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Veröffentlicht am 02.07.2018

Eine Kindheit in den 60er Jahren

Pfaffs Hof
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Inhalt: Anfang der 60er Jahre zieht die kleine Annemarie mit ihren Eltern auf den dunklen und baufälligen Hof der Familie Pfaff in einen kleinen Ort am Niederrhein. Die Eltern haben sich nicht mehr viel ...

Inhalt: Anfang der 60er Jahre zieht die kleine Annemarie mit ihren Eltern auf den dunklen und baufälligen Hof der Familie Pfaff in einen kleinen Ort am Niederrhein. Die Eltern haben sich nicht mehr viel zu sagen und die Stimmung ist meistens ziemlich gedrückt. Der älteste Sohn Peter (1944 geboren) ist schon ausgezogen, weil er sich mit dem Vater überworfen hat. Die Mutter hat ständig andere Männer zu Hause, wenn der Vater nicht da.

Annemarie flüchtet sich in die Welt der Bücher und träumt davon Studentin zu werden. Ihr großes Vorbild ist Astrid Lindgren.

Meine Meinung: Die ganze Geschichte, die in den späten Nachkriegsjahren spielt, wird aus der Sicht von Annemarie erzählt. Ich schätze ihr Alter auf etwa 6 oder 7 Jahre zu Beginn und auf 10 oder 11 Jahre am Ende des Buches. Die Menschen sind noch von der schweren Last und Schuld des Krieges geprägt und vor allem die ehemaligen Soldaten möchten diese schlimmen Jahre möglichst schnell vergessen und nicht mehr darüber sprechen. Annemaries Vater wird noch viele Jahre nach dem Krieg von Alpträumen gequält. Das Mädchen bekommt alles mit, denn es schläft zwischen den Eltern. Die Mutter macht vor Annemarie kein Geheimnis daraus, wie sie zu dem Vater steht (dem „Satan“) und Annemarie sieht sie häufiger mit anderen Männern, die sie sich scheinbar wahllos aussucht. Der Vater scheut sich, Annemarie seine Zuneigung zu zeigen, die aber trotzdem ganz deutlich erkennbar ist. Mit Gefühlen war man zu der Zeit eher zurückhaltend.
Durch die Sichtweise eines Kindes und der typischen Sprache der 60er wirkt dieser Roman äußerst lebhaft und authentisch. Die Kapitel sind sehr kurz und flüssig zu lesen. Allerdings springen die Kapitel manchmal ohne genaue Angaben in den Zeiten, was etwas verwirrend ist. Hiltrud Leenders benutzt Redewendungen, Ausdrücke, Lieder und Gebete, die ich persönlich (geboren 1964) auch noch sehr gut kenne und für mich war es wie eine Reise in die Vergangenheit. Auch kenne ich noch Steghosen, Wasserwellen, die Besucherritze, Eisblumen am Fenster und auch das Lied: "Warte, warte nur ein Weilchen, dann kommt Haarmann auch zu dir. Mit dem kleinen Hackebeilchen und macht Hacke-, Hacke-, Hackemus aus dir.“ (Heute unvorstellbar, so etwas Kindern vorzusingen!).
Annemarie hat einen starken Willen, sie wird immer selbstbewusster und hat ein klares Ziel vor Augen: Sie möchte studieren!
Das Ende, eine Provokation von Annemarie, fand ich sehr gut.

Fazit: Mir hat das Buch, das eine Zeitreise in die 60er Jahre ist und Annemaries Alltag schildert, sehr gut gefallen.

Veröffentlicht am 08.05.2018

Schockierende Geschichte mit einem wahren Hintergrund

Libellenschwestern
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Inhalt: 1939, Memphis, Tennessee. Die 12-jährige Rill Foss wohnt zusammen mit ihren Eltern und ihren vier Geschwistern auf einem Hausboot, das auf dem Mississippi liegt. Als ihre Eltern sie wegen eines ...

Inhalt: 1939, Memphis, Tennessee. Die 12-jährige Rill Foss wohnt zusammen mit ihren Eltern und ihren vier Geschwistern auf einem Hausboot, das auf dem Mississippi liegt. Als ihre Eltern sie wegen eines Notfalls allein lassen müssen, werden die Kinder von Polizisten abgeholt und in ein Waisenhaus gebracht. Dort widerfahren ihnen unglaubliche Dinge.
70 Jahre später begegnet Avery Staffort in einem Altenheim der 90-jährigen May Crandall. Der Anblick von Avery scheint May zu verwirren und sie entwendet Avery deren Libellenarmband, ein Familienerbstück. Neugierig geworden, sieht Avery sich später in Mays Zimmer um und entdeckt auf einem alten Foto eine Frau, die ihrer Großmutter Judy sehr ähnlich sieht. Sie beginnt zu recherchieren um die Verbindung der beiden Frauen aufzuklären und deckt unglaublich erschütternde Geheimnisse auf.

Meine Meinung: „Die Libellenschwestern“ ist zwar eine fiktive Geschichte, beruht aber auf wahren Begebenheiten. Die Kinderheime von Georgia Tann, in denen schätzungsweise 5.000 Kinder wie Waren angepriesen und regelrecht verkauft wurden, gab es wirklich. Von den 1920er Jahren bis 1950. Viele von den Kindern hauptsächlich armer Leute wurden entführt, oder die Mütter wurden quasi gezwungen, Verträge zu unterzeichnen, deren Sinn sie oft nicht verstanden.
Die Geschichte wird auf zwei Zeitebenen erzählt, die mir beide gleich gut gefallen haben.
Im Jahr 1939 schildert Rill die Entführung und die darauf folgenden dramatischen und berührenden Ereignisse. Trotz des traurigen und aufwühlenden Inhalts war ich total gefesselt von der Handlung.
In der Gegenwart forscht Avery nach der Verbindung zwischen ihrer Großmutter und May. Nach und nach klären sich auch für den Leser die Zusammenhänge. Die kleine Liebesgeschichte, Averys Schwestern und vor allem die Kinder, lassen die Geschichte nicht ganz so bedrückend wirken und lockern die Handlung etwas auf.
Der Schreibstil ist fesselnd, berührend und bildhaft und der Wechsel zwischen den Zeiten sehr gut gelungen, so dass der Roman im Ganzen nicht ZU bedrückend wirkt. Fazit: Ein großartiges Buch, das mir sicher noch einige Zeit im Gedächtnis bleiben wird.

Veröffentlicht am 08.05.2018

Von Amrum zur Amalfiküste

Zwischen dir und mir das Meer
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Lena lebt zusammen mit ihrem Vater und ihrer Oma Hilde auf Amrum. Seitdem ihre Mutter Mariella, eine gebürtige Italienerin, vor zwanzig Jahren nach dem Schwimmen im Meer nicht wieder zurückkgekehrt ist, ...

Lena lebt zusammen mit ihrem Vater und ihrer Oma Hilde auf Amrum. Seitdem ihre Mutter Mariella, eine gebürtige Italienerin, vor zwanzig Jahren nach dem Schwimmen im Meer nicht wieder zurückkgekehrt ist, führt sie ein zurückgezogenes Leben. Sie arbeitet in einem Hospiz und sammelt Meerglas, das sie zu Schmuck verarbeitet. Eines Tages taucht ganz überraschend der junge Italiener Matteo Forlani auf Amrum auf. Irgendwie kommt er Lena bekannt vor, doch als sie am nächsten Tag noch einmal mit ihm sprechen möchte, erfährt sie, dass er schon abgereist ist. Zurückgelassen hat er eine Mappe mit Fotos, auf denen Lenas Mutter als junges Mädchen zu sehen ist. Mariella sieht auf den Fotos so glücklich und strahlend aus, wie Lena sie nie gesehen hat. Zusammen mit ihrer Schwester Zoe reist Lena an die Amalfiküste, um Matteo wiederzusehen und mehr über die Vergangenheit ihrer Mutter zu erfahren.

Durch den wunderbaren Schreibstil von Katharina Herzog gelingt es leicht, in die Geschichte einzutauchen. Wie immer beschreibt sie ihre Charaktere sehr lebendig und authentisch. Die beiden Schwestern, Lena und Zoe, sind sehr verschieden und gehen unterschiedlich mit dem Verlust der Mutter um. Während Lena sich zurückzieht und viel grübelt, gibt sich die quirlige Zoe eher unbekümmert, genießt das Leben und reist viel. Seit Lenas Trennung von ihrem Verlobten ist das Verhältnis der Schwestern angespannt. Sehr schön fand ich die positive Entwicklung, die Lena im Lauf der Geschichte macht. Endlich verliert sie ihren, Zitat S. 333: „Stock im Arsch“
Rückblicke in die Vergangenheit erzählen von Mariellas Jugendzeit in Italien. „Zwischen uns das Meer“ ist ein warmherziger und berührender Sommerroman, der in mir die Sehnsucht nach Italien geweckt hat. Die traumhafte Amalfiküste, das Meer, Zitronen und Limoncello!
Es geht um die Beziehung der beiden Schwestern, um die Vergangenheit ihrer Mutter und um Liebe.

Veröffentlicht am 08.05.2018

Vier Freunde auf dem Weg zum Mond

Mein Sommer auf dem Mond
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Inhalt: Fritzi, Bastian, Tim und Sarah lernen sich in einem Therapiezentrum für psychisch kranke Jugendliche auf Rügen kennen. Die vier unterschiedlichen Teenager bilden für einige Wochen ein Team, die ...

Inhalt: Fritzi, Bastian, Tim und Sarah lernen sich in einem Therapiezentrum für psychisch kranke Jugendliche auf Rügen kennen. Die vier unterschiedlichen Teenager bilden für einige Wochen ein Team, die Therapiegruppe „Die Astronauten" und müssen sich wohl oder über zusammenraufen. Dabei freunden sie sich an, helfen einander und wachsen über sich hinaus.

Meine Meinung: Jugendbüchern stehe ich (ü50) zunächst immer sehr skeptisch gegenüber. Zu oft wurde ich schon enttäuscht. „Mein Sommer auf dem Mond“ hat mich aber von Anfang an begeistert. Der Schreibstil von Adriana Popescu ist absolut wunderbar und mitreißend. Sie schafft es mit bewundernswerter Leichtigkeit und Humor dem Leser ein schwieriges Thema nahe zu bringen.
Die vier Jugendlichen, die sich zunächst fremd und auch nicht besonders sympathisch sind, werden im Laufe der Zeit richtig gute Freunde. Nach und nach akzeptiert jeder den anderen und vor allem sich selbst. Der Weg dorthin hat Höhen und Tiefen und ist auch am Ende des Buches noch nicht geschafft, und es ist sehr berührend, ihn begleiten zu dürfen.
Die Geschichte wird abwechselnd von Fritzi und Bastian erzählt und beinhaltet auch eine kleine Liebesgeschichte. Diesen Wechsel finde ich sehr gelungen, denn er ermöglicht, beide besser zu verstehen.
Alle vier Protagonisten sind mir am Ende ans Herz gewachsen und ich habe beinahe das Gefühl, als würde ich sie persönlich kennen.

Ein Satz der mir besonders gut gefallen hat: „Mein Herz hat die Schuhe ausgezogen und tobt sich seit Minuten in einer Hüpfburg aus“.

Fazit: Für mich ist „Mein Sommer auf dem Mond“ ein aus der Masse herausragendes Jugendbuch und auf jeden Fall auch für ältere Leser geeignet. Eine Geschichte über Freundschaft, Akzeptanz, Mut und die erste Liebe. Klare Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 20.02.2018

Ein neues Ermittlerteam

Totenweg
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Frida, eine junge Polizistin und Studentin an der Polizeiakademie in Hamburg, kehrt nach vielen Jahren zurück auf den Apfelhof ihrer Eltern in Deichgraben, einem kleinen Ort in der Elbmarsch. Ihr Vater ...

Frida, eine junge Polizistin und Studentin an der Polizeiakademie in Hamburg, kehrt nach vielen Jahren zurück auf den Apfelhof ihrer Eltern in Deichgraben, einem kleinen Ort in der Elbmarsch. Ihr Vater Fridtjof wurde hinterrücks niedergeschlagen und besinnungslos in einem Straßengraben gefunden. Seitdem liegt er im Koma. Hat der Anschlag etwas mit dem Land zu tun, dass Fridtjof nicht verkaufen will? Kommissar Bjarne Haverkorn übernimmt die Ermittlungen. Er hat Frida bereits vor 18 Jahren kennengelernt, als diese ihre beste Freundin Marit ermordet in einem alten Viehstall gefunden hat. Der Mord konnte nie aufgeklärt werden und belastet Haverkorn und Frida bis heute.

„Totenweg“ ist der erste Teil einer Krimireihe mit dem Ermittlerduo Bjarne Haverkamp und Frida Paulsen. Nachdem zuerst jeder noch für sich recherchiert, arbeiten sie, nachdem Frida Haverkorn ein Geheimnis anvertraut hat, zusammen. Frida ist noch jung und unerfahren. Außerdem hat sie hat den Mord an ihrer Freundin noch nicht verarbeitet. Durch ihre persönliche Betroffenheit reagiert sie manchmal impulsiv, unbedacht und auch waghalsig. Haverkorn ist dagegen schon ein erfahrener Ermittler, allerdings hat er private und gesundheitliche Probleme. Zusammen bilden sie ein gutes Team und sind beide sympathisch.
Der Schreibstil ist sehr flüssig und durch den gut aufgebauten und ständig ansteigenden Spannungsbogen, sowie die verschiedenen Verdächtigen (für den Leser jedenfalls) und überraschenden Wendungen, die zum Schluss geschickt miteinander verknüpft werden, habe ich das Buch zwischendurch nur ungern zur Seite gelegt.
Das Cover passt perfekt zu der Geschichte, genauso habe ich mir die Landschaft in der Elbmarsch vorgestellt. Ziemlich einsam, viele Wiesen und wenig Gehöfte. Eine etwas düstere Atmosphäre.

Fazit: Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, diesen Kriminalroman in der Leserunde der Lesejury zu lesen. Ich habe noch nie erlebt, dass in einer Leserunde so viel spekuliert und diskutiert wurde. Super! Vielen Dank, dass ich dabei sein durfte.
„Totenweg“ von Romy Fölck ist ein gut erzählter und spannender Kriminalroman, mit viel Lokalkolorit. Ich werde sicher auch den zweiten Fall von Frida und Haverkorn lesen.

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