Profilbild von TochterAlice

TochterAlice

Lesejury Star
offline

TochterAlice ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit TochterAlice über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 20.05.2019

Durchs Leben schwimmen

Im Freibad
0

Das tut Rosemary Peterson im wahrsten Sinne des Wortes - bereits seit achtzig Jahren ist sie eine treue Besucherin des Freibades in Brixton, dem Londoner Stadtteil, in dem sie ihr Leben lang ...

Das tut Rosemary Peterson im wahrsten Sinne des Wortes - bereits seit achtzig Jahren ist sie eine treue Besucherin des Freibades in Brixton, dem Londoner Stadtteil, in dem sie ihr Leben lang gelebt hat - sogar während des Krieges wurde sie nicht evakuiert, als eines der wenigen Kinder.

Inzwischen gehört es zu ihrem Leben dazu - wie sehr, das merkt sie erst, als es geschlossen werden soll! Ein Immobilienhai will es zur zentralen Sportanlage seines Wohnkomplexes umbauen und aus dem Pool selbst einen Tennisplatz machen! Sie schafft es, einige Leute zur Gegenwehr zu mobilisieren, allen voran Journalistin Kate, angestellt beim Lokalblatt, jung und noch ganz neu im Quartier.

Ja, eigentlich lernt Kate erst durch Rosemary Brixton kennen und lieben. Man könnte sogar sagen, dass sie erst durch Rosemary lernt, das Leben zu genießen - allen voran das Schwimmbad, das auch für sie - nicht nur wegen Rosemary zu einem unverzichtbaren Mittelpunkt des Viertels wird. Aber sie lernt auch Mitmenschen kennen, nämlich viele ihrer neuen Nachbarn und sie erfährt, dass Freunde manchmal so wichtig sind wie eine Familie. Und das Freunde mitnichten nur Altersgenossen sein müssen - manchmal entwickeln sich Personen zu Schicksalsgefährten, von denen man es nie erwartet hätte.

Trotz diverser positiver Erfahrungen vor allem im sozialen Bereich scheint es einfach unmöglich zu sein, die Schließung des Bades zu verhindern, zumal die Stadt gemeinsame Sache mit dem Investor macht.

Ein warmherziger Roman, der nicht nur die Gegenwart beschreibt - nein, Rosemary blickt zurück auf ihr ganzes erfülltes Leben, von dem sie einen Großteil - nämlich mehr als sechzig Jahre - mit Ehemann George, dem lokalen Gemüsehändler, verbracht hat. Ein glückliches Leben, das sich fast ausschließlich in Brixton abgespielt hat.

Ein Roman von einer jungen Autorin, die ein großes Verständnis und Einfühlungsvermögen für und in ihre Mitmenschen unterschiedlicher Geschlechter, Herkunft und Generationen hat. Sie beschreibt sie mit einer Wärme und Aufmerksamkeit, ja Zärtlichkeit, die ihresgleichen sucht. Und für die die Vermittlung immaterieller Werte wie Freundschaft, das Füreinander Einstehen und das Teilen sowohl von Sorgen als auch von Freuden an oberster Stelle steht.

Wer einen sommerlichen Unterhaltungsroman mit einem gewissen Anspruch, einer Botschaft sucht, der sich nicht nur für den London-Urlaub eignet, der wird von diesem Roman nicht enttäuscht sein. Es werden mitnichten nur die heiteren Stunden des Lebens erzählt, doch legt man das Buch mit einem Lächeln und einem warmen Gefühl im Bauch, wenn man nicht gerade ein absoluter Misanthrop ist.

Veröffentlicht am 23.04.2019

Es braut sich was zusammen

Fünf Tage in Paris
0

Sowohl in Paris, das von Starkregen so heimgesucht ist, dass die Seine außer Rand und Band zu geraten droht, als auch in der Familie Malegarde. Diese nämlich - Eltern und die beiden längst erwachsenen ...

Sowohl in Paris, das von Starkregen so heimgesucht ist, dass die Seine außer Rand und Band zu geraten droht, als auch in der Familie Malegarde. Diese nämlich - Eltern und die beiden längst erwachsenen Kinder Tilia und Linden - hat sich zusammengefunden, um in kleiner Runde ein umso bedeutungsvolleres Fest zu feiern, für das es einen doppelten Anlass gibt: den siebzigsten Geburtstag des Vaters Paul sowie den vierzigsten Hochzeitstag der Eltern.

Doch schon am ersten Abend fühlt sich der Vater unwohl und beide Eltern - Paul und Lauren - bleiben auf dem Zimmer, erst am nächsten Tag trifft sich die Familie zu einem ersten Rundgang, der in Teilen im wahrsten Sinne ins Wasser fällt. Und im übertragenen dann nochmal am Abend, als der Vater ausgerechnet am Abend seines 70sten Geburtstags einen Schlaganfall erleidet.

Schnell wird er ins Krankenhaus gebracht, der Zustand ist ernst. Parallel dazu erkrankt Mutter Lauren an einem starken Grippevirus, Tilia kümmert sich um sie, Linden um den Vater und um die Gesamtsituation.

Linden ist es auch, aus dessen Perspektive die Handlung geschildert wird: ein erfolgreicher Fotograf Mitte dreißig, der es aus verschiedenen Gründen schwer hatte in der Kindheit und Jugend und in Teilen bei seiner mittlerweile verstorbenen Tante, der älteren Schwester seiner Mutter aufwuchs.

Mit Tilia verbindet ihn eine enge Beziehung, auch wenn sie auf verschiedenen Kontinenten leben, mit den Eltern ist er eher auf Abstand - eine emotionale Annäherung vor allem zunächst an Vater Paul erfolgt in dieser absoluten Extremsituation.

Autorin Tatiana de Rosnay legt hier einen perfekt komponierten Roman vor, in dem sich Naturgewalt und die Situation der Familie Malegarde parallel zu einem dramatischen, eskalierenden Höhepunkt entwickeln. Ein Roman mit einer überaus starken Symbolik und einer enormen Kraft, der nicht so leicht vergessen werden kann.

Veröffentlicht am 19.04.2019

Kühle Leidenschaft

Marlene und die Suche nach Liebe
0

Diesen scheinbaren Widerspruch hat Marlene Dietrich gelebt, jedenfalls dem biographischen Roman C.W. Gortners zufolge. Der Autor lässt uns die Schauspielerin mit der besonderen Ausstrahlung auch als starke ...

Diesen scheinbaren Widerspruch hat Marlene Dietrich gelebt, jedenfalls dem biographischen Roman C.W. Gortners zufolge. Der Autor lässt uns die Schauspielerin mit der besonderen Ausstrahlung auch als starke Frau erleben, als eine, die sich niemals die Butter vom Brot nehmen ließ, auch wenn es hart auf hart kam.

Und das kam nicht selten vor in ihrem Leben: durch den frühen Tod ihres Vaters in einfachen Verhältnissen aufgewachsen, kam sie in den "Roaring Twenties" durch ein eher halbseidenes Milieu zum Film, wo sie schnell den Durchbruch schaffte.

Man könnte sagen, sie war zur richtigen Zeit am richtigen Ort, denn sie war Berlinerin, und das bedeutete in den 1920ern, am Puls der Zeit zu leben. Jedenfalls, was die Kultur anging.

Wir lernen "die Dietrich" als Frau lernen, die sowohl Frauen als auch Männer liebte und mit ihrem Ehemann und Vater ihrer Tochter verheiratet blieb, obwohl seit Jahrzehnten getrennt lebend. Als eine tapfere Frau, die den Nazis schon früh die Stirn bot, auch wenn das nur in Teilen ihrer eigenen Familie gut ankam. Als schwierige Frau, die ihrer Zeit weit voraus war und als Frau mit einem riesengroßen Herzen. Kühl wirkte sie, doch ihre Leidenschaft blieb dennoch nicht im Verborgenen.

Ein wirklich spannender und unterhaltsamer biographischer Roman, den ich mit großem Genuss gelesen habe und gerne weiter empfehle.

Veröffentlicht am 13.04.2019

Bitterste Rache

Nemesis
0

Lesefreudige Frauen sollten für die Lektüre dieses Thrillers starke Nerven mitbringen, denn zu ertragen, was hier im Verlauf der Handlung ihren Geschlechtsgenossinnen zustößt, ist fast unerträglich! ...

Lesefreudige Frauen sollten für die Lektüre dieses Thrillers starke Nerven mitbringen, denn zu ertragen, was hier im Verlauf der Handlung ihren Geschlechtsgenossinnen zustößt, ist fast unerträglich! Durch eine Partnerschaftsplattform im Internet angelockt von einem galanten Adonis, verwandelt dieser sich beim trauten Tete á Tete in eine Bestie, der die Frau zunächst stundenlang mißbraucht, dabei foltert und dann umbringt. Und das alles vor den Augen gut zahlender Zuschauer, die das genüsslich kommentieren und die DVD - zum wiederholten Betrachten zu Hause danach mit auf den Weg bekommen. Wie auf einem Familienfest! Ja, es ist wirklich unglaublich, was hier vor sich geht.

Doch Staatsanwältin CJ Townsend ist in ihrem mittlerweile vierten Fall den Männern auf der Spur - zumindest einigen. Sie ist nämlich nicht nur als Ermittlerin in diese Verbrechen involviert. Wird sie alle bekannten Fälle - dreizehn an der Zahl - auflösen können?

Zumindest kann so viel verraten werden, dass einige der Hinterbliebenen eine bittere Genugtuung erfahren - und andere das genaue Gegenteil.

Jiliane Hoffmann schreibt so eindringlich wie möglich, so brutal wie nötig. Allerdings sei nochmal gesagt, dass hier Notwendigkeit zur genauen Erläuterung von Gewaltausübung ausgesprochen hoch ist, es geht also nicht gerade sachte zu. Die Autorin begibt sich in die dunkelsten Gefilde menschlicher bzw. männlicher Begierden, wenn man das so nennen kann.

Auf der anderen Seite jedoch gibt sie durch diesen Thriller Frauen ihre Würde zurück - auf eine durchaus ungewöhnliche Art und Weise. Dadurch wird dieses Buch zu etwas ganz Besonderem, finde ich.

Ich kannte die Cupido-Reihe bisher nicht, hatte aber überhaupt kein Problem, beim vierten und letzten Band einzusteigen. Der Leser wird genau dort abgeholt, wo er jeweils steht. Lesenswert für Frauen und für diejenigen, denen die Geschicke der Frauen am Herzen liegen. Aber nur dann, wenn sie wirklich hart im Nehmen sind!

Veröffentlicht am 02.03.2019

Auf der Mauer, auf der Lauer

Die Mauer
0

sitzt keine kleine Wanze, sondern ein Haufen Briten, "Verteidiger" genannt. Wobei der Begriff "Haufen" zu despektierlich gewählt ist: es ist eine durchorganisierte Truppe, die exakt durchstrukturiert ...

sitzt keine kleine Wanze, sondern ein Haufen Briten, "Verteidiger" genannt. Wobei der Begriff "Haufen" zu despektierlich gewählt ist: es ist eine durchorganisierte Truppe, die exakt durchstrukturiert ist und punktgenau tickt. Diese Verteidiger leben in einem Land, einem Bereich, einem Territorium, einer Zone - wie auch immer, genau wird es nicht bezeichnet, auch wenn aufgrund der Ortsbezeichnungen immer wieder klar wird, dass Englad gemeint ist - in das viele andere rein wollen. Über das Meer, denn eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Sie werden ebenso wie die genauen politischen Strukturen nicht näher erläutert, es sind einfach "Die Anderen".

Die Zeit der Mauerverteidigung währt zwei Jahre und davon ist - ab einem bestimmten Alter - niemand ausgenommen. Wobei - sie kann verlängert werden vom jeweiligen Vorgesetzten, einfach so, ohne dass man dagegen etwas machen kann.

Wenn man einen der "Anderen" durchgelassen hat, dann passiert etwas ganz Schreckliches. Wobei - eigentlich ist ja seit Jahren nichts passiert, aber gerade braut sich wieder etwas zusammen. Und zwar nicht zu knapp.

Der großartige englische Romancier John Lanchester hat hier eine eigene Welt geschaffen. Eine, die mit der von Pippi Langstrumpf, die sich "ihre Welt malt, wie sie ihr gefällt" so gar nichts zu tun hat.

Nein, es ist eine düstere, bedrohliche. Für uns jedenfalls, die wir anderes gewohnt sind. Lanchesters Protagonist Joseph Kavanagh nicht unbedingt, er ist in diesen Strukturen aufgewachsen und kennt nichts anderes. Seine Eltern allerdings schon, denn sie haben das "davor" erlebt. Worüber sie aber nicht allzuviel erzählen (dürfen). Nach und nach wird uns diese für Joseph, den Ich-Erzähler, so selbstverständlich erscheinende Welt vermittelt. Eine Welt, die alles andere als transparent ist und in der - wie es sich zeigt - es auch für Joseph noch viel zu erfahren gibt. Beklemmendes, Düsteres, Erschreckendes - so in etwa in dieser Reihenfolge.

In mir hat die Lektüre ein ungutes Gefühl hinterlassen. Eines, dass mich an die Gegenwart denken ließ, an ein Jetzt, in dem neue Mauern hochgezogen werden (sollen), in dem viele Menschen unbedingt woanders sein wollen, als da, wo sie sind. Und andere sie nicht dorthin lassen wollen. In einer Gegenwart also, in der viele nicht dorthin dürfen, wo sie hin wollen, nicht einmal dann, wenn ihre Lieben bereits dort sind. In ein Jetzt, in dem man sich Tag für Tag fragt, wem man denn überhaupt noch trauen kann.

Ist das möglicherweise bereits die Vorstufe zu einer Welt, ähnlich der des Lanchester-Entwurfs? Es könnte schon sein. Aus meiner Sicht ist dies ein phänomenales Gegenstück zu "1984", ein wenig zuversichtlicher Entwurf einer Zukunft, die gar nicht so weit weg zu sein scheint. Es war keine Freude, diesen Roman zu lesen, nein, ganz und gar nicht. Eher eine Notwendigkeit. Die Lektüre hat mich nicht entspannt, sehr wohl aber bereichert. Ein Buch, das weh tut und das sich dennoch jeder, der von sich behauptet, im Hier und Jetzt angekommen zu sein, zu Gemüte führen sollte!