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Veröffentlicht am 23.11.2019

Voller Liebe zu Afrika!

ÜBERLEBEN
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„Die Atmosphäre auf dem Fluss ist unbeschreiblich. Die Stimmung, das intensive Licht des Sonnenuntergangs, die Spiegelung auf dem Wasser… Fast unvorstellbar, dass diese Farben echt sind.“ Man liest diese ...

„Die Atmosphäre auf dem Fluss ist unbeschreiblich. Die Stimmung, das intensive Licht des Sonnenuntergangs, die Spiegelung auf dem Wasser… Fast unvorstellbar, dass diese Farben echt sind.“ Man liest diese Worte und hat sofort das Bild von Afrika im Kopf, das Sebastian Hilpert erzeugen möchte. Ein Bild von einer grandiosen Natur, die abgerundet wird von den wunderschönen, stolzen Wildtieren der Region.

In einer persönlichen Krise hat es Sebastian Hilpert nach Afrika gezogen und er hat – im Gegensatz zu vielen, die „nur gucken, aber nicht anfassen“ wollen – sofort dort angepackt, wo Hilfe dringend gebraucht wurde: in Wildtier-Auffangstationen. Dass das Leben und Arbeiten dort kein Zuckerschlecken ist, beschreibt er mit Humor und vielen Anekdoten. Aber immer spürt man die tiefe Zuneigung, die Hilpert bei seinen Aufenthalten in Südafrika und Namibia zu diesem Teil der Welt entwickelt hat. Besonders angetan haben es ihm Raubkatzen und Nashörner. Er schließt Freundschaften mit ihnen, muss aber gleichzeitig versuchen, Abstand zu wahren. Denn er möchte ihnen die Chance auf Auswilderung und damit ein natürliches Leben in Freiheit nicht kaputt machen. Man merkt seine Tierliebe in jeder Zeile und auch seinen Respekt vor der Tierwelt Afrikas – egal ob es sich um ein seltenes Spitzmaulnashorn handelt, oder um Impalas (das sogenannte Fast Food Afrikas).

In Gesprächen mit einheimischen Farmern, Wildhütern und Jägern versucht er das komplexe Gefüge zu verstehen, das irgendwo zwischen Tierschutz, kontrollierter Jagd und Wilderei liegt. Und sowohl er als auch der Leser merken schnell: mit Schwarz-Weiß-Denken kommt man hier nicht weiter. Die Medaille hat hier nicht nur zwei Seiten – sondern gefühlt mindestens vier…

Ich selbst war erschrocken, als ich gelesen habe, was für schonungslose Kriege um Elfenbein, Horn und die Schuppen der Pangoline geführt werden. Ich war aber auch erstaunt zu erfahren, was alles bereits für den Tierschutz getan wird in Namibia und Südafrika und wie viele Leute Geld und Herzblut in dieses Unterfangen stecken. Ich war verwirrt, als ich las, dass die Einnahmen aus dem Safari-Tourismus kaum ausreichen, um über die Runden zu kommen geschweige denn einen strukturierten Naturschutz zu betreiben. Und ich war immer wieder fasziniert von diesem wunderbaren Teil der Erde und seinen Bewohnern, die Sebastian Hilpert mit unverhohlener Liebe beschreibt. Auf deutsch gesagt: mir ging das Herz auf bei diesem Buch!

Auch wenn ich einige seiner Aktionen doch recht gewagt und leichtsinnig fand – es war eine Freude, Sebastian bei seinen Abenteuern in Afrika begleiten zu dürfen. Ein kleiner Wer-mutstropfen war für mich, dass das Ende des Buches nicht offenbart, welchen Weg Sebastian nach seinen Afrika-Abenteuern für sich eingeschlagen hat. Alles blieb sehr offen und ich hatte leider das Gefühl, dass er immer noch nicht wusste, wie sein Weg weitergehen soll. Damit endete das Buch für den Leser ohne einen wirklichen Abschluss, den man doch bei einer Sinnsuche irgendwo erwartet…

Aber das war nur ein kleines Manko in einem für mich wunderbaren Buch, bei dem ich von Anfang bis Ende mit dem Herzen dabei war. Und nun sitze ich hier und würde am liebsten gleich selbst die Koffer packen… Danke für dieses Buch, es war eine echte Bereicherung für mich!

Veröffentlicht am 17.11.2019

Eine Frage der Moral

Das Erbe
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Mona ist ein Gutmensch. Sie hat immer ein paar Münzen für Obdachlose in der Tasche, sie vergewissert sich, dass gefun-dene Dinge im Fundbüro ankommen – auch wenn sie dafür den Beginn einer Familienfeier ...

Mona ist ein Gutmensch. Sie hat immer ein paar Münzen für Obdachlose in der Tasche, sie vergewissert sich, dass gefun-dene Dinge im Fundbüro ankommen – auch wenn sie dafür den Beginn einer Familienfeier verpasst, sie hat einen sogenannten „moralischen Kompass“. In ihrer Familie ist sie damit aus der Art geschlagen. In ihrer geltungssüchtigen, auf Prestige bedachten und zum Teil hasserfüllten Familie ist sie das schwarze Schaf. Ab und zu zweifelt sie daran, wirklich mit diesen Personen verwandt zu sein. Als Erbtante Klara ausgerechnet ihr ein Mietshaus in München vermacht, das mehrere Millionen Euro wert ist, kochen die Emotionen hoch.

„Versteht ihr euch noch oder habt ihr schon geerbt?“ lässt Ellen Sandberg augenzwinkernd den hinlänglich bekannten Spruch in ihren Roman einfließen und auch in diesem Buch tun sich durch den Nachlass Abgründe auf. Aber auch ein viele Jahre lang gut gehütetes Geheimnis drängt ans Licht. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Die Geschichte des Hauses sorgt dafür, dass die moralisch gefestigte Mona ins Trudeln kommt. Schon durch wenige Nachforschungen stellt sie fest, dass beim Kauf des Hauses im Jahr 1938 durch ihren Vorfahr, einen Staatsanwalt, irgendetwas nicht mit rechten Dingen zugegangen ist. Das Haus war schon damals sehr wertvoll. Es gehörte einem jüdischen Kaufmann. Und wurde an ihren Vorfahren für einen Spottpreis verkauft. Hat er sich im Rahmen der Judenverfolgung das Haus unter den Nagel gerissen und seine jüdischen Freunde verraten?

Mona ist die Geschichte suspekt und ihr Erbe, um das sie alle beneiden, erscheint ihr zunehmend als Last. Sie kann sich nicht vorstellen, eigenen Reichtum auf dem Unglück - viel-leicht dem Tod - anderer aufzubauen. Ihr starkes Unrechtsbewusstsein sorgt dafür, dass sie immer weitere Nachforschungen anstellt und so nicht nur einem Geheimnis, sondern letztlich auch einem Verbrechen auf die Spur kommt.

Ellen Sandberg alias Inge Löhnig versteht es auch in diesem Roman wieder, eine spannende Familiengeschichte zu erzäh-len, die nicht nur Historisches und Aktuelles miteinander verbindet, sondern den Leser auch zum Nachdenken anregt. Denn über eines sollte man sich bewusst sein, wenn man dieses Buch liest: es wird Fragen aufwerfen. Und es wird vielleicht auch unbequem sein, wenn man merkt, dass der eigene „moralische Kompass“ vielleicht nicht so genau ausgerichtet ist wie der von Mona.

Mir hat das Buch einiges zum Überlegen mit auf den Weg gegeben und so wirkt es auch noch nach, wenn man es nach knapp 500 Seiten zugeklappt hat. Wie hätte ich selbst in dieser Situation reagiert? Was hätte ich anders gemacht? Wieviel moralisches Dilemma hätte ich verkraftet? Und hätte das ausgereicht, um die gleiche Entscheidung treffen zu können wie Mona?

Spannende Fragen, die das Buch zu mehr werden lassen als nur zu spannender Unterhaltungslektüre. Deshalb habe ich meine zunächst vorgemerkten 4,5 Sterne auch aufgerundet und vergebe nun mit gutem Gewissen 5 Sterne.

Veröffentlicht am 04.11.2019

Emanzipierter Roman und tolle, starke Frauenfiguren

Wie ein Leuchten in tiefer Nacht
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Zunächst einmal muss ich sagen: schade, dass hier vom Verlag an der „Kitsch-Schiene“ festgehalten wurde. Seit „Ein ganzes halbes Jahr“ hat Jojo Moyes den Herzschmerz-Stempel drauf und leider wird bei diesem ...

Zunächst einmal muss ich sagen: schade, dass hier vom Verlag an der „Kitsch-Schiene“ festgehalten wurde. Seit „Ein ganzes halbes Jahr“ hat Jojo Moyes den Herzschmerz-Stempel drauf und leider wird bei diesem Buch lieber auf Bewährt-Vertrautes gesetzt statt auch nur ein kleines Wagnis einzugehen. Wenn die Autorin sich traut, neue Wege zu gehen, warum geht der Verlag diese nicht mit und presst das Buch statt dessen mit Cover und Titel wieder in die Kitsch-Schublade? Aber gut... die Mechanismen des Marketings haben wohl ihre eigenen Gesetze.

Jetzt aber ans „Eingemachte“: Ich finde dieses Buch ist das beste, das Jojo Moyes je geschrieben hat. Es erzählt mitrei-ßend und dennoch einfühlsam von starken Frauen und man merkt dem Buch an, dass viel Leidenschaft der Autorin zu dem aufgegriffenen Thema darin steckt.

Jojo Moyes verwebt hier historische Fakten über die sogenannten „Satteltaschen-Bibliothekarinnen“ und spannende Lebensläufe von mehreren Frauen zu einem großartigen Roman. Da ist Margery, die schon immer unangepasst war und die es schwer hat, sich im ländlichen Kentucky der 1930er Jahre mit ihrer Lebensweise zu behaupten. Da ist die junge Engländerin Alice, die nach einer überstürzten Heirat ihrem Mann nach Kentucky folgt und vor der Vereinsamung flieht, indem sie sich den reitenden Bibliothekarinnen anschließt. Da ist die Farbige Sophia, die gut gebildet, aber unter Weißen kaum akzeptiert ist. Und da sind weitere Frauen, die alle nach und nach ihr angeblich gottgegebenes Dasein in Frage stellen und selbstständig werden – im Denken und im Handeln.

Auch wenn Alice laut Klappentext die Hauptfigur ist, so ist das im Roman nicht immer präsent. Auch Margery nimmt eine sehr große Rolle ein und das zentrale Thema ist immer die Bücherei und die Veränderungen, die die Frauen mit ihrem beschwerlichen Beruf anstoßen. Das macht das Buch zu soviel mehr als einem „Herzschmerz-Roman“. Es feiert die Selbstbestimmung von Frauen in einer Zeit, in der sie in vielen Bereichen eingeengt wurden. Und es feiert die Freundschaft – und diese Themen nehmen viel mehr Raum ein als die – natürlich auch vorhandene – Liebesgeschichte. Aber ganz ehrlich: ich habe nichts vermisst. Der Roman ist genau richtig, so wie er ist.
Die bisher kaum bekannte Geschichte der „Packhorse Library“ erhält endlich eine Stimme und die Frauen, die den schweren Job auf sich genommen haben, um anderen Gutes zu tun und Bildung zu vermitteln, erhalten endlich die Anerkennung, die sie seit fast 100 Jahren verdienen. Ich kann nur meinen Hut ziehen vor dem, was diese Frauen geleistet haben – aber auch vor der berührenden Geschichte, die Jojo Moyes daraus gemacht hat.

Ein wunderbarer Roman, in dem man die Weite Kentuckys und die Verbundenheit der Autorin zu ihren Figuren in jeder Zeile spürt. Und ich lass mich auf die Wette ein, dass eine Verfilmung wohl nicht lange auf sich warten lassen wird – denn schon beim Lesen sieht man die Geschichte quasi im Kinoformat vor sich

„Sie liebte diese Gegend. Sie liebte die Berge und die Men-schen und den unendlichen Himmel. Sie liebte das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun, sich jeden Tag herauszufordern und das Leben der Menschen durch Worte zu verändern. Sie hatte sich jeden blauen Fleck und jede Blase am Fuß verdient. Sie hatte eine neue Alice aus der Gestalt der früheren geschaf-fen...“


Veröffentlicht am 31.10.2019

Überzeugender und hochaktueller Thriller!

Opfer 2117
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Mit diesem 8. Fall für Carl Morck und sein Sonderdezernat Q konnte mich Jussi Adler Olsen endlich wieder überzeugen. Nachdem ich die letzten zwei Romane nicht so gelungen fand, war dieser hier wieder ...


Mit diesem 8. Fall für Carl Morck und sein Sonderdezernat Q konnte mich Jussi Adler Olsen endlich wieder überzeugen. Nachdem ich die letzten zwei Romane nicht so gelungen fand, war dieser hier wieder Krimi-/Thrillerkost vom feinsten.

Im Mittelpunkt des Buches steht diesmal Assad, Carls Ermitt-lungsassistent, den die meisten Leser schon aufgrund seiner drolligen Versprecher und seiner gelassenen Art lieb gewonnen haben. Dass vieles von dem, was Assad bisher ausmachte, arg untertrieben war, klärt sich in diesem Fall auf. Bisher war dieser Charakter immer ein großes Fragezeichen in der SDQ-Reihe, man ahnte, dass ein großes Geheimnis hinter Assad steckt – und das wird in diesem Roman spektakulär aufgedeckt. Es geht um seine Herkunft, sein bisheriges Leben und die Leute, die er sich zum Feind gemacht hatte…

Damit verknüpft ist die Vorbereitung eines Terroranschlags im Herzen Europas und auch das weiß Jussi Adler Olsen mit Hoch-spannung in Szene zu setzen. Ein hochbrisantes Thema, das der Autor hier anpackt. Und ein weiteres – quasi ein Fall im Fall – steht ebenfalls damit im Zusammenhang und porträtiert auf andere, aber nicht minder spannende Weise eine weitere latente Gefahr, die immer präsent ist: den psychisch gestörten Einzeltäter, dessen Motive und Ziele völlig im Unklaren liegen.

Insgesamt zeichnet der Autor ein sehr aktuelles Porträt der Gefahrenlage in Zentraleuropa und lässt seine Helden viel durchleiden – aber am Ende auch strahlen. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie er auf diesen Roman noch einen draufsetzen will, zumal das große Geheimnis um Assad, das die Reihe mitträgt, nun gelüftet ist. Aber ich lasse mich gern eines Besseren belehren beim nächsten Roman

Veröffentlicht am 05.10.2019

Eine junge Frau, die für ein modernes Frauenbild kämpft

Die Hafenschwester (1)
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Martha ist ein junges Mädchen, wie es viele gibt im Hamburg des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Geboren in eine arme, aber liebevolle Familie, muss sie während der Cholera-Epidemie erleben, wie ihre Schwester ...

Martha ist ein junges Mädchen, wie es viele gibt im Hamburg des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Geboren in eine arme, aber liebevolle Familie, muss sie während der Cholera-Epidemie erleben, wie ihre Schwester und ihre Mutter an der Krankheit sterben und wie dadurch der Familie das Herz genommen wird. Ihr Vater verwindet den Tod der beiden nicht und flüchtet sich in den Alkohol – mit fatalen Folgen, denn so bekommt er keine Arbeit mehr und es reicht nicht einmal mehr für die Miete. Martha übernimmt in ihrem jungen Alter notgedrungen die Verantwortung für ihren Vater und ihren kleinen Bruder. Mit Entbehrungen, aber auch viel Entschlossenheit versucht sie, die Familie über Wasser zu halten.

Nur ihrem starken Durchhaltewillen und ihrer Zielstrebigkeit ist es zu verdanken, dass sie schließlich belohnt wird – sie erhält die Möglichkeit, eine Ausbildung zur Krankenschwester zu machen. Ein Privileg, das eigentlich Töchtern aus gutem Hause vorbehalten ist und Martha so einige Widrigkeiten beschert. Denn die jungen Damen sind alles andere als begeistert, dass „eine aus der Gosse“ mit ihnen arbeiten soll.

Martha jedoch geht ihren Weg und ihre Überzeugungen führen sie letztlich auch in eine politische Richtung. Als Sozialdemo-kratin kämpft sie für die Rechte der Armen, der Hafenarbeiter, der Prostituierten. Keine einfache, aber letztlich eine er-füllende Aufgabe.

Melanie Metzenthin ist es gelungen, die Situation der einfachen Leute in Hamburg an der Schwelle zum 20. Jahrhundert anschaulich zu schildern. Ohne zu beschönigen, legt sie die Misstände offen, versucht dabei aber durch ihre Heldin Martha immer aufzuzeigen, dass die „alte Welt“ im Umbruch ist. Der Standesdünkel ist immer noch weit verbreitet, die Welt teilt sich in die wenigen gutbürgerlichen Haushalte und die vielen einfachen Arbeiter, die an der Armutsgrenze leben. Doch Martha und die Leute in ihrem Umfeld brechen die Mauern zwischen den Ständen auf und zeigen, wie Stück für Stück der Fortschritt Einzug hält. Nicht nur technisch gesehen, sondern vor allem in der Gesellschaft.

Martha kämpft für ein modernes Frauenbild und gegen die Doppelmoral der angeblich „feinen Gesellschaft“. Deutlich wird das besonders an ihren politischen Aktivitäten und ihrem Einsatz für die sogenannten gefallenen Mädchen. Wie die Autorin das in einen mitreißenden historischen Roman verpackt, hat mich beeindruckt und auch berührt. Besonders die Nebenfigur der Milli (Marthas Kindheitsfreundin) ist mir ans Herz gewachsen. Im zweiten Teil hoffe ich dann zu erfahren, wie es ihr in ihrem „neuen Leben“ ergeht. Aber auch von Martha habe ich längst nicht genug gelesen und freue mich jetzt schon auf den 2. Band dieser Reihe.

Allen, die historische Romane und starke Frauenfiguren mögen, sei dieses Buch wärmstens empfohlen!