Fahrt zur Arbeit, und ich freue mich sehr, dass die Welt des Kängurus erweitert wird. Seit ich mich zuletzt mit dem Känguru beschäftigt hatte, hat der Autor unter anderem einige Kinderbücher veröffentlicht, beispielsweise das sehr erfolgreiche NEINhorn oder zuletzt Klugscheißerchen und Vehlerteufelchen. Deshalb besteht er in Die Känguru-Rebellion nun darauf, nicht mehr „nur“ Kleinkünstler genannt zu werden, sondern auch Kinderbuchautor. Dass das Känguru einen Weg findet, sich auch darüber lustig zu machen, ist ja wohl klar.

Es gefällt mir, wie wichtig das Thema KI-Kritik in diesen Anekdoten, in diesem kurzen Kapiteln, ist. Und auch die Klimakrise, der politische Rechtsruck, und weitere wichtige Themen werden leicht verständlich und mit dem gewohnten Sarkasmus und Humor des Autors – und des Kängurus – vermittelt. Herta und Krapotke sorgen natürlich wieder für unterhaltsame Augenblicke.

Ich bin gespannt, was von Känguru noch kommen wird. Mich hat dieses Hörbuch über die Känguru-Rebellion wie erwartet sehr gut unterhalten, aber irgendwie fehlte mir doch noch ein gewisses Etwas. Es ist für mich die richtige Art von Humor, es sind die richtigen Witze, es sind die richtigen politischen Anspielungen und es werden die richtigen Spitzen verteilt, aber irgendetwas fehlte noch, um mich so vom Hocker zu hauen wie es beim ersten Band der Fall war.

Vielleicht liegt es schlicht daran, dass der Stil nicht mehr so sehr überrascht wie beim ersten Mal; dass ich weiß, welche großartige Unterhaltung mit einem Känguru-Buch auf mich zukommt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 12.04.2026

Toller Anfang, bin gespannt auf die Fortsetzungen!

Court of Shadows
0

Ich muss gestehen, dass ich zuerst etwas zögerlich und skeptisch war: es gab in den letzten Jahren so viele Bücher über Fae, dass ich es einfach etwas über hatte. Trotzdem machte mich die Beschreibung ...

Ich muss gestehen, dass ich zuerst etwas zögerlich und skeptisch war: es gab in den letzten Jahren so viele Bücher über Fae, dass ich es einfach etwas über hatte. Trotzdem machte mich die Beschreibung von Court of Shadows neugierig genug, um „zumindest mal kurz reinzulesen“. Nun, nach einem Tag war ich am Ende des Buches angekommen und freue mich auf Band 2!

In Court of Shadows wird das Rad nicht neu erfunden, sondern auf die bekannte Art der Urban Fantasy Fantastisches mit Realem verknüpft. Dabei beweist das Autor*innenduo allerdings viel Kreativität, sodass es sich neu und frisch anfühlte, nicht wie die x-te Kopie vorangegangener Romane. Ich mag die kleinen Details wie große, raschelnde Bibliotheksmotten, die die Bücher abstauben, oder die Tatsache, dass die überwiegend schlagfertigen Frauen – bisher – zusammenhalten, um gegen die Übermacht der Männer zu bestehen.

In der Kurzbeschreibung werden drei Tropes versprochen: Enemies to Lovers (in Kombination mit „Who did this to you“), Found Family und Forced Proximity. Feinde, die zu Freunden oder mehr werden und erzwungene Nähe sind nicht zu übersehen. Die Found Family kann man meiner Meinung nach in Court of Shadows bisher nur erahnen – es gibt Andeutungen in der Richtung, aber ich habe noch nicht das Gefühl bekommen, dass die Figuren zu einer richtigen familiären Gruppe zusammengewachsen sind. Wenn die Entwicklung allerdings so weiter gehen, wie es bisher den Anschein macht, dann wird dieses Trope mit Sicherheit in der Fortsetzung erfüllt.

Mich hat beim Lesen etwas gestört, dass es viele Wiederholungen gab. Ich brauche nicht fünf Mal in relativ kurzen Abständen einen ganzen Abschnitt darüber lesen, wie Arianna als Gladiatorin mal eine Woche lang nur Wasser bekommen hat, ich habe es beim ersten Mal und spätestens bei der nächsten Erinnerung verstanden… Glücklicherweise ist das der einzige für mich wirklich negative Aspekt von Court of Shadows.

Die erotisch aufgeheizten Szenen zwischen Arianna und Ruadan verorten Court of Shadows für mich deutlich außerhalb der Jugendliteratur – vielleicht New Adult oder sogar erwachsene Fantasy? (Der Verlag macht da keine genauen Angaben, laut Genialokal wird Court of Shadows ab 16 Jahren empfohlen.) Es bleibt aber – und das empfinde ich als sehr angenehme Abwechslung beim Thema Fae – ein Fantasyroman mit gelegentlichen Szenen voller Begierde (aber tatsächlich nur wenig Sex!), anstatt zu einem Erotikroman mit gelegentlicher Fantasy zu mutieren.

Fazit
Es hat mir richtig Spaß gemacht, Court of Shadows zu lesen. Eine kurze Recherche zeigt, dass das englische Original diverse Bände hat, die hoffentlich auch übersetzt werden – ich bin sehr gespannt, was da noch kommt!

Eine Notiz am Rande: Übrigens ist der Verlag, in dem Court of Shadows auf Deutsch erschienen ist, unter der Leitung von der Autorin Jenny-Mai Nuyen (von ihr habe ich zum Beispiel Die Sturmjäger von Aradon und Nijura. Das Erbe der Elfenkrone gelesen) und noch ziemlich jung. Das Programm trifft genau das Genre Romantasy, das momentan im Trend liegt, und ich bin sehr gespannt, was sich dort noch alles finden lässt. Dieses Buch war für mich jedenfalls ein sehr guter erster Eindruck vom Von Morgen Verlag!

Veröffentlicht am 12.04.2026

Eine neue Lieblingsreihe!

Drei Magier und eine Margarita
0

Drei Magier und eine Margarita war schon ein paar Monate unangetastet bei mir, bevor ich jetzt endlich in der richtigen Stimmung für dieses Buch war, und es an einem einzigen Tag durchgelesen habe. Dabei ...

Drei Magier und eine Margarita war schon ein paar Monate unangetastet bei mir, bevor ich jetzt endlich in der richtigen Stimmung für dieses Buch war, und es an einem einzigen Tag durchgelesen habe. Dabei weiß ich rückblickend gar nicht, was mich vom Lesen abgehalten hat!

Der knappe Klappentext, der mich damals sofort davon überzeugt hat, dass ich das Buch unbedingt lesen musste, trifft ziemlich genau ins Schwarze: Tori ist nicht auf den Mund gefallen und als sie sich – mal wieder – als Kellnerin nicht alles grundlos gefallen lässt, muss sie einen neuen Job suchen. Im Pub „Crow and Hammer“ ist ihre toughe Art aber genau das, was gesucht wird, und plötzlich steht sie mitten in einer Truppe aus Abenteurern, die ihr Verständnis von der Welt auf den Kopf stellen.

Dabei schafft die Autorin Annette Marie das, was ich bei so vielen anderen Autor*innen vermisse: sie verbindet ihren einfachen Schreibstil, der sich deshalb ganz locker lesen lässt, mit großartigem Humor und Sarkasmus. Das ist genau die Kombination, die ich an Patricia Briggs und ihrer Mercy-Thompson-Reihe so schätze, und die auch in den Dialogen in Helen Harpers Magic Sparks angedeutet wird: schlagfertige Charaktere, die sich nicht unterkriegen lassen und immer einen flotten Spruch auf den Lippen haben.

