Über Liebe, Sehnsucht und verpasste Möglichkeiten
Fast ein LebenEs gibt Bücher, die man gerne liest, und dann gibt es Bücher, die einen noch lange begleiten, nachdem man die letzte Seite umgeblättert hat. Fast ein Leben gehört für mich eindeutig zur zweiten Kategorie. ...
Es gibt Bücher, die man gerne liest, und dann gibt es Bücher, die einen noch lange begleiten, nachdem man die letzte Seite umgeblättert hat. Fast ein Leben gehört für mich eindeutig zur zweiten Kategorie. Selten hat mich ein Roman emotional so mitgenommen und gleichzeitig das Gefühl vermittelt, nicht über erfundene Figuren zu lesen, sondern über echte Menschen, deren Leben ich über Jahrzehnte hinweg begleiten durfte.
Im Zentrum stehen Laure und Erica, die sich Ende der 1970er Jahre in Paris begegnen. Was zunächst wie eine große Liebesgeschichte wirkt, entwickelt sich zu einer vielschichtigen Erzählung über Liebe, Identität, verpasste Chancen, Sehnsucht und die Entscheidungen, die ein ganzes Leben prägen können. Dabei geht es nicht nur um die Frage, ob zwei Menschen zueinanderfinden, sondern auch darum, was aus ihnen wird, wenn sie es nicht vollständig tun.
Besonders beeindruckt hat mich die Art, wie die Autorin ihre Figuren zeichnet. Laure und Erica sind nicht immer sympathisch, treffen fragwürdige Entscheidungen und verletzen andere Menschen und genau dadurch wirken sie so glaubwürdig. Während mich Erica im Verlauf der Geschichte immer wieder frustriert hat, habe ich Laure von Kapitel zu Kapitel mehr ins Herz geschlossen. Ihre Entwicklung, ihre Verletzlichkeit und ihre innere Stärke haben mich tief berührt. Gleichzeitig bleiben auch die Nebenfiguren weit mehr als bloße Begleiter der Hauptgeschichte. Besonders die Freundschaften und familiären Beziehungen verleihen dem Roman zusätzliche Tiefe.
Darüber hinaus verbindet Fast ein Leben die persönliche Geschichte seiner Figuren mit wichtigen gesellschaftlichen Entwicklungen. Die Veränderungen für queere Menschen seit den 1970er Jahren, die AIDS-Krise und politische Kämpfe werden sensibel in die Handlung eingewoben, ohne jemals belehrend zu wirken. Dadurch gewinnt die Geschichte zusätzlich an Gewicht und Authentizität.
Besonders hervorheben möchte ich den Schreibstil: treffend, atmosphärisch und emotional. Obwohl der Roman über einen langen Zeitraum erzählt wird, hatte ich nie das Gefühl, die Verbindung zu den Figuren zu verlieren.
Dieses Buch hat mich zum Lachen, zum Nachdenken und mehr als einmal zum Weinen gebracht. Vor allem die letzten Kapitel haben mich völlig überwältigt. Als ich fertig war, konnte ich nicht sofort loslassen und habe noch lange über Laure, Erica und ihre Geschichte nachgedacht.
Fast ein Leben ist eine bewegende, schmerzhafte und zugleich wunderschöne Geschichte über die Menschen, die unser Leben prägen, selbst wenn sie nie ganz zu uns gehören. Ein Roman, den ich nicht so schnell vergessen werde.