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Veröffentlicht am 07.06.2018

"Kann man deutsch reden in der Hölle?" (S.161)

Hochdeutschland
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Victor ist ein IT-Boy bzw. IT-Mann mit einem IT-Beruf, nämlich Investmentbanker. Er kennt alle Schlupflöcher und weiß, wie man sich durchschlägt. Und er hat einen kritischen Blick auf die deutsche Gesellschaft, ...

Victor ist ein IT-Boy bzw. IT-Mann mit einem IT-Beruf, nämlich Investmentbanker. Er kennt alle Schlupflöcher und weiß, wie man sich durchschlägt. Und er hat einen kritischen Blick auf die deutsche Gesellschaft, einen, in dessen Ansichten man sich durchaus auch mal wiederfinden kann - ich zumindest. Aber allzu zielorientiert ist er - trotz beruflichen Erfolgs und des damit verbundenen großen materiellen Reichtums - nicht. Er ist ein Typ, der sich nimmt, was er braucht, der andere auf Abstand hält. Von der Mutter seiner Tochter ist er seit langem getrennt, denn "eine Konstante in seinem Leben war schon immer das Gefühl gewesen, sich gerade in einer Übergangsphase zu befinden." (S. 15)

Inzwischen Mitinhaber einer kleinen, aber erfolgreichen Privatbank, erfährt er Überdruss, ja Langeweile, die sich durch Zynismus wie auch einen abschätzigen Blick auf seine Umgebung und nicht zuletzt auf sich selbst äußert. Und durch eine gewisse Kreativität: Er schreibt so ein bisschen vor sich hin und zwar einerseits an einem verwegenen Roman, der streckenweise auch aus der Werkstatt eines Konsalik oder auch von Hanni Münzer stammen könnte, so rund geht es da.

Seine Gedanken zu dem Leben in Deutschland jedoch bündelt er in einem Manifest, in dem er unter anderem - und das trotz seiner eigenen, stark untertrieben gesagt, ausgesprochen rosigen finanziellen Lage - eine Obergrenze für Vermögen fordert. Die Regulierung nicht nur dieser Maßnahme soll auf eine sehr eigene Art und Weise, nämlich durch die Gründung der weltgroßen staatlichen Fondsgesellschaft GINA (German Investment Authority), erfolgen.

Eigentlich einfach mal so verfasst, beinhaltet es jede Menge Gedanken zum Leben in Deutschland, zur Gesellschaft und Wirtschaft und zum Umgang damit. Diese macht sich Victors Studienfreund Ali Osman, seit Jahren erfolgreich als Grünen-Politiker tätig, für die Neugründung einer Partei zu eigen. Einer Partei mit einer populistischen Ausrichtung, wie sie gerade quasi aus dem Boden sprießen. Und schon findet sich ein neuer Weg für Victor - in Richtung der politischen Bühne.

Wird er dort reüssieren? Und wird er den Werte, die für ihn dann doch immer wieder mal eine Rolle spielen, allem voran die Verbindung zu seiner von ihm getrennt lebenden, ihm jedoch sehr nahestehenden Tochter Victoria, treu bleiben können. Einer Tochter, der er Gott und die Welt erklärt, die er darüber informiert, dass die Deutschen früher einmal richtig böse waren - was Grund ist für die titelgebende Fragestellung (siehe oben).

Wie sie jetzt oder in Zukunft sind oder sein könnten - davon können Sie sich mithilfe dieses Romans ein teilweise durchaus erschreckendes Bild machen. Mich hat vor allem die Erkenntnis bewegt, dass viele extreme Gedanken aus Langeweile oder Teilnahmslosigkeit entstehen. Keine leichte Kost, auch keine, die für mich durchgehend gut zu verdauen war - doch gelohnt hat es sich alle Male. Für alle, die erfahren möchten, was sich möglicherweise in ihrer Umgebung so tut.

Veröffentlicht am 24.05.2018

Getriebene

Häuser aus Sand
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Und Vertriebene - das sind sie alle, die Mitglieder der Familie um die Palästinenserin Salma, die ihre geliebte Heimat früh verlassen muss, um zunächst in Nablus, später in Amman/Jordanien ein neues Leben ...

Und Vertriebene - das sind sie alle, die Mitglieder der Familie um die Palästinenserin Salma, die ihre geliebte Heimat früh verlassen muss, um zunächst in Nablus, später in Amman/Jordanien ein neues Leben zu beginnen.

Dieses Buch ist aus meiner Sicht als Familienroman, nicht als Roman über Palästinenser und Palästina als solches wahrzunehmen. Orte in und vor allem außerhalb von Palästina, auch Ereignisse - von großen historischen Umbrüchen, ja Tragödien wie dem Sechs-Tage-Krieg und dem Ersten Golfkrieg bis hin zu kleineren alltäglichen Begebenheiten fungieren hier als Kulisse um die Familiengeschichte von Alia - Salmas Tochter - und ihrem Mann Atef. Auch wenn hier die gesamte Familie und ihre Geschicke über vier Generationen hinweg beleuchtet werden, ist es doch am ehesten dieses Paar - die zweite Generation nach Salma - das alle Entwicklungen und Veränderungen miterlebt.

Atef und Alia verschlägt es nach Kuwait, wo Atef eine Karriere als Hochschulprofessor macht, Alia jedoch nie Fuß fasst. Diese Unruhe prägt ihr Verhalten gegenüber Mann und Kindern über Jahrzehnte hinweg.

Ein von Vertreibung, Flucht und Emigration geprägtes Familienschicksal wird hier gezeichnet, dem sich keines der Familienmitglieder entziehen kann, auch wenn sie auf unterschiedliche Weise davon geprägt werden.


Die Autorin Hala Alyan ist selbst palästinensischer Herkunft und präsentiert dem Leser Lebenswege einer Familie, die so typisch bzw. untypisch, so subjektiv bzw. objektiv sind wie jedes individuelle Schicksal, jedes einzelne Leben. Vieles haben zahlreiche Palästinenser und auch Angehörige anderer Ethnien im Nahen Osten so oder ähnlich erlebt, anderes wiederum ist nicht verallgemeinerbar. An keiner Stelle erhebt Hala Alyan den Anspruch, eine repräsentative Geschichte des palästinensischen Volkes erzählen zu wollen, es geht immer um diese Familie, die von Salma, von Alia und Atef, von ihren Kindern und Kindeskindern. Ich habe mich als Nachfahrin von Menschen, die ebenfalls (fast) lebenslang Flucht und Exil erlebt und gelebt haben, dieser Familie an vielen Stellen sehr verbunden gefühlt, obwohl ich aus einem anderen Kulturkreis stamme.

Veröffentlicht am 23.05.2018

Wir lassen uns das Singen nicht verbieten

Nur Gisela sang schöner
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Das scheint zumindest die Devise des Hirschweiler Kirchenchors zu sein, denn der läuft bei seinem jährlichen Sommerfest wieder einmal zu Hochtouren auf, auch wenn er auf einige seiner Stützen der Vorjahre ...

Das scheint zumindest die Devise des Hirschweiler Kirchenchors zu sein, denn der läuft bei seinem jährlichen Sommerfest wieder einmal zu Hochtouren auf, auch wenn er auf einige seiner Stützen der Vorjahre wie Beate, Nachbarin des Polizeibeamten Jupp Backes und seiner besseren Hälfte Inge, verzichten muss, haben die beiden sie doch tot in der Badewanne aufgefunden. Kann es wirklich - wie das spitzfindige Ehepaar Backes sogleich in Erwägung zieht - Mord sein?

Beide legen gleich los mit ihren Ermittlungen. Richtig, Inge ist Hausfrau, aber sie wird doch in einer so wichtigen Angelegenheit den Gatten nicht in Stich lassen! Auch wenn die Todesursache noch nicht feststeht und die Eheleute sich gegenwärtig einer Paartherapie unterziehen - bei so etwas lässt man den Partner schließlich nicht in Stich! Und Oma Käthe hat auch noch ihren Teil hinzuzusteuern!

Ein heiterer Saarlandkrimi, der es in sich hat! Wer lustige Regionalkrimis liebt, der könnte hier etwas für sich gefunden haben. Auch wenn es Familie Backes (noch) nicht ganz mit dem Schwaben Kluftinger und schon gar nicht mit dem Eberhofer Franz aus Niederbayern aufnehmen kann, hatte ich jede Menge Spaß beim Lesen! Nachdem ich mich an den etwas behäbigen Stil gewöhnt hatte, bin ich ganz schnell warm geworden mit Familie Backes und freue mich schon auf die nächsten Nachrichten - ob im Krimiformat oder nicht - aus ihrem Hause!

Veröffentlicht am 21.05.2018

Kreidezeit 1986 und 2016

Der Kreidemann
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Und zwar nicht in geologischer Hinsicht! Und auch nicht als Kinderspiel bzw. als das von Jugendlichen, obwohl es das zunächst zu sein scheint. Aber schnell wird klar, dass es um Mord und Todschlag bzw. ...

Und zwar nicht in geologischer Hinsicht! Und auch nicht als Kinderspiel bzw. als das von Jugendlichen, obwohl es das zunächst zu sein scheint. Aber schnell wird klar, dass es um Mord und Todschlag bzw. anderweitige Todesfälle geht. Nicht eine dieser Varianten - nein, es kommen alle vor in diesem eher ungewöhnlichen Thriller und zwar nicht zu knapp.

Wie schon erwähnt, spielt die Geschichte auf zwei Zeitebenen im Abstand von dreißig Jahren. Erzähler und damit maßgeblicher Protagonist ist jeweils Ed Adams, zunächst als zwölfjähriger Junge, später dann als über 40jähriger Lehrer.

Beim Spielen im Wald stoßen Ed und seine Clique auf Leichenteile - die unschwer als Teile eines Mädchens zu erkennen sind, die Ed kennt. Eines sehr schönen Mädchens, das neulich auf dem Rummelplatz zum Opfer eines Unfalls wurde und fast ein Bein verlor. Sie konnte gerettet werden - nur, um kurz danach zum Mordopfer zu werden.

Dreißig Jahre später - Ed wohnt immer noch im elterlichen Haus und ist alleinstehend - ist der Mord immer noch nicht aufgeklärt. Ebenso wie einige andere sehr rätselhafte Gegebenheiten. Was sollen die Kreidehinweise, die es damals wie auch in der Gegenwart gibt? Alte, seit Jahrzehnten vergrabenene Emotionen kommen nicht nur bei Ed wieder zutage.

Ein wirklich ungewöhnlicher Thriller, der auch dadurch punktet, dass er in einem ganz "normalen" Setting - einer englischen Kleinstadt - spielt. Die Akteure - das sind Familien. Es kommt zwar ein geheimnisvoller Fremder in die Stadt, dessen Identität jedoch rasch preisgegeben wird und nicht allzu spektakulär ist. Ebenso wenig geht es um politisch brisante Themen, nein, die gesamte Handlung spielt sich im Rahmen der dort ansässigen Familien und deren Umfeld ab und gerade dieser Umstand - dass eigentlich alles, jeder einzelne Hinweis, jedes Indiz zum Greifen nahe ist - macht die Handlung ebenso spannend wie geheimnisvoll.

Und tatsächlich ergeben sich am Ende Verstrickungen und Verbindungen, die ganz anders sind, als es bisher anzunehmen war. Ein wirklich spannender Thriller, den ich nicht aus der Hand legen konnte. Gerade die naheliegende Realität, die dann doch so anders war als angenommen, hat mich so fasziniert. Besonders eindringlich wurde dargestellt, wie bestimmte Umstände suggeriert werden können, indem sie als selbstverständliche Tatsachen dargestellt werden und so entweder eine allgemeine oder auch subjektive Gültigkeit erlangen, eine, die dann schwer zu brechen ist. Intelligent spielt die britische Autorin C.J. Tudor, deren Erstlingswerk dies ist, mit den Fakten und lässt den Leser - mich zumindest - immer wieder mal ins Leere laufen. Das einzige, was mich gestört hat, waren paranormale Szenen bzw. Traumsequenzen, die aus meiner Sicht wirklich nicht hätten sein sollen!

Ansonsten jedoch kann ich diesen raffinierten Thriller über das Grauen in der eigenen Nachbarschaft von ganzem Herzen empfehlen.

Veröffentlicht am 17.05.2018

Hoch in den Norden Europas

Das Geheimnis der Mittsommernacht
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nämlich in die norwegische Berarbeiterstadt Roros verschlägt es den Leser dieses opulenten Romans - und darüber hinaus landet er in einer längst vergangenen Zeit. Der Roman spielt nämlich 1895, als es ...

nämlich in die norwegische Berarbeiterstadt Roros verschlägt es den Leser dieses opulenten Romans - und darüber hinaus landet er in einer längst vergangenen Zeit. Der Roman spielt nämlich 1895, als es die 25jährige Rheinländerin Clara dorthin, in die Heimat ihres Ehemannes Olaf verschlägt. Durch ein furchtbares Unglück sind sie und ihr Sohn Paul bald auf sich gestellt und lernen gleichsam zusammen mit der Leserschaft Roros und seine Einwohner kennen, von denen ihnen leider nur die wenigsten mit Wohlwollen begegnen. Warum eigentlich?

In einem zweiten Handlungsstrang begegnen wir Sophie, einer höheren Tochter, ein paar Jahre jünger als Clara, die gerade ihre Mutter verloren hat und nicht nur deswegen unglücklich ist. Mit ihrem Vater und der älteren Schwester verbindet sie nämlich wenig, denn für die zählen - so sieht es zumindest Sophie - nur Äußerlicherkeiten: der Erfolg und natürlich auch der schnöde Mammon.

Der Leser wird nicht nur mit einer packenden Handlung konfrontiert, sondern auch mit der vielen Details der Geschichte Norwegens vertraut gemacht. Auch den Zeitgeist und die Atmosphäre , die in diesen Jahren sowohl in Deutschland als auch in Norwegen herrschte, vermittelt die Autorin Christine Kabus aufs Eindringlichste. Vor allem der Kontrast der damaligen Strukturen und Einschränkungen für Frauen in beiden Ländern zur vergleichsweisen Freiheit im Leben eines jungen Mannes, zumindest eines Vertreters der Mittel- und Oberschicht ist wirklich sehr gut, bildhaft und einfühlsam dargestellt.

Beide Handlungsstränge bewegen sich aufeinander zu und es macht wirklich Spaß, zu ergründen, was denn Sophie und Clara miteinander verbindet und dabei mitzuverfolgen, wie sich beide jeweils in ihrem Leben einrichten.Ich jedenfalls konnte das Buch nicht aus der Hand legen, bis ich wirklich die ganze Geschichte "erlesen" hatte!

Der Roman hätte aus meiner Sicht gut ein paar Figuren weniger haben können, um sich mehr auf die wirklich Wichtigen und deren Geschichten zu konzentrieren. Wobei dem erzählenden Teil ein Personenverzeichnis vorangestellt ist, das mir sehr geholfen hat, wenn auch leider nicht alle Figuren darin auftauchen. Teilweise wunderte mich dort die Prioritätensetzung - manche der aus meiner Sicht für die Handlung relevanten Charaktere finden keine Erwähnung.

Insgesamt ein packender und mitreißender Roman mit viel Herz, der Freunden und vor allem Freundinnen langer Schmökerabende herzlich zu empfehlen ist!