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Veröffentlicht am 02.07.2018

Ein ganz besonderer Typ

Stille Feinde
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ist Isajah Quintabe: chinesischstämmig, explosiv, mit Herz, an der Ermordung seines Bruders wie an einer unerfüllten Liebe knabbernd. Vor allem ist er aber Privatdetektiv ohne Lizenz: einer, der sich auch ...

ist Isajah Quintabe: chinesischstämmig, explosiv, mit Herz, an der Ermordung seines Bruders wie an einer unerfüllten Liebe knabbernd. Vor allem ist er aber Privatdetektiv ohne Lizenz: einer, der sich auch mal für die einfachen Leute, für eine ungewöhnliche Klientel wie eine Gruppe von Schülern oder eben auch seine große Liebe (aus der Ferne sozusagen) einsetzt: dann durchaus auch mal ohne Entlohnung. Obwohl es dazu eigentlich selten kommt, dazu sind ihm seine Klienten zu dankbar: doch allemal gibt es öfter mal ein Entgelt der äußerst ungewöhnlichen Art, das kann Mitarbeit sein oder auch ein Sachwert.

IQ, wie dieser ganz spezielle Typ genannt wird, ermittelt in "Stille Feinde" bereits in seinem zweiten Fall und ein großes Manko dieses Bandes ist, dass man ihn schlecht isoliert vom ersten lesen kann - so wie ich es offen gestanden getan habe.

Denn IQ kennt eine ganze Menge Leute, die in den unterschiedlichsten Zusammenhängen auftauchen - eine höchst verwirrende Angelegenheit in einem sehr persönlichen Fall: nämlich der Ermittlung im Mordfall seines geliebten Bruders Marcus, der bald von einer ganzen Reihe von Nebenbaustellen umgeben ist, die zumindest mich beim Lesen sehr irritiert haben.

Doch sind IQ wie auch sein - wie soll man ihn nennen - Kumpel? Sidekick? - Dodson so spezielle, gewissermaßen auch liebenswerte Typen, dass man das Buch nicht aus der Hand legen will, bevor man ihr Schicksal bis zum Ende mitverfolgt hat. Bis zum Ende dieses Bandes, wohlgemerkt, nicht mehr.

Ja, auch wenn der eigentliche Fall ein wenig auseinanderwabert, ist dies doch eine ganz besondere Story, die von ihren Protagonisten lebt - hart, aber herzlich, würde ich sagen - und mit einer Menge Charme. Auch wenn mich die Entwicklungen als solche immer wieder ganz schön verwirrt haben. Aber wer einen Thriller bzw. eine neue Reihe der ganz speziellen Art kennenlernen will, der wird - genau wie ich auch - seine helle Freude daran haben!

Veröffentlicht am 10.06.2018

Einen sowohl erschütternden als auch grausigen Fund

Der letzte Gast
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macht Dogwalkerin Mia Kaminski an einem Nachmittag, als sie eigentlich nur den ihr anvertrauten Hund zur täglichen Nachmittagsrunde abholen will: sie findet dessen Frauchen, die schwerkranke Berna Kiening, ...

macht Dogwalkerin Mia Kaminski an einem Nachmittag, als sie eigentlich nur den ihr anvertrauten Hund zur täglichen Nachmittagsrunde abholen will: sie findet dessen Frauchen, die schwerkranke Berna Kiening, die ihrem Leben selbstbestimmt ein Ende setzen wollte, tot vor. Relativ schnell steht fest, dass es sich um einen Mordfall handelt - für Mia ist diese Information nur schwer zu ertragen, da sie diese ältere Dame schon seit ihrer Kindheit kannte und schätzte.

Und mehr noch: Mia kannte auch Bernas Verwandte, mit deren Neffen Nikolai Nawrath verband sie sogar eine noch nicht allzulang zurückliegende Liasion, die für sie allerdings desaströs endete. Sowohl er als auch seine Geschwister und die Mutter finden sich rasch im Kreise der Verdächtigen wieder, denn Berna hinterlässt ein nicht gerade geringes Vermögen, das auch Aktien am familieneigenen Unternehmen beinhaltet.

Sie alle haben ihre eigenen Interessen und so findet sich Mia bald in einem aussichtslos scheinenden Kampf gegen den Nawrath-Clan wieder. Doch auch sie ist nicht allein, sondern ist als WG-Bewohnerin eingebunden in ein enges Verhältnis mit ihren Mitbewohnern und weiteren Nachbarn.

Somit wird nicht nur Mia, sondern ihr gesamtes Umfeldin das Geschehen einbezogen und die Handlung gestaltet sich entsprechend lebhaft, wenn auch nur streckenweise spannungsreich. Dann aber geht es richtig zur Sache.

Kraftvoll und einprägsam beschreibt die Autorin Sabine Kornbichler Kristina und ihre Umgebung: es entsteht ein ausgesprochen atmosphärisch gezeichnetes Bild aller Schauplätze, der Leser kann sich bildhaft vorstellen mittendrin zu sein. Das einzige Manko ist aus meiner Sicht, dass einige der Abläufe ein wenig zu gedehnt (langatmig wäre aus meiner Sicht übertrieben) dargestellt werden, einige der Figuren zu wenig eindringlich gezeichnet sind, um wirklich zu überzeugen.

Insgesamt aber ein ungewöhnlicher, wortstarker Krimi, der aus der Masse hervorsticht und im Gedächtnis bleibt: Sabine Kornbichler kann es wahrhaft mit den großen skandinavischen, englischen und amerikanischen Kolleginnen, bspw. mit Viveca Sten, Camilla Läckberg, aber auch mit Elizabeth George aufnehmen. Ihre Protagonistin, die Dogwalkerin Mia Kaminski ist ein interessanter Charakter, der nachhaltig in Erinnerung bleibt. Ich hoffe sehr, dass dieser Krimi den Start einer Reihe markiert - ich mag den gekonnten Stil und das ungewöhnliche Setting so gern, dass ich jeden einzelnen Band gleich nach der Veröffentlichung lesen würde.

Veröffentlicht am 07.06.2018

"Kann man deutsch reden in der Hölle?" (S.161)

Hochdeutschland
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Victor ist ein IT-Boy bzw. IT-Mann mit einem IT-Beruf, nämlich Investmentbanker. Er kennt alle Schlupflöcher und weiß, wie man sich durchschlägt. Und er hat einen kritischen Blick auf die deutsche Gesellschaft, ...

Victor ist ein IT-Boy bzw. IT-Mann mit einem IT-Beruf, nämlich Investmentbanker. Er kennt alle Schlupflöcher und weiß, wie man sich durchschlägt. Und er hat einen kritischen Blick auf die deutsche Gesellschaft, einen, in dessen Ansichten man sich durchaus auch mal wiederfinden kann - ich zumindest. Aber allzu zielorientiert ist er - trotz beruflichen Erfolgs und des damit verbundenen großen materiellen Reichtums - nicht. Er ist ein Typ, der sich nimmt, was er braucht, der andere auf Abstand hält. Von der Mutter seiner Tochter ist er seit langem getrennt, denn "eine Konstante in seinem Leben war schon immer das Gefühl gewesen, sich gerade in einer Übergangsphase zu befinden." (S. 15)

Inzwischen Mitinhaber einer kleinen, aber erfolgreichen Privatbank, erfährt er Überdruss, ja Langeweile, die sich durch Zynismus wie auch einen abschätzigen Blick auf seine Umgebung und nicht zuletzt auf sich selbst äußert. Und durch eine gewisse Kreativität: Er schreibt so ein bisschen vor sich hin und zwar einerseits an einem verwegenen Roman, der streckenweise auch aus der Werkstatt eines Konsalik oder auch von Hanni Münzer stammen könnte, so rund geht es da.

Seine Gedanken zu dem Leben in Deutschland jedoch bündelt er in einem Manifest, in dem er unter anderem - und das trotz seiner eigenen, stark untertrieben gesagt, ausgesprochen rosigen finanziellen Lage - eine Obergrenze für Vermögen fordert. Die Regulierung nicht nur dieser Maßnahme soll auf eine sehr eigene Art und Weise, nämlich durch die Gründung der weltgroßen staatlichen Fondsgesellschaft GINA (German Investment Authority), erfolgen.

Eigentlich einfach mal so verfasst, beinhaltet es jede Menge Gedanken zum Leben in Deutschland, zur Gesellschaft und Wirtschaft und zum Umgang damit. Diese macht sich Victors Studienfreund Ali Osman, seit Jahren erfolgreich als Grünen-Politiker tätig, für die Neugründung einer Partei zu eigen. Einer Partei mit einer populistischen Ausrichtung, wie sie gerade quasi aus dem Boden sprießen. Und schon findet sich ein neuer Weg für Victor - in Richtung der politischen Bühne.

Wird er dort reüssieren? Und wird er den Werte, die für ihn dann doch immer wieder mal eine Rolle spielen, allem voran die Verbindung zu seiner von ihm getrennt lebenden, ihm jedoch sehr nahestehenden Tochter Victoria, treu bleiben können. Einer Tochter, der er Gott und die Welt erklärt, die er darüber informiert, dass die Deutschen früher einmal richtig böse waren - was Grund ist für die titelgebende Fragestellung (siehe oben).

Wie sie jetzt oder in Zukunft sind oder sein könnten - davon können Sie sich mithilfe dieses Romans ein teilweise durchaus erschreckendes Bild machen. Mich hat vor allem die Erkenntnis bewegt, dass viele extreme Gedanken aus Langeweile oder Teilnahmslosigkeit entstehen. Keine leichte Kost, auch keine, die für mich durchgehend gut zu verdauen war - doch gelohnt hat es sich alle Male. Für alle, die erfahren möchten, was sich möglicherweise in ihrer Umgebung so tut.

Veröffentlicht am 24.05.2018

Getriebene

Häuser aus Sand
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Und Vertriebene - das sind sie alle, die Mitglieder der Familie um die Palästinenserin Salma, die ihre geliebte Heimat früh verlassen muss, um zunächst in Nablus, später in Amman/Jordanien ein neues Leben ...

Und Vertriebene - das sind sie alle, die Mitglieder der Familie um die Palästinenserin Salma, die ihre geliebte Heimat früh verlassen muss, um zunächst in Nablus, später in Amman/Jordanien ein neues Leben zu beginnen.

Dieses Buch ist aus meiner Sicht als Familienroman, nicht als Roman über Palästinenser und Palästina als solches wahrzunehmen. Orte in und vor allem außerhalb von Palästina, auch Ereignisse - von großen historischen Umbrüchen, ja Tragödien wie dem Sechs-Tage-Krieg und dem Ersten Golfkrieg bis hin zu kleineren alltäglichen Begebenheiten fungieren hier als Kulisse um die Familiengeschichte von Alia - Salmas Tochter - und ihrem Mann Atef. Auch wenn hier die gesamte Familie und ihre Geschicke über vier Generationen hinweg beleuchtet werden, ist es doch am ehesten dieses Paar - die zweite Generation nach Salma - das alle Entwicklungen und Veränderungen miterlebt.

Atef und Alia verschlägt es nach Kuwait, wo Atef eine Karriere als Hochschulprofessor macht, Alia jedoch nie Fuß fasst. Diese Unruhe prägt ihr Verhalten gegenüber Mann und Kindern über Jahrzehnte hinweg.

Ein von Vertreibung, Flucht und Emigration geprägtes Familienschicksal wird hier gezeichnet, dem sich keines der Familienmitglieder entziehen kann, auch wenn sie auf unterschiedliche Weise davon geprägt werden.


Die Autorin Hala Alyan ist selbst palästinensischer Herkunft und präsentiert dem Leser Lebenswege einer Familie, die so typisch bzw. untypisch, so subjektiv bzw. objektiv sind wie jedes individuelle Schicksal, jedes einzelne Leben. Vieles haben zahlreiche Palästinenser und auch Angehörige anderer Ethnien im Nahen Osten so oder ähnlich erlebt, anderes wiederum ist nicht verallgemeinerbar. An keiner Stelle erhebt Hala Alyan den Anspruch, eine repräsentative Geschichte des palästinensischen Volkes erzählen zu wollen, es geht immer um diese Familie, die von Salma, von Alia und Atef, von ihren Kindern und Kindeskindern. Ich habe mich als Nachfahrin von Menschen, die ebenfalls (fast) lebenslang Flucht und Exil erlebt und gelebt haben, dieser Familie an vielen Stellen sehr verbunden gefühlt, obwohl ich aus einem anderen Kulturkreis stamme.

Veröffentlicht am 23.05.2018

Wir lassen uns das Singen nicht verbieten

Nur Gisela sang schöner
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Das scheint zumindest die Devise des Hirschweiler Kirchenchors zu sein, denn der läuft bei seinem jährlichen Sommerfest wieder einmal zu Hochtouren auf, auch wenn er auf einige seiner Stützen der Vorjahre ...

Das scheint zumindest die Devise des Hirschweiler Kirchenchors zu sein, denn der läuft bei seinem jährlichen Sommerfest wieder einmal zu Hochtouren auf, auch wenn er auf einige seiner Stützen der Vorjahre wie Beate, Nachbarin des Polizeibeamten Jupp Backes und seiner besseren Hälfte Inge, verzichten muss, haben die beiden sie doch tot in der Badewanne aufgefunden. Kann es wirklich - wie das spitzfindige Ehepaar Backes sogleich in Erwägung zieht - Mord sein?

Beide legen gleich los mit ihren Ermittlungen. Richtig, Inge ist Hausfrau, aber sie wird doch in einer so wichtigen Angelegenheit den Gatten nicht in Stich lassen! Auch wenn die Todesursache noch nicht feststeht und die Eheleute sich gegenwärtig einer Paartherapie unterziehen - bei so etwas lässt man den Partner schließlich nicht in Stich! Und Oma Käthe hat auch noch ihren Teil hinzuzusteuern!

Ein heiterer Saarlandkrimi, der es in sich hat! Wer lustige Regionalkrimis liebt, der könnte hier etwas für sich gefunden haben. Auch wenn es Familie Backes (noch) nicht ganz mit dem Schwaben Kluftinger und schon gar nicht mit dem Eberhofer Franz aus Niederbayern aufnehmen kann, hatte ich jede Menge Spaß beim Lesen! Nachdem ich mich an den etwas behäbigen Stil gewöhnt hatte, bin ich ganz schnell warm geworden mit Familie Backes und freue mich schon auf die nächsten Nachrichten - ob im Krimiformat oder nicht - aus ihrem Hause!