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Veröffentlicht am 29.04.2026

Ein bedeutsamer Roman

So, in etwa, ist es geschehen
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Eigentlich soll es für Amata Haller nur nach Timmendorfer Strand gehen, wo ihre Mutter auf sie wartet. Jedes Jahr am 3. Mai treffen sie sich dort, um Amatas Großvater zu gedenken, der zu den Überlebenden ...

Eigentlich soll es für Amata Haller nur nach Timmendorfer Strand gehen, wo ihre Mutter auf sie wartet. Jedes Jahr am 3. Mai treffen sie sich dort, um Amatas Großvater zu gedenken, der zu den Überlebenden der Cap Arkona gehörte – einem Schiff, das am 3.5.1945 mit 7500 KZ-Häftlingen an Bord von der britischen Royal Air Force bombardiert und versenkt wurde. Für diese wichtige Verabredung hätte Amata einen Mietwagen reservieren sollen, es aber vergessen. Doch dann bietet ihr Chef Heinz Brockhaus an, sie mit dem Auto dorthin zu fahren. Die beiden kommen ins Gespräch (naja, eigentlich spricht nur Heinz), stehen im Stau, halten an Raststätten – und am Ende ist Heinz tot und Amata im Gefängnis, wo sie auf ihren Gerichtstermin wartet.

Der Ausgang ist uns schon bekannt, wenn wir beginnen, Sharon Dodua Otoos neusten Roman „So, in etwa, ist es geschehen“ zu lesen. Der Titel beschreibt dabei sehr genau, was uns erwartet; in dieser Geschichte geht es jedoch nicht darum, „was“ passiert ist, sondern vielmehr „wie“ und vor allem „warum“. Die Handlung ist dabei sehr raffiniert aufgebaut. Zunächst ist da ein Brief von Amata an die fiktive Herausgeberin des Buchs, Nkechi. Dann folgt Amatas Schilderung der Ereignisse und schließlich zwei Anhänge: ein Transkript einer Audiodatei - denn Amatas Handy hat versehentlich alles aufgezeichnet – und ihr Geständnis.

Der Roman löst vielerlei Reaktionen in mir aus. Zunächst bin ich überrascht über Amata, die fast schon stolz auf den Mord an ihrem Chef zu sein scheint. Sie bereue nichts, sagt sie, doch ihre Schilderung des Tages bleibt zunächst recht sachlich. Ja, Brockhaus war sicherlich anstrengend, doch ihn gleich umbringen? Erst das Transkript der Audiodatei und ein Rückblick auf ihr bisheriges Leben enthüllt einen Teil des riesigen Berges an Mikroaggressionen, Diskriminierung bis hin zu Hass, den Amata als Schwarze Frau erfahren musste. Und plötzlich erscheint es beinahe folgerichtig, dass Heinz nicht mehr am Leben ist.

„So, in etwa, ist es geschehen“ ist ein bedeutsames Buch und ich habe das Gefühl, nicht klug genug zu sein, um all seine Anspielungen und Implikationen zu verstehen. Einen kleinen Ausblick kann ich erhaschen, als ich in einer Satzkonstruktion eine Parallele zu Paul Celans bekanntestem Gedicht „Die Todesfuge“ entdecke. Ich wette aber, es ist noch viel mehr in diesem nicht einmal 150 Seiten langen Text versteckt. Und wir alle sollten, nein müssen, ihn lesen!

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Veröffentlicht am 28.03.2026

Ein wahres Kunstwerk

Die Geschichte der Hexen und magischen Frauen
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In „Die Geschichte der Hexen und magischen Frauen“ gibt die Autorin Hazel Atkinson, mit fachlicher Unterstützung durch die Historikerin Diane Purkiss, einen gelungenen, kindgerechten Überblick über die ...

In „Die Geschichte der Hexen und magischen Frauen“ gibt die Autorin Hazel Atkinson, mit fachlicher Unterstützung durch die Historikerin Diane Purkiss, einen gelungenen, kindgerechten Überblick über die Geschichte, Gegenwart und Zukunft von Hexerei und Magie. Dabei schafft sie den Spagat zwischen einer wissenschaftlichen Herangehensweise auf der einen Seite und einer eher spirituellen und persönlichen auf der anderen, die Magie als etwas darstellt, an das man glauben darf, wenn man möchte. Das schätze ich sehr, weil es der jungen Zielgruppe erlaubt, sich eine eigene Meinung zum Thema zu bilden.

In Kapitel 1 werden in einer Art Einleitung sehr grundlegende Fragen darüber beantwortet, was Hexen eigentlich sind oder ob alle Hexen Frauen waren. Kapitel 2 beschäftigt sich dann mit den historischen Ursprüngen von Hexerei und Magie in den unterschiedlichsten Kulturen. Hier gefällt mir besonders gut, dass das Buch sich nicht nur auf die westliche Welt beschränkt, sondern Beispiele von allen Kontinenten gezeigt werden. In Kapitel 3 geht es um das Zusammenspiel zwischen Religion, Mythen und Magie, während sich Kapitel 4 behutsam, aber ohne zu beschönigen, der Hexenverfolgung widmet. Kapitel 5 gibt schließlich einen Überblick über die Gegenwart und mögliche Ausblicke in die Zukunft.

So lernen wir zum Beispiel etwas über Circe, die Odysseus’ Männer in Schweine verwandelte, über Alice Kyteler, die als erster Mensch in Irland der Hexerei angeklagt wurde oder über Jeanne D’Arc, die im Alter von 19 Jahren auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Wir lesen über magische Pflanzen, über die Hexenprozesse in Salem oder das Zeitalter der Aufklärung – kurz gesagt: das Thema wird in all seinen Facetten beleuchtet.

„Die Geschichte der Hexen und magischen Frauen“ steckt voller Wissen, das sorgfältig aufbereitet wurde und von dem auch Erwachsene noch etwas lernen können. Besonders in Auge stechen aber natürlich die wunderbaren Illustrationen von Camelia Pham, die unglaublich viel Charme und Lebendigkeit besitzen. Sie unterstützen den Text, lenken den Blick und machen das Buch zu einem wahren Kunstwerk.

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Veröffentlicht am 26.03.2026

Französisch-japanische Backkunst

Japanisch Backen
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Die „Takumi Patisserie“ gilt als Frankreichs erste Adresse, wenn es um authentischen japanischen Cheesecake geht. Das vorliegende Buch „Japanisch Backen“ macht es nun möglich, die Rezepte aus der angesagten ...

Die „Takumi Patisserie“ gilt als Frankreichs erste Adresse, wenn es um authentischen japanischen Cheesecake geht. Das vorliegende Buch „Japanisch Backen“ macht es nun möglich, die Rezepte aus der angesagten Pariser Konditorei selbst zuhause nachzumachen. In einer kurzen Einführung wird zunächst der Begriff „Takumi“ erklärt, im Japanischen ein Meisterhandwerker, der für gute Arbeit und Perfektion steht. Anschließend folgen Gedanken über die Coffeeshop-Kultur in Japan, das Verschmelzen verschiedener Gerichte über Ländergrenzen hinweg und ein kleiner Exkurs über Geschmacksrichtungen, Texturen, Aromen und Farben.

Der Rezept-Teil ist in sechs verschiedene Bereiche untergliedert und behandelt neben Brot, Kuchen und Torten, Klein- und Feingebäck sogar Getränke. Dabei wird jedes Kapitel von der Basis her aufgebaut; es folgt also zunächst ein Grundrezept, dann eine Weiterentwicklung oder bestimmte Ausführung und schließlich verschiedene Varianten. Wir lernen also beispielsweise erst, wie man einen Vorteig anfertigt, dann den zugehörigen Brotteig und schließlich, wie dieses Brot in süßer oder herzhafter Form abgewandelt werden kann.

Besonders raffiniert ist dabei, dass das Buch auf 5 Grundrezepten von Konditorcremes und damit 5 Geschmacksrichtungen aufbaut: Schokolade, Matcha, Yuzu, Himbeere und Schwarzer Sesam. Mit diesen Varianten lässt sich nun beinahe jedes Rezept im Buch anpassen und ich kann mir, ganz nach Situation oder Laune, aussuchen, ob ich nun Matcha-Cookies oder Himbeer-Cheesecake oder Yuzu-Madeleines zubereiten möchte.

Die Rezepte vereinen dabei typisch französische Grundrezepte mit traditionell japanischen Geschmacksrichtungen oder Zutaten. Der Schwierigkeitsgrad variiert, aber durch den Mix aus salzig und süß, einfach und komplex sollte für jedes Backlevel etwas dabei sein. Die schlichte, aber stilvolle Aufmachung mit den ansprechenden, fast schon künstlerischen Fotos macht „Japanisch Backen“ außerdem zu einer Zierde für jedes Bücherregal.

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Veröffentlicht am 25.03.2026

Interessante Frauenfiguren

Tokyo Flower Shop – Der kleine Blumenladen der Neuanfänge
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Kikuko Kimina ist erst 24 Jahre alt, fühlt sich von ihrer Arbeit jedoch bereits völlig ausgelaugt. Durch Zufall lernt sie Rita Tojima kennen, die Besitzerin eines kleinen Blumenladens, die ihr nicht nur ...

Kikuko Kimina ist erst 24 Jahre alt, fühlt sich von ihrer Arbeit jedoch bereits völlig ausgelaugt. Durch Zufall lernt sie Rita Tojima kennen, die Besitzerin eines kleinen Blumenladens, die ihr nicht nur hilft, sich gegen ihren übergriffigen Chef zu wehren, sondern ihr übergangsweise auch einen Job in ihrem Geschäft anbietet. Und so lernt Kikuko alles über Blumen, ihre Bedeutung und wie man sie geschickt zu Sträußen bindet. Sie lernt die unterschiedlichsten Menschen und ihre Schicksale kennen und findet langsam wieder zu sich und ihren Träumen zurück.

„Tokyo Flower Shop“ von Yukihisa Yamamoto wurde im Original bereits im Jahr 2022 veröffentlicht und von Sabrina Wägerle ins Deutsche übersetzt. Wir begleiten die gesamte Zeit über die Protagonistin Kikuko, deren Geschichte in der dritten Person und der Vergangenheitsform erzählt wird. Dabei können wir hautnah ihre Entwicklung erleben: von einer sehr unsicheren und ausgebrannten Angestellten im Marketing zu einer jungen Frau, die ihre Liebe zu Blumen entdeckt hat und darüber endlich wieder ein Selbstbewusstsein für sich und ihre eigentliche Begabung als Grafikdesignerin findet.

Die Atmosphäre im Blumenladen ist einfach zum Wohlfühlen. Kikuko hat nicht nur nette Kollegen, sondern zieht als Auslieferungsfahrerin mit dem kleinen Blumenmobil des Ladens die Aufmerksamkeit auf sich. Schon bald macht ein Gerücht die Runde, dass das kleine rosa Fahrzeug Glück in der Liebe bringt. Kikuko wird überall mit Freude empfangen – und vielleicht wird sie ja auch selbst ihr Glück finden, im Beruf und in der Liebe?

Neben dem Alltag im Blumenladen werden auch wichtige Themen angesprochen, zum Beispiel sexuelle Gewalt, Trauer oder Konflikte zwischen Familienmitgliedern. Yukihisa Yamamoto erzählt dabei sehr einfühlsam und ohne Klischees von seinen hauptsächlich weiblichen Figuren in den unterschiedlichsten Altersgruppen und den Problemen, denen sie sich gegenübersehen– hier könnte sich so manch ein Autor eine Scheibe abschneiden und ich würde wirklich gerne mehr von ihm lesen.

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Veröffentlicht am 12.02.2026

Über die heilsame Kraft des Briefeschreibens

Der Briefladen, in dem die Zeit stillstand
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Hyoyeong hatte in der letzten Zeit einige Rückschläge zu verkraften. Zuerst platzt ihr Traum, Regisseurin zu werden und dann kommt auch noch ein Streit mit ihrer großen Schwester hinzu. Als ein alter Studienfreund ...

Hyoyeong hatte in der letzten Zeit einige Rückschläge zu verkraften. Zuerst platzt ihr Traum, Regisseurin zu werden und dann kommt auch noch ein Streit mit ihrer großen Schwester hinzu. Als ein alter Studienfreund ihr einen Job in seinem Briefladen in Seoul anbietet, nimmt sie widerwillig an. Doch schon bald beginnt sie, sich dort wohlzufühlen und die Stammkundschaft kennenzulernen. Soll sie sich einfach an diesem Ort neu einrichten oder noch einmal ihren großen Traum angehen? Und soll sie die unzähligen Briefe ihrer Schwester doch irgendwann beantworten?

„Der Briefladen, in dem die Zeit stillstand“ ist der Debütroman der koreanischen Schriftstellerin Baek Seungyeon und wurde von Sebastian Bring ins Deutsche übertragen. Im Fokus der Handlung steht die Protagonistin Hyoyeong, aus deren Sicht die Ereignisse erzählt werden. Da der Briefladen einen Service für anonyme Brieffreundschaften anbietet, sind auch immer wieder Briefe eingestreut, die Kundinnen in den dafür vorgesehenen Fächern platzieren. Auf diese Weise können wir deren Gedanken und Gefühle erfahren, ohne dass im Laden aktiv ein Gespräch darüber geführt werden muss.

Im Zentrum des Romans steht der Gedanke des Verzeihens. Was ist nötig, um Verletzungen loszulassen, die vielleicht schon viele Jahre alt sind? Hyoyeong muss ihrem ganz eigenen Weg finden, um ihrer Schwester vergeben zu können. Die Briefe, die im Laden geschrieben werden, Erlebnisse mit den Kund
innen und neu gefundene Freunde unterstützen sie dabei. Besonders wichtig sind hierbei der geduldige Ladenbesitzer Seonho und der Webtoon-Zeichner Yeonggwang, ein Stammkunde, der vielleicht auch mehr für Hyoyeong sein könnte.

Besonders schön fand ich die Idee der anonymen Brieffreundschaften. So finden sich zum Beispiel ein Schüler und ein erfolgreicher Geschäftsmann oder ein Popstar und ein trauernder Witwer. Sie alle schreiben über die grundlegendsten menschlichen Empfindungen: Liebe, Verlust, Angst, Selbstzweifel - und wir erleben, wie heilsam es sein kann, diese Emotionen zu Papier zu bringen und sie einer anderen Person anzuvertrauen. Ein wirklich schöner Roman über die Kraft des Briefeschreibens

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