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Veröffentlicht am 02.05.2020

Nach dem Krieg

Heldenflucht
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Dezember 1918 - der Krieg ist vorbei. Doch in dem kleinen Eifeldorf Kirchbach sind die Kriegsfolgen deutlich zu spüren. Viele der jungen Männer sind gefallen oder vermisst, die Heimkehrer sind nicht mehr ...

Dezember 1918 - der Krieg ist vorbei. Doch in dem kleinen Eifeldorf Kirchbach sind die Kriegsfolgen deutlich zu spüren. Viele der jungen Männer sind gefallen oder vermisst, die Heimkehrer sind nicht mehr so wie sie waren. Agnes Papen, die als Kriegsberichterstatterin an der Front war, besucht ihren erkrankten Onkel. Sie sehnt sich in die Stadt zurück und sucht nach einem Job als Fotojournalistin. Der junge Franz hat noch etwas von einem Abenteurer und als er in der Nähe des Ortes eine Leiche findet, will er unbedingt erforschen, was weiter mit dem Toten geschieht, deshalb behalt er seinen Fund für sich.

Fast alle Einwohner des Dorfes sind in irgendeiner Form vom Krieg gezeichnet. Entweder haben sie liebe Menschen verloren oder selbst viel erlitten. Fast glücklich sind beinahe die, die entweder zu jung oder zu alt waren, um direkt in den Krieg gezogen zu werden. Doch auch die Wirtschaft liegt danieder, die Menschen haben nicht viel. Sogar dem Krämer fehlt es an Ware, weil sein Lieferant nicht kommt. Die Stimmung ist gedrückt und wenn es auf einem Hof mal besser gehen könnte, so sind die Besitzer doch missgünstig und geizig. Sie teilen nicht, sondern nehmen sich eher noch Frechheiten heraus gegenüber ihren Untergebenen.

Es ist eines dieser Bücher, die sehr überzeugend darstellen, dass die Folgen eines Krieges so schwer sind, dass sich niemand einen Krieg wünschen kann. Anhand eines kleinen Dorfes werden die Auswirkungen sehr eindringlich dargestellt. Bei manchen Menschen scheint diese Zeit das Schlechteste hervorgeholt zu haben. Und Heimkehrer leiden unter vielfältigen Störungen, womit die Familien häufig überfordert sind. Da freut man sich schon fast, wenn einige Menschen noch halbwegs normal geblieben sind und einiges an Initiative behalten haben. Es ist zu hoffen, dass ihnen die Zukunft gehört. Gepackt verfolgt man die Ereignisse im Dorf und ist sprachlos ob der teilweise herrschenden Gewalt. Dem Autor ist es wirklich gelungen, die düstere Stimmung nach dem Krieg nachzuzeichnen. Von Erleichterung ist da noch nicht viel zu spüren. Der überraschende Schluss schockiert zusätzlich. Dieser Roman mahnt, Frieden ist ein wertvolles Gut.

Veröffentlicht am 28.03.2020

Union Jack

Dear Oxbridge
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Am Vorabend der Brexit-Abstimmung reist die Autorin nach Oxford, um ihr WG-Zimmer zu räumen, weiß sie noch nicht, dass sie um einige Schulden ärmer also reicher aufwachen wird. Zum Erstaunen und Entsetzen ...

Am Vorabend der Brexit-Abstimmung reist die Autorin nach Oxford, um ihr WG-Zimmer zu räumen, weiß sie noch nicht, dass sie um einige Schulden ärmer also reicher aufwachen wird. Zum Erstaunen und Entsetzen der Universitätseliten haben die Briten, die zur Wahl gegangen sind, sich für den Brexit entschieden. Die Autorin bleibt den Briten dennoch zugetan, auch wenn sie manchmal mit ihnen hadert. Ihr Traum war es immer, in Oxford oder Cambridge oder an beiden Orten, die dann Oxbridge genannt werden, zu studieren. Doch vor das Studium haben die Verantwortlichen ein Auswahlverfahren gesetzt, das es zu bestehen gilt.

In ihren Essays, die hier zu einer Sammlung mit Zusammenhang gefasst sind, schildert die Autorin ihren Weg und Umweg durch das Studium der Philosophie und Englischen Literatur in Heidelberg, Cambridge und Oxford. Auch wenn man selbst keine Essays schreiben kann, weil man das hier in Deutschland auch nicht lernt, so kann man doch verstehen, wie schwer es Nele Pollatschek gefallen ist, sich den Anforderungen der englischen Unis anzupassen. Es war ihr Traum und sehr zielstrebig hat sie alles drangesetzt, dass sie ihn sich erfüllen konnte. Durch den jahrelangen Aufenthalt in England hat sie einen Einblick und tiefes Verständnis von der englischen Mentalität gewonnen, welches sie hier nun weitergibt.

Abseits von allem Brexit-Geschrei, das möglicherweise so manch einem inzwischen zu viel wird, herrscht in England eine Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, die ihresgleichen sucht. An Englische Toiletten erinnert man sich sicher aus dem Urlaub und kann mit der Autorin schmunzeln, schließlich standen einem schon selbst die Haare zu Berge beim Kampf mit dem Abfluss. Wie das unsägliche Bild aus Zeitungs- und TV-Berichten zustande kommt und welchen Hintergrund die britischen Eliten haben, die nach dem Studium häufig an die Macht kommen, erläutert die Autorin sehr eindringlich. Da empfindet man mehr Verständnis für das Handeln der Briten, aber auch eine gewisse Hoffungslosigkeit, dass sich an der Situation nochmal etwas ändern könnte. Und so werden wir uns an die britische Freundlichkeit erinnern und versuchen die kulturellen Unterschiede zu verstehen. Und es vielleicht mit einem ähnlichen Stoizismus ertragen, dass es eben so ist wie es ist.

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Veröffentlicht am 19.03.2020

Ladies

Und am Ende werden wir frei sein
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Im Jahr 1939 lernt Caroline Ferriday den charmanten Franzosen Paul Rodier kennen. Paul ist ein bekannter Schauspieler, dessen Ehe nur noch auf dem Papier existiert. Die Lage in Europa ist unsicher, Hitler ...

Im Jahr 1939 lernt Caroline Ferriday den charmanten Franzosen Paul Rodier kennen. Paul ist ein bekannter Schauspieler, dessen Ehe nur noch auf dem Papier existiert. Die Lage in Europa ist unsicher, Hitler ist gerade in Polen einmarschiert. In Polen erleben Kasia und ihre Freunde den Einmarsch hautnah. Ein Luftangriff der Deutschen fegt über Lublin hinweg, sie müssen mit ansehen, wie Teile ihrer Heimatstadt dem Erdboden gleich gemacht werden und Schüsse aus den Flugzeugen heraus Menschen tödlich treffen. In Düsseldorf träumt Herta von einem Leben als Chirurgin. Zwar darf sie Medizin studieren, doch kann sie als Frau allenfalls auf eine Stelle als Dermatologin hoffen. Wieso ihr schwerkranker Vater zu einem jüdischen Arzt geht, versteht sie nicht.

Drei Frauen - drei sehr unterschiedliche Schicksale. Caroline, die Tochter aus gutem Haus, engagiert sich für wohltätige Zwecke in der französischen Botschaft. Kasia, die junge Polin, ist verliebt. Doch will auch was tun, gegen die Deutschen, die sich immer mehr in das Stadtbild Lublins drängen. Ihre beste Freundin Nadia ist Jüdin und Kasia unterstützt den Widerstand, in der Hoffnung auch Nadia zu helfen. Herta dagegen ist von der Nazidoktrin durchdrungen. Sie hat nur einen Wunsch, sie will Ärztin werden und um dieses Ziel zu erreichen, ist ihr jedes Mittel recht. Als sie von einer Stelle hört, zögert sie nicht lange.

Auch wenn Caroline etwas behütet wirkt und während des Krieges in New York nicht tatsächlichen Kriegshandlungen ausgesetzt ist, entwickelt sie doch großes Mitgefühl und das Bedürfnis zu helfen. Kasia, die in das Frauenlager Ravensbrück deportiert wird, muss schlimmste Foltern erleiden. Es ist ungewiss, ob sie überhaupt mit dem Leben davon kommt. Herta Oberheuser zeichnet nichts aus. Sie ist eine tumbe Nazi-Schergin, die jegliches Gefühl vermissen lässt. Unterschiedlicher können die Frauen kaum sein. Ihre Lebensbeschreibungen lösen etwas aus. Die Grausamkeit der Nazis ist dabei unbegrenzt. Es ist kaum zu fassen, dass Menschen die Menschlichkeit so abhanden kommen kann und sie sich dann nicht einmal schuldig fühlen. Welcher Balsam für die Seele sind dann die anderen. Die liebenswerte, aber auch durchsetzungsstarke Caroline und Kasia, die trotz allem Leid Zeugnis geben kann von dem was ihr widerfahren ist. Ein fesselndes und mitreißendes Buch, das den Ravensbrück Ladies ein würdiges Denkmal setzt.

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Veröffentlicht am 16.03.2020

Truth or Dare

Beute
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An der Strecke eines südafrikanischen Luxuszuges wird ein Personenschützer tot aufgefunden. Als Bennie Griessel den Fall übertragen bekommt, sind schon ein paar Wochen vergangen. Eigentlich zu viel, um ...

