Mehr Familiendrama als Thriller
MeeresdunkelTill Raethers Meeresdunkel setzt auf ein vielversprechendes erzählerisches Konzept: kurze, wechselnde Kapitel aus der Perspektive von Henrike, Samuel und dem achtjährigen Juri. Gerade dieser Perspektivwechsel ...
Till Raethers Meeresdunkel setzt auf ein vielversprechendes erzählerisches Konzept: kurze, wechselnde Kapitel aus der Perspektive von Henrike, Samuel und dem achtjährigen Juri. Gerade dieser Perspektivwechsel sorgt zunächst für Dynamik und weckt Neugier. Doch was auf dem Papier spannend klingt, funktioniert nicht durchgehend. Besonders Juris Stimme wirkt oft nicht altersgerecht – seine Gedanken und Beobachtungen erscheinen zu reflektiert und konstruiert, was die Glaubwürdigkeit der Figur schwächt.
Der Roman entwickelt sich insgesamt zu einem Wechselbad der Gefühle: Einige Passagen sind durchaus packend und erzeugen eine dichte Atmosphäre, doch immer wieder wird mein Lesefluss durch langatmige Abschnitte gebremst. Die Spannung, die ein Thriller eigentlich tragen sollte, baut sich nur phasenweise auf und verpufft dann wieder.
Zwar werden im Verlauf einige Fragen aufgelöst, doch vieles bleibt im Unklaren. Dieses Offenlassen wirkt weniger wie ein bewusst eingesetztes Stilmittel, sondern eher wie eine verpasste Chance, die Handlung stringent zu Ende zu führen. Hinzu kommen mehrere unglaubwürdige und sehr konstruiert wirkende Entwicklungen, die es mir schwer machen, mich vollständig auf die Geschichte einzulassen.
Letztlich fühlt sich Meeresdunkel weniger wie ein Thriller an, sondern eher wie eine Familiengeschichte, die gerne dramatisch und spannungsgeladen gewesen wäre, dieses Ziel für mich jedoch nicht erreicht. Die Grundidee ist interessant, die Umsetzung bleibt jedoch hinter ihren Möglichkeiten zurück.