Profilbild von SusanD

SusanD

Lesejury Star
offline

SusanD ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit SusanD über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 15.04.2026

Erklärung und Warnung

Faustschlag von rechts
0

Der 15jährige Jarik fühlt sich unverstanden und verunsichert: Der Vater, der wegen einer Geliebten die Familie verlassen hat, ist unzuverlässig und enttäuscht seine Söhne ständig mit nicht eingehaltenen ...

Der 15jährige Jarik fühlt sich unverstanden und verunsichert: Der Vater, der wegen einer Geliebten die Familie verlassen hat, ist unzuverlässig und enttäuscht seine Söhne ständig mit nicht eingehaltenen Verabredungen, die nun alleinerziehende Mutter ist verbittert und überfordert und im Freundekreis fühlt Jarik sich unwohl, weil er GEfühle für Mo entwickelt, die aber scheinbar mit einem anderen anbändelt. Im Jugendclub kann JArik sich beim Boxen richtig austoben, und dann lädt ihn sein Boxtrainer zu einer Zeltfreizeit in den Ferien ein. Zum ersten Mal fühlt Jarik sich wieder wohl, findet Lob und Anerkennung. Doch nicht alles ist Gold, was glänzt ....

Die Erziehungswissenschaftlerin und Theaterpädagogin Stefanie Kaluza legt mit "Faustschlag von rechts" ihren ersten Jugendroman vor, der eine deutliche Botschaft verkündet.

Erzählt wird die Geschichte des 16jährigen Jarik aus seiner Perspektive, der verunsichert und enttäuscht ZUgehörigkeit und ANerkennung sucht und ein williges Opfer rechter Manipulation wird.
Die Schreibweise ist selbst für ein Jugendbuch sehr einfach gehalten, was mich aber nicht wirklich gestört hat.

Kaluza baut eine angenehme Spannungskurve auf - und obwohl es den Leser*Innen schon früh klar wird, wohin es mit Jarik gehen wird - bleibt es bis zum Ende spannend. Man mag es am Ende ein bisschen zu sehr Friede, Freude, Eierkuchen nennen, doch mich hat der versöhnliche Schluss begeistert; es gibt noch Hoffnung!

Jariks Gedanken und Konflikte sind gut verständlich beschrieben und es bleibt nachvollziehbar, wie er auf perfide Art von dem rechten Falk manipuliert werden konnte, auch trotz seines stabilen Freundeskreises. DIe Autorin hat hier eine Erklärung geschaffen, wie selbst kluge und nachdenkende Jugendliche auf die rechte Bahn geraten können - aber auch eine sehr deutliche Warnung ausgesprochen vor den existierenden Strömungen und ihren Gefahren.

Gerade der Wirklichkeitsbezug und die Aktualität sind erschreckend.

In meinen Augen ist "Faustschlag von rechts" ein wichtiges Buch, das sich als perfekte Schullektüre über alle Schulformen sehr gut eignen würde.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 15.04.2026

TIefgehend

Der Fährmann
0

Anfang des 20. Jahrhunderts – zwei Dörfer an der Österreischisch-Deutschen Grenze, getrennt durch die Salzach. Schon als Kinder sind Elisabeth, Annemarie und Hannes beste Freunde. Doch Hannes Winkler wird ...

Anfang des 20. Jahrhunderts – zwei Dörfer an der Österreischisch-Deutschen Grenze, getrennt durch die Salzach. Schon als Kinder sind Elisabeth, Annemarie und Hannes beste Freunde. Doch Hannes Winkler wird zu seinem Onkel, dem Fährmann geschickt, um zu dessen Nachfolger ausgebildet zu werden. Elisabeth, die die Gefühle von Hannes erwidert, muss Josef Steiner heiraten, Erbe des größtes Hofes in der Gegend. Und die Wirtstochter Annemarie, die eigentlich in Hannes verliebt ist, wird die Geliebte von Josef Steiner. Obwohl alle versuchen, ihr Schicksal zu ertragen, macht ihnen der jähzornige, brutale und eifersüchtige Josef das Leben schwer. Als der Erste Weltkrieg ausbricht, scheinen sich die Rollen zu verändern ….

