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Veröffentlicht am 16.04.2018

Das Lied meiner Schwester

Das Lied meiner Schwester
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Das ungleiche Geschwister Anna und Orlanda verliert in sehr jungen Jahren die Mutter, der hoch musikalische Vater verfällt dem Schwermut. Anna, die ältere der beiden Schwestern, wird auf diese Art und ...

Das ungleiche Geschwister Anna und Orlanda verliert in sehr jungen Jahren die Mutter, der hoch musikalische Vater verfällt dem Schwermut. Anna, die ältere der beiden Schwestern, wird auf diese Art und Weise rasch in die Rolle der Mutter gedrängt und kann dieses Verhalten ein Leben lang nicht mehr ablegen. Sie kümmert sich so gut sie kann um den Haushalt und ihre kleine Schwester Orlanda, eine unbekümmertes Mädchen, das ihren Emotionen stets nachgibt und deren Handlungen nur allzu oft unbesonnen und aus einer Laune heraus erfolgen. Die vernünftige Anna wird Krankenschwester und arbeitet in einem Krankenhaus, Orlanda, der hoch begabte „Freigeist“, wendet sich den Künsten zu und wird Teil des Ensembles einer Operette. Nach einiger Zeit macht sie die Bekanntschaft mit einer neuen Gruppe und wendet sich dem Jazz zu, dem sie mit Leib und Seele verfällt. Die Tatsache, dass ihre Mutter nach der Geburt von Orlanda den Verstand verlor und bis zu ihrem Tod rund um die Uhr überwacht werden musste, lässt sowohl Anna, als auch Orlanda, jeglichen Wunsch nach einem Kind vehement von sich weisen. Orlanda ist wie ein schöner, bunter Schmetterling, der von Blüte zu Blüte flattert, das Leben leicht nimmt und sich nicht einengen oder festlegen möchte. So wie ihr ganzes Leben ist auch die Geschichte ihrer Liebe – sie schwankt in ihrer Leidenschaft stets zwischen den befreundeten Sängern Leopold und Clemens und diese verhängnisvolle „amour fou“ führt letztendlich zu einem tragischen Ende. Anna hingegen lernt durch ihr Orgelspiel einen Organisten namens Johannes kennen und lieben, nach der Heirat schafft sie es durch die Fürsprache des Chirurgen Dr. Müller, trotz ihrer Verehelichung weiterhin ihren Job im Krankenhaus zu behalten. Der Ausbruch des Krieges verändert das Leben der Geschwister auf dramatische Weise – und ihre Ideale und Vorstellungen werden in Grund und Boden zerstört.

Gina Mayer hat mit ihren vielschichtigen und lebendigen Protagonisten einen wundervollen Grundstein für einen Bestseller gelegt. Die Hauptfiguren Anna und Orlanda werden mit ihren so völlig verschiedenen Charaktereigenschaften exzellent dargestellt. Ihre Hoffnungen, Träume, ihre gesamte Lebenseinstellung – aber auch die Gewissenskonflikte bei wichtigen Entscheidungen - werden dem Leser in Verlauf des Buches nahe gebracht. Man kann einfach nicht anders, als völlig gebannt immer weiter zu lesen. Das Interesse an der Handlung wird von Grund auf geweckt und der Spannungsbogen ist hoch. Der flüssige Schreibstil der Autorin trägt zudem viel dazu bei, den Leser von Beginn an zu fesseln. Die immer wieder „eingeschobenen“ Briefe einer inhaftierten, zum Tode verurteilten Mutter an ihr ungeborenes Kind, lassen den Leser bis zum Schluss nicht los. Die Identität dieser Frau bleibt bis zuletzt ein Geheimnis. Das brisante Hauptthema im Hintergrund, die Anfangszeiten des Naziregimes und die Vorfälle, die letztendlich zum Ausbruch des Krieges führten, werden sehr anschaulich dargestellt. Man schafft es hierbei nicht, unbeteiligt zu bleiben und wird kapitelweise vom Grauen dieser Schreckensherrschaft überwältigt. Nicht selten musste ich das Buch zur Seite legen, zu realistisch wird der historische Hintergrund in die Handlung eingebunden. Realistisch, wie auch das ganze Buch, ist das Ende dieser Geschichte. Meines Erachtens ist „Das Lied meiner Schwester“ ein Buch, das in Schulen zur Pflichtlektüre gemacht werden sollte.

Es handelt sich hierbei um eine Taschenbuchausgabe des „Aufbau-Verlages“, dessen Covergestaltung mir persönlich nicht gefallen hat. Die Optik verrät nichts über den Inhalt, die Gestaltung des Buchdeckels spricht mich nicht an und hätte mich auch niemals zu einem Kauf bewogen. Gekauft habe ich dieses Buch ausschließlich aufgrund der Tatsache, dass die Autorin „Gina Mayer“ heißt, dessen Buch „Das Maikäfermädchen“ meine Leidenschaft für ihre schriftstellerischen Werke geweckt hat. Da ich jedoch ausschließlich am Inhalt des Romans interessiert war und dieser all meine Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern sogar übertroffen hat, gibt es für die optische Aufmachung auch keinen Punkteabzug in meiner Bewertung.

Fazit: Für „Das Lied meiner Schwester“ von Gina Mayer vergebe ich auf jeden Fall fünf Sterne und eine uneingeschränkte Leseempfehlung. Für meine Person definitiv ein Buch, das lange nachwirkt und das man unbedingt gelesen haben sollte.

Veröffentlicht am 16.04.2018

Das Maikäfermädchen

Das Maikäfermädchen
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Der Roman „Das Maikäfermädchen“ von Gina Mayer rückt als zentrales Thema die Abtreibung in den Vordergrund. Abtreibung, oft als letzten Ausweg, als Akt der Verzweiflung. Abtreibung in den Nachkriegszeiten, ...

Der Roman „Das Maikäfermädchen“ von Gina Mayer rückt als zentrales Thema die Abtreibung in den Vordergrund. Abtreibung, oft als letzten Ausweg, als Akt der Verzweiflung. Abtreibung in den Nachkriegszeiten, wo große Not, bittere Armut und endloser Hunger die beherrschenden Gedanken der Menschen sind. In dieser Zeit erscheint vielen jungen Mädchen und Frauen die „Engelmacherin“ Käthe als letzter Ausweg aus ihrer hoffnungslosen Situation. Käthe ist Hebamme, die ihr Handwerk, gebärenden Frauen beizustehen, stets geliebt hatte. Doch Käthe kommt in eine Situation, wo ein Abbruch der Schwangerschaft der einzige Weg zu sein scheint, das Leben und Seelenheil eines jungen Mädchens zu bewahren. Eine ehemalige Kollegin namens Lilo und ein Überlebender des Konzentrationslagers namens Schimanek helfen der mutigen Frau bei ihrem Vorgehen. Doch ihre Tat bleibt kein Geheimnis, und bald wenden sich viele Verzweifelte an sie, in der Hoffnung, ein Entkommen aus ihrer ausweglosen Situation zu finden.

Die Autorin macht aus einem an sich schon Seiten füllenden Grundthema ein Buch, das man schwer aus der Hand legen kann. Sie beschreibt mit sehr eindrucksvollen und authentischen Protagonisten den täglichen Kampf um das Überleben im Deutschland der Nachkriegsjahre. Keine Aneinanderreihung von Fakten, wie es uns aus Geschichtsbüchern bekannt ist, sondern vielmehr ein tiefes Eintauchen in diese Zeit. Als Leser mit Fantasie und Einfühlungsvermögen wird man mitten ins Geschehen katapultiert, vermeint durch die bildhaften Beschreibungen von Situationen und Emotionen beispielsweise den eisigen Schnee zu spüren, den Duft des Parfums, der wehmütige Erinnerungen an die schönen Jahre vor dem Krieg weckt, zu riechen. Und man erlebt aus Käthes Sicht das Grauen der Abtreibung eines Kindes in jeder schrecklichen Einzelheit mit. Die Zerrissenheit einer Hebamme, die im Grunde dazu ausgebildet wurde, das Leben der Kinder zu retten, nicht, es zu vernichten. Zugleich jedoch der Versuch, auch jenes der Mütter zu bewahren. Mütter, die in ihrer Verzweiflung und hilflos allein gelassen, nur zu oft dazu übergehen, selber Hand anzulegen und sich dabei schwer zu verletzen, wenn nicht gar zu töten. Der große Gewissenskonflikt zu diesem brisanten Thema wird durch folgenden Absatz im Buch sehr gut zusammengefasst: „Woher willst du das wissen? Woher willst du wissen, dass es für das Kind gut war? Vielleicht wäre es ein glücklicher Mensch geworden. Also gut. Vielleicht wäre es ein unglücklicher Mensch geworden. Ich bin auch ein unglücklicher Mensch. Genau wie dein Hambach. Aber leben wollen wir trotzdem.“
Gina Mayer beleuchtet die Aspekte eines solchen Eingriffes. Sie verurteilt nicht. Sie zeigt vielmehr das Leid, die Motivationen und die Tragweite einer falschen Entscheidung in jenen Jahren auf. Man kann nicht umhin, sich in ihre Protagonisten hinein zu versetzen, ihre Beweggründe zu verstehen und mit einem Schauer auf dem Rücken weiter zu lesen. Und man ist als Leser fassungslos angesichts der Lebensumstände direkt nach dem Krieg. Für Menschen meiner Generation ein kaum vorstellbar schweres Leben. Es verlangt dem Leser große Bewunderung ab, wie Trümmerfrauen harte Arbeit in Kauf nehmen, wie sie es durch geschickte Tauschgeschäfte und Erfindungsgeist schaffen, sich und ihre Lieben durch den Tag zu bringen, nicht zu verhungern. „Das Maikäfermädchen“ ist für mich ein „Auszug aus den Tagen der Nachkriegszeit“, wo Menschen versuchen, den Mantel der Vergessenheit über die schrecklichen Geschehnisse in den Konzentrationslagern zu legen. Das Hauptmotiv mag wohl Selbstschutz sein, um anhand des Grauens nicht vollständig zu resignieren und den Verstand zu verlieren. Um weiter machen zu können. Irgendwie. Immer einen Schritt nach dem anderen. Hinein in eine bessere Zukunft.

Fazit:
Dieses Buch von Gina Mayer hat mich zutiefst beeindruckt und sehr nachdenklich zurück gelassen. Durch den hohen Spannungsfaktor und den flüssigen Schreibstil ist man versucht, das Buch sehr rasch zu lesen. Dennoch kommt man nicht umhin, einiges zu reflektieren und die Seiten aller Beteiligten gegeneinander abzuwägen. Als Leser taucht man förmlich in diesen Roman ein, der eine intensive Beschäftigung mit der Thematik und ein langes Nachwirken geradezu garantiert. Die Autorin Gina Mayer ist für meine Person eine großartige Neuentdeckung, deren Werke ich zukünftig genau verfolgen – und auch lesen – werde.

Veröffentlicht am 16.04.2018

König und Königin von Böhmen – einen Winter lang!

Die Spionin des Winterkönigs
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König und Königin von Böhmen – einen Winter lang!

„Liebe trübte das Urteilsvermögen, stellte manche Menschen auf Podeste, sodass andere neben ihnen klein und unscheinbar wurden. Genau das machte Liebe ...

König und Königin von Böhmen – einen Winter lang!

„Liebe trübte das Urteilsvermögen, stellte manche Menschen auf Podeste, sodass andere neben ihnen klein und unscheinbar wurden. Genau das machte Liebe vielleicht so einzigartig, eben weil doch jeder davon träumte, auf so einem Podest zu stehen.“

Die schwärmerische Verliebtheit von Fronicka von Odenwald in den jungen Kurfürsten Friedrich von der Pfalz findet ein jähes Ende, als Friedrich nach England reist und der englischen Königstochter zum ersten Mal leibhaftig gegenübersteht. Elizabeth Stuart gilt als begehrteste Braut Europas und die Kultiviertheit und strahlende Schönheit der Stuartprinzessin erobern auf der Stelle das Herz ihres Bräutigams. Vergessen ist Froni, die schüchterne und gutgläubige Tochter einer unbedeutenden Hofdame, die einst Friedrichs liebste Spielkameradin am Heidelberger Hof war. Als das blendend aussehende und vor Glück strahlende junge Ehepaar nach der Vermählung Einzug im Heidelberger Schloss hält, wird Froni sofort klar, dass Friedrich in der bezaubernden Schönheit königlichen Geblüts seine Liebe fürs Leben gefunden hat. Aufgrund ihrer Intelligenz und Zuverlässigkeit avanciert Froni sehr rasch zur Hofdame von Elizabeth Stuart, und nachdem Friedrich die böhmische Königskrone angeboten wird, darf auch sie das neue böhmische Königspaar in ihre neue Residenz nach Prag begleiten. Das böhmische Volk begrüßt ihre gutaussehenden neuen Regenten stürmisch, doch bald ändert sich die politische Lage und die Unzufriedenheit des Volkes wächst. Wird es für Friedrich und Elizabeth eine Zukunft in Prag geben? Und wie wird es mit Froni weitergehen, die sich in den einfühlsamen und klugen Sohn eines protestantischen Predigers verliebt? Als zwei katholische Statthalter und ihr Sekretär aus dem Fenster der Prager Burg geworfen werden, wird dies als Kriegserklärung an den Kaiser aufgefasst und markiert den Beginn des Aufstands der böhmischen Protestanten gegen die katholischen Habsburger.

Die Autorin wählt für ihre Haupthandlung den Zeitraum beginnend vom Einzug des jung vermählten Paares Elizabeth und Friedrich bis zum Beginn des Dreißigjährigen Krieges. An der Seite ihrer Protagonistin Fronicka von Odenwald darf man als interessierter Leser tief in ausgezeichnet recherchierte historische Ereignisse eintauchen und auf diese Weise Geschichte hautnah erleben. Froni begleitet Elizabeth Stuart und Kurfürst Friedrich von der Pfalz nach Prag, wird mit der Armut und Verzweiflung der Bevölkerung sowie den religiösen Konflikten des Landes konfrontiert und flieht schließlich an der Seite des Königspaares nach Den Haag. Die Aufstände und die latente Kriegsgefahr sowie Fronis abenteuerliche Reisen sorgen für einen konstanten Spannungsbogen im Buch. Die höfischen Etikette und sehr viele in die Geschichte eingebrachte historische Fakten trugen viel dazu bei, dass die Lektüre dieses Romans für mich zu einem herausragenden Lesevergnügen wurde. Ich habe die Art und Weise, wie Tereza Vanek die historischen Ereignisse und die Auseinandersetzungen der Katholiken und Protestanten rund um ihre handelnden Personen zu einem erstklassigen Roman verwoben hat, zutiefst genossen. Ihren Figuren verlieh sie starke Authentizität, der gesamte Handlungsverlauf ist auf einer vortrefflichen Recherchearbeit und einer großen Liebe zum Detail begründet. Die wunderschöne Ausdrucksweise, der einnehmende Schreibstil und die an manchen Stellen bildhafte Beschreibung von Örtlichkeiten machten diese Lektüre zu einem lebendigen und unterhaltsamen Vergnügen, das lehrreich war und zugleich großen Unterhaltungswert aufwies. Im Nachwort liefert die Autorin geschichtliche Details zu ihrem Roman.

Fazit: „Die Spionin des Winterkönigs“ ist eine gut recherchierte und fesselnd erzählte Geschichte mit interessanten Personen und historisch belegten Handlungen. Es ist mein erstes, aber mit absoluter Sicherheit nicht mein letztes Buch von Tereza Vanek. Ich möchte mich an dieser Stelle ganz herzlich bei der Autorin für die Zurverfügungstellung dieses Rezensionsexemplars bedanken, das mir ausgezeichnet gefallen hat und das ich uneingeschränkt weiterempfehle!

Veröffentlicht am 16.04.2018

Der Chirurg

Der Chirurg
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„Du kannst meine Zukunft nicht ändern. Du hast sie mir nicht gegeben und es ist nicht deine Aufgabe, sie zu ändern. Aber ich habe das Jetzt. Und dieses Jetzt möchte ich dir schenken.“

Faith Thomas und ...

„Du kannst meine Zukunft nicht ändern. Du hast sie mir nicht gegeben und es ist nicht deine Aufgabe, sie zu ändern. Aber ich habe das Jetzt. Und dieses Jetzt möchte ich dir schenken.“

Faith Thomas und Andrew Jones, zwei hoffnungsvolle und ambitionierte junge Mediziner, die sich lieben und ihr Leben miteinander verbringen wollen. Und ein Heiratsantrag unter dem Himmel der Deckenmalerei Michaelangelos in der Sixtinischen Kapelle, der so romantisch und emotional, so wunderschön war, dass mir die Worte fehlten. Und dann der tragische Unfall, der diese beiden Liebenden auseinander reißt und Andrew Jones als gebrochenen Menschen zurück lässt. Er, der geniale Chirurg mit einer einzigartigen Begabung, weigert sich fortan, zu operieren. Jones Trauer ist unermesslich groß und erst die Begegnung mit Lara Blair lockert die eiserne Festung um sein Herz und reißt ihn aus seiner Erstarrung. Lara möchte Andrews Geschicklichkeit und seine außergewöhnliche Begabung für ihre Forschung gewinnen, doch erst die wahren Hintergründe von Laras Bemühen lassen seine hartnäckige Verweigerung ins Wanken geraten.

Dieses Buch ist nicht nur eine wunderschöne Liebesgeschichte, die zu Tränen rührt. Es stellt vielmehr die Hoffnung und den Mut in den Vordergrund, den unerschütterlichen Glauben daran, dass die Liebe siegen wird. Es erzählt von Zweifeln, die überwunden werden und einem tiefem Glauben, der sich in Menschen festsetzen und Wunder bewirken kann. Und es plädiert für das Geben im Geheimen, dem Widerstand gegen Stolz und öffentliche Selbstgerechtigkeit, einem selbstlosen Geben, das wunderbare Möglichkeiten eröffnet. Ich erfuhr erst am Ende des Buches, dass der Autor Randall Wallace auch für das Verfassen des Drehbuches von „Braveheart“ und „Peral Harbour“ verantwortlich ist und kann für „Der Chirurg“ eine uneingeschränkte Lesempfehlung geben. Die liebenswerten Protagonisten, die interessante Handlung und die vielen Emotionen machen dieses Buch zu einem Leseerlebnis der ganz besonderen Art. Ich danke meiner lieben Freundin von Herzen dafür, dass sie mir dieses Buch geschenkt und mich somit an dieser wunderbaren Geschichte teilhaben ließ.



(Rezension zum Printexemplar)

Veröffentlicht am 16.04.2018

WUNDER

Wunder
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„Ärzte kommen aus entfernten Städten, nur um mich zu sehen, sie stehen an meinem Bett und glauben nicht, was sie sehen. Sie sagen, ich muss eins dieser Wunder von Gottes Schöpfung sein, und soweit sie ...

„Ärzte kommen aus entfernten Städten, nur um mich zu sehen, sie stehen an meinem Bett und glauben nicht, was sie sehen. Sie sagen, ich muss eins dieser Wunder von Gottes Schöpfung sein, und soweit sie sehen, können sie keine Erklärung geben. Ich heiße übrigens August. Ich werde nicht beschreiben, wie ich aussehe. Was immer ihr euch vorstellt – es ist schlimmer. Ich wünschte, jeder Tag wäre Halloween. Wir könnten alle immerzu Masken tragen. Dann könnten wir uns in Ruhe kennenlernen, bevor wir zu sehen kriegen, wie wir unter den Masken aussehen.“

August Pullman lebt mit seinen Eltern und seiner Schwester Olivia in New York, in North River Heights, der äußersten Spitze Manhattans. Ein mutiertes Gen führte bei ihm zu einer bislang unbekannten Art des Treacher-Collins-Syndroms. Auggie, wie der kleine Junge von seiner Familie liebevoll genannt wird, wurde in den ersten zehn Jahren seines Lebens bereits 27 Mal am Gesicht operiert und hatte aus diesem Grund bislang auch nie eine richtige Schule besucht. Nun soll Auggie jedoch in die fünfte Klasse kommen und obgleich er große Angst davor hat, willigt er in das Vorhaben seiner Eltern ein und wird in die Beecher Prep-Schule aufgenommen. Auggie ist es zwar gewöhnt, angestarrt zu werden und es ist auch nichts Neues für ihn, dass er die anderen Schüler verunsichert, dennoch wünscht er sich nichts sehnlicher, als nicht aufzufallen, ein ganz normaler Junge zu sein, Freunde zu finden. Auggie ist großzügig, klug, witzig und hat viel Mut und Kraft, doch das „Ganz-schnell-woanders-Hinschauen“ der Menschen, die ihm begegnen, lässt ihnen kaum eine Chance, sich auf ihn einzulassen, ihn frei von Vorurteilen kennen zu lernen. Der kleine August, bislang im Schoß seiner liebevollen Familie geborgen, wagt die ersten Schritte in die Selbständigkeit. Für den Jungen sind dies Stunden und Tage voller Unsicherheit und Ängste, doch auch seiner Mutter fällt das Loslassen schwer. Die ehemalige Kinderbuchillustratorin hatte ihren Beruf an den Nagel gehängt, um sich nur noch um ihre Familie zu kümmern und fürchtet nun, dass ihr Sohn der Grausamkeit seiner Mitschüler wenig entgegen zu setzen hat. Auggies Schwester Olivia, „Via“ genannt, liebt ihren Bruder über alle Maßen. Dennoch leidet auch sie unter den oftmals brüskierenden Reaktionen der Mitmenschen auf das Äußere Auggies, nur allzu oft verteidigt sie ihren kleinen Bruder und nimmt ihn in Schutz. Auggies Start in der Schule steht unter keinem guten Stern, und die Unsicherheit vieler Mitschüler äußert sich in Hänseleien, Ausgrenzung und direkte Konfrontationen. Doch Auggie geht seinen Weg – einen Weg, der sehr viele Hürden aufweist, ihn aber stärker, weiser und zum Erstaunen aller beliebter macht, als je zuvor.

Die Geschichte dieses stark missgebildeten Kindes hat mich überwältigt. Raquel J. Palacio ist es vortrefflich gelungen, dem Leser dieses außergewöhnliche Kind in einem Balanceakt zwischen Sachlichkeit und tiefen Emotionen nahe zu bringen. Der Roman wurde in 8 Kapitel eingeteilt, in denen jeweils ein anderer Protagonist die Geschehnisse aus seiner Sicht schildert. Diese Vorgehensweise bringt klar und deutlich die Gefühle, die Motivationen und die Gedanken der handelnden Personen zum Ausdruck und man darf Auggie aus vielen verschiedenen Perspektiven kennen lernen. Die größte Aufmerksamkeit wird – natürlich – August Pullman zuteil. Die Autorin widmet sich jedoch auch sehr intensiv Auggies Schwester Olivia, die aufgrund seiner Erkrankung von jeher im Schatten ihres Bruders lebt und rasch selbständig und erwachsen werden muss. Ihre Mutter ist ihrer Ansicht nach viel zu oft „Augusts Mum“, anstatt „Vias Mum“ zu sein, sie fühlt sich vernachlässigt und entwickelt sofort darauf Schuldgefühle ob ihrer Gedanken. Via möchte von ihrer Umwelt nicht darauf reduziert werden, die Schwester eines entstellten Jungen zu sein und schämt sich oftmals für Auggie – doch auch dies bereitet ihr großes Unbehagen und stürzt sie in Gewissenskonflikte. Der flüssige Schreibstil und die spannende Art zu Erzählen brachten mich dazu, das Buch an einem Tag auszulesen, an eine Unterbrechung war nicht zu denken. Auggies Geschichte ist berührend, aber nicht rührselig. Sie erweckt Mitleid mit diesem tapferen Jungen, wurde aber nicht mitleidheischend geschrieben. Sie erzählt vom schlechten Kern der Menschen, weist aber auch auf das Gute in ihnen. Und sie erzählt davon, dass echte Größe nicht darin liegt, stark zu sein, sondern, die eigene Stärke auf die richtige Weise zu benutzen …

Dem kurzen, aber zu 100% zutreffenden Zitat des Guardian auf dem Cover kann ich nur zustimmen: es handelt sich bei „Wunder“ um ein Buch, das zum Weinen bringt. Es vermittelt Kummer, tiefe Verletzungen und ein breites Spektrum an Gefühlen. Man lacht, weint und leidet mit Auggie … aber am Ende des Buches weint man vor Freude. Die wenig ansprechende Gestaltung des Buchcovers hätte mich niemals zu dessen Lektüre bewogen. Daher freue ich mich umso mehr, mich aufgrund wunderschöner Rezensionen zum Kauf entschlossen zu haben. „Wunder“ ist ein unglaublich gefühlvolles Buch, das ich jedem Menschen ans Herz legen möchte.