Auch bei diesem Teil der Trilogie hält Pullman die Geschichte um Lyra und ihre Abenteuer in "Parallelwelten" aufrecht. Hinzu kommt noch der Junge Will, welcher eine ganz eigene Bestimmung zu erfüllen hat.
Wieder ...
Auch bei diesem Teil der Trilogie hält Pullman die Geschichte um Lyra und ihre Abenteuer in "Parallelwelten" aufrecht. Hinzu kommt noch der Junge Will, welcher eine ganz eigene Bestimmung zu erfüllen hat.
Wieder hat mich überrascht, wie es Pullman schafft mich als Erwachsene mit einem Jugend-Fantasy-Roman so zu fesseln. Ich konnte das Buch aum aus der Hand legen und war vollkommen in die Handlung vertieft. Die entworfene(n) Welt(en) ist vielschichtig und äußerst interessant. Als einen Kritikpunkt würde ich die Gewaltszenen herausstellen. Diese fand ich im ersten Teil der Reihe nicht so intensiv, wie es hier der Fall ist. Das stört mich als Erwachsene nun wenig, allerdings ist eine Altersempfehlung ab 12/13 Jahren für mich nicht nachvollziehbar. So wird nicht nur schlimm gefoltert, sondern auch die Kirche massivst kritisiert. Das darf der Autor gern tun, nur lässt er diese Kritik unkommentiert so stehen. Sehr unzufrieden bin ich mit einem Satz, in dem nebenher von Genitalverstümmelungen in den südlichen Ländern die Rede ist. Dazu wird nichts rundherum erklärt. Ein Kind von 12/13 Jahren kann damit noch nicht anfangen. So hätte sich der Autor entscheiden müssen: entweder gar nicht erst ansprechen oder es in einen entsprechenden Kontext setzen. Beides tut er nicht. Schade.
Insgesamt bin ich aber vom Buch begeistert und freue mich schon darauf, den Abschluss der Reihe zu lesen.
Im vorliegenden Roman lässt Fabio Geda die Erzählerin rückblickend einen speziellen Sonntag im Leben ihres Vaters schildern. An diesem fällt der Familienbesuch aus und der Vater beschließt die zufällig ...
Im vorliegenden Roman lässt Fabio Geda die Erzählerin rückblickend einen speziellen Sonntag im Leben ihres Vaters schildern. An diesem fällt der Familienbesuch aus und der Vater beschließt die zufällig angetroffene Elena mit ihrem 13jährigen Sohn zu sich zum Essen einzuladen. Eingestreut werden Anekdoten aus dem Familienleben sowohl vor als auch nach dem besagten Sonntag. Der Leser bekommt einen immer tieferen Einblick in das Familiengefüge und es wird ihm feinfühlig vermittelt, wie wichtig der Zusammenhalt innerhalb verschiedener Generationen einer Familie (oder auch gänzlich ohne geteiltes Erbgut) sein kann.
Überrascht hat mich der Fakt, dass das Buch aus Sicht der mittleren Tochter des beschriebenen älteren Herren erzählt wird. Zunächst habe ich sehr mit dieser Erzählperspektive gehadert, da die Tochter den besagten Sonntag in jedem Detail beschreibt, obwohl sie selbst nicht zugegen gewesen ist. Das mutet zunächst wie eine Überschreitung der Figurenperspektive an. Im Buch wird es so erklärt, dass die Tochter, Guliana, sowohl ihren Vater als auch Elena später zu dem Sonntag befragt habe. Außerdem ist die Tochter Theaterregisseurin und könne sich dadurch gut Szenerien ausmalen. Nun ja, nehmen wir dies mal als gegeben hin. unabhängig von dieser subtilen Diskrepanz ist die Sprache des Autors wirklich präzise in ihren Beobachtungen. Die Übersetzung scheint hier sehr gut gelungen.
Nach der Lektüre dieses gelungenen, sehr leisen Romans hat man das Bedürfnis, Meinungsverschiedenheiten beizulegen, sich mal wieder mit engen Familienmitgliedern auf einen Tee zusammenzusetzen und einfach nur zu reden.
Eigentlich interessant, dass das lateinische Wort für Stimme ein Femininum ist. Im Roman von Christina Dalcher wird diese Stimme allen Frauen in den USA nach der Wahl eines rechtspopulistisch/religiös-fundamentalistischen ...
Eigentlich interessant, dass das lateinische Wort für Stimme ein Femininum ist. Im Roman von Christina Dalcher wird diese Stimme allen Frauen in den USA nach der Wahl eines rechtspopulistisch/religiös-fundamentalistischen Präsidenten genommen, indem ihnen Wortzählender um das Handgelenk schließt und sie mit Elektroschocks bestraft, wenn sie mehr als 100 Wörter am Tag sprechen. Mit dem Machtwechsel gehen noch weitere puritanische Veränderungen der Gesellschaft einher, die Dalcher nachvollziehbar und erschreckend real herleitet. Die Protagonistin Jean ist Neurolinguistin und bekommt durch einen Zufall eventuell die Chance etwas an diesem neuen Missstand zu ändern.
Spannend erzählt Dalcher in ihrem Roman die Geschichte aus der Ich-Perspektive von Jean um Frauen, denen nicht nur die Sprache sondern auch die Freiheit und Würde genommen wird. Als interessierte Leserin realisiert man schnell, dass diese Fiktion nicht fern der Wirklichkeit sein muss. Mit der Hauptfigur und eigentlich allen Frauen dieses Romans entsteht schnell eine tiefe Verbundenheit und es kommen tatsächlich sehr, sehr negative Gefühle gegenüber einem großen Teil der männlichen Bevölkerung dieser Fiktion auf. Man bangt mit der Protagonistin und so entwickelt sich der Roman zu einem richtig Pageturner. Leichte Schwächen zeigt die Geschichte der Autorin in allzu überwahrscheinlichen Zufällen im Plot sowie einer sehr ärgerlichen Stelle, an welcher die Autorin der hochintelligenten Jean eine untypische, allzu starke Begriffstutzigkeit unterstellt. Anzumerken ist jedoch, dass die Autorin den Roman innerhalb von zwei Monaten runterschrieb. Darauf bezogen, eine Meisterleistung, aber ein wenig mehr Zeit zur Ausarbeitung der Sprache und des Plots hätte auch nicht gestört.
Es handelt sich hier um eine äußerst lesenswerte Veröffentlichung, die kritisch mit unseren Rollenbildern verfährt, welche vielleicht gar nicht so stabil "modern" sind, wie wir manchmal denken könnten.
In diesem voluminösen Roman erzählt Isabella Hammad eine Geschichte angelehnt an die ihres Urgroßvaters, welcher 1914 aus Nablus/Palästina (im heutigen Israel) nach Frankreich zum Studieren geschickt wurde, ...
In diesem voluminösen Roman erzählt Isabella Hammad eine Geschichte angelehnt an die ihres Urgroßvaters, welcher 1914 aus Nablus/Palästina (im heutigen Israel) nach Frankreich zum Studieren geschickt wurde, um nicht in die osmanische Armee und damit in den Ersten Weltkrieg eingezogen zu werden. Dort verblebt er nur vier Jahre seines Lebens und kehrt in seine Heimat, welche sich durch die Zerschlagung des Osmanischen Reiches und die Verwaltungsansprüche von Franzosen und Briten im Umbruch befindet, zurück. Bald werden die Konflikte in dem - noch nicht existierenden - Land immer einnehmender, da eine vehemente, jüdische Siedlungspolitik von Seiten der Briten vorangetrieben wird. Araber sehen sich in Palästina zunehmend unterdrückt und begehren - auch innerhalb der Familie des Protagonisten Midhat - mitunter gewaltsam auf. Wir begleiten die Entwicklung eines Streifens Erde über nur wenige Jahre hinweg bis Mitte der 1930er Jahre und können bereits die verheerende aktuelle Lage kommen sehen.
Hammad erzählt diese Episode aus ihrer Familiengeschichte natürlich nicht neutral. Hier wird eindeutig der palästinensischen Sicht auf die politisch-historischen Ereignisse der Vorzug gegeben. Es wird verdeutlicht, dass es sich beim Nahost-Konflikt wenig bis gar nicht um einen religiösen gehandelt hat, sondern einen, der vielmehr zwischen Palästinensern und den britischen Besatzern aufflammte. Eine Wertung der jüdischen Siedler bleibt größtenteils außen vor. So wird uns die Möglichkeit gegeben, einen Blick auf eine historische Entwicklung mit starken Auswirkungen bis in die Gegenwart zu werfen und eben nicht den "Filter des Westens" dabei aufzuhaben. Ich denke, hier liegt das Hauptanliegen der Autorin.
Leider bettet sie die Geschichte in eine grobe Rahmenhandlung bezüglich einer Liebesgeschichte zwischen Midhat und einer jungen Französin Jeannette. Diese soll vor allem in das Buch einleiten, führt jedoch durch eine fehlende emotionale Tiefe und eher blasse Charakterzeichnung zu einem zähen, ungelenken Einstieg in das Buch. Für mich brauchte das Buch ungefähr 300 Seiten bis es zündete und mein Interesse - vor allem an den historisch-politischen Ereignissen - weckte. Am liebsten hätte ich bis kurz vor diesen Punkt, das Buch mehrfach weggelegt, da ich dachte, es handle sich lediglich um eine flache Liebesgeschichte im historischen Setting. Sobald die Liebesgeschichte in den Hintergrund rückt, kann die Autorin durch interessante Einblicke in die Geschichte Palästinas glänzen. Mit dem Roman versöhnt hat mich eine unerwartete Wendung am Schluss bezogen auf die Liebesgeschichte.
Der Schreibstil von Hammad kann als unaufregend, weniger ausgefeilt beszeichnet werden. Das Buch strotzt nicht gerade vor Subtilität, alles wird ausgesprochen, nichts bleibt ungesagt. Leider kann die Sprache nicht sehr gut Emotionen transportieren. Ich habe das Buch aus Interesse gelesen, weniger weil ich in die Geschichte hineingesogen worden bin. Sehr lehrreich ist dann diesbezüglich auch die Timeline zu "Schlüsselereignissen bei der Entstehung der palästinensischen und syrischen Nationalbewegung" im Anhang.
Insgesamt handelt es sich um einen ambitionierten Roman mit großer Rechercheleistung im Hintergrund. Die im Klappentext gepriesene "(unmögliche) Liebe zwischen den Kulturen" bleibt schablonenhaft und hätte verkürzt dargestellt werden können. Fraglich bleibt, ob man mit der Leküre eines Sachbuchs zum Thema Palästina mehr Erkenntnisse gewonnen hätte. Wahrscheinlich ja. Trotzdem handelt es sich um eine lohnenswerte Lektüre als Einstieg in das Themengebiet.
Der Roman von Ronya Othmann beschäftigt sich in seinem ersten Teil mit den Erinnerungen von Leyla von den ab dem fünften Lebensjahr in Syrien verbrachten Sommerferien. Im zweiten Teil des Romans erfahren ...
Der Roman von Ronya Othmann beschäftigt sich in seinem ersten Teil mit den Erinnerungen von Leyla von den ab dem fünften Lebensjahr in Syrien verbrachten Sommerferien. Im zweiten Teil des Romans erfahren wir, wie der Krieg in Syrien ab den Revolutionsversuchen 2011 bis jetzt Leyla, welche mit ihren Eltern in Deutschland lebt und deren Vater Kurde ist, zunehmend aus der Ferne belastet und sich auf ihre Person auswirkt.
Den ersten Teil des Buches empfand ich im Stil als überaus anstrengend und unterdurchschnittlich. Besonders störend ist dabei der Satzbau der Autorin, welcher sehr simpel in dem bekannten Subjekt-Prädikat-Objekt-Format gehalten ist. Dass dann auch noch alle Verwandten durchgängig mit "der Vater", "die Mutter", "die Großmutter" etc. benannt sind, verkindlicht die Formulierungen der Erinnerungssequenzen. Dies wäre nachvollziehbar, wenn es sich um eine Ich-Erzählerin handeln würde, die dem damaligen Alter entsprechend berichtet. Hier wird jedoch der personale Erzähler genutzt, sodass die Erinnerungen äußerst distanziert wirken, den Leser nicht richtig mitnehmen in die Sommer von Leyla. Auch scheinen die Erinnerungssequenzen in mitunter kurzen Anbsätzen sehr sprunghaft wechselnd. Das Fehlen von Anführungszeichen in der wörtlichen Rede erschwert es mitunter, Erinnerungen von Leyla und Episoden, die der Vater Leyla später erzählt hat, voneinander zu unterscheiden. Hier erscheint mir das Erlebte der Protagonistin und der Autorin sehr nah beieinander zu liegen und deshalb dieses "wirre" Erinnern zu entstehen.
Der zweite Teil ab Seite 200 nimmt dann stark an Qualität, Fahrt und Sog zu. Hier werden Eckpunkte der Revolutionsbewegung in Syrien mit dem Alltag der jungen Erwachsenen Leyla gekonnt miteinander verwoben und die zunehmende Belastung der Protagonistin wird spürbar. Es wird deutlich, dass die vielen Erinnerungsschnipsel des ersten Teils notwendig waren, um die tiefe Verbundenheit mit der Heimat des Vaters im "inoffiziellen" Kurdistan darzulegen. Hier wird das Wissen über die Aufstände und die Verfolgung der ezidischen Bevölkerung durch die Beschreibung von eindrücklichen Pressemeldungen und Bildern aufgefrischt und durch die Protagonistin mit einer emotionalen Dimension versehen. Dies schafft die Autorin durchaus eindrücklich, was für mich den Roman nicht nur rettet, sondern auch durchaus lesenswert und insgesamt wertvoll macht.