Die deutsche, in der bayrisch-österreichischen Grenzregion beheimatete Autorin Regina Denk ist vielen Leser*Innen bekannt durch ihre unter dem Pseudonym Fanny König veröffentlichten humoristischen Regionalkrimis. Nun legt sie (nach "Die Schwarzgeherin") mit „Der Fährmann“ unter ihrem Klarnamen ihren zweiten historischen Roman vor.

Die Heimatliebe der Autorin spiegelt sich deutlich im Setting wider. Anschaulich beschreibt sie das Leben und die Natur in der voralpinen Grenzregion. Eine besondere Rolle kommt dabei der Salzach zu; dieser Fluss fließt so träge daher, dass er einen Gegenpol zu den familiären Drama zu bilden scheint, doch unter seiner Oberfläche verbirgt sich eine trügerische, reißende Kraft. So ist die Salzach ein Symbol dafür, genau hinzuschauen, was sich unter der Fassade befindet.

Der Schwerpunkt der Handlung liegt auf den Frauen – ganz im Gegensatz zu dem Titel: Der Fährmann, der als ein Fixpunkt die Verbindung zwischen den Dörfern bzw. den Ländern darstellt, ist auch die Verbindung zwischen den Hauptfiguren. Er ist Beobachter, Freund, Ansprechpartner, doch auch er entwickelt sich irgendwann weiter und nimmt eine wichtige Rolle ein; man könnte es schon fast als Heldenreise betrachten.
Die Frauen hingegen sind die, deren Wünsche und Träume sich zerschlagen, die unter den patriarchalischen Strukturen und insbesondere dem gewalttätigen Antagonisten Josef Steiner zu leiden haben. Doch selbst dieser durch und durch böse scheinende Mann hat unter seinem Vater zu leiden und später unter Traumata. Diese Beschreibungen sind teilweise nur sehr schwer zu ertragen, da die Brutalität und gleichzeitige Hilf- und Rechtlosigkeit emotional belastet. Und anstatt dass die Frauen sich solidarisch zeigen, resignieren und erstarren sie in ihrer Machtlosigkeit – bis der Erste Weltkrieg ausbricht.

Die Figuren, die zunächst so eindimensional erscheinen, zeigen noch weitere Eigenschaften, entwickeln sich weiter und streben auf eine hoffentlich bessere Zeit hin.

Regina Denk zeichnet ein bemerkenswertes Sittengemälde der Neuzeit. Authentisch und detailgetreu beschreibt sie die Härte des Landlebens, persönliche Schicksale in einer Epoche - und sehr deutlich wird, dass wir uns keinesfalls diese Zeit zurückwünschen, in der Frauen rechtlos den Männern ausgeliefert waren. Gerade die Rolle der Frau seinerzeit ist für uns nur sehr schwer auszuhalten und weckt starke Emotionen.

Brandaktuell ist das Buch aber auch in einer anderen Hinsicht: Das Leben nicht nur der vier Hauptpersonen wird beeinflusst vom Ersten Weltkrieg; einem Krieg, der zwar nicht gerade vor ihrer Haustür abläuft, der jedoch erheblichen Einfluss auf ihr Leben hat. Regina Denk zeigt hier, dass auch wir von den momentan stattfindenden Kriegen – teilweise aus dem Nichts entstanden - beeinflusst werden, deren Auswirkungen sich zeigen, angefangen bei den knapper und teurer werdenden Energieträgern bis hin zu belastenden Staatsausgaben.

Sprachlich konnte Regina Denk mich sehr beeindrucken. Bildhafte, schon fast poetische Beschreibungen überzeugten mich. Komplexe Gefühle und Familiendynamiken waren wunderbar dargestellt, egal ob Neid, Freude, Hass oder auch Verzweiflung und Mitleid. Manche Sätze musste ich einfach wiederholen, so berührten sie mich.

Da die Autorin ein versöhnliches Ende in dieser doch sehr brutalen, teils gruseligen und höchst spannenden Geschichte finden wollte, die immer klug konstruiert war, steuert sie auf ein fulminantes Show-Down am Ende zu, das vielleicht in Teilen ein wenig überzogen war, aber mich dennoch mit einem guten Gefühl zurückließ.

