Profilbild von mrs-lucky

mrs-lucky

Lesejury Star
offline

mrs-lucky ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit mrs-lucky über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 26.01.2020

spannender Krimi mit Bezug zu einem brisanten Kapitel der deutsch-deutschen Geschichte

Die Toten von Marnow
0

Im heißen Sommer des Jahres 2003 wird in Rostock ein Mann in seiner Wohnung auf grausame Weise ermordet aufgefunden. Das Motiv scheint schnell klar zu sein und die Aufklärung keine große Sache, doch bald ...

Im heißen Sommer des Jahres 2003 wird in Rostock ein Mann in seiner Wohnung auf grausame Weise ermordet aufgefunden. Das Motiv scheint schnell klar zu sein und die Aufklärung keine große Sache, doch bald zeigt sich, dass hier eine falsche Fährte gelegt wurde und mehr hinter der Sache steckt. Weitere Morde werfen die Frage nach einem Serienmörder auf. Als verantwortliche Kommissare sind der aus Rostock stammende Frank Elling eingesetzt und seine Kollegin Lona Mendt, die vor ein paar Monaten aus Hannover dazu gekommen ist.
Trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft und der erst kurzen Zusammenarbeit verstehen sich die beiden in vielen Situationen blind und sind bereits ein eingeschworenes Team. Das ist den beiden auch in diesem Fall eine Hilfe, der sich als brisanter Skandal entpuppt mit einem sowohl historischen als auch politischen Hintergrund. Mit ihren Ermittlungen machen Elling und Lona einflussreiche Widersacher auf sich aufmerksam, die die Wahrheit um jeden Preis vertuschen wollen. Insbesondere Frank Elling, der privat dazu neigt, über seine Verhältnisse zu leben, ist anfällig für moralisch fragwürdige Handlungen, aber auch Lona Mendt schreckt nicht vor Grenzüberschreitungen zurück, um ihre und Franks Haut zu retten. Das macht die beiden menschlich und stimmt nachdenklich, wie weit man selbst in Ausnahmesituationen zu gehen bereit wäre. Es macht außerdem bewusst, wie schwer es ist, die Handlungen anderer aus moralischen Gründen zu verurteilen.
Der Krimi ist durchgehend spannend, die Tasche, dass die Geschichte auf einem realen Hintergrund basiert, erhöht die Brisanz. Man merkt dem Buch an, dass der Autor als Drehbuchautor arbeitet, beim Lesen hatte ich oft den Eindruck, einem Film zu folgen mit lebendigen Szenen und Dialogen, sowie einem gelungenen Wechsel zwischen Action und ruhigeren, nachdenklicheren Szenen.
Mir ist die Geschichte an vielen Stellen sehr nahe gegangen, die Mischung aus Kriminalfall, Hintergrundgeschichte und privatem Leben der Hauptcharaktere habe ich als gelungen empfunden. Bei der Figur Frank Ellings ist meine Haltung zu seiner Persönlichkeit sehr zwiegespalten, allerdings werte ich es als positives Zeichen, wenn ich mich beim Lesen über das Verhalten eines Charakters derart aufrege, zeigt es doch, wie nahe mir die Geschichte geht.
Mich hat es sehr gefreut zu lesen, dass die Geschichte bereits als Mini-Serie verfilmt wurde, und ich hoffe sehr, dass es mit Elling und Lona nicht nur im Fernsehen ein Wiedersehen geben wird.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 29.04.2019

liebevoll erzählte Geschichte eines norddeutschen Dorfes und ihrer Bewohner

Mittagsstunde
0

Dörte Hansens Roman „Mittagsstunde“ ist eine Hommage an ihre norddeutsche Heimat, vergleichbare Charaktere und Szenarien gibt es sicher auch in anderen ländlichen Gegenden, die windgepeitschte norddeutsche ...

Dörte Hansens Roman „Mittagsstunde“ ist eine Hommage an ihre norddeutsche Heimat, vergleichbare Charaktere und Szenarien gibt es sicher auch in anderen ländlichen Gegenden, die windgepeitschte norddeutsche Geest ist aber schon etwas Besonderes. Die Menschen sind es gewohnt, den Widrigkeiten der Natur zu trotzen, schon zu Schulzeiten sind die „Kapuzenkinder“ Wind und Regen ausgesetzt, während sie auf den „Kartoffelroder“ warten, den Bus, der sie zu den weiterführenden Schulen bringt und dabei in den Dörfern die Kinder aufliest.
Ingwer Feddersen ist Ende 40, als er aus Kiel für ein Sabbatjahr in sein Heimatdorf zurückkehrt, um seine Großeltern zu pflegen, auf der Fahrt über das raue Land kehren Erinnerungen an seine Kindheit zurück. Sönke und Ella Feddersen sind über 90, Ella wird zunehmend dement, ihr Mann Sönke akzeptiert nur zögernd, dass seine besten Zeiten ebenso vorbei sind, wie die des Dorfkrugs, den er in der dritten Generation führt.
Dörte Hansen zeichnet mit viel Liebe zu ihren Figuren und zu Details die Geschichte des fiktiven Brinkebülls nach, das sich ebenso wie seine Bewohner im Laufe der Zeit vielen Veränderungen stellen musste. Viele ist verschwunden, wie die Pflastersteine, die kleinen Höfe, der Kaufmannsladen oder auch die Mittgasstunde, die früher den Dorfbewohnern heilig war.
Durch die Augen Ingwer Feddersens, der das Dorfleben ebenso kennt wie das in der Stadt, bekommt der Leser einen Einblick in die Geschichte des Dorfes und ihrer zum Teil sehr speziellen bis eigenwilligen Bewohner, wie Hanni Thomsen der tagtäglich mit seinem Mofa durch das Dorf düst oder Ingwers Mutter Marret, die mit ihren Klapperlatschen durch das Dorf läuft und auch jedem, der es nicht hören will, den nahenden Untergang voraussagt. "Man konnte Marret Feddersen von Weitem hören, wenn sie in ihren weißen Klapperlatschen angelaufen kam. Sie trug die alten Dinger immer. Schiefgetretene Holzsandalen, auch bei Schnee und Eis. Wozu noch Schuhe kaufen. Die Leute seufzten, wenn sie das Klappern auf der Straße hörten. Dor kummt de Ünnergang al wedder. Es passte manchmal schlecht." Aber auch Marret mit ihrer speziellen Art hat ihren Platz in der Gemeinschaft, das Dorf hält zusammen in guten und in schweren Zeiten. Beispielhaft dafür stehen Ingwers Großeltern, die einige Schicksalsschläge haben meistern müssen und trotz einiger tragischer Erlebnisse auf die Gnadenhochzeit zusteuern, die groß gefeiert werden soll.
Der Roman vereint Melancholie und Witz, Hannelore Hoger liest ihn pointiert und mit viel Gefühl für die Charaktere. Stellenweise hat mich bei ihrem Vortrag die Tendenz zum Nuscheln gestört, Dörte Hansen großartiger Erzählstil hat mich wieder vollauf begeistert.

Veröffentlicht am 01.06.2018

ein düsterer und schonungsloser aber sehr spannender Schwedenkrimi

In den Fängen des Löwen
0

Der am 31. 5. Im Tropen- Verlag erschienene Thriller „In den Fängen des Löwen“ ist bereits der 2. Band des Autorenduos Kallentoft/Lutteman um den Stockholmer Ermittler Zack Herry, für mich war es der Einstieg ...

Der am 31. 5. Im Tropen- Verlag erschienene Thriller „In den Fängen des Löwen“ ist bereits der 2. Band des Autorenduos Kallentoft/Lutteman um den Stockholmer Ermittler Zack Herry, für mich war es der Einstieg in die Reihe, aber es wird ganz bestimmt nicht der letzte bleiben.
Das Buch beginnt mit einem spannenden Einstieg, auf dem Schornstein einer stillgelegten Zementfabrik wird durch einen Zufall die Leiche eines brutal ermordeten Jungen aufgefunden. Wenig später wird der Polizei ein Film zugespielt, in dem eben dieser Junge über Wochen in einer Berghöhle in einem Käfig gefangen gehalten wird, während der Entführer im Hintergrund wie ein löwenartiger Schatten um ihn herum schleicht und ihn am Ende außer Sicht der Kamera schleift.
Die Polizei kann zwar den Jungen identifizieren, zunächst Erfolg versprechende Spuren laufen jedoch ins Leere. Kurz darauf taucht ein weiterer Film auf, in dem ein verängstigt wirkender Junge in einer ähnlichen Höhle gefangen ist, diesmal ist im Hintergrund jedoch eine rückwärts laufende Uhr zu sehen. Der Ermittler Zack Herry versteht schnell, dass das Leben des Jungen auf dem Spiel steht, wenn es ihnen nicht gelingt, diese Höhle und den Jungen rechtzeitig zu finden. Dabei hat Zack Herry gerade genug eigene Probleme, er droht den Kampf gegen seine Drogensucht zu verlieren ebenso wie das Vertrauen und die Loyalität seiner Kollegin Deniz.
Der Thriller ist spannend und actionreich aber auch bis an die Grenze gehend brutal. Die Sprache ist einfach aber direkt, die kurzen Kapitel erhöhen das Tempo. Die Gruppe der Ermittler besteht aus interessanten Charakteren, wobei die Figur Zack Herrys sehr anstrengend düster ist. Hier wird das Klischee des des mit persönlichen Problemen kämpfenden Ermittlers auf die Spitze getrieben. Der extrem kalte schwedische Winter verstärkt die düstere Stimmung der Geschichte.
Gut gefallen hat mir die Komplexität des Thrillers und der Bezug zu der Sage um Herkules Kampf mit dem Nemischen Löwen; In Schweden trägt die Serie um Zack Herry sogar den Untertitel „Herkulesserie“.
Der Band kann alleinstehend gelesen werden, ich hatte nicht den Eindruck, etwas nicht zu verstehen, weil ich den Anfang der Reihe nicht kenne. Dennoch habe ich mir den ersten Teil schon bestellt, da mich das Autorenduo mit ihrem fesselnden Thriller überzeugt, dass sie ihr Handwerk verstehen. Ich hoffe sehr, dass auch Teil 3 und 4 zeitnah ins Deutsche übersetzt und veröffentlicht werden.

Veröffentlicht am 14.04.2026

beklemmende Zukunftsvision

Ins fahle Herz des Sommers
0

Wie hat mir „Ins fahle Herz des Sommers“ gefallen? Üblicherweise ziehen mich die Romane von Andreas Eschbach schnell in ihren Bann, hier habe ich mich etwas schwer getan. Die 240 Seiten wirken eher wie ...

Wie hat mir „Ins fahle Herz des Sommers“ gefallen? Üblicherweise ziehen mich die Romane von Andreas Eschbach schnell in ihren Bann, hier habe ich mich etwas schwer getan. Die 240 Seiten wirken eher wie ein Gedankenspiel, wie eine Mahnung, was unserer Gesellschaft droht, wenn wir die deutlichen Zeichen der Klimaveränderung nicht Ernst nehmen.
Der Beginn versetzt den Leser direkt in ein düsteres Szenario einige Jahre in der Zukunft. Die Sonne brennt erbarmungslos vom Himmel, tagsüber ist die Hitze kaum erträglich, die Natur ist ausgedörrt. Die Gegend, in der die Geschichte spielt, ist nur noch sporadisch besiedelt, viele sind nach Norden geflohen, eine Pandemie hat ein paar Jahre zuvor hat das Leben vieler Menschen ausgelöscht.
In dieser unwirtlichen Umgebung versucht der junge Fausto zu überleben, in Vollmondnächten fährt er mit einem Fahrrad in benachbarte Orte, um in verlassenen Häusern nach nützlichen Dingen zu suchen. Soziale Kontakte hat er kaum, um so mehr ist er begeistert, als in das Nachbarhaus die junge Valeria einzieht, der die Hitze erstaunlicherweise kaum etwas auszumachen scheint.
Die Geschichte ist dystopisch und zeichnet eine niederschmetternde Zukunft. Ich habe mich beim Lesen immer wieder gefragt, wie realistisch eine solche Entwicklung ist. Es steht zumindest unbestreitbar fest, dass der Klimawandel, den große Teile der Weltbevölkerung immer noch ignorieren, uns schon jetzt in immer stärkerem Maße betreffen.
Die Geschichte ist spannend erzählt und macht mit ihren philosophischen Themen nachdenklich, Eschbach versteht es auch in dieser sehr reduzierten Erzählung die Dinge auf den Punkt zu bringen. Dennoch erscheinen die Schilderungen distanziert, der Erzähler beschreibt Faustos Handlungen und Gedanken, wirklich nahe habe ich mich ihm nie gefühlt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 01.04.2026

das Känguru ist zurück

Die Känguru-Rebellion (Die Känguru-Werke 5)
0

Das Känguru rebelliert? Da bin ich als Fan der Reihe ganz klar mit dabei.
Ein wenig skeptisch war ich schon, als ich die Ankündigung einer Fortsetzung der Känguru-Klassiker gesehen habe. Kann das nach ...

Das Känguru rebelliert? Da bin ich als Fan der Reihe ganz klar mit dabei.
Ein wenig skeptisch war ich schon, als ich die Ankündigung einer Fortsetzung der Känguru-Klassiker gesehen habe. Kann das nach so einer langen Zeitspanne und Pause noch funktionieren?
Der Einstieg ist etwas zäh und wärmt alte Geschichten auf, doch es wird schnell interessanter und vor allem politischer. Man merkt, dass sowohl Marc-Uwe Kling als auch das Känguru älter und reifer geworden sind. Der Klamauk, der mir im dritten Band offen gestanden schon zu dominant war, fehlt hier ebenso wie einige der früheren Charakter. Lediglich Herta spielt diesmal eine größere Rolle und läuft meiner Meinung nach zu Hochform auf, während Friedrich-Wilhelm, Otto-Von und Krapotke zu Randfiguren werden. Die kleinen Kabbeleien zwischen Marc-Uwe und dem Känguru sorgen für Abwechslung und machen immer noch Spaß, auch den „falschen“ Zitaten zum Kapitelauftakt bleibt der Autor treu.
Insgesamt ist dieser Band sehr politisch, zeigt aber weniger Aktionismus als die früheren Bände - Rebellion statt Revolution. Die Rebellion bildet einen roten Faden für einige Anekdoten, witzige Wortspiele und Gleichnisse, sowie einer großen Portion Kritik an Gesellschaft und der aktuellen politischen Führung. Marc-Uwe Kling und das Känguru bringen viele Probleme auf anschauliche Weise auf den Punkt und halten der Gesellschaft einen Spiegel vor. Einiges wirkt übertrieben und überspitzt, aber vielleicht muss man manchmal überdeutlich werden, um die Menschen aufzuwecken. Und als Kleinkünstler ist es sein gutes Recht, mit Satire und Ironie zu provozieren. Wobei in vielen angesprochenen Punkten mehr Wahrheit steckt, als einem lieb ist.
Auch diesen Band habe ich als Live-Lesung gehört, etwas anderes kommt für mich bei dieser Reihe nicht infrage, denn erst die pointierte Lesung mit den verschiedenen Stimmen und Dialekten runden das Werk ab.
Dieser Band ist nicht das Highlight der Reihe, bietet aber 6,5 Stunden großartige Unterhaltung.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere