Profilbild von GAIA_SE

GAIA_SE

Lesejury Star
offline

GAIA_SE ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit GAIA_SE über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 13.04.2026

Große deutsche Literatur!

In Zeiten des abnehmenden Lichts
0

Eugen Ruge erzählt (bekanntermaßen) in diesem Familienroman die Geschichte seiner eigenen Familie, fiktionalisiert und dabei unglaublich authentisch. Sehr klug verwebt Ruge dabei die in verschiedenen Jahren ...

Eugen Ruge erzählt (bekanntermaßen) in diesem Familienroman die Geschichte seiner eigenen Familie, fiktionalisiert und dabei unglaublich authentisch. Sehr klug verwebt Ruge dabei die in verschiedenen Jahren zwischen 1952 und 2001 spielenden Kapitel, welche - nicht immer aber häufig - aus jeweils einer anderen Figurenperspektive einer der handelnden Familienmitglieder erzählt werden. Dabei kommen wir häufiger zurück auf den 01. Oktober 1989 und gerade diese Kapitel sind die - von sowieso allen eindrucksvollen Kapiteln - die herausragendsten. Denn hier bekommt der Leser einen Einblick in verschiedene Facetten ein und derselben Szenerie. Ansichten zum weiteren Schicksal der DDR werden genauso beleuchtet wie persönliche Schicksale und Befindlichkeiten. Personen, die zunächst wenig Sympathie evozierten, bekommen eine unglaubliche Tiefe und werden in ihren Handlungen authentisch nachvollziehbar.

Mir gefällt an diesem Roman, dass er nicht den medialen "DDR-Einheitsbrei" der vergangenen 20 Jahre widerspiegelt, sondern durch den familiären Hintergrund eine große psychologische Tiefe erhält. Es werden Themen behandelt, die nicht schon bis über die Erträglichkeitsgrenze hinaus ausgeschlachtet wurden und man macht sich beim Lesen weniger bekannte Themen der Historie bewusst.

Insgesamt ist dies - durch seine Form aber auch den Inhalt - ein sehr abwechslungsreicher, kluger, kurzweiliger (!) und auch spannender Familienroman, welcher es schafft über 50 Jahre Geschichte hinweg, das Interesse Lesers zu wecken. So gibt es schlussendlich eine dringende Leseempfehlung meinerseits für diesen großen - und zu Recht mit dem Deutschen Literaturpreis ausgezeichneten - deutschen Familienroman.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 13.04.2026

Goebbels 2.0 - toll recherchiert, spannend und authentisch geschrieben

Der Faschist
0

In seinem neuen Roman entwirft Nikodem Skobisz eine nahe Post-Corona-Zukunft, in der sich ein junger Mann nach persönlichen Rückschlägen in der Szene der Neo-Faschisten wiederfindet und dort zügig radikalisiert. ...

In seinem neuen Roman entwirft Nikodem Skobisz eine nahe Post-Corona-Zukunft, in der sich ein junger Mann nach persönlichen Rückschlägen in der Szene der Neo-Faschisten wiederfindet und dort zügig radikalisiert. Er rutscht in die Rolle des führenden Propagandisten und gestaltet dadurch die Zukunft der politischen Landschaft mit.

Skobisz nimmt hier nicht nur die psychologischen Aspekte der Radikalisierung eines Einzelnen unter die Lupe, er verdeutlicht vor allem die Unterschiede zwischen Faschismus und Nationalsozialismus, erklärt die gesellschaftspolitischen wie auch philosophischen Hintergründe der Bewegung sowie deren Gefahren und zeigt, wie schnell sich eine Gesellschaft hin zu einem radikalen System manipulieren lässt. Die persönliche Macht- und Gewaltentwicklung des Protagonisten Nikolas Schaber wird durch facettenreiche Nebencharaktere flankiert. Authentisch webt dabei der Autor seine herausragende Rechercheleistung zum theoretischen Hintergrund der faschistischen Bewegung in den Romanplot ein. Lektürehilfen in Form von ausführlichen Literaturempfehlungen sind auf der Internetseite des Autors zu finden. Sehr gern hätte ich einige Hinweise hierzu auch im Buch direkt vorgefunden.

