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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 27.09.2019

Roman in E-Mail-Form

Wenn du das hier liest
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Romane mit gegenseitigem Austausch von Briefen, E-Mails o.ä. finde ich immer etwas anstrengend zu lesen, weil ich mich oft über den jeweiligen Absender und Adressaten orientieren muss. Andererseits finde ...

Romane mit gegenseitigem Austausch von Briefen, E-Mails o.ä. finde ich immer etwas anstrengend zu lesen, weil ich mich oft über den jeweiligen Absender und Adressaten orientieren muss. Andererseits finde ich es faszinierend, wie sich nach und nach ein immer detaillierter werdendes Bild über die Romanfiguren herauskristallisiert. Beides gilt auch für die vorliegende Geschichte, in der sich nach dem Tod der krebskranken Iris vor allem ihre Schwester und ihr Chef, die beide nur schwer ihren Tod verkraften, aber auch weitere Beteiligte, austauschen. Anlass ist der ebenfalls in die Geschichte eingewobene Blog, den Iris in ihrem letzten Lebenshalbjahr geführt hat und den sie veröffentlicht wissen wollte. Es ist schön zu lesen, wie Schwester und Chef gegenseitige Stärken und Schwächen aufdecken, Gemeinsamkeiten und Unterschiede entdecken. Da stellt sich dann sehr bald die Frage, ob aus beiden angesichts ihrer negativen Vorerfahrungen mit Partnern vielleicht ein Paar wird. Die sachlich gehaltenen Blogeinträge wirken überhaupt nicht traurig oder bedrückend, manchmal eher sogar (galgen)humorvoll wie auch so manche andere E-Mail.
Das Buch kann ich empfehlen.

Veröffentlicht am 19.09.2019

Ein beeindruckendes Frauenleben

Olga
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Der Roman erzählt die Liebesgeschichte von Olga und Herbert, die Ende des 19. Jahrhunderts geboren sind und unterschiedlichen sozialen Schichten entstammen. Zeitlich reicht sie bis in die 70er Jahre des ...

Der Roman erzählt die Liebesgeschichte von Olga und Herbert, die Ende des 19. Jahrhunderts geboren sind und unterschiedlichen sozialen Schichten entstammen. Zeitlich reicht sie bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts.
Formal besteht das Buch aus drei Teilen.
Im ersten Teil lernen sich Olga und Herbert kennen und lieben, allerdings sind seine Eltern als reiche Gutsbesitzer aus Pommern gegen die Beziehung, obwohl es das Waisenkind Olga gegen alle Widerstände schafft, Lehrerin zu werden. Die Liebe zu Herbert verlangt ihr eine Menge ab, begibt sich Herbert doch immer wieder auf weite Reisen, die sie zum Warten zwingen, zuletzt im Jahr 1913 auf eine Expedition in die Arktis, von der er nie zurückkehrt.
Im zweiten Teil freunden sich Olga und Ferdinand an, ein Junge aus einer Familie, für die Olga näht. Sie erzählt ihm Vieles aus ihrem Leben.
Der dritte besteht aus einer Anzahl von Briefen, geschrieben von Olga an Herbert und nach Olgas Tod von Ferdinand gefunden. Hier wird so manches aufgeklärt.
Die Sprache klingt für den modernen Leser etwas fremd, passt aber zu der Zeit, in der die Geschichte spielt. Besonders die Briefe im letzten Teil sind so völlig anders abgefasst, als das heute geschehen würde. Sehr interessant sind geschichtliche Aspekte, die einfließen und die die Gegensätzlichkeit von Olga und Herbert zum Ausdruck bringen. Während Herbert fast schon wahnhaft an die Größe Deutschlands glaubt, ist Olga bescheiden und bringt es aus eigenem Ehrgeiz und Antrieb zu mehr im Leben.
Geschichtlich interessierten Lesern sei dieses Buch empfohlen.

Veröffentlicht am 30.08.2019

Die Rache der betrogenen Ehefrau

Das Heinrich-Problem
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Als Coach beruflich betrogenen Ehefrauen mit Rat und Tat zur Seite stehen, ist eine Sache. Doch auf einmal selbst in deren Rolle zu sein, ist etwas ganz anderes. So verhält es sich jedenfalls bei der die ...

Als Coach beruflich betrogenen Ehefrauen mit Rat und Tat zur Seite stehen, ist eine Sache. Doch auf einmal selbst in deren Rolle zu sein, ist etwas ganz anderes. So verhält es sich jedenfalls bei der die 50 überschrittenen Berti, deren von sich sehr überzeugter, rücksichtsloser Ehemann Heinrich sich Knall auf Fall von ihr trennen will. Zunächst wie gelähmt, geht Berti mehr und mehr in der Rolle der Aktiven auf und nimmt Nachforschungen über ihren untreuen Mann auf. Dabei kommt so vieles zu Tage, vor allem so manch andere Frau (und Kind). Berti und ihre gleichfalls hintergangenen Nebenbuhlerinnen starten einen Rachefeldzug gegen Heinrich.

Ein heiterer Frauenroman, der die Leserinnen vor allem mit der Protagonistin Berti sympathisieren lässt und in ihnen hoffentlich größtmögliche Antipathie für den untreuen Heinrich weckt. Sehr schön ist die Entwicklung dargestellt, wie sich Berti im Zuge ihres Rachefeldzuges von dem eher unselbständigen Hausmütterchen zur beruflich ambitionierten Pensionswirtin mausert und am Ende ihrem Männe haushoch überlegen ist, vor allem in finanziellen Dingen, in denen sie ihn so erfolgreich überlistet. Der lokale Hintergrund in Zürich und Ascona am Lago Maggiore im Tessin gibt schöne Einblicke in das Leben in der Schweiz, wo die Autorin ja herkommt.

Veröffentlicht am 25.08.2019

Das Schicksal der Bewohner eines Dorfes in der DDR

Kastanienjahre
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Wie schon Anja Baumheiers erstes Buch „Kranichland“ handelt auch ihr vorliegendes zweites von Schicksalen von Bürgern der DDR. Sie weiß, wovon sie schreibt, hat sie doch die ersten zehn Lebensjahre selbst ...


Wie schon Anja Baumheiers erstes Buch „Kranichland“ handelt auch ihr vorliegendes zweites von Schicksalen von Bürgern der DDR. Sie weiß, wovon sie schreibt, hat sie doch die ersten zehn Lebensjahre selbst noch in der DDR verbracht.
Aufbereitet wird ein Stück deutscher Geschichte, das gerade für mich, die ich aus Westdeutschland stamme und keinen persönlichen Bezug zur früheren DDR und ihren Bewohnern habe, interessant ist. Im Mittelpunkt stehen einige Personen aus einem kleinen Dorf an der mecklenburgischen Ostsee in dem Zeitraum ab Gründung der DDR über den Mauerbau bis zur Nachwendezeit. Sehr hilfreich ist insoweit das vorangestellte Personenverzeichnis, auf das ich zunächst noch einige Male zurückgreifen musste. In der Gegenwart im Jahr 2018 kehrt eine von ihnen – Elise, die Hauptprotagonistin, mittlerweile in Paris lebend – zurück, um zu erfahren, was es mit dem Tod ihres Vaters und dem plötzlichen Verschwinden ihres Freundes auf sich hatte.
Sehr schön ist die Darstellung des beispielhaften Zusammenhaltes im Dorf. Gelungen ist auch die detaillierte und wirklich wissenswerte Beschreibung der verschiedenen zeitlichen Stationen in der Gesellschaft der DDR mit ihren jeweils so spezifischen Problemen – wie etwa die Überführung der landwirtschaftlichen Betriebe in LPGs, der Mangel an Konsumgütern und Gegenständen des täglichen Bedarfs, die Bespitzelung und Denunziation durch die Stasi, Ausreiseschwierigkeiten, Flucht und Fluchthilfe, die in der Form gar nicht gewollte Wiedervereinigung, der Konsumrausch und die Übervorteilung nach der Wende.
Gestört hat mich lediglich die gelegentliche unrealistische zeitliche Darstellung. So wird Elise bereits im Alter von fünf Jahren als begabte Näherin eingeführt oder wird ihr ihre Boutique in Paris Ende Dezember schon zu Anfang Januar gekündigt.
Ein empfehlenswertes Buch für Leser von Familiengeschichten mit Interesse an der jüngeren deutschen Geschichte.

Veröffentlicht am 14.08.2019

Über den Zweiten Weltkrieg in Polen

Hannah und ihre Brüder
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Dieser fiktive Roman schockiert von Beginn an. In Chicago im Jahr 2004 beschuldigt der Holocaust-Überlebende Ben Solomon den angesehenen Geschäftsmann Elliot Rosenzweig, in Wahrheit der ehemalige SS-Offizier ...

Dieser fiktive Roman schockiert von Beginn an. In Chicago im Jahr 2004 beschuldigt der Holocaust-Überlebende Ben Solomon den angesehenen Geschäftsmann Elliot Rosenzweig, in Wahrheit der ehemalige SS-Offizier Otto Piontek zu sein, der als „Schlächter von Zamosc“ galt und unter dem er selbst und seine Familie leiden, mussten, ja sogar verraten wurden. Rosenzweig streitet ab und tut den Vorwurf als Verwechslung eines alten kranken Mannes ab. Um seinen guten Ruf nicht zu verlieren, lässt er sogar nach Otto Piontek suchen. Ben jedoch ist sich sicher und engagiert die Rechtsanwältin Catherine Lockhart, um Otto wegen seiner Vergangenheit vor Gericht zu bringen. Diese ist zunächst widerwillig, ändert aber ihre Ansicht, je mehr sie von Ben über die Vergangenheit hört.
Wer historische, im Dritten Reich angesiedelte Romane mag, sollte unbedingt zu diesem Buch greifen. Gut recherchiert und sehr realistisch stellt der Autor die Geschichte des Zweiten Weltkriegs in Polen dar, und zwar anhand der fiktiven Familie Solomon und ihres Ziehsohnes Otto. Ergebnis ist eine sehr berührende Lebensgeschichte eines den Holocaust Überlebenden, der alle Schrecken der damaligen Zeit durchlebt hat und die dafür Verantwortlichen bestraft wissen will. Das Buch ist ein guter Beitrag, um die Erinnerung an das furchtbarste Kapitel deutscher Geschichte wachzuhalten. Interessant ist auch der juristische Nebenschauplatz, dem anzumerken ist, dass der Autor von Haus aus Rechtsanwalt ist. Erst gegen Ende wird natürlich die Frage beantwortet, ob Ben mit seiner Anschuldigung richtig liegt.