Insbesondere Frauenfiguren, die, ja, schöne Männer durchaus zu schätzen wissen, aber ihnen auch Kontra geben, wenn diese gewisse Grenzen überschreiten. So muss sich Tori schon während ihrer Probeschicht als Barkeeperin im neuen Pub gegen verschiedene Anmachen, aber auch gegen Beleidigungen und Respektlosigkeit von Männern und auch von Frauen behaupten, was sie unter anderem durch das Verweigern von Bestellungen, eine ins Gesicht geschüttete Margarita und eine Lektion im Bitte- und Danke-Sagen erreicht.

In der ihr fremden, neuen Welt voller Magie und Mystik steht Tori als einfacher Mensch erst einmal schwach und angreifbar da. Ein brüderliches Trio attraktiver Männer – die drei Magier, die im Titel genannt werden -, das einerseits dazu verdonnert wird, auf sie aufzupassen, es andererseits aber auch sehr genießt, in die Beschützer- (und Angeber-) Rolle zu schlüpfen, sorgt jedoch schnell dafür, dass sie nahezu unantastbar wird. Die Betonung liegt auf „nahezu“ … Als es dann kommt, wie es kommen muss, und Tori mit einem ihrer Aufpasser in einen Hinterhalt gerät, stellt sich heraus, dass sie nicht nur mit Worten zuschlagen kann, sondern auch sonst recht gut zu gebrauchen ist.

Dieser spielerische verbale Schlagabtausch, die gut verständliche Urban-Fantasy-Welt, die liebevoll gestalteten Charaktere – das alles, verpackt in diesen besonderen humorvollen Erzählstil, den ich so liebe, hat mir beim Lesen von Drei Magier und eine Margarita richtig Spaß gemacht. Eine kurze Recherche zeigt: Im englischen Original gibt es aktuell 8 Bände (und ein Spin-Off?), der letzte ist 2020 erschienen. Möglicherweise ist die Reihe also abgeschlossen. Auf Deutsch sind inzwischen 4 Bände erschienen und ich bin sehr neugierig, wie die Geschichte weiter geht.

Einen einzigen, klitzekleinen Minuspunkt habe ich für Drei Magier und eine Margarita: viele Gildenmitglieder, die eher Figuren am Rande sind und manchmal nicht einmal einen Namen erhalten, werden mehrfach anhand einzelner Merkmale beschrieben, die sich dann bei jedem Auftauchen in der Story wiederholen. Eine ältere Frau mit Strickmütze und türkisfarbenem Brillengestell zum Beispiel kam so oft vor – gib der armen Frau doch einfach einen Namen! Dann bräuchte ich nicht immer wieder diese längere Beschreibung, die schon allein durch die häufige Wiederholung etwas störend wirkt.

Zugutehalten muss ich der Autorin, dass sie mich auf die falsche Fährte gelockt hat, was Toris Love Interest betrifft. Rückblickend hatte ich am Anfang den richtigen Riecher, aber dann gab es ein paar Momente, in denen ich eine andere Person in die engere Wahl gezogen habe und für mich klar war, wohin die Reise gehen würde, nur damit es schließlich doch jemand anderes wird. Ich persönlich hätte eine andere Entscheidung getroffen, aber diese Andeutungen, ohne, dass etwas explizites passiert wäre, hat mich sehr an K-Dramen und das sogenannte „second lead syndrome“ erinnert. Das ist nur ein weiteres Detail, das mir gefällt.

Apropos „explizit“: Im krassen Gegensatz zu so vielen anderen aktuellen Fantasy-Romanen für Erwachsene kommt Drei Magier und eine Margarita komplett ohne Sexszenen aus. Es gibt eine Kussszene und ein paar Momente der unausgesprochenen Bewunderung und leichter Schwärmerei, aber weil so viel passiert und die Charaktere einfach mit anderen Dingen beschäftigt sind, ist dies keine in Fantasy verpackte Erotik.

