Profilbild von maisontania

maisontania

Lesejury Profi
online

maisontania ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit maisontania über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 05.05.2026

Zwischen Schweigen und Weiterleben – wenn Gewalt Generationen prägt

Die Nacht der Bärin
0

Mit Die Nacht der Bärin erzählt Kira Mohn eine Geschichte, die sich leise entfaltet und gerade dadurch umso eindringlicher wirkt. Im Zentrum steht Jule, deren Flucht nach einem eskalierenden Streit zunächst ...

Mit Die Nacht der Bärin erzählt Kira Mohn eine Geschichte, die sich leise entfaltet und gerade dadurch umso eindringlicher wirkt. Im Zentrum steht Jule, deren Flucht nach einem eskalierenden Streit zunächst wie ein Rückzug erscheint – und sich schnell als Beginn einer viel tiefergehenden Auseinandersetzung entpuppt. Mit dem Tod der Großmutter öffnet sich ein Raum, in dem lange Verdrängtes sichtbar wird: familiäre Brüche, unausgesprochene Wahrheiten und eine Vergangenheit, die nicht vergangen ist.
Der Roman berührt dabei ein Thema, das erschreckend gegenwärtig bleibt. In Deutschland wird nahezu jeden Tag eine Frau Opfer eines versuchten oder vollendeten Femizids. Auch wenn die Zahlen in einzelnen Jahren leicht schwanken, bleibt die Dimension konstant hoch – ein Umstand, der deutlich macht, wie trügerisch der Gedanke ist, Gewalt betreffe immer nur „die anderen“. Genau hier setzt Mohn an: Sie zeigt, wie subtil sich Dynamiken entwickeln können, wie schwer sie zu erkennen sind – und wie tief sie wirken.
Besonders eindrücklich gelingt die Darstellung transgenerationaler Traumata. Was eine Generation erlebt, verschwindet nicht einfach, sondern findet seinen Weg – in Verhaltensmuster, in Beziehungen, in unausgesprochene Ängste. Die Verbindungen zwischen Großmutter, Mutter, Jule und schließlich der nächsten Generation sind fein gezeichnet und nie überdeutlich, sondern entwickeln ihre Wirkung im Nachklang.
Sprachlich bleibt der Roman dabei ruhig und kontrolliert, fast tastend. Er verzichtet auf plakative Zuspitzungen und vertraut stattdessen auf Atmosphäre, auf Andeutungen, auf das, was zwischen den Zeilen mitschwingt. Gerade diese Zurückhaltung macht die emotionale Wucht spürbar.
Eine besondere Ebene erhält die Geschichte durch das Motiv der Bärin – ein phantastischer, beinahe mythischer Gegenpol zur Realität. Diese Figur wirkt wie ein innerer Schutzraum, eine Überlebensstrategie, wie man sie vor allem aus kindlichen Bewältigungsmechanismen kennt. Sie steht für Kraft, Rückzug und zugleich für die Möglichkeit, das Unaussprechliche überhaupt fassen zu können.
Die Nacht der Bärin ist kein lauter Roman. Aber einer, der bleibt. Weil er zeigt, wie Gewalt nachwirkt – und wie schwierig, aber auch notwendig es ist, diese Kreisläufe zu durchbrechen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 02.05.2026

Wenn ein Fluss nicht trägt, sondern verschlingt

Der Fährmann
0

Regina Denk hat mit „Der Fährmann“ einen Roman geschrieben, der nicht einfach erzählt, sondern einen hineinzieht wie dunkles, kaltes Wasser. An der deutsch-österreichischen Grenze zur Zeit des Ersten Weltkriegs ...

Regina Denk hat mit „Der Fährmann“ einen Roman geschrieben, der nicht einfach erzählt, sondern einen hineinzieht wie dunkles, kaltes Wasser. An der deutsch-österreichischen Grenze zur Zeit des Ersten Weltkriegs entfaltet sich ein atmosphärisch düsteres Familiendrama über Freundschaft, Liebe, Schuld, Ausgrenzung und eine Gemeinschaft, die langsam vom Nationalismus vergiftet wird.
Dieses Buch ist roh, bildstark und von einer fast körperlichen Eindringlichkeit. Man spürt den Fluss, die Enge der Dörfer, den Geruch von Erde, Stall, Weihrauch und unausgesprochenem Leid. Regina Denk schreibt so, dass Vergangenheit nicht fern wirkt, sondern erschreckend nah: als würde man selbst am Ufer stehen, wissend, dass das Wasser etwas mit sich nimmt, das nie wieder zurückkommt.
Besonders erschütternd ist der Blick auf die jungen Frauen dieser Geschichte. Auf Leben, die nicht entworfen, sondern verhandelt werden. Auf Töchter, die nicht geschützt, sondern geopfert werden – und auf Mütter, deren Härte zugleich grausam und tragisch verständlich erscheint, weil auch sie Kinder einer gnadenlosen Ordnung sind. Darüber liegt ein Gottesbild, das nicht tröstet, sondern richtet: ein allmächtiger Blick von oben, unter dem Schuld, Scham und Gehorsam schwerer wiegen als Glück.
Auch die Männer sind Gefangene. Gefangen im Erbe ihrer Väter, in Gewalt, Pflicht, Besitzdenken und der Vorstellung, Härte sei eine Tugend. Liebe wird nebensächlich, das eigene Leben zweitrangig, solange Hof, Name, Ansehen und Vaterland bestehen. Und als der Krieg kommt, marschiert diese Männlichkeit voller Stolz hinein – um gebrochen zurückzukehren und doch oft nichts anderes sprechen zu können als dieselbe Gewalt.
Beim Lesen hält man immer wieder den Atem an. Man hofft mit diesen Figuren auf einen Spalt Licht, auf Flucht, auf Rettung – und ahnt doch, dass der nächste Schlag schon im Dunkeln wartet. „Der Fährmann“ ist kein leichtes Buch. Aber es ist ein großes. Eines, das die eigene Wahrnehmung verschiebt, als hätte jemand die Welt einmal kräftig durchgeschüttelt und neu zusammengesetzt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 21.04.2026

Ehrlich, schmerzhaft und erschreckend nah an der Realität

Weggewischt
0

Dieses Buch hat mich wirklich überrascht – und vor allem abgeholt. Ich habe es anfangs einfach „mal angefangen“ und war dann ziemlich schnell komplett drin. Es ist eines dieser Bücher, bei denen man ständig ...

Dieses Buch hat mich wirklich überrascht – und vor allem abgeholt. Ich habe es anfangs einfach „mal angefangen“ und war dann ziemlich schnell komplett drin. Es ist eines dieser Bücher, bei denen man ständig denkt: Ja, genau so ist es. Man erkennt Situationen wieder, Gedanken, Verhaltensweisen – manchmal zum Schmunzeln, oft aber auch mit einem kleinen Stich.

Besonders stark fand ich, wie authentisch die Welt des Datings dargestellt wird. Egal ob über Plattformen, die mit perfekten Algorithmen werben, oder diese direkte, schnelle Art des Kennenlernens – alles fühlt sich sehr nah an der Realität an. Dieses ständige Wiederholen von Gesprächen, das vorsichtige Hoffen, das schnelle Enttäuschtwerden… und irgendwann dieses Gefühl von Erschöpfung. „Dating-Burnout“ hätte ich vorher vielleicht belächelt, aber hier trifft es einfach genau den Punkt.

Sophias Weg durch diese Erfahrungen fand ich unglaublich gut beschrieben. Man spürt ihre Hoffnung, ihr Zögern, ihr Sich-Einlassen – und dann auch wieder diese Enttäuschung, die einen beim Lesen wirklich trifft. Gerade die Entwicklung mit Thiento hat mich emotional richtig erwischt. Dieses Gefühl, dass da jemand vielleicht anders ist… und dann passiert genau das, was man eigentlich nicht mehr erleben wollte. Dieses kommentarlos Verschwinden, dieses Nicht-Erklären – ich glaube, viele kennen genau dieses Gefühl. Und es wurde hier so greifbar beschrieben, dass es fast weh getan hat.

