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Veröffentlicht am 07.06.2020

Ein erschütternder, historischer Roman

Die Unwerten
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INHALT
Frankfurt am Main, 1939.
Die vierzehnjährige Hannah bricht vor ihren Mitschülern in einem Krampfanfall zusammen. Bisher war es ihr gelungen, ihre Epilepsie zu verheimlichen, doch jetzt meldet ihr ...

INHALT
Frankfurt am Main, 1939.
Die vierzehnjährige Hannah bricht vor ihren Mitschülern in einem Krampfanfall zusammen. Bisher war es ihr gelungen, ihre Epilepsie zu verheimlichen, doch jetzt meldet ihr linientreuer Lehrer sie bei der Obrigkeit. Hannah gerät ins Visier des NS-Terrorapparates, denn die Nazis haben sich zum Ziel gesetzt, alles „lebensunwerte Leben“ zu vernichten.
Hannahs Schicksal liegt nun in den Händen des Gutachterarztes Joachim Lubeck, einem gewissenlosen Opportunisten, der für seine Karriere über Leichen geht.
(Quelle: Gmeiner - Erscheinungsdatum: 12.02.2020 - ISBN: 978-3-8392-2646-9)

MEINE MEINUNG
„Die Unwerten“ von Volker Dützer ist der aufwühlende Auftaktband einer historischen Romanreihe um die junge Halbjüdin Hannah Bloch. Hierin hat sich der Autor eines beklemmenden Themas und finsteren Kapitels der deutschen Geschichte angenommen – den Euthanasieverbrechen durch die Nationalsozialisten im Dritten Reich und ihrem menschenverachtenden Projekt Aktion T4, das zum Ziel hatte „lebensunwertes Leben“ zu vernichten. Diese gehörten zu den nationalsozialistischen Untaten, die eher selten in den Medien thematisiert werden und deren Ausmaße nur wenigen bekannt sein dürften.
In seinem äußerst umfangreichen und vielschichtigen Roman ist es Dützer hervorragend gelungen, die vielen sorgsam recherchierten Details zu den Euthanasieverbrechen der Nazis in einer bewegenden und zugleich fesselnden, fiktiven Handlung anschaulich und nachvollziehbar darzustellen. Sehr gut ist es ihm auch gelungen, die damalige Zeit facettenreich und glaubhaft heraufzubeschwören.
Im Mittelpunkt der äußerst ergreifenden, fiktiven Geschichte steht die junge Protagonistin Hannah, die wegen ihrer Epilepsieerkrankung und ihres aufmüpfigen Verhaltens als „nicht abrichtbar“ abgestempelt wird, auf die Liste der Aktion T4 und in die Fänge des skrupellosen Gutachterarztes Joachim Lubeck gerät. Hannahs bewegenden Lebensweg begleiten wir in diesem Band über eine Zeitspanne von 1939 bis in die frühe Nachkriegszeit von 1946. Aus Hannahs Perspektive erlebt der Leser hautnah ihren schwierigen Alltag als Halbjüdin mit, ihre Ängste und zunehmenden Restriktionen, die das Nazi-Regime ihr aufbürdete. Wir begleiten sie auf ihrem leid- und gefahrvollen Weg durch die Nazizeit, durchleben an ihrer Seite Demütigungen, Verfolgung, bittere Verluste und das erschütternde Schicksal vieler ihrer Verbündeten und Wegbegleiter. Dank vieler Helfer, ihrer Cleverness und oftmals auch nur puren Glücks gelingt es ihr mehr als einmal ihren Häschern zu entkommen und zu überleben. Als einen gewissen Bruch in der Geschichte nimmt man dann Hannahs Erlebnisse im letzten Teil des Romans wahr. Dieser Handlungsstrang erzählt eine eigene, äußerst spannungsgeladene Episode rund um Hannahs weiteren Lebensweg, führt aber auch die nervenaufreibenden Geschehnisse der letzten Kriegstage und der Nachkriegszeit zu einem plausiblen und zufriedenstellenden Ende. Ich bin schon sehr gespannt auf eine Fortsetzung dieser Reihe und Hannahs weiteren Lebensweg.
Hannahs fiktives Schicksal zeigt stellvertretend auf, was es Menschen im 3. Reich erging, die nicht dem verklärten, rassischen Idealbild eines „Herrenmenschen“ entsprachen – also nicht die richtige Ethnie, Hautfarbe oder Kultur besaßen oder aufgrund von unerwünschten Krankheiten als erblich „minderwertig“ galten. Bei vielen wurde eine Zwangssterilisierung vorgenommen, doch schon bald wurde ein weitaus grausameres Ziel verfolgt und die gezielte Vernichtung „lebensunwerten“ Lebens in den Heil- und Pflegeanstalten vorangetrieben. Die geschilderte unbarmherzige Systematik und die brutale, skrupellose Vorgehensweise der vielen Handlanger des NS-Apparates gehen unter die Haut. Am Beispiel der fiktiven Figur des Psychiaters und Gutachterarztes Joachim Lubeck macht der Autor sehr anschaulich deutlich, wie aus einem zunächst eher willensschwachen, jungen Menschen ein skrupelloser, karrierebesessener und abscheulicher Mitläufer wird, der sich schließlich freiwillig und ohne Bedenken an den Euthanasieverbrechen beteiligt und zu einem willfährigen Massenmörder wird, der nur seinen eigenen Vorteil im Auge hat.
Die zahlreichen, gut ausgearbeiteten Charaktere und Dützers angenehmer, eindringlicher Schreibstil lassen diesen Roman trotz seiner bedrückenden Thematik zu einem wahren Page Turner werden.
Mehr über die umfangreichen Recherchen des Autors und Hintergründe zu seinem Roman erfährt man in dem äußerst lesenswerten Nachwort.

FAZIT
Ein erschütternder und zugleich fesselnder historischer Roman, der einen wichtigen Beitrag dazu leistet, die Erinnerungen an die Untaten der Nazidiktatur wach zu halten, auf dass das unendliche Leid der Opfer niemals in Vergessenheit gerät!

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Veröffentlicht am 20.04.2020

Intensiver, aufrüttelnder aber sehr anstrengend zu lesender Roman

Milchmann
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INHALT

Eine junge Frau zieht ungewollt die Aufmerksamkeit eines mächtigen und erschreckend älteren Mannes auf sich, Milchmann. Es ist das Letzte, was sie will. Hier, in dieser namenlosen Stadt, erweckt ...

INHALT

Eine junge Frau zieht ungewollt die Aufmerksamkeit eines mächtigen und erschreckend älteren Mannes auf sich, Milchmann. Es ist das Letzte, was sie will. Hier, in dieser namenlosen Stadt, erweckt man besser niemandes Interesse. Und so versucht sie, alle in ihrem Umfeld über ihre Begegnungen mit dem Mann im Unklaren zu lassen. Doch Milchmann ist hartnäckig. Und als der Mann ihrer älteren Schwester herausfindet, in welcher Klemme sie steckt, fangen die Leute an zu reden. Plötzlich gilt sie als »interessant« – etwas, das sie immer vermeiden wollte. Hier ist es gefährlich, interessant zu sein.

(Quelle: Tropen Verlag – Erscheinungsdatum: 22.2.20 – ISBN: 978-3-608504682 - Übersetzung aus dem Englischen von Anna-Nina Kroll)



MEINE MEINUNG

Der Roman » Milchmann « aus der Feder der nordirischen Autorin Anna Burns wurde bereits 2018 mit dem Man Booker Prize - dem bedeutendsten britischen Literaturpreis - ausgezeichnet und ist nun auch auf Deutsch erschienen.

Es ist ein faszinierender, aufwühlender und äußerst eindringlich geschriebener Roman mit sehr bissigem Humor, der eine sehr ernste und erstaunlich aktuelle Thematik behandelt, macht er doch deutlich wie nachhaltig der Alltag durch einen Bürgerkrieg beeinträchtigt werden kann und welche Auswirkungen die permanente Gewalt auf die Zivilgesellschaft hat.

Obwohl die Autorin bewusst den Handlungsort, die Schauplätze und sogar das Zeitkolorit weitgehend unkenntlich gemacht hat und beispielsweise mit „jenseits der See“ oder „jenseits der Grenze“ umschrieben hat, fällt einem die Verortung der Handlung nicht schwer. Ihre Geschichte ist während des Nordirland-Konflikts in den 1970ger Jahren in einem katholischen Viertel in Belfast angesiedelt – einem Bürgerkrieg, in dem Autobomben, Erschießungskommandos und Tote den Alltag beherrschten.

Bereits der verstörende Beginn des Romans mit dem ersten Satz „Der Tag, an dem Irgendwer McIrgendwas eine Waffe auf die Brust setzte, mich ein Flittchen nannte und drohte, mich zu erschießen, war auch der Tag, an dem der Milchmann starb." konfrontiert uns mit einer schockierenden Welt voller Gewalt und Brutalität.

Die 18-jährige namenlose Ich-Erzählerin schildert rückblickend über eine Verkettung von ungeheuerlichen Ereignissen, die man zunächst gar nicht richtig einzuordnen vermag.

Unbeabsichtigt hat die junge Erzählerin die Aufmerksamkeit eines über 40-jährigen Manns, der ein hochrangiger und hochgeschätzter Untergrundkämpfer ist und von allen „Milchmann“ genannt wird, auf sich gezogen. Obwohl sie ihm keine Beachtung schenkt, lauert er ihr beim Joggen regelmäßig auf und stalkt sie hartnäckig. Schon bald gehen Gerüchte im Viertel um und ihr wird eine Affäre ihm unterstellt.

Aus Sicht der Erzählerin erfahren wir hautnah wie sehr die permanente Angst vor Begegnungen mit Milchmann und die kursierenden Gerüchte ihr nicht nur psychisch sondern zunehmend auch physisch zusetzen.

Die Autorin bedient sich einer besonderen, Mitte des 18. Jahrhunderts eingeführten, nicht-linearen Erzähltechnik, bei welcher der Erzählschwerpunkt weniger auf der eigentlichen Handlung liegt, sondern eher assoziative und sehr ausschweifende Betrachtungen an Erzähltes anknüpfen. Obwohl es anfangs äußerst schwierig ist, sich in den ungewöhnlichen und sehr anstrengenden Schreibstil der Autorin mit viel schwarzem Humor hineinzufinden, dauert es nicht lange, bis man dem sehr authentisch wirkenden, inneren Monolog und endlos mäandrierenden Gedankenfluss der Ich-Erzählerin gebannt folgt. Die sehr vielschichtig angelegte Protagonistin wird als eine eigenwillige, kritisch eingestellte und sehr clevere junge Frau geschildert, die am liebsten den Kopf in alte Schmöker aus dem 18. Jahrhundert steckt und im Gehen liest, um bloß nicht aufzufallen. Von allen Seiten wird sie mit verschiedensten Erwartungen konfrontiert und unter Druck gesetzt, so dass sie weit davon entfernt ist, ein selbstbestimmtes Leben führen zu können.

Sehr unmittelbar nehmen wir Anteil an der intensiven Innenansicht der Hauptfigur, ihren sehr abschweifenden Gedanken und ambivalenten Einstellung zu ihrem Alltag und dem Leben in ihrem Bezirk, das geprägt ist von Tratsch, Misstrauen, Verleumdungen, Bespitzelungen und permanenter Angst. Alles unterliegt den strengen, oft widersinnigen Regeln der Gemeinschaft, denen man sich unterzuordnen hat. Gekonnt beschwört die Autorin einen unglaublich komplexen, höchst beklemmenden und kafkaesk anmutenden Mikrokosmos herauf, der sich während der langandauernden Konflikte herausgebildet und immer absurdere Züge angenommen hat. Sie schildert anhand einer Vielzahl von Beispielen eine Gesellschaft mit komplexen Loyalitätsregeln, die totalitäre Züge trägt, und ein Urmisstrauen gegen die Staatsgewalt und ihre Einrichtungen besitzt und verdeutlicht, was alles unter dem schädlichen Klima von Unterdrückung durch das Patriachat und der Kirche schiefläuft.

Faszinierend ist es mitzuerleben, wie die Protagonistin, die eigentlich unauffällig sein und sich aus den politischen Konflikten heraushalten möchte, mit ihrer schrägen, desinteressierten und distanzierten Art diesen seltsamen Mikrokosmos stört und zunehmend in den Augen der anderen suspekt erscheint. So verselbständigen sich allmählich die Gerüchte um sie immer mehr und eine Kaskade von fatalen Verwicklungen nimmt unaufhaltsam seinen Lauf. Doch in all dem Irrsinn und der Gewalt gibt es auch Hoffnungsträger wie die Themenfrauen und den Echten Milchmann.

Trotz aller Surrealität erzählt Anna Burns aber auch eine sehr beklemmende, authentische Geschichte über gesellschaftliche Entwicklungen, die auch auf andere Regime oder Bürgerkriegsgebiete übertragbar ist und sogar als Mahnung vor aktuellen Entwicklungen gedeutet werden kann.


FAZIT
Ein unglaublich intensiver, aufrüttelnder Roman über das Leben im Nordirland der 1970er-Jahre, der einen noch länger beschäftigt! Eine sehr anstrengende, herausfordernde aber lesenswerte Lektüre!

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Veröffentlicht am 22.03.2020

Anspruchsvoller Roman mit interessantem zeitgeschichtlichen Hintergrund

Der Empfänger
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INHALT
Vor dem Kriegseintritt der Amerikaner brodelt es in den Straßen New Yorks. Antisemitische und rassistische Gruppierungen eifern um die Sympathie der Massen, deutsche Nationalisten feiern Hitler ...

INHALT
Vor dem Kriegseintritt der Amerikaner brodelt es in den Straßen New Yorks. Antisemitische und rassistische Gruppierungen eifern um die Sympathie der Massen, deutsche Nationalisten feiern Hitler als den Mann der Stunde. Der deutsche Auswanderer Josef Klein lebt davon relativ unberührt; seine Welt sind die multikulturellen Straßen Harlems und seine große Leidenschaft das Amateurfunken. So lernt er auch Lauren, eine junge Aktivistin, kennen, die eine große Sympathie für den stillen Deutschen hegt. Doch Josefs technische Fähigkeiten im Funkerbereich erregen die Aufmerksamkeit einflussreicher Männer, und noch ehe er das Geschehen richtig deuten kann, ist Josef bereits ein kleines Rädchen im Getriebe des Spionagenetzwerks der deutschen Abwehr. Josefs verhängnisvoller Weg führt ihn später zur Familie seines Bruders nach Neuss, die den Aufstieg und Fall der Nationalsozialisten aus der Innenperspektive erfahren hat, und letztendlich nach Südamerika, wo ihn Jahre später eine Postsendung aus Neuss erreicht. Deren Inhalt: eine Sternreportage über den Einsatz des deutschen Geheimdienstes in Amerika.
(Quelle: Klett Cotta-Verlag)
MEINE MEINUNG
In ihrem historischen Roman „Der Empfänger“ widmet sich die deutsche Autorin Ulla Lenze sehr eindrücklich einem zeitgeschichtlichen Thema, über das bei uns in Deutschland sehr wenig bekannt und völlig in Vergessenheit geraten ist. Hierbei handelt es sich um die rechtsradikalen Strömungen in den Vereinigten Staaten ab den frühen 1930erJahren, die Infiltration der USA durch deutsche Agenten während des 2. Weltkriegs und die Bildung eines Spionagenetzwerks der deutschen Abwehr.
Ulla Lenze erzählt die faszinierende Lebensgeschichte von Josef Klein, einem jungen Mann aus dem Rheinland, der 1925 der Armut und den chaotischen Verhältnissen der Weimarer Republik entflieht und nach Amerika ausgewandert ist, in New York kurz vor Ausbruch des 2. Weltkriegs vom Geheimdienst der Nazis rekrutiert und schließlich vom FBI enttarnt wird. Nur haarscharf entgeht er der Todesstrafe auf dem elektrischen Stuhl, wird interniert und später ins Nachkriegsdeutschland abgeschoben.
Lenze ist ein anspruchsvoller, hervorragend recherchierter historischer Roman gelungen, der mich bald völlig in seinen Bann gezogen hat. Faszinierend finde ich zudem, dass die Geschichte auf wahren Begebenheiten basiert und in Teilen die Lebensgeschichte ihres Großonkels wiedergibt.
Gekonnt lässt Lenze uns gemeinsam mit ihrem Protagonisten und jungen Exilanten Josef Klein in die fesselnde, quirlige Metropole New York jener Zeit und in eine Atmosphäre voller Kontraste eintauchen. Sehr anschaulich fängt sie das faszinierend- lebendige Flair der verschiedensten Kulturen und Ethnien ein, lässt uns die Tristesse der Emigranten-Ghettos erahnen, das harte Alltagsleben, die Sorgen und Nöte der kleinen Leute sowie die durch unterschiedliche, politische Strömungen aufgeheizte Stimmung in den Vierteln. Auch äußerst interessante Details zur deutschen Kultur der Deutschamerikaner in New York oder dem Treiben der nationalsozialistischen Organisation - dem Amerikadeutschen Bund hat Lenze geschickt in die Handlung eingewoben.
„Der Empfänger“ ist kein fesselnder Spionagethriller mit rasanter Story. Dennoch ist es der Autorin hervorragend gelungen, über die psychologische Entwicklung ihrer facettenreichen Hauptfigur Spannung aufzubauen, denn immer mehr beschäftigt den Leser die Frage, wieso sich dieser eher freiheitsliebende, weltoffene, unpolitische Mensch in die Arbeit der deutschen Abwehr hat verstricken lassen und wie er als Amateurfunker zum Handlanger der Nazis werden konnte. Mit viel Feingespür hat Lenze die faszinierende, ambivalente Persönlichkeit ihrer Hauptfigur mit all ihren Ecken und Kanten herausgearbeitet. Nach und nach lernen wir diesen Josef Klein in verschiedenen Lebensabschnitten, Zeitebenen und Schauplätzen kennen. In unterschiedlichen Episoden beleuchtet die Autorin sein Leben während der Nazizeit in New York als Joe, während seiner Zwischenstation bei seinem Bruder im kargen Nachkriegsdeutschland als Josef und nach seiner Auswanderung nach Südamerika in den frühen 1950er Jahren auf seinen weiteren Stationen als Don José in Buenos Aires unter den Exildeutschen und in Costa Rica. Ein eigenwilliger, eher passiver Zeitgenosse, der sich ohne konkrete Lebensziele treiben lässt – ein Exilant, der sich zwischen den Welten und Kulturen bewegt, aber nirgendwo richtig angekommen und ohne Heimat ist, sich überall fremd fühlt – eine letztlich tragische Figur. Je mehr wir über ihn mit all seinen Widersprüchen, unglücklichen Verstrickungen und sein Schicksal erfahren, desto mehr macht sich eine Beklommenheit breit. Sympathien und großes Mitgefühl bringt man diesem feinfühligen, etwas naiv wirkenden Menschen entgegen, der sich hat ködern lassen und als ein eher kleines Rädchen in die Fänge der großen Weltpolitik gerät. Sein opportunistisches Handeln kann man zwar nachvollziehen jedoch nicht gutheißen, denn hierdurch hat er sich auch zu einem Täter gemacht und wissentlich die Aktivitäten gedeckt. So begegnet man Josef Klein letztlich mit einer gewissen Distanz und gemischten Gefühlen, denn sein Innenleben und seine Motive bleiben einem bis zum Ende größtenteils fremd und unergründlich, was sicherlich von der Autorin gewollt ist und der Persönlichkeit dieser Figur durchaus gerecht wird.
Im Anhang des Romans findet sich für alle interessierten Leser*innen zur weiteren Vertiefung in das interessante Thema noch eine ausführliche Zusammenstellung von empfehlenswerten Lektüren, die die Autorin auch als Quellen genutzt hat.
FAZIT
Ein anspruchsvoller, hervorragend recherchierter historischer Roman, der mit einer faszinierenden und fesselnden Geschichte über eine tragische Figur, die auf wahren Begebenheiten basiert. Sehr lesenswert!

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Veröffentlicht am 09.03.2020

Sehr unterhaltsamer historischer Seebad-Krimi

Die Tote in der Sommerfrische
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INHALT
Norderney 1912:
Im eleganten Seebad verbringt die feine Gesellschaft der Kaiserzeit die Sommerfrische. Auch die junge, unabhängige Viktoria Berg genießt die Zeit am Meer, bevor sie ihre Stellung ...

INHALT
Norderney 1912:
Im eleganten Seebad verbringt die feine Gesellschaft der Kaiserzeit die Sommerfrische. Auch die junge, unabhängige Viktoria Berg genießt die Zeit am Meer, bevor sie ihre Stellung als Lehrerin antritt.
Doch dann wird sie Zeugin, wie der Hamburger Journalist Christian Hinrichs, der eine Reportage über den Sommer der Reichen und Schönen schreibt, eine ertrunkene junge Frau aus den Wellen zieht. Viktoria kannte die Tote und glaubt nicht eine Sekunde daran, sie habe den Freitod gewählt.
Gemeinsam mit Christian stellt sie Nachforschungen an und stößt in der adeligen Seebadgesellschaft der Belle Époque bald auf dunkle Geheimnisse...
(Quelle: Goldmann Verlag - Erscheinungsdatum: 16.3.20 - ISBN:9783442490349)

MEINE MEINUNG
Der historische Kriminalroman „Die Tote in der Sommerfrische“ von der deutschen Autorin Elsa Dix ist der äußerst viel versprechende Auftakt einer neuen Küsten-Krimireihe rund um die äußerst sympathische Victoria Berg und den jungen aufstrebenden Journalisten Christian Hinrichs. Der Autorin ist mit ihrem ersten Band ein unterhaltsamer, spannender Krimi mit viel Lokalkolorit gelungen, der vor der sehr interessanten, zeitgeschichtlichen Kulisse der glanzvollen Belle Époque im Jahr 1912 angesiedelt ist.
Mit ihren anschaulichen Beschreibungen ist es der Autorin sehr gut gelungen, das herrliche Inselflair und die schönen Schauplätze auf der Nordseeinsel Norderney einzufangen. Das tolle historische Ambiente wird ebenfalls sehr plastisch, unterhaltsam und authentisch vermittelt. So gelingt es mühelos in die Welt der reichen, prominenten und adligen Inselgäste einzutauchen, an ihrer Seite die Sommerfrische zu genießen, auf der Seebrücke zu flanieren und an den gestelzten Konversationen während der abendlichen Geselligkeiten teilzuhaben. Wir begegnen prächtig gekleideten Damen in Mieder mit Sonnenschirmen und Fächern und erfahren zudem einiges über die damaligen Moralvorstellungen, Schicklichkeit und strenge Etikette. Geschickt verwebt die Autorin auch einige gesellschaftskritische Themen in ihre Handlung, denn neben all dem vermeintlichen Glanz und Reichtum ist dies auch eine Zeit von einschneidenden gesellschaftlichen Veränderungen.
Mit ihrem kurzweiligen Schreibstil und den unheilvollen Einstieg gelingt es der Autorin, den Leser von Anfang an zu fesseln. Die Handlung wird abwechselnd aus der Perspektive der beiden Hauptfiguren erzählt, die wir hierdurch schrittweise immer besser kennenlernen. Nachdem die Polizei vorschnelle Schlüsse beim mysteriösen Todesfall des jungen Dienstmädchens Henny Petersen zieht, beschließen Viktoria und Christian eigene Nachforschungen anzustellen und enthüllen schon bald so einige Ungereimtheiten.
Der fesselnde, recht verzwickte Kriminalfall hat es in sich und lädt zum Miträtseln ein. Mit so mancher falschen Fährte und einigen unvorhersehbaren Wendungen wird der Spannungsbogen auf einem hohen Niveau gehalten, bis wir schließlich beim packenden Finale die unerwartete, aber sehr schlüssige Auflösung präsentiert bekommen.
Äußerst gelungenen sind die beiden sympathischen und facettenreichen Hauptfiguren, die die Autoren mit viel Liebe zum Detail und sehr authentisch gezeichnet hat. Die beiden stammen zwar aus sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten, doch ergänzen sie sich als selbsternanntes Ermittlerteam hervorragend und fühlen sich zueinander hingezogen.
Viktoria Berg ist eine für die damalige Zeit sehr selbstbewusste junge Frau aus gutem Hause, die sich durchzusetzen weiß und auf eigenen Beinen stehen will, weshalb sie eine Heirat kategorisch ablehnt und als Lehrerin an einer Reformschule arbeiten möchte. Kein Wunder, dass der gutaussehende Christian Hinrichs sich von ihrer erfrischenden, unbeschwerten und sehr humorvollen Art magisch angezogen fühlt. Der sehr ehrgeizige Christian hat sich als cleveres Kind aus der Arbeiterklasse seinen Beruf als Journalist gegen den Widerstand seines Vaters hart erarbeiten müssen. Einige dunkle Schatten seiner Vergangenheit haben ihn seine Arbeit als Kriminalreporter jedoch aufgeben lassen, belasten ihn aber immer noch.
Auch die übrigen Nebenfiguren insbesondere die illustren Gäste des Palais-Hotels wie der forsche Severin von Seyfarth, der undurchsichtige Dr. Moritz Feuser oder die Damen der Familie Balow sind sehr plastisch und interessant ausgearbeitet.
Ich würde mich sehr über ein baldiges Wiedersehen mit Viktoria Berg und Christian Hinrichs freuen und bin gespannt, bei welcher Gelegenheit sie wieder gemeinsam ermitteln werden.

FAZIT
Ein rundum gelungener Krimi-Auftakt mit einem liebenswerten Ermittlerduo. Mich hat die kurzweilige Lektüre mit dem tollen Nordsee-Flair, der interessanten, zeitgeschichtlichen Kulisse und der verzwickte Kriminalfall bestens unterhalten können!

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Veröffentlicht am 11.05.2020

Herausforderndes Romandebüt

Je tiefer das Wasser
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INHALT
Edie und Mae sind Schwestern. Die Mutter der beiden hat versucht sich umzubringen, und nun werden sie weggeschafft, aus ihrem Heimatkaff in Louisiana nach New York, aus der Obhut einer labilen Fantastin ...

INHALT
Edie und Mae sind Schwestern. Die Mutter der beiden hat versucht sich umzubringen, und nun werden sie weggeschafft, aus ihrem Heimatkaff in Louisiana nach New York, aus der Obhut einer labilen Fantastin zum weltberühmten Schriftstellervater, der die Familie vor Jahren verließ. Für Edie bedeutet die neue Umgebung einen unverzeihlichen Verrat, für Mae die langersehnte Möglichkeit der Befreiung. Schnell kommt es zum Bruch. Während die eine einen verzweifelten Rettungsversuch unternimmt, lässt sich die andere ein auf die Zuneigung des Vaters und die Bitte, ihm beim Schreiben seines neuen Romans über die Mutter zu helfen. Alle sind sie getrieben von einer Obsession: Verstehen, was zwischen ihnen, was tief in ihnen vor sich geht.
(Quelle: Suhrkamp Verlag – Erscheinungsdatum: 17.2.20 – ISBN: 9783518429075 - Übersetzung aus dem Englischen: Brigitte Jakobeit)

MEINE MEINUNG
Mit „Je tiefer das Wasser” ist der Autorin Katya Apekina, die in Moskau geboren wurde und im Alter von drei Jahren mit ihrer Familie in die USA übersiedelte, ein bemerkenswertes Romandebüt gelungen, das einen mit seiner Intensität unter die Haut geht und lange Zeit nicht mehr loslässt.
Im Mittelpunkt ihres erschütternden Familiendramas steht das Schicksal der beiden Schwestern Mae und Edith. Schon bald kann man sich der enormen Sogwirkung dieser dramatischen, verwirrenden Erzählung nicht mehr entziehen und ist gefesselt von der eindringlichen, beklemmend-düsteren Stimmung. Mit immer neuen Einblicken in das Leben einer dysfunktionalen Familie wird man unweigerlich von einem fatalen Strudel an Emotionen und Obsessionen immer mehr in die Tiefe gezogen und wird mit den Abgründen der menschlichen Psyche konfrontiert.
In oftmals recht kurzen Kapiteln werden die Geschehnisse abwechselnd aus der Ich-Perspektive der beiden Hauptfiguren Mae und Edith erzählt. Geschickt präsentiert die Autorin die beiden Sichten in unterschiedlichen Erzählformen und verleiht den beiden Schwestern dadurch sehr individuelle, unverwechselbare Stimmen. Maes Perspektive ist rückblickend in der Vergangenheitsform verfasst und enthält gelegentliche Bezüge zur Gegenwart, während Edies Sicht in der Gegenwartsform ist. Zudem sind gelegentlich Perspektiven weiterer Nebenfiguren aus dem näheren Umfeld der Familie wie beispielsweise ihr Vater Dennis, ihre Tante Diana oder die neue Freundin ihres Vaters Amanda, eingeschoben, die die Ereignisse aus einem anderen Blickwinkel beleuchten und völlig andere Einblicke liefern. Daneben finden sich auch noch einige Ausschnitte aus Briefen, Tagebüchern, Telefonaten, Interviews und psychiatrischen Notizen.
Sehr anschaulich hat Apekina die Seelenzustände der beiden sehr unterschiedlichen Geschwister und ihre vielschichtigen, ambivalenten Charaktere in teilweise sehr drastischen Szenen herausgearbeitet. Während die 16-jährige Edie sich für die psychisch kranke Mutter verantwortlich fühlt, sie aus der Psychiatrie retten möchte und auf Konfrontation zum Vater geht, sucht die 2 Jahre jüngere Mae die Aufmerksamkeit des Vaters und ist froh dem unerträglichen Alltag mit der labilen Mutter entkommen zu sein. Allmählich beginnt sie immer mehr in die Rolle ihrer Mutter zu schlüpfen, und die Grenzen zu ihrem eigenen Selbst scheinen sich in beängstigender Weise aufzulösen. Äußerst instabile Persönlichkeiten lernen wir kennen, die von den Schatten der Vergangenheit gezeichnet und mehr oder weniger stark geschädigt sind. Nahezu jeder Charakter hat mit seinen inneren Dämonen zu kämpfen, versucht der Spirale aus Zweifeln, Wut, Trauer, Schuldzuweisungen, Egozentrik, Selbstbetrug und seelischen Verletzungen zu entkommen, seine Impulse zu verstehen und sich schließlich neu zu definieren. Die Autorin zeichnet das verstörende Bild einer ungesunden, selbstzerstörerischen Familiendynamik, aus der keiner der Betroffenen unbeschädigt entkommen kann.
Sehr versiert erzählt die Autorin ihre chaotisch und unstrukturiert wirkende Geschichte in verschiedenen, nicht stringenten Episoden, die dennoch Bezug aufeinander nehmen und gekonnt ineinanderfließen. Allmählich fügen sich immer mehr Fragmente aus einem vielfältigen Stimmengewirr zusammen, die die Geschehnisse aus den unterschiedlichsten Sichtweisen beleuchten und sehr individuelle Wahrnehmungen widerspiegeln. Jede Figur erzählt eine eigene Version der Geschichte und hat sich ihre ganz persönliche Wahrheit zusammengefügt.
Ungemein fesselnd aber auch eine große Herausforderung ist es für uns Leser, die Hintergründe und Ereignisse aus einer verwirrenden Mischung von Vermutungen und bruchstückhaften Details allmählich selbst zu einem eigenen Gesamtbild zusammen zusetzen. Wie im wirklichen Leben wird man bei diesem Roman die absolute Wahrheit nicht finden und muss sich damit abfinden, dass Widersprüche und einige Geschehnisse ungeklärt bleiben. So sind schließlich viele Deutungen der Fantasie der Leser überlassen.
Äußerst passend zu ihrer Geschichte um die zwei Schwestern beendet die Autorin ihren Roman mit einem offenen, aber stimmigen Ausklang.

FAZIT
Ein intensives, bewegendes Romandebüt mit einer verstörenden, sehr faszinierenden Geschichte, die den Leser auf ganzer Linie herausfordert.

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