Mir fällt erst jetzt beim Schreiben dieser Rezension so richtig auf, dass ich diesen Aspekt schon fast für selbstverständlich halte bei Fantasyromanen, die sich an Erwachsene richten, und dass ich es beim Lesen gar nicht bemerkt habe, dass das hier nicht der Fall war. Ein deutliches Zeichen dafür, dass ich wirklich in der Geschichte steckte und keine Gelegenheit hatte, meine Gedanken in andere Richtungen schweifen zu lassen!

Ich gehe davon aus, dass es in den Folgebänden gelegentlich einige Szenen geben wird, in denen Romantik, Sex und alles, was damit zu tun hat, expliziter beschrieben wird, dass dabei Einvernehmlichkeit aber einen hohen Stellenwert hat. So war es auch bei der oben erwähnten Mercy-Thompson-Reihe von Patricia Biggs, die ich so liebe, und der dieses Buch in der Ästhetik, der Stimmung und dem Schreibstil so ähnelt. Dass in diesem ersten Teil aber darauf verzichtet wurde und uns Lesenden stattdessen die Welt beschrieben und die Charaktere vorgestellt wurden, das rechne ich der Autorin hoch an.

Etwas schade finde ich – aber das hat mit Drei Magier und eine Margarita an sich nichts zu tun – , dass die Cover der deutschen Übersetzungen alle sehr ähnlich sind, es unterscheidet sich nur der Titel und kleine Details, die aber nicht sofort erkennbar sind. Dadurch sind sie auf den ersten Blick nicht voneinander zu unterscheiden. Eine andere Farbe pro Band bei gleichbleibendem Design hätte ich beispielsweise besser gefunden.

Veröffentlicht am 12.04.2026

DIE Verkörperung von female rage

Iron Widow - Rache im Herzen
0

Ich habe sehr lange gebraucht, um meine Gedanken zu Iron Widow in solche Worte zu fassen, mit denen ich schließlich zufrieden sein konnte. So lange, dass ich das Buch in der Zwischenzeit noch einmal lesen ...

Ich habe sehr lange gebraucht, um meine Gedanken zu Iron Widow in solche Worte zu fassen, mit denen ich schließlich zufrieden sein konnte. So lange, dass ich das Buch in der Zwischenzeit noch einmal lesen musste, um mir einzelne Details und vor allem die genauen Umstände vom Ende noch einmal in Erinnerung zu rufen.

Kurzgefasst ist Iron Widow eine Verkörperung von „female rage“:

Wu Zetian bricht mit gesellschaftlich normierten Regeln, indem sie die Fragen nach Warum und Wer stellt: Warum sind manche Dinge als normal angesehen, während andere verschmäht werden? Warum funktioniert manches so, und nicht anders? Was würde passieren, wenn man es einfach einmal anders macht? Wer hat sich ursprünglich aus welchem Grund diesen einen Weg ausgedacht, und warum hält man sich heute immer noch daran?

Bevor Zetian anfängt, größer zu denken, beginnt eigentlich alles mit einem ganz persönlichen Problem: sie ist ein Mädchen, eine Frau, und das allein ist Grund für ihre Missachtung, ihre Misshandlung und Verstümmelung innerhalb ihrer Familie und ihrem Dorf.

Nicht umsonst ist das Zupfen ihrer Augenbrauen, mit dem sie einen Teil von sich selbst aufgibt und damit auf ihrem Weg zur Rache ein Schönheitsideal erfüllt, eine der ersten Szenen des Buches. Ihre Füße wurden als Kind zu Lotusfüßen verstümmelt, sodass sie nicht weglaufen oder selbstbewusst auftreten kann. (Pun not intended.) Sie ist in dem begründeten Wissen aufgewachsen, dass Frauen Besitz sind: Dienerinnen, Unterhaltungsprogramm, Objekt, an dem Mann seine Wut auslassen kann, Gebärmaschine. Und Einnahmequelle, wenn die Töchter zum Sterben ans Militär verkauft werden.

Aus dieser sehr persönlichen Hölle heraus entwickelt Zetian einen verständlichen Zorn und enorme Rachegelüste. Und während Iron Widow vielleicht besser doch nicht als Anleitung dafür gelesen wird, wie man eine bessere Welt erreicht, gibt diese dickköpfige, zornige und nach Vergeltung gierende Hauptfigur den Lesenden Raum, den eigenen Erfahrungen und dem eigenen Frust auf die Welt für eine Weile freien Lauf zu lassen.

Ich finde es beeindruckend, wie dey Autore (nonbinary – daher Neopronomen vom Verlag übernommen) es schafft, so viele gesellschaftliche Probleme in einen Roman zu verpacken, ohne es aufgesetzt wirken zu lassen. So oft bekommt man einen erzwungenen Eindruck, als hätte dieser oder jener Aspekt nachträglich noch irgendwie in die Geschichte gepresst werden müssen. Hier jedoch ergibt das alles einen Sinn:

Es ist für Iron Widow nötig, dass Frauen und Mädchen misshandelt und unterschätzt werden. Es ist nötig, dass Medienkonzerne übermächtig sind. Es ist nötig, dass alte (weiße?) Männer Entscheidungen über Dinge treffen, die sie selbst gar nicht recht verstehen oder deren Konsequenzen ihnen schlicht egal sind. Es ist nötig, dass die eigene Geschichte vergessen oder ignoriert wird, um eine politische Agenda durchzudrücken.

Dazu kommen Diskriminierung gegenüber Minderheiten, Sklaverei, Missbrauch von Minderjährigen, Machtmissbrauch auf unterschiedlichste Weise und so, so viel mehr. Diese Elemente werden in Iron Widow erzählt als sorgfältig in die Handlung verwobene Details, die sich gar nicht exemplarisch herauspicken lassen. Und sie sind hervorragend eingesetzt, um während des Lesens immer wieder diesen schwelenden Zorn anzufachen, sodass wir Lesenden genau wie Zetian überzeugt davon sind, auf der richtigen Seite für die richtigen Dinge und gegen die richtigen Leute anzukämpfen, bis am Ende ganz kurz angedeutet wird, dass es vielleicht ein noch viel größeres Problem gibt. Dessen Existenz heißt nicht, dass alles, was Zetian getan hat, umsonst gewesen wäre – aber zumindest meine Neugier auf die Fortsetzung ist geweckt.

Ein weiteres Element, das Iron Widow für mich besonders macht, ist die Dreiecksbeziehung, die hier im Gegensatz zu den meisten anderen Geschichten auch tatsächlich ein Dreieck bildet. Wenn von einer Dreiecksbeziehung die Rede ist, dann haben viele so etwas wie Twilight vor Augen: ein Mädchen, dass zwischen zwei Jungs schwankt und sich irgendwie für einen von beiden entscheiden muss. Dabei wird die dritte Seite des Dreiecks – die zwischen den beiden Jungs – außer Acht gelassen.

Iron Widow dagegen beinhaltet das trope „why choose“ und Polyamorie, womit nicht nur Zetian Gefühle für zwei verschiedene Männer entwickelt, sondern diese Männer auch für sie – und, das macht die wirkliche Dreiecksbeziehung aus, auch füreinander. Ein perfektes Dreieck, das auch außerhalb ihrer Liebesgeschichte eine wichtige Rolle für den Verlauf der Handlung spielt.

Die bisher beschriebenen Aspekte bilden für mich die Grundlage von Iron Widow, die Basis und Struktur der Welt, in der die Geschichte spielt. Aber eigentlich, auf den ersten Blick erkennbar, haben wir hier eine Kombination aus actionreicher Science Fiction mit dystopischer Fantasy und der (bewusst historisch inkorrekten, es gibt extra einen Hinweis dazu im Buch) Nacherzählung einer historischen Figur: der einzigen Frau in der Geschichte Chinas, die sich „Kaiser“ (nicht Kaiserin) nennen konnte.

Ich möchte nicht behaupten, dass Iron Widow handwerklich unendlich besser ist als alles, was ich in den letzten Jahren gelesen habe. Es ist ein wirklich gutes Buch, erfindet jedoch in vielen Dingen das Rad nicht neu. Aber die vermittelten Werte, der wirklich aus jeder Zeile triefende female rage, der reflektierte Blick auf die politische Entwicklung so vieler westlicher Länder – das hat bei mir einen enormen Eindruck hinterlassen.

Noch nie hat ein Roman meine eigene Wut auf unsere patriarchale Gesellschaft so sehr angefacht wie dieses. (Dieses Sachbuch zum Thema Femizid schafft das allerdings sehr gut: Alle drei Tage. Warum Männer Frauen töten und was wir dagegen tun müssen) Noch nie hat ein Buch für mich einen solchen weiblichen Zorn ausgestrahlt. Und endlich hat die Heldin dieses Buches eine Chance auf die nötige Macht, um etwas zu verändern. Ob diese Veränderung etwas verbessert, bleibt abzusehen, aber die Dinge um Wu Zetian herum werden sich unvermeidlich ändern. Band 2 kann ich kaum erwarten – Heavenly Tyrant. Seele in Ketten erscheint im April.

Veröffentlicht am 12.04.2026

Griechische Mythologie und eine tolle Liebesgeschichte - Anwärter auf mein Jahreshighlight!

The Games Gods Play – Schattenverführt
0

Hui, was für eine Gefühlsachterbahn! The Games Gods Play. Schattenverführt wirft einen direkt ins Geschehen und verliert zwischendurch nur in wenigen, kurzen Momenten an Spannung. Es passiert wahnsinnig ...

Hui, was für eine Gefühlsachterbahn! The Games Gods Play. Schattenverführt wirft einen direkt ins Geschehen und verliert zwischendurch nur in wenigen, kurzen Momenten an Spannung. Es passiert wahnsinnig viel in kurzer Zeit und doch konnte es mir kaum schnell genug vorangehen.

Griechische Mythologie fand ich schon früh spannend, sodass es keine Überraschung ist, Bücher wie Percy Jackson (Rick Riordan), Mythos Academy (Jennifer Estep) oder Göttlich verdammt (Josephine Angelini) in meinem Regal zu finden. Mit Lore Olympus (Rachel Smythe) hat sich kürzlich auch eine Hades-und-Persephone-Interpretation dazugesellt. The Games Gods Play brachte einen so interessanten Klappentext (und ein wirklich toll designtes Cover) mit, sodass ich es unbedingt lesen musste. Und ich wurde nicht enttäuscht, obwohl meine Erwartungen ziemlich groß waren.

Lyra habe ich schon auf den ersten Seiten ins Herz geschlossen, vor allem wegen ihrer großen Klappe und ihres noch größeren Herzens. Hades – naja, er ist halt Hades: groß, auf den ersten Blick düster, gutaussehend, immer mit einem Plan in der Hinterhand, aber er erfüllt eben auch das Klischee von „selbst wenn er gemein zu allen anderen ist, mich behandelt er gut (und außerdem hat er gute Gründe für sein Verhalten anderen Leuten gegenüber)“.

Beide sind ein Paradebeispiel von harte Schale, weicher Kern. Die Autorin Abigail Owen und die Übersetzerin Julia Schwenk brauchten kaum drei Kapitel, um mich mit The Games Gods Play in meinen muss-lesen-Schlaf-wird-überbewertet-Modus zu bringen: Schreibstil und Geschichte passen sehr gut zusammen und, wie schon erwähnt, es kommen kaum Momente der Langeweile auf.

Die Liebesgeschichte ist sehr nachvollziehbar. Auf sofortige erste Anziehung folgt vorsichtige Neugier, die hinter oberflächlicher Ablehnung versteckt ist aber immer wieder durchschimmert. Je mehr Zeit Lyra und Hades miteinander verbringen, desto deutlicher wird für Lyra, was wir Lesenden schon längst wissen: sie ist ihm mit Haut und Haaren verfallen, und ihm geht es nicht anders. Trotz dieser knisternden Spannung und offensichtlicher Chemie dauert es fast bis zum Ende von The Games Gods Play, bis sie einander ganz nachgeben, von einigen wenigen Küssen abgesehen. Slow Burn ist hierfür wirklich ein guter Begriff, den der Verlag auch im Marketing treffend einsetzt.