Abschließend war die Lektüre des vorliegenden Buches hochinteressant und lehrreich. Das weitverbreitete Halbwissen, Faschismus und Nationalsozialismus seien eigentlich dasselbe, wurde durch die Lektüre glücklicherweise behoben und Wissenslücken gefüllt. Mich haben besonders die politikwissenschaftlichen und philosophischen Theorien am meisten interessiert, aber auch LeserInnen, die an den psychologischen Phänomenen interessiert sind, kommen auf ihre Kosten. Rundum ein empfehlenswerter Roman, der sich übrigens als absoluter Pageturner entpuppt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 13.04.2026

Das Meer kann viele Farben haben, wenn man genau hinschaut...

Das Meer in meinem Zimmer
0

Dieser Roman von Jana Scheerer ist "schrecklich schön", da der Inhalt viel schrecklicher und schwerer zu ertragen ist, als vom Klappentext zu vermuten, und schön, weil die Sprache der Autorin herausragend ...

Dieser Roman von Jana Scheerer ist "schrecklich schön", da der Inhalt viel schrecklicher und schwerer zu ertragen ist, als vom Klappentext zu vermuten, und schön, weil die Sprache der Autorin herausragend passend diesen Inhalt vermittelt.

Es geht eben nicht "nur" um einen verstorbenen Vater. Nein, Scheerer beschreibt in einem Erzählstrang die Geschehnisse in den 24 h ab Todesmittelung an die Familie und dazwischen schiebt sie gekonnt Rückblenden aus dem zerrütteten Familienleben vor dem Tod des Vaters Pax. Besonders diese Tableaus erschrecken immer wieder in ihrer Heftigkeit und mitunter psychischen Grausamkeit. Dabei vermittelt die Sprache der Autorin eine pragmatische Abgeklärtheit. Die Ich-Erzählerin Jolanda, älteste Tochter von Pax, bei dessen Tod gerade das Abitur abgeschlossen, nutzt eine reduzierte und durchaus mit trockenem Witz versetzte Sprache um ihre Erlebnisse darzulegen. So müssen Emotionen gar nicht explizit ausgesprochen werden, sondern werden durch die reduzierte Sprache besonders gut transportiert. Die lakonische Art des Erzählens evoziert beim Leser daher noch mehr die Emotionen der Protagonisten und lässt den dringenden Wunsch entstehen, aktiv in die quälende Handlung eingreifen zu können. Es ist bisher nur wenigen Autoren gelungen, mein Herz so fest zu packen und dabei zuzudrücken. Die Unerträglichkeit wird fast körperlich spürbar. Die Sprache der Autorin stellt für mich die größte Stärke des Buches dar.

Insgesamt handelt es sich hier um einen intensiven Roman, der es in seiner Kürze schafft eine breite Palette an Emotionen beim Leser zu erzeugen. Das Meer kann viele Farben haben, wenn man genau hinschaut...

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 13.04.2026

Erfunden, historisch, toll!

Der Halbbart
0

Charles Lewinsky verarbeitet in seinem Roman vor dem historischen Hintergrund des Marchstreits zwischen dem Kloster Einsiedeln und den Bewohnern von Schwyz eine packende Coming-of-age-Geschichte um den ...

Charles Lewinsky verarbeitet in seinem Roman vor dem historischen Hintergrund des Marchstreits zwischen dem Kloster Einsiedeln und den Bewohnern von Schwyz eine packende Coming-of-age-Geschichte um den 12jährigen Jungen Sebi. Als Mentor bekommt er den klugen Zugewanderten "Halbbart" an die Seite gestellt und entdeckt im Laufe von wenigen Jahren, wie Geschichten funktionieren und vor allem, wie der Mensch "funktioniert".

Lewinsky hat mit diesem Roman wirklich ein kleveres, literarisches Werk geschaffen. Durch den einfachen Wortschatz und die Formulierungen aus der Perspektive von Sebi erzählt, werden der Leserin unglaublich viele Erkenntnisse zum Wesen des Menschen - im Guten wie im Bösen (und das im überwiegenden Teil) - vermittelt. Häufig muss man dabei wegen der einfachen Logik schmunzeln, die Sachverhalte so knackig zusammenfasst. Viele Weisheiten werden Sebi durch den Halbbart vermittelt, welcher ebenso wie die Familie von Sebi der Leserin schnell ans Herz wachsen. Der Halbbart nutzt zur Starthilfe für andere gern den sokratischen Dialog und hinterfragt Zusammenhänge. Immer mehr versteht man dadurch nicht nur die mittelalrterliche Welt, sondern auch das Hier und Heute. Denn der Mensch hat sich in den letzten Jahrhunderten nur sehr wenig verändert.

Die Spannung über die fast 700 Seiten hält der Autor gekonnt. Hier bedient er sich einem schönen Kniff aus früheren Jahrhunderten: Die Kapitelüberschriften enthalten stets einen Hinweis auf den Inhalt des folgenden Kapitels. Mitunter werden schon Plotverläufen im Vorhinein verraten. Dies steigert jedoch nur noch den Wunsch weiterzulesen. Überhaupt lassen sich die 700 Seiten wirklich schön süffig runterlesen. Selbst die schweizerischen und auch mitunter altmodischen Begrifflichkeiten stören dabei nicht. Es wird vielmehr das Gefühl vermittelt, in die Zeit und den Ort gut eintauchen zu können.

Der Plot hat über weite Strecken den Schalk im Nacken und es macht Spaß die Geschichten und Erlebnisse von Sebi zu verfolgen. Zum Ende hin überwiegt der ernste Anteil in der Geschichte. Da ging es mir dann sogar alles ein bisschen zu schnell und Figuren, die man anders eingeschätzt hätte, tun nicht immer nachvollziehbare Dinge. Meine eigene Unzufriedenheit mit dem Ende des Buches, soll der Bewertung jedoch keinen Abbruch tun. Es handelt sich hier um einen wirklich großartigen, lesenswerten und gelungenen Roman mit verdienter Nominierung für den Deutschen Buchpreis. Ich drücke die Daumen für den Gewinn des Buchpreises 2020!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 13.04.2026

Große, neue Stimme der afroamerikanischen Literatur

Die verschwindende Hälfte
0

Wenn die Presse behauptet die Autorin des vorliegenden Romans sei in die großen Fußstapfen von Toni Morrison getreten, so ist dies in diesem Falle keine Übertreibung. Inhaltlich wie stilistisch bewegt ...

Wenn die Presse behauptet die Autorin des vorliegenden Romans sei in die großen Fußstapfen von Toni Morrison getreten, so ist dies in diesem Falle keine Übertreibung. Inhaltlich wie stilistisch bewegt sie sich in einem ähnlichen Terrain und zeigt, dass sie mit ihrem zweiten Roman auf einem sehr guten Weg dahin ist, diese Fußstapfen evetuell irgendwann ausfüllen zu können. Die fiktionale Ausgangssitiuation des Romans - eine Ortschaft Mallard in Lousiana, in der die Gründerväter darauf bedacht waren von Anfang an immer hellhäutigere Schwarze mit jeder Generation heranzuziehen und in der dunkle Schwarze als minderwertig eingestuft werden - lässt jedoch an noch ganz andere Größen der afroamerikanischen Literatur denken. Die Ideen von Brit Bennett erinnern an William Melvin Kelley oder Colson Whitehead. Beide Meister darin, eine wahnwitzige Idee als eine sehr reale Ausgangssituation für das persönliche Drama von ihren afroamerikanischen Protagonisten zu erschaffen. Leicht verrückt, aber gar nicht so abwegig.

So verschwindet nicht nur in der Ortschaft Mallard die "Schwarze Hälfte" der Bewohner nach und nach - und wenn sie sich richtig geben, gehen sie sogar als Weiße durch - sondern im Roman verschwindet auch ein Zwillingspaar. Desiree und Stella begleiten wir über einen Zeitraum von ca. 50 Jahren auf ihren Lebenswegen. Die Autorin verschachtelt dabei gekonnt Episoden aus verschiedenen Jahrzehnten und scheut sich nciht vor Sprüngen über viele Jahre hinweg. Die Lücken werden durch Erinnerungen gefüllt und so entsteht ein spannendes Bild dieser Zwillinge, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Mit ihrer fesselnden Sprache begnügt sich die Autorin jedoch nicht nur mit einem Familiendiorama, sondern sie wirft einen Blick über die Familiengeschichten hinaus auf die Gesellschaft in diesen Jahrzehnten zwischen den 40ern und 90ern. So geht es ebenso wie um Hautfarbe auch um das Überweinden von Geschlechteridenditäten sowie sozioökonomischen Verhältnissen. Dabei geht der Leserin die Verbindung zu den liebevoll entworfenen Figuren nie verloren. Ich habe mit den ProtagonistInnen mitgefiebert, sodass die 400 Seiten nur so dahinflogen. Ein wirklicher Pageturner mit Tiefgang.

Da ich ein Fan der bereits genannten AutorInnen bin, konnte mich auch Brit Bennett mit ihrem zweiten Roman durch und durch überzeugen. Ich freue mich sehr auf weitere Bücher dieser vielversprechenden Autorin und empfehle sie dringend an interessierte LeserInnen weiter.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere