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Veröffentlicht am 30.10.2016

unbedingte Leseempfehlung

The Dry
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Es gibt Bücher, die nimmt man eigentlich nur mal kurz zur Hand um reinzuschnuppern. Und dann packen sie einen von der ersten Seite an und lassen einen bis zum Ende nicht mehr los. Solch ein Buch war für ...

Es gibt Bücher, die nimmt man eigentlich nur mal kurz zur Hand um reinzuschnuppern. Und dann packen sie einen von der ersten Seite an und lassen einen bis zum Ende nicht mehr los. Solch ein Buch war für mich „The Dry“ von Jane Harper. Es handelt sich um einen Erstling, aber man merkt, dass die Autorin eine geübte Schreiberin ist, die auch mit wenigen, wohl gesetzten Worten den Leser zu fesseln weiß.

Die Geschichte spielt in Australien, irgendwo in der kleinen Stadt Kiewarra. Das Land erlebt nicht zum ersten Mal eine lange Dürreperiode und so manche Existenz wird von der Trockenheit bedroht. Auf der abgelegenen Farm der Familie Hadler hat sich scheinbar eine Familientragödie ereignet. Der Vater Luke hat Mutter und Sohn erschossen und sich danach selbst hingerichtet. Nur das Baby wird schreiend aber lebend im Haus gefunden. Als nach vielen Jahren sein Jugendfreund Aaron Falk zur Beerdigung kommt bittet der Vater von Luke ihn darum, nachzuforschen, ob es wirklich so war, wie alle Welt inklusive der Polizei glaubt. Falk und der zuständige Sergeant Raco fangen vorsichtig an zu ermitteln und finden sehr schnell Ungereimtheiten. Aber es zeigt sich auch, dass ein dramatisches Unglück der Vergangenheit in direktem Zusammenhang mit den Geschehnissen der Gegenwart steht.

Dieser Krimi ist im besten Sinne ein Krimi der alten Schule. Einer, in dem Stück für Stück, Puzzleteil für Puzzleteil das große Ganze zusammengesetzt wird. Dabei wird immer mal wieder ein Blick in die Vergangenheit gewagt und der Tod eines jungen Mädchens aber auch die Freundschaft von Luke und Aaron erzählt und beleuchtet. Jane Harper entwirft klug und mit psychologischer Raffinesse ihre Figuren. Ihre Sprache wirkt manchmal reduziert auf das Nötigste, aber nie hölzern oder trivial sondern immer mit einem Gespür für die Zwischentöne, die auch der Leser rausschmecken kann. Die Geschichte könnte in jeder Kleinstadt auf der Welt spielen. Australien ist in der Handlung kaum erkennbar. Einerseits ist das schade aber andererseits wird dadurch das Augenmerk verstärkt auf die kleine Gemeinde und die menschlichen Abgründe gelenkt und nur die Hitze ist es, die neben den Menschen eine große und spürbare Rolle spielt.

Ein toller Krimi. Eine Autorin, die sich sofort in meine Hitliste der guten Autoren geschrieben hat und von der ich mir bald Neues erhoffe.

Veröffentlicht am 12.10.2016

Tolles Debut

Frostflamme
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Um einen guten Fantasy-Roman zu schreiben braucht es weit mehr Inkredenzien, als der flüchtige Betrachter im ersten Augenblick wohl vermutet. Es genügt bei Weitem nicht, dass der Autor einfach eine hübsche ...

Um einen guten Fantasy-Roman zu schreiben braucht es weit mehr Inkredenzien, als der flüchtige Betrachter im ersten Augenblick wohl vermutet. Es genügt bei Weitem nicht, dass der Autor einfach eine hübsche Karte eines erfundenen Landes anlegt, durch das die Protagonisten später einmal quer durch reisen werden. Dazu eine Handvoll Akteure mit möglichst exotischen vielleicht gar unmöglich aussprechbaren Namen, von denen der ein oder andere magische Fähigkeiten hat, die er dann zum Wohle aller auch anwenden wird. Und ein paar fantastische Wesen dürfen auch nicht fehlen.

All dies hat „Frostflamme“ natürlich auch – mehr oder weniger. Aber der Autor gehört zu denen, die erkannt haben, dass ein guter Fantasy-Roman so viel mehr braucht. Und von diesen Zutaten hat er eine Fülle, die mich schnell begeistert haben.

Da sind einmal die facettenreichen Charaktere. Hier gibt es keine Schwarz-weiß-Malerei. Hier gibt es Stärken und Schwächen, mit denen die Protagonisten zu kämpfen haben – und auch der Leser, der zwar schnell zwei, drei Helden ausmachen kann, der aber auch mit den dunklen Seiten leben muss, die diese Helden oder Heldinnen haben und auch ausleben. Dazu kommt ein starkes Beziehungsgeflecht; ein weit verzweigtes Netz, welches ständig erweitert, neu geknüpft, auch mal zerrissen wird. Die Zuneigung der Protagonisten zueinander ist nicht eindimensional sondern kompliziert und unterliegt wie die Charaktere einer Entwicklung, die durchaus noch ein paar Bände mehr füllen kann.

Interessant ist auch die politische und soziale Komponente in diesem Buch. Die Darsteller leben in einer mittelalterlich anmutenden Welt, die durch den Glauben und den Aberglauben bestimmt wird und in der starke Führer das Volk lenken, aber den Menschen – und anderen Wesen – dadurch auch wenig Freiraum gewähren wollen. Die Regeln und Gesetze sind streng, die Strafen teils sehr drakonisch.

Und dann gibt es noch die Feinheiten in dieser Fantasy-Geschichte. Die, die das Leserherz erst höher schlagen lassen. Die, die aus einem guten, einen sehr guten Roman machen. Die, die mich an einer Geschichte fesseln und so überzeugen, dass ich nach dem ersten Band schon auf die Fortsetzung lechze. Und davon hat „Frostflamme“ reichlich:
Dass der Held erst mal ohne Gedächtnis rumläuft und der Leser mit ihm zusammen versuchen muss, die Wahrheiten rauszufinden, die sein Schicksal bestimmen werden. Dass die Liebesgeschichte eigentlich erst in den Anfängen ist, obwohl die beiden ziemlich schnell verheiratet sind und dass es Krisen und Unsicherheiten gibt, wie in einem guten Beziehungsroman. Dass neben den beiden Hauptdarstellern noch ein paar wirklich unterhaltsame Figuren das Buch bevölkern und mein Herz im Sturm erobert haben. Dass die Dialoge anregend, glaubwürdig und mit Wortwitz waren und zur Spannungsmaximierung der Handlung eingesetzt wurden. Dass die Magie und Phantasie wohl dosiert eingesetzt wird und fast unmerklich vorhanden ist. Hier wird nicht gleich wild drauflos gezaubert sondern man hat das Gefühl, dass der Autor sein „Feuer“ wohldosiert einsetzt und nicht gleich die ganze Munition im ersten Teil verpulvert.

Ein hervorragendes Debut. Frostflamme hat mich restlos überzeugt. Bitte baldmöglichst die Fortsetzung.

Veröffentlicht am 03.10.2016

Großartiger Roman

Die Nachtigall
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1939 Frankreich. Die Schwestern Rossignol haben schon früh die Mutter verloren und der Vater ist froh, dass er die jüngere Tochter Isabelle in diverse Internate abschieben kann und die ältere Tochter Vianna ...

1939 Frankreich. Die Schwestern Rossignol haben schon früh die Mutter verloren und der Vater ist froh, dass er die jüngere Tochter Isabelle in diverse Internate abschieben kann und die ältere Tochter Vianna ihren Mann kennenlernt und blutjung heiratet. Als die Deutschen 1940 in Paris einmarschieren schickt er Isabelle gegen ihren Willen zur Schwester aufs Land. Die Reise dorthin wird von Fliegerangriffen überschattet und Isabelle lernt Gaeton kennen der sie schließlich doch noch unversehrt ans Ziel bringen kann. Aber schon bald geraten die beiden Geschwister aneinander, denn Isabelle ist rebellisch und voller jugendlichen Tatendrang und möchte die Besatzung durch den Feind nicht klaglos erdulden. Sie schließt sich heimlich dem Widerstand an und reist so bald als möglich zurück nach Paris, um dort dabei zu helfen, abgeschossene Alliierten-Piloten über das Gebirge nach Spanien zu schmuggeln. Die Deutschen nennen sie „Die Nachtigall“, freilich ohne zu wissen, dass es sich tatsächlich um eine Frau handelt, die dem Feind immer wieder ein Schnippchen schlägt.

Vianne ist anfangs von der Angst wie gelähmt, hofft monatelang, dass ihr Mann aus der Gefangenschaft zurückkommt. Ein deutscher Offizier wird bei ihr einquartiert und sie glaubt lange, dass sie ihre Tochter und sich am Besten schützen könnte, wenn sie sich still und unauffällig verhält und nichts tut, was sie gefährden könnte. Aber dann werden die ersten Judentransporte organisiert und ihre beste Freundin Rachel soll deportiert werden. So erkennt auch Vianne, dass es Zeit wird, Stellung zu beziehen und sich zu wehren, so gut es eben geht.

Ich hatte vorher noch kein Buch von Kristin Hannah gelesen. Wohl, weil ich dachte, dass es sich vor allem um triviale Frauenliteratur handeln würde. Also Liebesgeschichten ohne Tiefgang und Nährwert. Nachdem ich nun „Die Nachtigall“ gelesen habe, bin ich geneigt zu glauben, dass ich hier wohl etwas versäumt habe. Denn sowohl der eindringliche Schreibstil als auch der spannende Plot haben mich von der ersten Seite an gefangen genommen und ich bin begeistert von der Geschichte um die zwei französsichen Schwestern, die voller Liebe, Drama, Gefühl und geschichtlichen Details ist und zu keiner Zeit langweilig oder gar kitschig war.

Das Buch hat mich aufgewühlt. Ich habe um das Leben der Schwestern gebangt, um ihre Freundinnen und ihre Liebsten. Die Gräuel des Krieges werden nicht verschwiegen und auch die Familie Rossignol muss einen mehr als hohen Preis zahlen. Dennoch ist das Ende eines mit einem versöhnlichen Unterton, eines, mit dem man als Leser leben kann und welches einen das Buch zufrieden und mit einem Lächeln unter Tränen schließen lässt.

Oh weh, wenn ich nicht nicht aufpasse wird meine euphorische Rezension jetzt selber kitschig. Einfach ein großartiger Roman der alles hat, was das Leserherz begehrt.

Veröffentlicht am 01.10.2016

schöner All-Age-Fantasy-Roman

London
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Emilie Laing ist erwachsen geworden – auch wenn sie sich selber nicht immer so sieht. Und eigentlich ist sie zufrieden mit sich, ihrem Job als psychologische Angstbesiegerin, ihrem Leben in London, ihren ...

Emilie Laing ist erwachsen geworden – auch wenn sie sich selber nicht immer so sieht. Und eigentlich ist sie zufrieden mit sich, ihrem Job als psychologische Angstbesiegerin, ihrem Leben in London, ihren Freunden, allen voran natürlich Wittgenstein. Aber dann verschwindet auf einmal alles, was sie liebt, während sie im eiskalten Wind auf einem Bahnhof steht und Emilie muss erkennen, dass ihre Abenteuer in der Uralten Metropole keineswegs der Vergangenheit angehören.
Wer Christoph Marzi und seine „Uralte Metropole“ kennt und schätzt, wird natürlich ungesehen zu seinem neuen Buch „London“ greifen, welches zu altbekannten Protagonisten zurückkehrt und wieder in dieser magischen gar nicht so fernen Welt spielt. Aber auch für Quer- und Neueinsteiger ist dieses Buch problemlos lesbar und macht sicherlich Lust auf mehr von diesem Autor. (Die richtige Reihenfolge wäre natürlich ratenswert.)
Ich habe die meisten von Christoph Marzi’s Büchern gelesen. Und er ist einer der Autoren, der von Buch zu Buch, von Jahr zu Jahr, besser werden. Seine Sprache ist flüssiger geworden, noch kraftvoller und eindringlicher. Und der Plot ist liebevoll und spannend ausgeklügelt und unterhält von der ersten bis zu letzten Seite. Marzi liebt es, mit Worten zu spielen und mystische Orte aus der Phantasie zu erschaffen. Und er beschreibt die Empfindungen seiner Heldinnen und Helden ausführlich und mit großer Empathie. Es fällt leicht, seien Figuren zu lieben und in ihre Welt einzutauchen. Er lässt sich immer Zeit, den Leser mitzunehmen. Manchmal wirkt das etwas langatmig aber in der Sprache kann man schwelgen.
Einordnen würde ich das Buch „London“ eindeutig unter All-Age, denn es ist nicht nur für junge Menschen gedacht, sondern auch für Erwachsene und ältere Semester eine unterhaltsame Lektüre. Ich wurde sehr gut unterhalten. Ein dickes Lob gibt es von mir noch für dieses kongenial schöne Cover, welches sicherlich so manchen Leser zum Kauf verleiten wird.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Dicke Leseempfehlung

Ein französischer Sommer
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Zum Inhalt:
1911. Die fünfzehnjährige Clare verbringt nach dem Tod ihres Vaters einen Sommer auf dem kleinen Landgut einer befreundeten Familie. Allein und noch voller Trauer reagiert sie sehr empfindsam ...

Zum Inhalt:
1911. Die fünfzehnjährige Clare verbringt nach dem Tod ihres Vaters einen Sommer auf dem kleinen Landgut einer befreundeten Familie. Allein und noch voller Trauer reagiert sie sehr empfindsam auf Luc, den Sohn des Hauses, der ihr nach anfänglichem Zögern bald zu einem ehrlichen Freund und Vertrauten wird. Mit ihm erlebt sie ein paar intensive Wochen bis ihr Großvater sie mitnimmt auf eine mehrjährige Reise. Die zart geknüpften Bande versuchen die beiden jungen Leute durch einen intensiven Briefwechsel aufrecht zu erhalten aber ihre Reise und der Ausbruch des ersten Weltkrieges lassen den Kontakt bald abbrechen. Können die beiden nach Kriegsende trotz der unterschiedlichen, teils schrecklichen Erlebnisse, die sie in der Zwischenzeit gemacht haben, wieder zueinander finden und vielleicht sogar ein Liebespaar werden?

Meine Meinung:
Ich habe im Laufe des letzten Jahres insgesamt bereits vier Bücher gelesen, welche thematisch und zeitlich ähnlich gelagert waren. Also Bücher, in denen junge Menschen sich kurz vor Ausbruch des ersten Weltkrieges kennen- und lieben lernen und dann durch diesen auseinander gerissen werden und sich später wiedertreffen, verletzt nicht nur an Geist und Seele sondern durchaus auch körperlich. Die Verarbeitung der furchtbaren Erfahrungen und die Frage, ob sie dennoch oder gerade deshalb zueinander finden und wie die physischen und psychischen Wunden zu verarbeiten sind, sind zentrale Fragen.
Es ist mein zweites Buch von Jessica Brockmole. Und auch hier spielen Briefe eine wichtige Rolle aber es ist kein Briefroman, wie ihr Erstling sondern in weiten Teilen ein Prosatext. Ihre Sprache ist dabei einfach aber nicht banal. Vor allem ihre Beschreibungen über die zarten und zerbrechlichen Gefühle der Protagonisten sind treffend und zu Herzen gehend. Die intensiven Gespräche von Luc und Clare waren realistisch und befeuerten mein Kopfkino aufs Beste. Die abwechselnden Perspektiven zwischen den beiden Darstellern gaben Einblicke in beider Gefühlsleben und die Irrungen und Wirrungen waren teilweise sehr überraschend und gerade dem Ende zu macht das Buch noch ein, zwei Volten, die die Spannung noch mal in die Höhe schnellen ließen.
Mir hat das Buch ausgesprochen gut gefallen. Es erinnerte mich vor allem an „Eins wollte ich Dir noch sagen“ von Louisa Young, denn es ging u.a. um die Entstellungen, die die Soldaten im Krieg erlitten und wie man ihnen u.a. auch mit speziell angefertigten Gesichts-Masken helfen konnte. Auch die Malerei und die Kunst allgemein spielen eine große Rolle, da beide Protagonisten aus Künstlerfamilien kommen.
Von mir bekommt das Buch eine dicke Leseempfehlung.