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heinoko

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 24.10.2018

Ein Lehrstück für die Kraft des Willens

Verschieben wir es auf morgen
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Auf der Rückseite des Buches steht die eigentliche Botschaft des Buches, der in meinen Augen wichtigste Satz: „Fast alles liegt in meiner Hand, mein Wille hat einen enormen Einfluss auf mein Leben.“
Miriam ...


Auf der Rückseite des Buches steht die eigentliche Botschaft des Buches, der in meinen Augen wichtigste Satz: „Fast alles liegt in meiner Hand, mein Wille hat einen enormen Einfluss auf mein Leben.“
Miriam Maertens lässt uns teilhaben an ihrer Kindheit und Jugend, an ihrem gesamten Werdegang, aber auch an ihrer Familie und ihren Freunden. Miriam Maertens ist an Mukoviszidose erkrankt, die Ärzte prognostizieren ein kurzes Leben. Und Miriam Maertens ist Schauspielerin, und zwar Bühnenschauspielerin. Ein Widerspruch in sich, eigentlich eine Unmöglichkeit!
Die Autorin schildert fast emotionslos und ohne jegliches Selbstmitleid ihren Lebens- und Leidensweg bis hin zur – fast zu späten – Lungentransplantation. Schon als Kind beschließt sie, einfach so zu leben, als sei sie gesund. Sie will am Leben teilhaben, es in vollen Zügen ausschöpfen, und vor allen Dingen will sie ihren Traum leben, nämlich Schauspielerin zu werden. Dies alles trotz körperlicher Schwäche, trotz der lebensnotwendigen Inhalationspausen, trotz der kräftezehrenden immer wiederkehrenden Kämpfe gegen Infektionen. Doch damit nicht genug! Sie will ein Kind, und sie bekommt einen Sohn. Ihr Körper unterwirft sich immer wieder neu dem unermesslich starken Willen der Autorin. Und sie schafft das Unvorstellbare, wechselt je nach Engagement zigmal den Wohnort, versorgt ihren Sohn und ihren Hund, verschweigt ihre Krankheit, widersetzt sich den Ratschlägen der Ärzte, feiert Erfolge – und ignoriert weitgehend die Zeichen, die ihr Körper setzt. Denn auf der Bühne gibt es keine Schonung und im Selbstverständnis von Miriam Maertens auch nicht. Bis es fast zu spät ist. Und noch einmal baut sie mit enormer Willensstärke die allerletzte Kraft auf, um die Lungentransplantation zu überstehen.
Das Buch hat mich tief beeindruckt und bewegt, es hat mich das Glück spüren lassen, ganz selbstverständlich atmen zu können und es hat mich gelehrt, welch immense Kraft in Disziplin und Willenskraft stecken. Ein Mut machendes, ein starkes Buch!

Veröffentlicht am 19.10.2018

Sakrisch guat!

Gschlamperte Verhältnisse
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Ein Buch, das sakrisch viel Spaß bringt! Dass hier zwei erfolgreiche Autorinnen, nämlich Brigitte Riebe (historische Romane) und Gesine Hirsch (Dahoam is dahoam), am Werk waren, spürt man dem Buch auf ...


Ein Buch, das sakrisch viel Spaß bringt! Dass hier zwei erfolgreiche Autorinnen, nämlich Brigitte Riebe (historische Romane) und Gesine Hirsch (Dahoam is dahoam), am Werk waren, spürt man dem Buch auf jeder Seite an. Gekonnt werden Lokalkolorit und Krimikost vermischt, durchgerührt und pointiert und lautmalerisch in die spezielle Münchner Welt des Bösen plaziert. Besser geht es nicht.
Es handelt sich beim vorliegenden Buch um den 5. Band rund um die unermüdlich radlfahrenden Rechtsmedizinerin Dr. Sofie Rosenhuth, für mich eine (leider späte) Neuentdeckung! Auch ohne Vorkenntnisse und ohne zu fremdeln wurde ich sehr schnell hineingezogen in das Beziehungs- und Arbeitsgeflecht zwischen Kriminalkommissar Joe Lederer und Dr. Sofie Rosenhuth und all den anderen Protagonisten, die sich rund um die in der Isar schwimmende Leiche, merkwürdige Schädelreliquien und Beute aus Kirchendiebstählen tummeln.
Spannend-humorvoll, lebendig, detailliert-liebevoll geschrieben wirft mich das Buch mitten hinein in mein bayerisches Sehnsuchtszentrum und lässt in meinem Kopfkino eine Sequenz nach der anderen in Farbe entstehen, unterlegt mit den perfekt lautmalerisch getroffenen Dialekt-Einwürfen. Absolute Leseempfehlung!

Veröffentlicht am 10.10.2018

Unerschöpfliche Schatzwelt der Bücher

Das Mädchen, das im Buchladen gefunden wurde
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Eine Frage an alle Buchliebhaber: Kann man ein Buch allein schon wegen des Titelbildes lieben? Ja, man kann, und wie. Und wenn dann der Inhalt so perfekt zum Cover passt, dann steht der persönlichen Auszeichnung ...


Eine Frage an alle Buchliebhaber: Kann man ein Buch allein schon wegen des Titelbildes lieben? Ja, man kann, und wie. Und wenn dann der Inhalt so perfekt zum Cover passt, dann steht der persönlichen Auszeichnung „besonders geliebtes Kinderbuch“ nichts mehr im Wege.
Property, ein sehr ungewöhnliches kleines Mädchen, wird eines Tages von ihren Eltern in der kleinen Buchhandlung von Netty und ihrem Sohn Michael vergessen. Michael stellt das Mädchen erst einmal ins Regal der Fundsachen, und als sie einfach nicht mehr abgeholt wird, nimmt Netty sie ganz selbstverständlich auf. Und so wächst Property mitten unter Büchern auf, lebt zwischen ihnen, mit ihnen – und das, obwohl sie nicht lesen kann! Eines Tages gewinnt die Familie bei einer Verlosung den größten und tollsten Buchladen der Welt, was für eine Aufregung! Doch dieser Buchladen birgt ein Geheimnis, und nur jemand mit viel, viel Bücherkenntnis kann das Geheimnis entschlüsseln.
Dieses anrührende Buch ist eine einerseits märchenhafte, zauberhafte Geschichte mit liebenswerten und eindrücklich ausgearbeiteten Personen, individuell, eigen-artig, und andererseits eine fantasievolle Erzählung, fesselnd, turbulent, abenteuerlich, mit lustigen Stellen aufgelockert, immer aber spannend zu lesen. Alles wird auf eine so schöne, direkte Art erzählt, als würde die Autorin mitten unter uns sitzen und uns gestenreich und lebendig von Property und all den Geschehnissen berichten. Feinfühlig, stilistisch schön geschrieben ist dieses Buch, es ist aber auch aufgrund der zauberhaften Illustrationen von Mila Marquis ein besonderer Buchschatz, den zu hüten es gilt. Denn ich wüsste mir keine bessere Möglichkeit, Kindern den Weg direkt in die unerschöpfliche Schatzwelt der Wörter, der Bücher, der Fantasie zu öffnen. Absolute Leseempfehlung!

Veröffentlicht am 08.10.2018

Diabolischer Lesespaß

Was sich liebt, das killt sich
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Was für ein geistreicher Spaß! Schon lange nicht mehr hat mich ein Buch so erfreut wie dieses hier. Bitterböse, händereibende, schamlos perfide Ideen mit bissigem Witz überbacken – ein Geschichtenauflauf ...


Was für ein geistreicher Spaß! Schon lange nicht mehr hat mich ein Buch so erfreut wie dieses hier. Bitterböse, händereibende, schamlos perfide Ideen mit bissigem Witz überbacken – ein Geschichtenauflauf ganz und gar nach meinem Geschmack.
Die musikalisch und medizinisch bewanderte Sandra Lüpkes mit ihrem hinterhältigen Humor hat es mir besonders angetan, wobei der Wilsberg-Schöpfer und Hamam-Kenner Jürgen Kehrer mit seiner perfiden Bösartigkeit in nichts zurücksteht. Wenn ein Buch schon mit solch einem beziehungslastigen Vorwort beginnt, kann es nur noch schlimmer kommen… Was tummelt sich da alles auf diesen Seiten. Ein Panoptikum diabolischer Ideen geistert durch die kriminelle Schöpferwelt der Autoren: Außerirdische (stinkend), Lieferanten (mit tiefgefrorener Vergangenheit), Medizinstudent (mit Titan-Präparierbesteck), Wilsberg himself (Walking linke an angel), Auftragskiller (Gewehr mit Häkelmützchen), ganz viel Schwitzen und Schwatzen. Und isländische Trolle schaffen den Rest.
Eine wunderbare, nein, eine geniale Sammlung geistreicher Geschichten, die auf kreativ-hinterhältige Weise endgültige Lösungen für Beziehungsprobleme aller Art anbieten. Und so habe ich viel gelernt: Ob Tiefkühlkost oder Kröten oder Beeren - nichts ist immer so wie es scheint. Und mit dem Wort Hypokoristika kann man toll angeben. Auch nicht schlecht. Unbedingt lesen!!!

Veröffentlicht am 06.10.2018

Ein Roman mit emotionaler Wucht

Lempi, das heißt Liebe
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Um den geschichtlichen Hintergrund des Buches besser einordnen zu können, ist es meiner Meinung nach sehr empfehlenswert, vor Lektüre des Romans zuerst das sehr informative Nachwort der Übersetzerin zu ...


Um den geschichtlichen Hintergrund des Buches besser einordnen zu können, ist es meiner Meinung nach sehr empfehlenswert, vor Lektüre des Romans zuerst das sehr informative Nachwort der Übersetzerin zu lesen. Es half mir, das besondere Verhältnis zwischen Finnen und Deutschen während und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg und damit die erzählten Geschehnisse besser einordnen zu können
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Viljami, ein junger Bauernsohn, verliebt sich in Lempi, die beschützte und gebildete Tochter eines Ladenbesitzers aus einer kleinen Stadt im finnischen Lappland. Nach einer überstürzten Heirat zieht Lempi, die keinerlei Ahnung hat vom Landleben und der harten Arbeit dort, auf den Hof zu Viljami. Ihr zur Seite gestellt wird als Hilfe Elli, die Magd, die tief in ihrem Innersten am liebsten an Lempis Stelle wäre. Nach wenigen Monaten gemeinsamen Glücks wird Viljami zum Kriegsdienst eingezogen. Als er zurückkehrt, seelisch gebrochen, ist Lempi verschwunden.

Der Roman kommt ganz schlicht daher. Und hat doch eine Wucht, die schwer zu beschreiben ist. Die Autorin hat einen ungewöhnlichen Weg gefunden, uns Lempi näher zu bringen, wobei sie uns am Ende des Romans sogar noch ferner ist als zu Beginn des Buches. Aus drei verschiedenen Perspektiven werden uns Lempi und ihr Leben geschildert. Zunächst erzählt Viljami mit den Augen einer tiefen Liebe. Er ist vom ersten Augenblick an Lempi verfallen, und mit ihr zu leben ist sein größtes Glück, ja sein Lebensinhalt. Intensiv und ergreifend wird die kurze Zeit des Glücks und die ewig während scheinende Zeit des Verlusts geschildert. Lempi wird auf eine durch Liebe verklärende Weise schier engelsgleich nahegebracht. Dann erfolgt die Erzählung aus der Sicht von Elli, der Magd. Hier begegnet dem Leser mit schmerzender Gewalt die Kraft des Hasses, der Eifersucht, des Neids. Lempi erscheint uns in diesem Erzählstrang als untaugliche, unnütze, eitle und ihres Glücks nicht würdige Frau. Zuletzt kommt noch Sisko, die Schwester, zu Wort. Wir erfahren viel über das enge Verhältnis der Schwestern vor der Hochzeit Lempis, von ihren gemeinsamen Zukunftsträumen. Lempi wirkt hier in ihrem unabhängigen Denken, in ihren Gesten wie eine mutige Leitfigur, der es gilt nachzustreben.

Das alles ist Lempi und vielleicht doch nichts wirklich von alldem. Sie selbst kommt nicht zu Wort. Selten wurde mir deutlicher vor Augen geführt, wie Meinungsbildung funktioniert und zu welchen Irrtümern oder eingeschränkten Sichtweisen subjektive Wahrnehmung führt. Der eindrücklich Roman ist verpackt in schlichten Sätzen, und doch lyrisch-poetisch, schmerzend schön, hart und weich zugleich, mit emotionaler Wucht packend und lange nachwirkend. Absolut lesenswert!