Eine klare Leseempfehlung!
Die Schatten der SchuldJust während der Feierlichkeiten zu ihrem 80. Geburtstag im Hamburger Rathaus wird Marlen Reinhardt, Reederin und Mäzenin, in Hamburg, von einem alten Mann niedergestochen und schwer verletzt. Die Identität ...
Just während der Feierlichkeiten zu ihrem 80. Geburtstag im Hamburger Rathaus wird Marlen Reinhardt, Reederin und Mäzenin, in Hamburg, von einem alten Mann niedergestochen und schwer verletzt. Die Identität des Mannes, dessen Tochter zu den geladenen Gästen zählt, weil sie Repräsentantin einer von Reinhardt unterstützten NGO ist, ist schnell klar, das Motiv nicht, denn der Mann, Danil Baumberger, macht einen verwirrten Eindruck.
Marlenes Enkeltochter Katharina, aussichtsreichste Kandidatin, die Nachfolge ihrer Großmutter im Familienunternehmen zu übernehmen, beginnt gemeinsam mit KHK Callsen und Privatermittler Simon Mahler Nachforschungen anzustellen. Als wenig später der Staatsschutz die Ermittlungen übernimmt und Callsen ausgebootet wird, scheint klar zu sein, dass hier etwas vertuscht werden soll.
Bei ihren Nachforschungen entdecken Katharina und Simon die Verstrickungen der Reederei in die NS-Zeit, über die in der Familie nicht gesprochen wird.
Als Katharina ihre Großmutter mit den Ergebnissen ihrer Recherchen konfrontiert, zeigt diese ihr wahres Gesicht: Sie ist nicht mehr die bewundernswerte Großmutter und toughe Geschäftsfrau, die sich in einer von Männern dominierten Welt durchgesetzt hat, sondern eine knallharte Person, die buchstäblich über Leichen geht und ihre Enkelin vor ein Ultimatum stellt.
Wie wird Katharina sich entscheiden? Wird sie die Annehmlichkeiten wie Sportwagen und Wohnung an der Alster aufgeben sowie die Nachfolge im Konzern antreten? Oder wird sie ihrem Gewissen folgen und versuchen, das Unrecht das der Familie des Attentäters zugefügt worden ist, wenigstens publik machen? Denn eine „Wiedergutmachung“, im Sinne einer Wiedereinsetzung in den alten Stand, ist ausgeschlossen. Und kann man erlittenes Unrecht und Leid mit Geld abgelten?
Meine Meinung:
Michael Jensen, im Brotberuf Mediziner und Trauma-Therapeut, spricht mit diesem Roman, der uns abwechselnd von der Gegenwart in die NS-Zeit entführt, ein nach wie vor brisantes Thema an. Arisierung jüdischer Firmen und die daraus hervorgegangenen Konzerne, die heute (noch) Big-Player in der deutschen Wirtschaft sind sowie das Verschweigen dieses Unrechts. Selbst wenn der eine oder andere Firmeninhaber oder deren Erben die Firmengeschichte kennen, wie viele wären bereit, die Konsequenzen einer Restitution zu tragen? Herrscht in vielen Fällen nicht eher die Meinung von Marlene Reinhardt, die ihr der geschätzte Autor so trefflich in den Mund gelegt hat, vor?
"Hätte er [Katharinas Großvater] die Chance nicht ergriffen, dann wäre eben ein anderer gekommen. Und du hättest heute keinen Sportwagen und keine fünf Zimmer in Alsternähe."
Ein weiters höchst interessantes Thema, mit dem ich mich schon auseinandergesetzt habe, ist die transgenerationale Traumaforschung, die Autor Michael Jensen in diesen Roman integriert. Wie kann es sein, dass Nachfahren Traumata ihrer Großeltern oder Eltern entwickeln? Jensen zeigt dieses Phänomen am tragischen Beispiel von Danil Baumberger, der Sohn eines Shoah-Überlebenden, der selbst nach 1945 geboren worden ist.
An Hand von Rückblicken, die uns unter anderem in NS-Zeit, sowie in die 1960er-Jahre in einen Kibbuz führen, erfahren wir, welches Unrecht der Familie Baumberger angetan worden ist. Die Familie steht hier stellvertretend für Tausende jüdischen Unternehmerfamilien, denen dasselbe widerfahren ist.
Ebenso wird der Frage nach Schuld und Wiedergutmachung, die auch die Politik nicht ausklammert, nachgegangen. Resultiert das Mäzenatentum von Marlene Reinhardt unbewusst (?) aus dem schlechten Gewissen heraus? Oder sind die Summen, die sie an die NGO, deren Vorsitzende Francine Baumberger ist, reines Kalkül, steuerliche Absetzposten? Es scheint, als existiere hier eine Grauzone, in der sich Marlene stellvertretend für reale Konzernchefs hier befindet.
Wie wir es von Michael Jensen gewöhnt sind, hat er penibel recherchiert und Fakten mit Fiktion zu einem fesselnden Roman verquickt.
Fazit:
Gerne gebe ich diesem gelungenen Roman, der Fakten und Fiktion zu einem fesselnden Roman über die Schatten der Schuld, die über so manchem deutschen Großkonzern liegen, der auf Kosten von jüdischen Unternehmen erst so richtig groß geworden ist, aufmerksam macht, 5 Sterne und eine klare Leseempfehlung.