Gleichzeitig mochte ich sehr, dass die Figuren nicht einfach in „gut“ oder „schlecht“ eingeteilt werden. Auch Thiento bleibt trotz allem irgendwie greifbar, menschlich – und genau das macht es so realistisch. Menschen handeln nicht immer logisch oder fair, und genau das zeigt das Buch sehr gut.

Auch die Verknüpfungen zwischen den Figuren, zum Beispiel mit Gael, haben für mich absolut funktioniert. Erst wirkt es vielleicht wie ein Zufall, aber eigentlich zeigt es nur, wie klein diese Welt manchmal ist – und wie sehr sich Dinge überschneiden.

Besonders positiv fand ich, dass die Geschichte kein klassisches Happy End erzwingt. Es wäre vielleicht schön gewesen, aber es hätte sich nicht richtig angefühlt. So bleibt das Buch ehrlich – und genau das macht es für mich so stark.

Der Schreibstil ist dabei angenehm direkt, sehr nah am Alltag und ohne große Umwege. Genau das passt perfekt zur Thematik und macht es leicht, sich in die Situationen hineinzuversetzen.

Für mich ist das ein Buch, das unterhält, aber gleichzeitig auch ziemlich ehrlich den Finger in die Wunde legt. Es zeigt, wie kompliziert Nähe geworden ist, wie schnell Menschen austauschbar wirken – und wie groß trotzdem die Sehnsucht nach echter Verbindung bleibt.

Ein Buch, das hängen bleibt. Und eines, bei dem man sich an mehr Stellen wiedererkennt, als einem vielleicht lieb ist.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 21.04.2026

Zwischen Wahnsinn und Wahrheit – ein Buch, das mehr ist als ein Roman

Botanik des Wahnsinns
0

Dieses Buch hat mich auf eine ganz besondere Weise berührt – und ehrlich gesagt auch überrascht. Ich habe es als Hörbuch erlebt und war von Anfang an gefangen in dieser Mischung aus Tiefe, kluger Beobachtung ...

Dieses Buch hat mich auf eine ganz besondere Weise berührt – und ehrlich gesagt auch überrascht. Ich habe es als Hörbuch erlebt und war von Anfang an gefangen in dieser Mischung aus Tiefe, kluger Beobachtung und einer Sprache, die gleichzeitig zart und schonungslos ist.
Im Kern ist es eine Familiengeschichte – aber keine „normale“. Es ist eher eine Art Spurensuche durch Generationen, geprägt von psychischen Erkrankungen, Brüchen und der großen Frage: Was nehmen wir eigentlich aus unserer Herkunft mit?
Und genau das macht dieses Buch so besonders: Es bleibt nicht bei einer Geschichte stehen, sondern öffnet immer wieder neue Ebenen – persönliche Erinnerungen, psychologische Einordnungen, fast schon kleine Exkurse in die Welt der Psychiatrie.
Und genau hier liegt für mich auch der kleine Wermutstropfen – allerdings wirklich nur auf ganz persönlicher Ebene:
Ich hätte dieses Buch unglaublich gern gelesen statt gehört. Es ist eines dieser Bücher, in denen so viele Gedanken, Sätze und Denkanstöße stecken, die man eigentlich markieren, nachlesen, weiterdenken möchte. Denn man spürt auf jeder Seite dieses fundierte Wissen – fast, als würde in diesem Roman auch ein kleines Sachbuch mitschwingen. Beim Hören geht einem da zwangsläufig etwas verloren.
Aber: Das ändert nichts daran, wie gut dieses Hörbuch gemacht ist. Die Stimme trägt die Geschichte unglaublich angenehm, schafft genau die richtige Balance zwischen Distanz und Nähe und lässt einen tief eintauchen in diese oft schwere, aber nie hoffnungslose Welt.
Was mich besonders beeindruckt hat, ist diese ständige Gratwanderung: zwischen Tragik und leiser Ironie, zwischen Schwere und einem fast tröstlichen Blick auf das Menschsein. Es geht um Angst – vor Vererbung, vor dem eigenen „Abgleiten“, vor dem, was in einem selbst steckt. Und gleichzeitig auch um Verständnis. Für sich selbst. Für die eigene Familie. Für all das, was uns geprägt hat.
Dieses Buch ist kein klassischer Roman, den man einfach so „wegliest“. Es fordert. Es regt zum Nachdenken an. Und es bleibt.
Und genau deshalb werde ich es ganz sicher nochmal lesen – diesmal mit Stift in der Hand.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 21.04.2026

Steckt nicht in jedem von uns ein kleines Klugscheißerchen?

Das Klugscheißerchen
0

Tina und Theo entdecken auf ihrem Dachboden ein kleines, ziemlich vorlautes Wesen: ein echtes Klugscheißerchen. Und plötzlich steht die große Frage im Raum, wer hier eigentlich wirklich alles besser weiß ...

Tina und Theo entdecken auf ihrem Dachboden ein kleines, ziemlich vorlautes Wesen: ein echtes Klugscheißerchen. Und plötzlich steht die große Frage im Raum, wer hier eigentlich wirklich alles besser weiß – die Kinder oder doch die Erwachsenen?
Ich habe das Hörbuch gehört und hatte wirklich richtig Spaß dabei. Marc-Uwe Kling ist einfach eine Klasse für sich. Seine Art zu lesen, zu betonen, mit Sprache zu spielen – das trägt diese Geschichte nochmal auf ein ganz anderes Level. Man merkt einfach, wie viel Freude da drin steckt.
Inhaltlich ist das Buch herrlich ehrlich und gleichzeitig unglaublich witzig. Denn seien wir mal ehrlich: Sind wir nicht alle kleine Klugscheißerchen? Kinder sowieso – aber Erwachsene mindestens genauso. Vielleicht nur ein bisschen besser darin, es nicht zuzugeben 😉
Genau da setzt das Buch an: Es hält uns allen auf charmante Weise den Spiegel vor, ohne belehrend zu sein.
Besonders gelungen finde ich, wie leicht und verspielt hier mit Sprache umgegangen wird. Wortwitz, kleine Seitenhiebe, absurde Situationen – das macht einfach Spaß beim Zuhören und Lesen. Gleichzeitig steckt aber auch eine schöne Botschaft dahinter: Wissen ist toll. Rechthaben auch manchmal. Aber noch wichtiger ist es, miteinander umzugehen, zuzuhören und auch mal über sich selbst lachen zu können.
Auch für den Grundschulunterricht ist das Buch ein echter Gewinn:
Sprache & Ausdruck: Wie formuliere ich etwas? Wie wirkt es auf andere, wenn ich „es besser weiß“?
Hör- und Sprecherziehung: Perfekt als Hörbuch einsetzbar – Betonung, Sprachmelodie, Humor verstehen und selbst ausprobieren
Soziales Lernen: Umgang mit Rechthaberei, Streitkultur, Perspektivwechsel
Selbstreflexion: Wann bin ich selbst ein Klugscheißerchen? Und ist das immer schlecht?
Kreatives Arbeiten: eigene „Klugscheißerchen“-Dialoge schreiben oder spielen
Fächerübergreifend lässt sich das wunderbar mit Deutsch, Sachunterricht und sogar Theater verbinden. Gerade das Nachspielen von Dialogen oder das bewusste Übertreiben von „Besserwisserei“ kann richtig Spaß machen – und gleichzeitig zum Nachdenken anregen.
Und genau das ist die Stärke dieses Buches: Es ist leicht, lustig und gleichzeitig klug – ohne jemals schwer zu wirken.
Fazit: Witzig, treffend und überraschend reflektiert – ein Buch (und Hörbuch!), das Kinder wie Erwachsene gleichermaßen abholt. Und am Ende bleibt vor allem eins: ein breites Grinsen – und vielleicht ein kleines bisschen Selbsterkenntnis.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere