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Veröffentlicht am 02.06.2019

Kein Unterhaltungsroman

Die Nickel Boys
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Wieder einmal ist es richtig starker Tobak, den Colson Whitehead hier seinen Lesern vorsetzt und wieder einmal sind es wahre Ereignisse, die die Grundlage der Handlung bilden. Im Gegensatz zum ...

Wieder einmal ist es richtig starker Tobak, den Colson Whitehead hier seinen Lesern vorsetzt und wieder einmal sind es wahre Ereignisse, die die Grundlage der Handlung bilden. Im Gegensatz zum preisgekrönten Vorgängerroman des Autors, "Underground Railroad" spielt dieser in der jüngeren Vergangenheit - in einer, die die älteren Leser schon bewusst miterlebt haben dürften, nämlich in den frühen 1960er Jahren.

Der Protagonist Elwood wächst bei seiner Großmutter in Florida in einfachen Verhältnissen auf und ihm ist schon klar, dass er nicht gerade die rosigsten Zukunftsaussichten hat. Dafür hat er die falsche Hautfarbe. Aber er kennt und verehrt Martin Luther King und dessen Aussagen geben ihm Hoffnung. Diese vermag er, ein Musterschüler und auch sonst ein Mensch mit Visionen, so sehr mit Taten und Erfolgen zu füllen, dass sein Collegebesuch trotz magerer Finanzen unmittelbar bevorsteht. Denn so ein besonderer junger Mensch hat Unterstützer und Befürworter.

Doch gleich am ersten Tag passiert etwas auf dem Weg ins College, das Elwood sämtliche erfreuliche Zukunftsaussichten begraben lässt: er gilt nun als kriminell und kommt in eine Besserungsanstalt und wird zu einem der Nickel Boys - so werden die Insassen dieser Einrichtung genannt. Und lernt, dass seine bisherigen Werte hier nichts gelten.

Ein Roman, dessen Handlung voller Ungerechtigkeit, Hass, Mißachtung und Niedertracht ist, voll von Ereignissen, die man während der Lektüre gar nicht glauben will, selbst wenn man bereits so einiges über die Rassentrennung weiß. Hier hat man den Leidensweg der afroamerikanischen Bevölkerung der vereinigten Staaten bildlich vor Augen, selbst wenn dies nur ein kleiner Ausschnitt davon ist.

Schmerzhaft ist diese Lektüre und mich hat sie auch wütend gemacht. Ganz schön sauer war ich darauf, was gewisse Menschen in der Vergangenheit nur wegen ihrer Hautfarbe erleiden mussten.

Colson Whitehead kleidet seine Botschaften in genau die richtigen Worte, er dramatisiert nicht. Und das ist auch nicht notwendig, denn die Ereignisse sind auch so extrem genug. Ich hatte die ganze Zeit das Bedürfnis, in das Buch hineinspringen und die armen Jungs dort rausholen zu wollen - natürlich nicht, ohne ihren Peinigern einen ordentlichen Denkzettel zu verpassen!

Das ist der Verdienst des Autors, der die Begebenheiten so eindringlich, anschaulich und bewegend, wie nur irgend möglich schildert! Und ausgesprochen rund, auch wenn ich gut und gerne noch weitergelesen hätte, um die besondere Atmosphäre, die der Autor geschaffen hat, vollends auszukosten.

Eines wird deutlich: Es gibt immer Neid und Missgunst. Ganz egal, wo man ist und auch dann, wenn man selbst überhaupt nicht drauf kommen würde. Und es gibt auch überall und zu jeder Zeit sadistische Menschen, die ihre Triebe ausleben, wann und wo sie können. Und das, ohne jemals ein schlechtes Gewissen zu haben: sie haben nämlich überhaupt keins.

Dieses Buch und seine traurige, realistische Geschichte, die trotz allem nicht ganz ohne Hoffnung ist, lehrt seine Leser, die Achtsamkeit gegenüber allen Mitmenschen, egal welcher Herkunft und Hautfarbe, wiederzufinden und in Ehren zu halten, ihrer gerade auch in der heutigen Zeit gewahr zu sein.

Nein, dies ist definitiv keine Unterhaltungslektüre, sondern ein überaus lohnender, wenn auch schmerzvoller zeitgeschichtlicher Roman, aber einer, den man gestärkt aus der Hand legt. Ein ganz besonderes Buch, das ich jedem empfehle, der stets bereit ist, zu erfahren, wie die Welt zu dem wurde, was sie ist.

Veröffentlicht am 30.05.2019

Ada erinnert sich

Solange sie tanzen
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Und das kann sie gut! Jedenfalls an Ereignisse, die lange zurückliegen, wie das kennenlernen ihres geliebten, nun auch schon verstorbenen Ehemannes Hans. Und sie denkt gern zurück - auch wenn die Zeiten ...

Und das kann sie gut! Jedenfalls an Ereignisse, die lange zurückliegen, wie das kennenlernen ihres geliebten, nun auch schon verstorbenen Ehemannes Hans. Und sie denkt gern zurück - auch wenn die Zeiten nicht immer rosig waren, hatten Hans und sie es doch immer gut miteinander - allein schon, weil sie zusammen waren, weil sie sich gefunden hatten!

Nun ist Ada allein, naja, allein zusammen mit ihrem riesigen Boxer Hemingway, beide von Hans zurückgelassen. Und sie hat ja auch noch ihre Kinder Susanne und Thomas, aber die führen ja längst ihr eigenes Leben.

Ein warmherziger, dabei ausgesprochen humorvoller Roman zu einem ernsten und gegenwärtig sehr präsenten und durch die demographische Verschiebung in den nächsten Jahren noch dringlicher werdenden Thema ist der Autorin Barbara Leciejewski gelungen. Über eine solche Problematik mit leichter Feder zu schreiben, ohne dabei oberflächlich zu werden oder die Probleme kleinzumachen - das ist schon große Kunst!

Ich wünsche diesem ausgesprochen gelungenen Buch viele Leser - vielleicht vermag es dem ein oder anderen, dessen Angehörige an Demenz und/oder Alzheimer leiden, eine Stütze zu sein oder in der ein oder anderen Hinsicht die Augen zu öffnen. Denn dass man hier gemeinsam und mit Liebe und Achtung sehr viel weiter kommt, das ist eine der zentralen Botschaften des Buches, das ich jedem Leser empfehle, der ein unterhaltsames Buch mit Tiefgang sucht!

Veröffentlicht am 03.05.2019

Ein ganz besonderes Gefühl

Siebzehnter Sommer
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Es ist ein ganz besonderes Gefühl, das die siebzehnjährige Angie durchdringt: das Gefühl, jung zu sein und eine ganz besondere Zeit zu durchleben. Genauer gesagt, einen ganz besonderen Sommer.

Sie ...

Es ist ein ganz besonderes Gefühl, das die siebzehnjährige Angie durchdringt: das Gefühl, jung zu sein und eine ganz besondere Zeit zu durchleben. Genauer gesagt, einen ganz besonderen Sommer.

Sie hat gerade die Schule abgeschlossen und wird aufs College gehen - das ist durchaus etwas Besonderes. Denn dieser Roman ist 1942 entstanden, in einer Zeit, in der es nicht unbedingt üblich war, dass Mädchen studieren. Doch Angies Familie hat vier davon - vier Töchter, Angie ist die Dritte und ihnen allen soll eine gute Ausbildung zukommen, da sind die Eltern sich einig.

Doch das ist nicht das Besondere an diesem Sommer, obwohl Angie sich sehr auf College freut. Nein, was neu ist: Jack ist in ihr Leben getreten. Jack, den sie vorher nur vom Sehen kannte, ein toller Sportler und Mädchenschwarm. Ausgerechnet er interessiert sich für Angie ...und sie dann auch bald für ihn.

Rasch wird deutlich, wie behütet sie aufgewachsen ist - wie in einem Kokon. Immer noch haben die wohlmeinenden Eltern ein Auge auf sie - doch der Sommer mit Jack, der wird auch von ihnen respektiert, auch wenn sie manchmal etwas streng auftreten. Zurecht vertrauen sie ihrer Tochter.

Ein schönes Buch, das mich sofort an die Zeit denken ließ, als ich selbst siebzehn war - das ist zwar noch keine 77, aber doch immerhin schon fast vierzig Jahre her. Ich hatte damals keinen Jack, der kam viel später, aber das verheißungsvolle Gefühl des Jungseins, das habe auch ich verspürt und bei dieser Lektüre wurde es wieder geweckt.

Maureen Daly hat es geschafft, einen absolut zeitlosen Roman in Bezug auf das Empfinden, jung zu sein, zu schreiben. Natürlich tickten im Jahr 1942 die Uhren noch ganz schön anders und man wundert sich auch sehr über einige Vorgänge, die nicht mehr so ablaufen, aber die Stimmung ist geblieben. Und wird hoffentlich auch für immer so sein. Eine Art Verheißung, ein Versprechen.

Zudem pflegt die Autorin einen überaus erfrischenden und stellenweise ausgesprochen humorvollen Stil: so ist bspw. Angies ältere Schwester Margaret "mit einem jungen Mann aus Milwaukee verlobt, der wie ein riesiges Pandababy aussieht und sich auch so benimmt." (S. 36)

Wer sich wieder jung fühlen will oder jung sein und bleiben will, zumindest gefühlt, der sollte diesen Roman unbedingt lesen! Und es ist auch etwas für die Leser, die den nahenden Sommer etwas bewusster spüren wollen. Eine wahre Sommerlektüre eben!

Veröffentlicht am 29.04.2019

Jung gefreit...

Glück am Morgen
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Annie und Carl machen den Schritt zur Gründung einer eigenen Familie sehr früh, vielmehr sollte man sagen, in sehr jungen Jahren, Achtzehn und zwanzig sind sie, in den späten 1920er Jahren, in denen dieser ...

Annie und Carl machen den Schritt zur Gründung einer eigenen Familie sehr früh, vielmehr sollte man sagen, in sehr jungen Jahren, Achtzehn und zwanzig sind sie, in den späten 1920er Jahren, in denen dieser Roman spielt, bedeutet das noch nicht einmal die Volljährigkeit.

Doch sie haben es sich reiflich überlegt und fällen diese Entscheidung voller Überzeugung, wenn auch gegen den Willen ihrer beider Eltern. Ihr erstes Ehejahr - um das es in diesem Roman geht - verbringen sie am College, in einer kleinen Stadt im mittleren Westen, wo Carl sein letztes Jahr des Jurastudiums absolviert - nun unter deutlich erschwerten Umständen, denn seine Eltern drehen ihm den Geldhahn zu und die von Annie, die quasi von zu Hause ausgebüxt ist, machen ihre Geldbörse gar nicht erst auf.

Doch wenn man überzeugt ist von seiner Entscheidung, dann schafft man alles: darauf vertrauen Annie und Carl, auch wenn sie beide - insbesondere Annie - noch reichlich naiv sind. Oder wahrscheinlicher: gerade deswegen!

Dies klingt nicht besonders spektakulär als Thema eines Romans, doch Sprache und Stil der Autorin machen ihn zu etwas Besonderem, Einzigartigen!

Betty Smith hat ihren Roman, der nun ins Deutsche übersetzt wurde, in den 1960er Jahren geschrieben, zurückblickend auf eine längst vergangene Zeit, nämlich ihre eigene Jugend. Ob sie da eigene Erfahrungen hineinbringt? Möglich wäre es, denn auch sie verbrachte einige Jahre mit ihrem Mann im College und studierte zwar nicht, besuchte aber wie Annie Kurse als Gasthörerin.

Das junge Paar muss sich so einigen Hindernissen stellen, die zunächst unüberbrückbar scheinen und machen die Erfahrung, dass Liebe allein nicht reicht, auch wenn diese - wenn sie wie bei ihnen auf beiden Seiten in Hülle und Fülle vorhanden ist - ausgesprochen hilfreich sein kann.

Ein warmherziges und rührendes Buch, in dem es für meinen Geschmack ein bisschen zu oft um Kostenkalkulationen ging, aber so ist es eben, wenn man jeden Cent zum Überleben braucht! Trotz dieser kleinen, subjektiv wahrgenommenen Störung empfand ich diesen Roman als absolut rund, habe ihn mit Begeisterung gelesen und war ganz traurig, als ich ihn ausgelesen hatte.

Ein wunderbares Geschenk für Menschen, mit denen man es gut meint, nicht zuletzt für heiratsfreudige Leseratten oder auch anlässlich runder Hochzeitstage!

Veröffentlicht am 28.04.2019

Mäxchen und seine Oma

Der Zopf meiner Großmutter
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Das sind nur zwei Akteure innerhalb dieses sonderbaren, dabei ausgesprochen intensiven Familiengefüges - aber die beiden wichtigsten. Denn Max, zunächst Kind, dann Teenager, erzählt diese absolut ...

Das sind nur zwei Akteure innerhalb dieses sonderbaren, dabei ausgesprochen intensiven Familiengefüges - aber die beiden wichtigsten. Denn Max, zunächst Kind, dann Teenager, erzählt diese absolut wahnwitzige Geschichte aus seiner Perspektive und seine Grossmutter ist diejenige, um die sich alles dreht und wendet. Und auch die, die alles bewegt. Da sorgt sie schon selbst für.

Wenn sie tatsächlich exisiteren würde und ich mich in ihrem Dunstkreis befände, würde ich sie möglicherweise manchmal hassen, aber ich lese wahnsinnig gern über sie: Max' Großmutter sprengt alle Dimensionen des Vorstellbaren. Und zwar in jeder Hinsicht! Denn so taktlos und übergriffig ihr Verhalten auch fast immer ist, sie verfügt ohne Zweifel über ein riesengroßes Herz. Auch wenn man das nicht immer merkt, nicht zuletzt, weil sie es nicht für jeden öffnet. Denn wo käme man dann wohl hin!

Doch in dem Moment, als ihre Familie zusammenzubrechen droht, vor allem, weil ihr Mann sich einer anderen zuwendet, geht sie ganz besondere Wege, um das Gefüge zusammenzuhalten und neu zu justieren. Gerade sie, die in anderen Situationen nicht alle in ihrer Familie halten konnte. Oder wollte.

Einmal mehr hat Alina Bronsky - nach dem wunderbaren "Baba Dunjas letzte Liebe" - einen kleinen Roman mit großem Inhalt geschaffen: wieder schreibt sie spritzig, tragikomisch, rührend, absurd, bewegend, liebevoll und stellenweise auch erschrecken und abstoßend - vor allem aber unglaublich originell. Und wenn es ein Museum für Romanhelden gäbe - jede einzelne ihrer Figuren wäre es wert, darin ausgestellt zu werden. Sie ist die einzige mir bekannte Autorin, die es vermag, mit wenigen Worten einen blumigen, ja wilden Stil zu kreieren und das ist eine Kunst, die man nicht lernen kann - sie ist tief in einem drin verwurzelt - so wie Max und seine Familie es in ihrer neuen Heimat Deutschland nie sein werden. Oder doch?

Man muss ein bisschen nachdenken, um im Handlungsverlauf die Fäden zusammenziehen zu können, denn man ist als Leser immer an Max' Seite, der längst nicht alles sofort begreift und dem noch viel weniger erzählt wird - und der auf der anderen Seite schon früh eine erschreckend wache Auffassungsgabe vorweisen kann, aber ohne wäre er in dieser Familie nicht weit gekommen!

Wenn in "Baba Dunja" Verwurzelung das zentrale Thema war, dann ist es hier Entwurzelung, Neubeginn, Selbstfindung - wählen sie eines davon oder auch alle zusammen. Ja, auch bei Alina Bronsky ist es nicht immer so eindeutig wie bei Baba Dunja, hier muss sich nicht nur Max nach der Auswanderung aus Russland neu orientieren, nein, auch der Leser muss für sich selbst zunächst einmal jeden Akteur und jedes Ereignis richtig platzieren und einordnen: Dann wird auf einmal alles sonnenklar und die Tragik wie auch der Humor können in ihrer Gesamtheit erst voll erfasst werden. Und man bekommt eine Ahnung davon, was der Begriff "russische Seele" so alles beinhalten kann.

Mal wieder ein ganz besonderer Roman von Alina Bronsky - wenn es ein Lied wäre, würde ich sagen, es hätte Folk-Elemente - oder kann man diesen Begriff auch auf Literatur verwenden? Auf Alina Bronsky passt er auf jeden Fall genau!

Wenn also - bspw. für eine Bahnfahrt - eine nicht allzu ausführliche, dabei aber genussintensive Lektüre gewünscht wird, dann ist dieses Büchlein aus meiner Sicht genau das Richtige - wie auch in Phasen leichter Trübsinnigkeit, in die kein platter Humor passen würde. Da ist die diesen Roman durchdringende Tragikomik genau das Richtige! Ein Roman, den ich nicht so schnell vergessen werde und der mich besonders berührt hat!