Und die Szene, in der sie dann endlich miteinander im Bett landen, ist wahrlich schön geschrieben: Nicht nur spicy oder nur romantisch, sondern wirklich schön und bedeutsam. Lyra bringt keine früheren körperlichen Erfahrungen mit und das wird in der Handlung auch so widergespiegelt. Keine akrobatischen Übungen, keine Körperteile mit Monster-Maßen, sondern ein sehr menschlicher und realistischer Moment – obwohl eine Gottheit beteiligt ist und obwohl es ziemlich heiß her geht. Und trotzdem ist es romantisch und schön. Die Entscheidung, es so darzustellen, hat mir sehr gefallen und schon allein deshalb bin ich neugierig, was Abigail Owen neben The Games Gods Play sonst noch geschrieben hat oder schreiben wird.

Der größte Teil von The Games Gods Play wird jedoch von dem sogenannten Crucible eingenommen, den 100-jährlichen Spielen, die die griechischen Gottheiten mit menschlichen Champions veranstalten und damit den neuen König der Gött:innen festlegen. Wie in The Hunger Games (Suzanne Collins) ist es bei den „Heldentaten“ des Crucible absolut normal, dass Menschen sterben, und sie werden ebenso wenig freiwillig dafür ausgesucht. Allerdings gibt es hier zumindest eine Chance aufs Überleben, wenn man die Hintertürchen in Rätseln erkennt oder die körperliche Stärke für die Aufgaben mitbringt.

Eine der größten Herausforderungen, vor der die Champions, Lyra eingeschlossen, stehen, ist der menschliche Charakter. Fairness und Teamgeist sind kaum zu erkennen und Lyra verzweifelt häufig an den Intrigen und dem Streben nach Macht ihrer Gegner. Dabei erkennt sie aber immer wieder (und erinnert uns Lesende netterweise daran), dass diese Gegner auch nur unfreiwillig in diesem Spielchen der Gött:innen stecken und sich wohl kaum freiwillig für die Tortur gemeldet hätten.

Und während The Games Gods Play es für uns Lesende einfach macht, uns auf die Seite von Lyra zu stellen, die immer wieder die menschliche (das heißt in diesem Fall: hilfsbereite und freundliche) Entscheidung trifft anstatt in Machtgier oder Hass zu verfallen, erleichtert die Tatsache, dass diese Situation durch Gottheiten und nicht durch einfache Menschen herbeigeführt wurde auch gleichzeitig das Akzeptieren der Gewalt:

Es ist leichter zu sagen, okay, das ist stellenweise ziemlich brutal und unnötig hinterhältig (es gibt vermeidbare Todesfälle), aber das sind nun mal unsterbliche Gött:innen, die sich nichts aus einem kurzen menschlichen Leben machen. Ich finde es schwerer zu akzeptieren, dass Menschen grauenhafte Spiele inszenieren, wie es in The Hunger Games oder Gameshow (Franzi Kopka) der Fall ist.

Ich habe The Games Gods Play innerhalb weniger Tage verschlungen, nachdem ich etwas länger auf den richtigen Moment, die richtige Stimmung zum Lesen dieses Buches gewartet hatte. Und das Warten war es wirklich wert!

Zum Ende hin wurde ich von einem Cliffhanger überrascht, denn in der Zwischenzeit hatte ich vergessen, dass es eine Fortsetzung geben und die Geschichte in diesem Band nicht abgeschlossen würde. Jetzt warte ich gespannt auf Band 2 mit dem vielversprechenden Titel The Things Gods Break, der für Oktober 2025 angekündigt ist, und kann es kaum erwarten zu lesen, wie es mit Lyra und Hades weitergeht!