Profilbild von Archer

Archer

Lesejury Star
offline

Archer ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Archer über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 15.09.2016

Ein heftiger Ritt

Das Dickicht
0

Osttexas, irgendwann nach 1916. Das Land ist noch dermaßen rückständig, dass die meisten Leute leben wie in der Mitte des 19. Jahrhunderts, Sie reiten auf Pferden, haben kaum Technik, kriminelle Banden ...

Osttexas, irgendwann nach 1916. Das Land ist noch dermaßen rückständig, dass die meisten Leute leben wie in der Mitte des 19. Jahrhunderts, Sie reiten auf Pferden, haben kaum Technik, kriminelle Banden halten die Bevölkerung in Atem, und die Pocken rotten ganze Ortschaften aus. In einer dieser winzigen, rückständigen Ortschaften leben Jack und seine Schwester Lula. Ihre Eltern haben sie soeben begraben (Pocken) und ihr Großvater will sie zu einer entfernten Tante bringen, als sie während eines Sturms auf einer Fähre überfallen werden, der Großvater getötet und Lula von Cut Throat Bill und seiner Bande entführt.

Jack ist verzweifelt, er muss um jeden Preis seine Schwester retten. Deshalb schließt er sich Shorty, einem schießwütigen Lilliputaner, und dessen schwarzen Freund Eustache samt dem "Haustier" von Eustache, einem wilden Keiler, an. Unterwegs gabeln sie noch einen Sheriff/Kopfgeldjäger und eine weggelaufene Hure auf, und diese mehr als ungleiche Truppe macht sich auf die Jagd nach den Desperados, dabei von einer heftigen und tödlichen Situation in die nächste stolpernd.

Meine Fresse, was für ein Buch. Dieser Lansdale kann schreiben, dass einem die Ohren schlackern! Seine Protagonisten sind gleichzeitig totale Ar... er und Helden, sie sind dreckig, stinken, haben nur Knete im Kopf und stehen trotzdem vor einem, als würde man einen Film schauen. Er nimmt nie ein Blatt vor den Mund, da wird gemordet, geradezu gemetzelt, in den Straßen tappt man durch Jauche, das Wort "Nigger" kommt alle paar Seiten vor, aber nicht der Schockwirkung Willen, sondern weil die einfach alle so geredet haben. Das Schicksal von Jacks Schwester ist klar, ohne dass es großartig beschrieben werden muss, und die Kugeln pfeifen einem alle paar Minuten um die Ohren, wobei die Waffen damals scheinbar wirklich so miserabel waren, dass man schon zehn Meter vor einem Scheunentor stehen musste, um es überhaupt zu treffen.

Also: krass, übelst fesselnd, nicht mitreißend, eher an den Ohren packend und durch den Schlamm zerrend, während man selbst schreiend und Füße strampelnd versucht, dran zu bleiben. Genial! Ich muss unbedingt mehr von Lansdale lesen!

Veröffentlicht am 15.09.2016

Das Grauen, das zum Lachen bringt

Diner des Grauens
0

Earl und Duke sind zwei amerikanische Typen, wie sie ... ja, wie sie typischer für Amerika kaum sein könnten. Earl ist ein magerer Kerl ohne Geld, Duke ist ein fetter Kerl ohne Geld, und beide sind mit ...

Earl und Duke sind zwei amerikanische Typen, wie sie ... ja, wie sie typischer für Amerika kaum sein könnten. Earl ist ein magerer Kerl ohne Geld, Duke ist ein fetter Kerl ohne Geld, und beide sind mit einem uralten Pick Up unterwegs, auf der Suche nach Arbeit. Ok, vielleicht sollte man das mit dem "tpyisch für Amerika" nicht ganz so genau nehmen, denn Duke ist ein Werwolf und Earl ein Vampir. Ganz echt, so ohne Glitzern oder einem Mädchen hinterherzustalken. Als ihr Benzin fast ausgeht, halten sie vor einem heruntergekommenen Diner mitten in einer heruntergekommenen Gegend, um ihre letzten paar Dollar in Essen zu investieren. Sie lernen dabei nicht nur Loretta kennen, die fast so fett und groß wie Duke ist (und sofort eine Schwäche für ihn entwickelt), sondern auch eine ganze Schar Zombies, die plötzlich durch die Tür bricht und alles dem Erdboden gleich machen will. Zombies vs. Werwolf/Vampir? Null zu Eins. Duke und Earl beschließen zu bleiben und der Sache auf den Grund zu gehen. Sie werden dabei auf eine Weltbeherrscherin in Ausbildung stoßen, auf Zombiekühe, "normale" Zombies, einen coolen Sheriff, auf alles, nur nicht auf Normales.

Und das ist gut so, wie Frau Merkel sagen würde, denn Martinez feuert hier tatsächlich großartig absurd-originelle Ideen im Sekundentakt ab. Dabei schafft er es tatsächlich, in diesem Fantasysetting alles gleichzeitig reell als auch magisch erscheinen zu lassen, er entwickelte seine beiden Helden so genial, dass sie wirklich die Kerle von nebenan sein könnten, sympathisch und doch mit vielen Macken, "kleinen" haarigen oder blutigen Problemen und einer Freundschaft, die dicker ist als Blut oder Duke. Das Ganze ist amüsant und gekonnt gelesen, so dass mir eigentlich nur übrig bleibt, volle Punktzahl zu geben und die Geschichte zu empfehlen.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Detektiv wider Willen

Oscar Wilde & Mycroft Holmes - Folge 01
0

Die Geschichte lehrt uns, dass Oscar Wilde 1895 festgenommen wurde, für ein paar Jahre ins Zuchthaus kam und kurz nach seiner Freilassung an seiner dort zerstörten Krankheit starb. Doch was Maas hier mit ...

Die Geschichte lehrt uns, dass Oscar Wilde 1895 festgenommen wurde, für ein paar Jahre ins Zuchthaus kam und kurz nach seiner Freilassung an seiner dort zerstörten Krankheit starb. Doch was Maas hier mit seinem Hörspiel aus diesem Ansatz macht, gefällt mir viel besser und hätte ich mir auch eher für den Autor von Dorian Gray gewünscht.

Irgendwann mitten in der Nacht brechen Polizisten die Tür zum Anwesen Oscar Wildes auf, wo sie diesen mehr oder weniger in flagranti mit seinem Liebhaber, dem jungen Lord Alfred Douglas erwischen. Misshandelt und in einer dunklen Zelle erwachend, lernt Wilde einen Mann mit einem berühmten Namen kennen. Mister Holmes hat zwar nicht den gesellschaftlichen Status' seines jüngeren Bruders, des berühmten Detektivs, dafür jedoch die Macht, so ziemlich jeden zu erhöhen oder zu vernichten. Und Mycroft Holmes macht Wilde ein Angebot, das dieser nicht abschlagen kann: Dienst als Sonderermittler der Krone oder Zuchthaus. Wilde stimmt zu und bekommt es im ersten Fall gleich mit einem Gegner zu tun, der nichts weniger möchte als die wichtigsten Mitglieder der oberen Zehntausend zu vernichten ...

Ein sehr stark umgesetztes Hörbuch! Der Fall selbst mag jetzt nicht der grandioseste unter der Sonne sein, aber die Sprecher heben ihn mühelos in ihr Licht. Ganz klasse verleihen sie ihren Protagonisten die nötige Stimmgewalt, die leicht herablassende, sehr betonte Art von Wilde und die manchmal regelrecht cholerische von Holmes. Man merkt, dass die beiden Männer keine Freunde sind (und es wahrscheinlich auch nie werden), ganz im Gegensatz also zu dem "echten" Holmes, den ja eine tiefe Freundschaft mit seinem "Raumteiler" Watson verband. Trotzdem funktionieren sie gut zusammen, ergänzen sich, wobei ich mir Mycroft manchmal nicht so begriffsstutzig gewünscht hätte, denn Sherlock selbst behauptete ja mal irgendwann, dass sein Bruder noch cleverer und aufmerksamer wäre als er. Trotzdem: super Hörspiel, besonders für Leute, die zwar viel im Auto, aber nicht immer sehr lange unterwegs sind, denn es geht nur etwas über eine Stunde.

Veröffentlicht am 15.04.2026

Transparent

Please unfollow
0

Die 17jährige Sherry hat ein Haus angezündet, landete im Jugendknast und kommt jetzt in ein Camp für straffällige Jugendliche in der Sächsischen Schweiz. Eigentlich jedoch ist sie ein Internetstar. Sie ...

Die 17jährige Sherry hat ein Haus angezündet, landete im Jugendknast und kommt jetzt in ein Camp für straffällige Jugendliche in der Sächsischen Schweiz. Eigentlich jedoch ist sie ein Internetstar. Sie heißt Shezerade Weiß und ihre Eltern haben ihr Leben seit ihrer Adoption als Kleinkind auf Youtube gestreamt. Millionen Follower hat der Account ihrer Eltern, die sich nie um die Privatsphäre ihrer Tochter gekümmert haben. Sherry hat endlich das Gefühl, nicht ständig beobachtet zu werden und sie verliebt sich sogar. Doch dann stellt sich heraus, dass alle Jugendlichen wussten, wer sie ist und sie fühlt sich betrogen und verraten - wieder einmal ...

Wow, ein krasses Buch über ein krasses Thema, das mir so nicht bekannt war. Es gruselt mich davor, auch nur darüber nachzudenken, was Eltern ihren Kindern um des Fames und des Geldes willen antun, ganz besonders, wenn man bedenkt, wie weit entwickelt AI ist und was daraus bereits gemacht werden kann. Wie man solchen Accounts auch noch folgen und feiern kann, verstehe ich überhaupt nicht und ich finde es echt wichtig, über solche Themen zu sprechen. Das Buch war sehr flüssig und trotz des ernsten Themas locker und humorvoll geschrieben. Vielleicht waren die Jugendlichen in dem Camp ein bisschen ZU wholesome, aber das ist Meckern auf hohem Niveau und wird allen guttun, die bei dem, was sie hier lesen, ein Auffangnetz brauchen. 4.5/5 Punkten.

Veröffentlicht am 19.03.2026

September in Gold

Fräulein Renée und das kartografische Komplott
0

1908. Der achtzehnjährige Caspar beantwortet eine ungewöhnliche Stellenanzeige und lernt die fast gleichaltrige reiche Erbin Renée kennen, die einen Sekretär und Chronisten sucht, der mit ihr Abenteuer ...

1908. Der achtzehnjährige Caspar beantwortet eine ungewöhnliche Stellenanzeige und lernt die fast gleichaltrige reiche Erbin Renée kennen, die einen Sekretär und Chronisten sucht, der mit ihr Abenteuer erlebt und darüber berichtet. Das Abenteuer lässt auch nicht lange auf sich warten, denn sie stolpern beinahe sofort in einem alten Forsthaus über die Leiche einer Frau. Da diese Leiche plötzlich verschwindet, ermittelt Renée mit der manchmal widerwilligen Hilfe von Caspar allein, ohne die Polizei hinzuzuziehen. Dabei geraten die beiden nicht nur in Lebensgefahr, sondern müssen einiges über Liebe und Vertrauen lernen.

Ich habe das Buch von Anfang an genießen können. Man taucht sofort in das damalige Leben ein und bekommt ganz nebenbei noch einiges an Wissen über diese Zeit, Stuttgart, geographische Komplotte und das Verhalten und Benehmen verschiedener Klassengesellschaften mit auf den Weg. Dabei ist wohl ein besonderer USP die Charakterisierung der Hauptpersonen. Renée ist zwar die Tochter eines Großkapitalisten, hat aber dank ihres Hintergrunds auch genug humanistisches Verständnis für andere und spricht sich gegen Kolonialisierung und Eroberungen aus. Sie ist eine moderne junge Frau, die allerdings auch noch einiges zu lernen hat. Caspar behält seine Karten eng am Körper, ist aber ein hochsympathischer junger Mann mit verdammt guten Ansichten. Dass er außerdem auch Synästhesie hat und mit Romantik höchstens auf dichterischer Ebene etwas anfangen kann, macht ihn nur noch spannender. Mit einem Teil des Endes war ich nicht ganz so glücklich, aber das Gesamtwerk hat mich schon sehr glücklich gemacht und ich hoffe, der Verlag bitte um Fortsetzungen. Ich würde gern sehen, wie sich Caspar und Renée entwickeln und welche weiteren Abenteuer sie erleben. 4.5/5 Punkten.