An der Strecke eines südafrikanischen Luxuszuges wird ein Personenschützer tot aufgefunden. Als Bennie Griessel den Fall übertragen bekommt, sind schon ein paar Wochen vergangen. Eigentlich zu viel, um den Fall aufklären zu können. Aber natürlich machen sich Griessel und sein Partner Cupido an die Nachforschungen. Es ist zunächst unklar, ob der Tote Selbstmord begangen hat oder aus dem fahrenden Zug geworfen wurde. Zur gleichen Zeit treffen sich in Frankreich zwei Männer, die sich schon lange kennen, aber die sich schon ewig nicht mehr gesehen haben. Der Besucher will seinen alten Freund und Mitstreiter überreden, einen brisanten Auftrag zu übernehmen.

In seinem sechsten Fall bekommt es Bennie Griessel mit einem rätselhaften Todesfall zu tun. Auch wenn er seine Alkoholkrankheit nie ganz überwinden wird, ist er nun schon eine Weile trocken und auch mit seiner Freundin Alex läuft es gut. Er ist entschlossen, ihr einen Heiratsantrag zu machen. Nur weiß er noch nicht, wie er das am besten anstellen soll. Im Moment geht die Sache um den toten Personenschützer vor. Dieser hat früher bei der Polizei gearbeitet und seine ehemaligen Kollegen sind nicht sehr eifrig bei der Aufklärung des Sachverhaltes. Was wird hier im Geheimen gehalten?

Der Autor Deon Meyer ist dafür bekannt, dass seine Kriminalromane die aktuelle politische Lage in Südafrika aufgreifen. Danach scheint es als sei mehr als zwanzig Jahre nach Beendigung der Apartheidspolitik nicht so viel gewonnen wie gewünscht. In vielen Bereichen bis in die hohe Politik herrscht ein System der Korruption und Bevorteilung. Auch der Polizeiapparat bleibt nicht verschont. In diesem Umfeld entwickelt der Autor einen spannenden und vielschichtigen Kriminalfall. Mit den wechselnden Schauplätzen in Südafrika und Frankreich wird die Handlung noch bereichert. Durch dieses Wechselspiel begreift man nach und nach immer mehr Zusammenhänge und ist jederzeit gefesselt. Ein besonderer Kriminalroman mit einer ausgewogenen Mischung aus packendem Fall, den privaten Lebensumständen der Ermittler und den politischen Gegebenheiten im heutigen Südafrika.

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Veröffentlicht am 08.03.2020

Roses Palmen

Die Geheimnisse meiner Mutter
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Kurz vor ihrem 35. Geburtstag gerät Rose so langsam ins Überlegen wie es mit ihrem Leben weitergehen soll. Ihr in zweiter Ehe verheirateter Vater hat eine Krankheit überwunden, ihre Beziehung läuft nicht ...

Kurz vor ihrem 35. Geburtstag gerät Rose so langsam ins Überlegen wie es mit ihrem Leben weitergehen soll. Ihr in zweiter Ehe verheirateter Vater hat eine Krankheit überwunden, ihre Beziehung läuft nicht mehr so richtig und endlich will sie dem Verschwinden ihrer Mutter auf den Grund gehen. Diese hat den Vater und Rose verlassen als Rose noch ein Baby war. Weil Rose nie wusste, was ihren Mitschülern, Freunden oder Bekannten erzählen sollte, hat sie irgendwann begonnen zu sagen, ihr Mutter sei tot. Und nun gegen Jahresende gibt der Vater ihr zwei Bücher und erklärt, die Schriftstellerin habe ihre Mutter gekannt.

Wie es wohl sein muss, wenn man seine Mutter nie kennenlernen konnte? Prägt es das ganze Leben? Oder kann man dies Umsorgtsein durch die Mutter überhaupt vermissen, wenn man es nicht kennengelernt hat? Und wie ist es mit dem Vater? Hat er sich seines verlassenen Kindes angenommen? In den 1980ern ist ein alleinerziehender Vater sicher noch eine Seltenheit. Doch Rose ist eine Frau mit Ideenreichtum und Durchsetzungsvermögen, die es auch mal wagt, eine sich bietende Gelegenheit wahrzunehmen. Zunächst einmal versucht sie sich der Geschichte ihrer Mutter zu nähern, indem sie die Bücher liest, die ihr Vater ihr gegeben hat.

Welch ein tolles Buch. Jessie Burton hat eine ganz eigene Art, den Ton zu treffen. In manchen Kapiteln liest man eine dramatische Familiengeschichte, in manchen könnte man fast den Eindruck bekommen, man hat einen Spannungsroman vor sich. Es ist sehr berührend mitzulesen, wie Rose der Geschichte ihrer Mutter nachgeht. Dabei beginnt Rose nicht nur, ihrer Mutter näher zu kommen, sondern auch sich selbst. Wer ist ihre Mutter und wo ist sie? So wie sie der verschwundenen Mutter auf die Spur kommt, so kommt Rose viel mehr sich selbst auf die Spur. Es ist erfrischend wie sich die Wendungen dieses auf zwei Zeitebenen angesiedelten Romans gerade nicht auf ausgetretene Pfade begeben. Ein überraschendes, mitreißendes und äußerst lesenswertes Buch.

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