„Der Fährmann“ ist ein kluger Roman, der neben dem Auslösen von starken Emotionen zum Nachdenken anregt und Hoffnung macht. Tiefgründig und nachhallend – definitiv ein Highlight!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 22.02.2026

Hochspannend, aktuell und beklemmend

Operation Machtergreifung
0

Vor der Bundestagswahl 2029 will der hochangesehene Bundeskanzler Joachim Münster eine Rede an die Nation halten, um auf die rechte Gefahr der PfD (Partei für Deutschland) hinzuweisen und die Demokratie ...

Vor der Bundestagswahl 2029 will der hochangesehene Bundeskanzler Joachim Münster eine Rede an die Nation halten, um auf die rechte Gefahr der PfD (Partei für Deutschland) hinzuweisen und die Demokratie zu verteidigen. Der zum Schutz beauftragte Marc Anderson von den „Crisis Management Services“ schlägt als Ort die eng mit der SS-Vergangenheit und Himmler verbundene Wewelsburg vor als Zeichen gegen Rechts. Als das Unfassbare geschieht und Münster spurlos verschwindet, macht sich Marc Anderson gemeinsam mit der Kanzlergattin auf die Suche nach dem Bundeskanzler und stößt dabei auf ein rechtes Netzwerk aus Verschwörung, Gewalt und fanatischer Ideologie, sowie Kräfte, die eine Machtübernahme verdeckt vorbereitet haben und Deutschland in einen totalitären Staat verwandeln wollen …...

"Operation Machtergreifung" ist der fünfte Band der Marc-Anderson-Reihe des Erfolgsautors Jörg H. Trauboth. Da alle Bücher eigenständige, in sich abgeschlossene Werke sind, lässt sich auch dieses Buch problemlos ohne Vorkenntnis der vorherigen Bände lesen; da die agierenden Figuren um Marc Anderson sich weiterentwickeln, bietet jedoch die Lektüre aller Bände den größeren Genuss und ist ohnehin absolut empfehlenswert.

Der Autor war Generalstabs­offizier in der Luftwaffe und Waffensystem­offizier-Lehrer und hat Erfahrungen im internationalen Krisenmanagement. Dieses liest und spürt der Leser deutlich in diesem Lesestoff, denn Trauboths Begeisterung für seine Themen springt einen geradezu an; und die lebenslange Auseinandersetzung Trauboths mit dem Phänomen Rechtsradikalismus findet hier seinen Ausdruck.

Überhaupt sind Parallelen zur aktuellen politischen Lage überdeutlich, da hätte es die Benennung der rechtsradikalen Partei als „PfD“ kaum bedurft. Aktuelle Geschehnisse lassen sich wiedererkennen und zeigen, dass vieles von dem hier zu Lesenden bereits jetzt keine Fiktion mehr ist. Trauboth hat dies weitergedacht auf beklemmende Art und Weise, die leider nicht mehr abwegig erscheint und jeden Demokraten in Angst und Schrecken versetzen müssen.

Gut gefallen haben mir hier auch die geschichtlichen Rückblenden sowie die Details über die historisch so bedeutende Wewelsburg und die Erklärungen zur „schwarzen Sonne“, einem neonazistischen Symbol, das von der rechtsradikalen Szene häufig als Ersatzsymbol zum verbotenen Hakenkreuz verwendet wird.

Dieser Thriller war für mich mit seinen komplexen Machtstrukturen, verdeckten Operationen und überraschenden Wendungen hochspannend und ein echter Pageturner; doch zur gut konstruierten Spannungsgeschichte kommt hier dazu der beklemmende Eindruck, dass vieles von dem hier Beschriebenen keine Fiktion oder eine ferne Zukunftsvision mehr ist, sondern eine mögliche Eskalation unserer Gegenwart.

Die Ausarbeitung der Figuren gefällt mir wieder sehr; bis zu den Nebenfiguren sind alle multidimensional und zeigen durchaus überraschende Züge und Absichten, wodurch eine zusätzliche Spannung entsteht.

Die hohe Qualität des Romans spiegelt sich wider in einem ausführlichen Epilog, in dem der Autor – allgemein und genau auf einzelne Kapitel bezogen - Dichtung und Wahrheit genauestens voneinander abgrenzt und Quellenangaben anführt. Gerade die Anlehnungen an reale Personen und Geschehnisse zeigen, wie wichtig dieses Buch ist und vergrößern die Beklemmung beim Gedanken an eine mögliche Zukunft, die die rechtsradikale Partei in Aussicht stellt.
Ein Personenverzeichnis, das durchaus hilfreich sein kann und Informationen zur „Schwarzen Sonne“ zu Beginn und Hilfen im Umgang mit Rechtsradikalismus am Ende des Buches runden dieses Werk ab.

Jeder Leserin, der einen komplexen und spannenden Politthriller zu schätzen weiß mit großem Detailwissen , guter Recherche und der Begeisterung des Autors für seine Themen, findet mit "Operation Machtergreifung" eine beeindruckende Lektüre, die ich unbedingt weiterempfehle – vielmehr sogar gerne als Pflichtlektüre an den Schulen wüsste, damit sich junge Menschen bewusst mit unserer Geschichte auseinandersetzen und den Gefahren von Verschwörungen, Machtmissbrauch - und wie wichtig die Wahrung der Demokratie ist.

Spannend, mutig, verstörend und erschreckend aktuell.
Dafür bräuchte es sogar sechs von fünf Sternen!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 01.02.2026

Menschenhandel, Zwangsprostitution und Ausbeutung

Waldmann
0

Kommissar Hannes Waldmann ist seit dem spurlosen Verschwinden seiner Frau vor einigen Jahren auf einem Bazar in Lagos (Nigeria) in einem psychischen Ausnahmezustand. Als er nach einer Zwangspause wieder ...

Kommissar Hannes Waldmann ist seit dem spurlosen Verschwinden seiner Frau vor einigen Jahren auf einem Bazar in Lagos (Nigeria) in einem psychischen Ausnahmezustand. Als er nach einer Zwangspause wieder zurück im Polizeidienst ist, wird er mit einem ermordeten Politiker konfrontiert. Die Ermittlungen führen zu Menschenhandel, Zwangsprostitution und Ausbeutung. Auch die Journalistin Pia Luninger, die sich mit ihrer Recherche zu einem Artikel über die frauenverachtenden Machenschaften in Gefahr begibt und die ominöse Suse, die Kontakt zu misshandelten Frauen hat, bringen Waldmanns Ermittlungen voran....
Der deutsche Autor Thomas Ziebula ist in den verschiedensten Genres zuhause. Nach den scharfsinnigen historischen Kriminalromanen um den kriegsversehrten Inspektor Paul Steiner legt der Autor nun mit „Flucht in den Tod“ den Auftakt einer neuen Reihe um den - ebenfalls psychisch angeschlagenen – Kommissar Hannes Waldmann vor.
Ziebula hat beeindruckend recherchiert und konfrontiert seine LeserInnen mit höchst aktuellen realen Themen. Nur schwer aushaltbar ist es, von jungen Frauen zu erfahren, die vor den Schrecken des Krieges aus der Ukraine flüchten und naiv und gutgläubig skrupellosen Männern in die Hände fallen, die in ihnen lediglich eine Ware sehen, mit der sich viel Geld verdienen lässt. Und das Entsetzen wird noch größer bei der Entdeckung, dass hinter allem die – real existierende - nigerianische Mafia „Black Axe“ steckt, die offenbar länderübergreifend völlig kaltblütig und abscheulich agiert.
Ziebulas Schreibstil ist angenehm lesbar und dabei alles andere als flach. Durch häufige Wechsel der Erzählperspektive lässt er ein genaues Bild des Geschehens entstehen, in dem viel Platz für die Hauptfiguren ist und ihre Gefühle und ihr Handeln klar ersichtlich werden. Angabe von Zeit und Ort bei den Kapitelüberschriften empfand ich als hilfreich.
Überhaupt ist die Zeichnung der mehrdimensionalen Figuren mit ihren Ecken und Kanten und manchmal nicht sofort erkennbaren Intentionen eine Stärke des Autors. Jede einzelne ist genau beschrieben in dem, was sie ausmacht. Der Anspruch Ziebulas ist nicht, eine sympathische Hauptfigur zu erschaffen, sondern eine bedeutsame, die auffällt in der Masse. Dabei entwickeln sich sowohl Waldmann als auch Pia und Suse im Laufe der Geschichte nicht nur selbst weiter, sondern öffnen sich auch dem/der Leser
In immer weiter, so dass das Bild von ihnen im Laufe der Handlung zunehmend plastisch wird.
Die Krimihandlung ist von Anfang bis Ende spannend und wird durch ein dramatisches Showdown abgeschlossen, in dem dieser Fall aufgeklärt wird, doch Waldmann und die Leser*Innen müssen sich damit abfinden, dass „das Böse“ nicht besiegt ist.
Gut gefällt mir, dass es Thomas Ziebula gelingt, ein hochkomplexes Thema übersichtlich zu beschreiben und sich nicht in langatmigen Ausführungen verliert. Ein spannender Fall wird mit überraschenden Wendungen dargestellt, der letztlich einen Blick auf das große Ganze der mafiösen Verbrechen gibt.
Ich empfehle diesen intelligenten Krimi unbedingt weiter an alle Freunde des Genres, die das Leid – nicht nur - der Frauen aushalten können und denen, die interessiert sind an dem aktuellen Weltgeschehen, das unter den lauten Tagesmeldungen leider zu oft verschwindet: das Schicksal der Ukrainerinnen, die sich nach Frieden sehnen und all der Frauen, die unverschuldet in die Hände menschenverachtender Ungeheuer fallen – und das große Business, das mit Sex betrieben wird.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 28.01.2026

Liebe und Schaffen wie im Rausch

Liebesrausch
0

Die Amerikanerin Anaïs Nin zog 1924 mit ihrem Ehemann, dem Bankangestellten Hugh Parker Guiler, nach Paris. Finanziell gut aufgestellt, unterstützte das Ehepaar avantgardistische Künstler und lernte so ...

Die Amerikanerin Anaïs Nin zog 1924 mit ihrem Ehemann, dem Bankangestellten Hugh Parker Guiler, nach Paris. Finanziell gut aufgestellt, unterstützte das Ehepaar avantgardistische Künstler und lernte so auch Henry Miller kennen. Anaïs und Henry stürzten sich in eine rauschhafte Liebesaffäre und trieben sich gegenseitig in ihrer literarischen Kunst an. Doch das wilde Leben im Paris der 30er Jahre fordert auch einen Preis: Anaïs ist zerrissen zwischen ihren Bedürfnissen und Gefühlen, die sie ihren Tagebüchern anvertraut, die einmal zu den Klassikern der Literatur gezählt werden…..

Die deutsche Autorin Charlotte von Feyerabend hat – zusätzlich zu ihrem Schaffen innerhalb DELIAs (Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautorinnen und -autoren) – wichtige Romanbiografien über starke Frauen veröffentlicht (Beate Uhse, Selma Lagerlöff, Caroline Märklin) und legt nun ihre Biografie über die skandalumwitterte Schriftstellerin Anaïs Nin vor, die insbesondere für ihr ausschweifendes Leben im Paris der 30er Jahre bekannt ist, und ihre Beziehung zu dem amerikanischen Schriftsteller Henry Miller, dessen damals entstandenes Buch „Im Wendekreis des Krebses“ lange Jahre indiziert war.

Nachdem Charlotte von Feyerabend auf einem Pariser Flohmarkt alte Ausgaben der Tagebücher Nins in die Hände gefallen worden, war klar, dass sie über die Frau schreiben muss – und hat absolut akribisch recherchiert. Herausgekommen ist eine gut lesbare Geschichte, die jedoch inhaltlich nicht ganz leicht verdaubar ist, wie ich finde, in vielerlei Hinsicht.

Erzählt wird „Liebesrausch“ aus den unterschiedlichen Perspektiven von Anaïs Nin in der Ich-Perspektive erzählt und Henry Millers durch einen personalem Erzähler, unterbrochen von Tagebucheinträgen der Schriftstellerin. Die Sprache ist teilweise sehr derb in der sexuellen Verbalerotik, aber durchaus auch immer wieder anspruchsvoll. Das mag nicht jedem gefallen, gehörte jedoch unabdingbar zu den beschriebenen Personen und folgt aus ihren Originaltexten.

Auf den ersten Blick geht es um eine alles verzehrende Liebesbeziehung zwischen zwei Künstlern in ihrer kreativen Schaffensphase, die sich gegenseitig zu immer größeren Höhen anspornen und dadurch Welt-Literatur erschaffen; doch haben beide auch weitere Affären und Anaïs’ Verhältnis zu June ist durch einen Spiegel ihrer selbst gekennzeichnet, in der sie eine eigene Welt durch ihre Sprache erschaffen wollen. Trotz aller Intellektualität wird – bereits schon im Elternhaus - eine eigene Wahrheit hervorgebracht.

Ein Kernthema von Anaïs ist – bewusst und unbewusst - die Selbstbestimmung von ihr als Frau, resultierend aus der Tatsache, dass jeder Mann, dem sie begegnet, sie besitzen will. Aus dem Gedanken, dass Frauen anders sind, sehnt Anaïs sich dann auch nach dem Gleichgeschlechtlichen. Doch nicht nur die sexuelle Selbstbestimmung (zu der Zeit vor 100 Jahren noch ein absolut abwegiger Gedanke), sondern auch der Wunsch, sich ausleben zu können, prägt ihr Handeln, mit dem sie auch ihrer Zeit weit voraus ist.

Charly von Feyerabend gelingt es außerordentlich bildhaft, den mehrdimensionalen Charakter und die innere Zerrissenheit der Anaïs Nin darzustellen; dass diese Hauptfigur mir dennoch fremd blieb, liegt aber gewiss nicht an den Ausführungen, sondern einer völlig anderen Lebenswelt und anderen Werten.

Spannend ist im Zusammenhang mit der Psyche der skandalträchtigen Schriftstellerin auch die objektive und subjektive Psychoanalyse. Doch auch hier bestätigt sich das Männerbild von Anaïs Nin: Ihr Analytiker gibt Hinweise, hält diese aber auch selbst nicht ein und überschreitet so ebenfalls Grenzen. Und die wiederkehrenden eigenen Grenzüberschreitungen bleiben ein Thema für Anaïs, bis hin zum Inzest – nicht leicht zu ertragen für mich beim Lesen.

Anaïs Nin ist und bleibt der Mittelpunkt dieser starken Romanbiografie. Die außerdem auftretenden Männer befriedigen dabei lediglich ihre Bedürfnisse: ihr Ehemann Hugo den nach Sicherheit, Henry literarisch, dieser und weitere Männer ihren Sexualtrieb und der Psychoanalytiker den Intellekt. Und immer wieder geht es darum, Grenzen zu überschreiten.

Im gesamten Verlauf der Biografie fiebert man mit, bis Anaïs schließlich zu sich selbst findet.

Abgerundet wird das Buch durch Karten von Paris, zusätzliche Informationen der Autorin, als „Épilogue“ tituliert mit Informationen über die Wegbegleiter von Anais Nin, wichtigen Anmerkungen der Autorin zu einzelnen Textstellen, Rezepten und einem umfassenden Literaturverzeichnis.

Wer mehr über die inzwischen fast vergessene skandalumwitterte Literatin Anaïs Nin erfahren möchte und über die wilde Künstlerszene im Paris der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts, ist mit der Romanbiografie absolut richtig beraten. Ich möchte allerdings eine Triggerwarnung aussprechen, da die Grenzüberschreitungen und die sexuellen Handlungen bis hin zum Verkehr Anaïs’ mit ihrem Vater nicht für jeden geeignet sind.

Wunderbar herausgearbeitet ist Anaïs’ Liebe zur Sprache, ihr Streben nach dem Perfekten, der Veröffentlichung, ihr Arbeiten im Wahn: Liebe und Rausch!
Ich vergebe fünf Sterne für dieses anspruchsvolle Werk, in dem ich mir bislang fast unbekannte Personen näher kennenlernen durfte und jetzt auch Lust bekommen habe den Klassiker von Henry Miller zu lesen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere