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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 27.11.2019

Packendes, außergewöhnliches Leseerlebnis

Hotel Cartagena
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INHALT
Der Hamburger Kiez in den 80ern, ein junger Mann will raus. Er nimmt ein Schiff nach Kolumbien und lernt am Strand von Cartagena, was passiert, wenn man mit den falschen Leuten feiert. Auf die große ...

INHALT
Der Hamburger Kiez in den 80ern, ein junger Mann will raus. Er nimmt ein Schiff nach Kolumbien und lernt am Strand von Cartagena, was passiert, wenn man mit den falschen Leuten feiert. Auf die große Party folgt die Hölle. Erst das ganz große Drogengeschäft, dann Verrat, Flucht, Untertauchen. Später dann: Die Chance auf Vergeltung. Der inzwischen gar nicht mehr so junge Mann beschließt, sie zu ergreifen. Und so wird St. Pauli von einer spektakulären Geiselnahme erschüttert: Zwölf schwerbewaffnete Männer kapern eine Bar am Hamburger Hafen, nehmen Gäste und Personal in ihre Gewalt. Mittendrin: Chastity Riley. Die Polizei steht draußen und scheint zum Zuschauen verdammt, während die Staatsanwältin ihren inneren John McClane aktivieren muss.
(Quelle: Suhrkamp Nova)
MEINE MEINUNG
„Hotel Cartagena“ ist der neueste Roman der deutschen Autorin und mehrfachen Gewinnerin des Deutschen Krimipreises Simone Buchholz und bereits der neunte Band ihrer in Hamburg angesiedelten Krimireihe rund um die unkonventionelle Staatsanwältin Chastity Riley.
Zum Verständnis sind Vorkenntnisse aus den vorherigen Fällen nicht notwendig, da jeder Band in sich abgeschlossen ist. Doch ist es sehr fesselnd die Vorgeschichten und die Entwicklung der einem inzwischen ans Herz gewchasenen Figuren sowie ihre Dynamik untereinander über die Zeit mitzuverfolgen, so dass die Lektüre der vorangegangenen Bände sehr lohnenswert ist. Die Autorin hat sich für ihre Hauptfigur Riley einen wirklich ungewöhnlichen Charakter mit vielen Ecken und Kanten gewählt, auf dem man sich erst einlassen muss. Die kettenrauchende Antiheldin mit ihrem oft derben Charme wirkt irgendwie gebrochen und verletzlich, hat mit ihren inneren Dämonen zu kämpfen, gibt sich aber nach außen sehr taff und zynisch. Mit mit ihrer drastischen, nüchternen Sichtweise bringt die Hauptfigur die Dinge sehr plastisch und treffsicher auf den Punkt.
Der neue Kriminalfall entwickelt sich nach einem packenden Einstieg jenseits der üblichen Muster mit einer interessanten “locked room” Konstellation, die uns in so manche menschlichen Abgründe blicken lässt. Diesmal geraten die Staatsanwältin und ihr bunt gemischtes, skurriles Kollegenteam, die in der Bar im 20. Stock eines Edel-Hotels am Hafen von St. Pauli den 65. Geburtstag ihres ehemaligen Vorgesetzten Faller feiern wollten, selbst in den Mittelpunkt eines Verbrechens und befinden sich unversehens mitten in einer schwerbewaffneten Geiselnahme. Die packende Geschichte beschäftigt sich weniger mit klassischen Ermittlungen, sondern hauptsächlich mit den Hintergründen, die den Anführer der Geiselnehmer Henning zu dieser Tat gebracht haben. In geschickt platzierten Rückblenden erfahren wir schrittweise das aufwühlende Schicksal eines gescheiterten Menschen, der Schaden genommen hat am Leben, und nun auf Vergeltung aus ist. Die Autorin bietet dem Leser eine schillernde Milieu-Studie zu Drogenkatell, Kiezganoven und mit Einblicken ins Sankt Pauli der 80er-Jahre, die aber leider nicht frei von Klischees sind. Der unverwechselbare, ungewöhnlich Schreibstil der Autorin, der prägnant, ironisch, derb und mit viel Witz und Esprit daher kommt, konnte mich wieder sehr begeistern, und passt hervorragend zur skizzierten Persönlichkeit der Figuren, dem ganzen Milieu und macht das besondere Flair des Romans aus. Zudem versteht es Buchholz die oft düstere, melancholische Stimmung einzufangen. Die atmosphärisch dichten Beschreibungen lassen sofort das Kopfkino anspringen. Gebannt verfolgt man die sich zuspitzende Dynamik und fiebert bis zum packenden, hochexplosiven Ende mit der unversehens angeschlagenen Riley und den übrigen Figuren mit.
Ein ungewöhnlicher Kriminalroman mit einem beklemmenden Ausgang und erneut ein ganz besonderes Leseerlebnis, das mich sehr neugierig gemacht hat auf weitere Fälle mit Chastity Riley und ihre weitere Entwicklung.
FAZIT
Ein packender, außergewöhnlicher und sprachlich einzigartiger Krimi – ein ganz besonderes Leseerlebnis!

Veröffentlicht am 22.09.2019

Lesenswerter, aufrüttelnder Roman

Vergesst unsere Namen nicht
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INHALT
In der jüdischen Tradition heißt es, dass ein Mensch zwei Mal stirbt. Das erste Mal, wenn das Herz aufhört zu schlagen und die Synapsen im Gehirn erlöschen wie das Licht in einer Stadt, in der der ...

INHALT
In der jüdischen Tradition heißt es, dass ein Mensch zwei Mal stirbt. Das erste Mal, wenn das Herz aufhört zu schlagen und die Synapsen im Gehirn erlöschen wie das Licht in einer Stadt, in der der Strom ausfällt. Das zweite Mal, wenn der Name des Toten zum letzten Mal gesagt, gelesen oder gedacht wird, fünfzig oder hundert oder vierhundert Jahre später. Erst dann ist der Betroffene wirklich verschwunden, aus dem irdischen Leben gestrichen.

(Quelle: Eichborn Verlag)

MEINE MEINUNG
Der norwegische Autor Simon Stranger wurde für seinen Roman „Vergesst unsere Namen nicht“ mit dem Norwegischen Buchhändlerpreis für den besten Roman des Jahres 2018 ausgezeichnet. In seinem auf wahren Begebenheiten basierenden Roman verwebt Stranger geschickt hervorragend recherchierte historische Fakten, fiktive Passagen und in seiner eigenen jüdischen Familie überlieferte Erinnerungen an vergangene Geschehnisse zu einer aufrüttelnden, ergreifenden Geschichte, die noch lange in einem nachwirkt.
Hierin greift er die achtzig Jahre zurückliegende Geschichte über den Holocaust in Norwegen auf, lässt uns am erschütternden Schicksal der während der deutschen Besatzung in Norwegen verfolgten und ermordeten Juden und Widerstandskämpfer, dem Leid der überlebenden Familien teilhaben und spannt den Bogen bis hin zu seiner eigenen Familie in die Gegenwart. Über vier Generationen erstreckt sich seine eindringliche Erzählung, die sowohl schöne als auch leidvolle Episoden der jüdischen Familiengeschichte seiner Frau Rikke Komissar aufgreift, und deutlich macht, wie nah oftmals Dunkelheit und Hoffnung beieinanderliegen können. Sehr einfühlsam beleuchtet Stranger nicht nur die Perspektive der Opfer, der Überlebenden und ihrer Nachkommen, sondern widmet sich auch sehr anschaulich den Tätern und ihren unfassbar brutalen Gräueltaten.
Äußerst fesselnd ist schon der Aufhänger und Ausgangspunkt des Romans, die Simon Stranger veranlassen, die damaligen Geschehnisse während der Besatzungszeit Norwegens zu rekonstruieren und anhand der Erinnerungen an den Urgroßvater seiner Frau Hirsch Komissar dessen tragisches Schicksal nachzuzeichnen, das auch nach seiner Erschießung das Leben seiner Familie nachhaltig beeinflusst hat. Im Mittelpunkt seiner detaillierten Schilderungen steht aber auch der Werdegang und das erschreckende Psychogramm von Henry Oliver Rinnan, dem in Norwegen meist gehassten Doppelagenten, der für die Nazis unzählige norwegische Widerstandskämpfer ausspionierte, gemeinsam mit seinen Gefolgsleuten folterte und ermordete. Schrittweise nähert sich Stranger der Figur von Henry Oliver Rinnan an. Basierend auf den über diesen Menschen bekannten Fakten versucht er ein objektives Portrait von ihm zu schaffen. Es ist ihm gut gelungen, aufzuzeigen, wie der kleinwüchsige schüchterne Sohn eines armen Schuster voller Minderwertigkeitskomplexe und gemobbter Aussenseiter allmählich Macht über andere erlangen konnte und als Handlanger der Nazis zu einem skrupelloser Foltermeister und unheimlichen, gefühlskalten Monster wurde, der später wegen Kriegsverbrechen zum Tode verurteilt wurde. Viele der schonungslos geschilderten Passagen mit Rinnan und seinen unvorstellbar grausamen Taten gehen einem sehr unter die Haut.
Sehr anspruchsvoll ist Strangers Erzählstil, bei dem man sich auf einen raschen Wechsel zwischen den Erzählperspektiven, Zeitebenen und Handlungsorten einlassen muss. Untergliedert ist der Roman in aphabetisch geordnete Einträge von A bis Z, wobei mehrere Stichpunkte pro Buchstabe in einem Kapitel zu finden sind. Sehr eindrucksvoll hat der Autor in diesen seine Gedanken, Assoziationen, Rückblicke und recherchierten Geschichten zusammengetragen und zu verarbeiten versucht. Dies gibt auch der norwegischen Titel des Romans “Leksikon om lys og mørke “ sehr gut wieder - diese Enzyklopädie von Licht und Dunkelheit führt uns durch die unterschiedlichsten Episoden seines sehr bewegenden und ungewöhnlich aufgebauten Romans, der in seiner Eindringlichkeit zunehmend an Dynamik entwickelt.
In dem sehr eindrücklich geschriebenen Nachwort bringt der Autor seine Intention noch einmal sehr gut zum Ausdruck und konnte mich mit seiner Botschaft zum Abschluss auch sehr versöhnlich stimmen. Stranger wollte bewusst einen Roman vor historischem Hintergrund schreiben und hat deshalb auch die Familiengeschichte teilweise modifiziert. Leider blieben für mich bei der Aufarbeitung der wechselvollen Geschichte um die Familie Komissar auch einige Leerstellen und vage Episoden, über die ich gerne noch mehr gelesen hätte.
FAZIT
Ein lesenswerter, aufrüttelnder und nachdenklich stimmender Roman, der mir aufgrund der schonungslos geschilderten Gewalttaten teilweise sehr an die Nieren gegangen ist.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Authentizität
  • Geschichte
Veröffentlicht am 05.09.2019

Fesselndes Krimidebüt

Bis ihr sie findet
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Sechs Freunde. Ein Mörder. Wem vertraust du?

INHALT
Südengland an einem heißen Juliabend des Jahres 1983. Sechs Schulfreunde treffen sich, um gemeinsam im Wald zu zelten. Sie alle sind aufgeweckte Jugendliche ...

Sechs Freunde. Ein Mörder. Wem vertraust du?

INHALT
Südengland an einem heißen Juliabend des Jahres 1983. Sechs Schulfreunde treffen sich, um gemeinsam im Wald zu zelten. Sie alle sind aufgeweckte Jugendliche - anarchisch, unerschrocken, schön. Die erst vierzehnjährige Aurora kann kaum glauben, dass sie bei der sommerlichen Zeltnacht mit den Freunden ihrer großen Schwester Topaz dabei sein und zu der Clique gehören darf. Am nächsten Morgen ist sie jedoch spurlos verschwunden...
Dreißig Jahre später wird Auroras Leiche gefunden. In einem Versteck, von dem eigentlich nur die sechs Freunde aus der Clique gewusst haben können. Detective Chief Inspector Jonah Sheens ist fest entschlossen, den Cold Case ein für alle Mal zu lösen.
(Quelle: Hoffmann und Campe Verlag)

MEINE MEINUNG
Mit ihrem Krimidebüt „Bis ihr sie findet“ ist der britischen Schriftstellerin und mehrfach ausgezeichneten Theaterautorin Gytha Lodge ein vielversprechender Auftakt einer neuen Reihe gelungen, den man einfach nicht mehr aus der Hand legen kann. Es ist eine fesselnde, abgründige Geschichte über tiefe Freundschaft, verhängnisvolle Loyalitäten, tiefes Misstrauen und fatalen Verrat mit einer komplexen, clever geplotteten Handlung, die viel Raum für eigene Spekulationen bei der Suche nach dem Täter lässt.
Hervorragend ist auch der lebendige, anschauliche Schreibstil der Autorin, der sich sehr angenehm lesen lässt. Obwohl sich der Cold Case-Fall sehr behutsam entwickelt, baut sich bald eine deutliche Spannung auf, indem die Autorin zwei unterschiedliche Handlungsstränge auf unterschiedlichen Zeitebenen parallel laufen lässt. So verfolgt man gefesselt die engagierten und sehr detailliert geschilderten Ermittlungen von DCI Sheens Team in der Gegenwart und erlebt zum anderen in den eingestreuten Rückblenden die damaligen Geschehnisse hauptsächlich aus Auroras Sicht mit. Schrittweise kann sich der Leser ein immer besseres Bild von den verhängnisvollen Ereignissen in jener Nacht machen und erfährt im Rahmen der polizeilichen Ermittlungen zum neu aufgerollten Cold Case Fall zugleich immer neue, brisante Details über die Jugendlichen und ihre dunklen, wohl gehüteten Geheimnisse. Geschickt streut die Autorin immer neue Verdachtsmomente und auffällige Puzzleteilchen aus der Vergangenheit ein, so dass die Glaubwürdigkeit der einzelnen Aussagen der Freunde, aber auch eigene Theorien zu Täter und möglichen Motiven immer wieder aufs Neue in Frage gestellt werden muss.
Die Charakterisierung der sechs Freunde, die komplexe Gruppendynamik zwischen ihnen und ihr späterer Lebensweg sind von der Autorin sehr vielschichtig und glaubwürdig angelegt. Gekonnt lässt sie uns in die Abgründe der menschlichen Psyche blicken und offenbart schrittweise ein komplexes Geflecht von Abhängigkeiten, Schuldgefühlen und falsch verstandenen Loyalitäten. Sehr interessant angelegt sind auch die sympathische Hauptfigur DCI Jonah Sheen und sein Team mit der cleveren, neuen Kollegin Detective Constable Hanson und ihren privaten Hintergrundgeschichten, die sicher noch in einer bald folgenden Fortsetzung aufgegriffen werden.
Zum Ende hin fließen immer mehr Psychothriller-Elemente in die Handlung ein, die subtil aufgebaute Spannung zieht enorm an und gipfelt in einem sehr mitreißenden Finale. Die Auflösung des Cold Case-Falles ist zwar zufrieden stellend und weitgehend stimmig, doch blieben leider auch einige Fragen ungeklärt.

FAZIT
Gelungenes Krimidebüt über einen verwickelten Cold Case-Fall – fesselnd, clever konstruiert und toll geschrieben!

Veröffentlicht am 22.06.2019

Aufrüttelnde Dystopie

Dry
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INHALT
Als Alyssa an einem heißen Junitag den Wasserhahn aufdreht, passiert gar nichts. Kein einziger Tropfen kommt aus der Leitung. Und nicht nur ihr Haus und ihre Straße sind betroffen, halb Kalifornien ...

INHALT
Als Alyssa an einem heißen Junitag den Wasserhahn aufdreht, passiert gar nichts. Kein einziger Tropfen kommt aus der Leitung. Und nicht nur ihr Haus und ihre Straße sind betroffen, halb Kalifornien sitzt auf dem Trockenen. Die Bevölkerung wird gebeten, Ruhe zu bewahren, die Situation sei bald wieder unter Kontrolle. Doch das stimmt nicht. Und aus einem ungewöhnlich heißen, trockenen Sommer wird plötzlich der Sommer, in dem Alyssa um ihr Leben kämpfen muss.
(Quelle: Fischer Sauerländer)

MEINE MEINUNG
Mit dem Jugendroman „Dry“ ist dem bekannten US-amerikanischen Autoren Neal Shusterman und seinem Sohn Jarrod eine sehr eindringlich und packend erzählte Dystopie gelungen, die man einfach nicht mehr aus der Hand legen kann. Im Mittelpunkt ihrer fiktiven, aber sehr realistisch anmutenden Geschichte beschreiben die beiden Autoren sehr anschaulich und aufrüttelnd, wie erschreckend schnell unsere zivilisierte Gesellschaft durch eine Wasserknappheit in eine existentielle Krise gerät und ein gnadenloser Kampf ums Überleben beginnt.
Der lebendige, jugendliche und mitreißende Schreibstil der beiden Autoren sorgt dafür, dass man sich schnell in das schockierende, authentisch wirkende Katastrophenszenario und in die verzweifelte Lage der Menschen hineinversetzen kann, sogar ständig ihren Durst verspürt. Dass der Roman aus der Feder von zwei verschiedenen Autoren stammt, merkt man diesem äußerst beeindruckenden Buch nicht an.
Erzählt wird die Geschichte aus wechselnden Perspektiven jeweils in der ersten Person, wobei wir die sich bald überschlagenden Geschehnisse aber hauptsächlich aus Alyssas Sicht miterleben. Kurze, eingeschobene Textpassagen geben uns Lesern darüber hinaus einen nachdrücklichen und umfassenderen Einblick in die bedrohliche Lage im gesamten Bundesstaat Florida.
Die Autoren haben ihre Dystopie äußerst realistisch, abwechslungsreich und packend gestaltet. Dabei schrecken sie auch nicht vor einigen sehr grausamen Passagen zurück, um die Verrohung der Menschen im Überlebenskampf zu verdeutlichen.
Am Beispiel von Alyssa und ihrer Familie erleben wir hautnah die Auswirkungen der Wasserkrise mit. Sehr glaubwürdig sind ihre persönliche Entwicklung und charakterlicher Wandel angesichts der Ereignisse zu verfolgen - vom ganz gewöhnlichen, sorgenfreien Teenager von nebenan, den dieser Notstand völlig unvorbereitet trifft bis hin zu einem taffen, kämpferischen Mädchen, das über sich hinauswachsen muss und schließlich überlebensnotwendige, manchmal auch fragwürdige Entscheidungen treffen muss. Ein weiterer zentraler Charakter ist Kelton, der etwas seltsame Nachbarsjunge von Alyssa, der sich mit seiner Familie als "Prepper" auf einen Ernstfall jeglicher Art bereits akribisch vorbereitet hat und nun auf ausgearbeitete Strategien für den eingetretenen Notfall zurückgreifen kann.
Im Verlauf der Geschichte treten noch zahlreiche weitere Charaktere wie beispielsweise Alyssas kleiner Bruder Garrett, die Aussteigerin Jacqui oder der undurchsichtige Henry auf, die je nach ihrer Rolle von den Autoren sehr authentisch und vielschichtig ausgearbeitet sind und für so manche Überraschung und herbe Enttäuschung gut sind. Insgesamt erleben wir im Laufe der Handlung eine ganze Bandbreite an möglichen Verhaltensweisen, die eine derartige Katastrophe in jedem von uns heraufbeschwören kann. Von Solidarität und rührender Aufopferungsbereitschaft blicken wir auch in die Abgründe der Menschen wie Verrat, Egoismus, Gewaltbereitschaft und Skrupellosigkeit. Sehr glaubhaft zeigen sie die sich verschiebenden Grenzen zwischen Gut und Böse und den zunehmenden Verlust des Moralinstinkts bei den Betroffenen auf.
Mit einigen überraschenden Wendungen zieht der Spannungsbogen immer weiter an. Geschickt lassen die Autoren die Ausnahmesituation für die verschiedenen Figuren immer mehr eskalieren und die sich überschlagende Handlung auf ein sehr mitreißendes, dramatisches Finale zulaufen. Der insgesamt sehr nachdenklich stimmende Roman klingt mit einem für meinen Geschmack leider etwas unrealistischen, überraschenden Ende aus, das aber recht stimmig und für ein Jugendbuch durchaus passend gewählt ist.
FAZIT
Eine lesenswerte, aufrüttelnde Dystopie – fesselnd und sehr realitätsnah geschrieben.

Veröffentlicht am 25.05.2019

Packender Auftakt einer neuen Krimireihe auf den Scilly Inseln

Nachts schweigt das Meer
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INHALT
Türkisblaues Meer, sattgelbe Ginsterbüsche, majestätische Klippen – doch die Idylle auf den Scilly-Inseln trügt …

Detective Inspector Ben Kitto wollte bei seiner Rückkehr auf die Scilly-Inseln ...

INHALT
Türkisblaues Meer, sattgelbe Ginsterbüsche, majestätische Klippen – doch die Idylle auf den Scilly-Inseln trügt …

Detective Inspector Ben Kitto wollte bei seiner Rückkehr auf die Scilly-Inseln vor Cornwall eigentlich nur eines: zur Ruhe kommen. Seinem Onkel beim Bootsbau helfen, sich vom Inselwind den Kopf freipusten und London hinter sich lassen. Soweit der Plan. Doch bereits bei der Ankunft auf seiner Heimatinsel Bryher wird die 16-jährige Laura Trescothick vermisst und kurz darauf ermordet aufgefunden. Ben meldet sich freiwillig, die Ermittlungen zu übernehmen, aber bald hat er mehr Verdächtige, als ihm lieb ist. Darunter auch Menschen, die er sein Leben lang kennt und die ihm viel bedeuten. Denn in der kleinen Inselgemeinschaft auf Bryher gibt es dunkle Geheimnisse. Und der Täter kann jederzeit erneut zuschlagen.
(Quelle: Fischer Verlag)
MEINE MEINUNG
Mit „Nachts schweigt das Meer“ ist der britischen Autorin Kate Penrose ein vielversprechender Auftakt ihrer neuen Krimireihe auf den vor der Küste von Cornwall gelegenen, idyllischen Scilly-Inseln gelungen, der mich mit einem packenden Fall für den charismatischen Ermittler DI Ben Kitto und einer tollen Atmosphäre sehr gut unterhalten hat. Angesiedelt ist die Handlung beim ersten Band auf Bryher, der kleinsten der bewohnten Scilly Inseln, die Fortsetzungen sollen dann jeweils auf einer anderen Insel spielen.
Sehr deutlich merkt man, dass Kate Penrose die Scilly-Inseln tatsächlich wie ihre Westentasche kennt und seit ihren Kindertagen fast jeden Sommer dort verbringt, denn es gelingt ihr hervorragend, die atemberaubenden Schauplätze und einzigartige Atmosphäre auf dieser kleinen Insel sehr authentisch und stimmungsvoll einzufangen. Zur besseren Orientierung ist sogar eine kleine Übersichtskarte von Bryher mit den wichtigsten Schauplätzen aus dem Roman beigefügt. Auf dem abgeschiedenen Naturparadies, das im Sommer von Touristen überlaufen ist, erwarten uns eine brandungsumtoste Küste mit gefährlichen Steilhängen und eine eingeschworene Gemeinschaft mit knapp 100 Insulanern, von denen so mancher ein dunkles Geheimnis zu wahren versucht. Mit ihrem angenehmen, mitreißenden Schreibstil und dem tollen Insel-Flair konnte mich die Autorin sehr rasch in ihre faszinierende Geschichte hineinziehen und fesseln. Die Handlung erleben wir aus der Perspektive der interessanten Hauptfigur DI Ben Kitto, den die Autorin sehr tiefgründig und lebendig gezeichnet hat. Er ist gerade mit seinem umtriebigen Wolfshund Shadow in seine Heimat zurückgekehrt, nachdem er eine Auszeit von seinem letzten, aufreibenden Job als Undercover Cop in London genommen hat, und hofft im Haus seiner Eltern zur Ruhe zu kommen. Als dann aber die 16jährige Laura spurlos verschwindet und kurz darauf ihre Leiche am Strand aufgefunden wird, beschließt er, sich für die Ermittlungen auf der Insel zur Verfügung zu stellen. Mit seinem Insiderwissen und den Kenntnissen über die Inselbewohner ist er der richtige Mann für die Untersuchungen vor Ort. Zur Unterstützung bekommt er noch einen jungen, unerfahrenen und übereifrigen Kollegen zur Seite gestellt und nach anfänglichen Schwierigkeiten raufen die beiden sich aber zu einem schlagkräftigen Team zusammen.
Auch die übrigen Nebenfiguren sind sehr ausdrucksvoll, lebensnah und vielschichtig ausgearbeitet. Während der Ermittlungen begegnen wir einer Vielzahl von unterschiedlichen Charakteren, von denen Ben viele schon seit seiner Kindheit kennt – so Bens schweigsamer Onkel und Bootsbauer Ray, die quirlige Hotelinhaberin Zoe, die eigentlich von einer Karriere als Sängerin träumt, Bens hilfsbereite Patentante Maggy oder der skrupellose Immobilienhai Jay. Für Ben ist es keine leichte Aufgabe gegen all die alten Bekannten zu ermitteln, aber schnell steht fest, dass einer der Inselbewohner der Mörder sein muss. Zudem wird er von seinem Vorgesetzten mächtig unter Druck gesetzt, damit er schnelle Ergebnisse präsentiert werden können und der Fall bald aufgeklärt werden kann. Seine Befragungen befördern so manche Intrige, Animositäten, Geheimnisse und persönliche Dramen zutage und enthüllen als mögliche Motive Geldgier, Eifersucht und einen regen Drogenschmuggel auf der Insel.
Die Autorin versteht es trotz des recht ruhigen Tempos hervorragend, Spannung aufkommen zu lassen, denn schon bald gibt es viele Verdächtige, zahlreiche Spuren und einige unerwartete Wendungen. In kursiv gedruckten Einschüben erhalten wir zudem einen völlig anderen Blick auf sehr fesselnde Verwicklungen und interessante Hintergründe der Ereignisse aus Sicht der Außenseiterin Rose, die Mutter eines mit dem Mordopfer befreundeten Jungen ist. Mit der Vielzahl an Tatmotiven und Verdächtigen ist der fesselnde, in klassischer Whodunnit-Manier verfasste Krimi ideal zum Mitermitteln und Spekulieren.
Nach der gelungenen und für mich wirklich überraschenden Auflösung des gut durchdachten und clever konstruierten Falls bin ich schon sehr gespannt auf den zweiten Band und einen neuen Kriminalfall für den sympathischen und interessanten Ermittler DI Ben Kitto auf den Scilly Inseln.
FAZIT
Ein packender Auftakt einer tollen neuen Krimireihe vor der spektakulären Kulisse der Scilly Inseln- ein fesselnder Fall mit spannenden Wendungen, tollem Insel-Flair und vielschichtigen Charakteren!