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Veröffentlicht am 11.06.2020

Erschütternd, nachdenklich stimmend, aber moralisch nicht immer ganz über alle Zweifel erhaben

Zahra
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Inhalt:
Zahra ist ein gesundes Kind, aber das Glück ihrer Eltern währt nur kurz. Nach einem Narkosefehler verändert sich das Leben der kleinen Familie von einer Sekunde auf die andere. Die Ärzte geben ...

Inhalt:
Zahra ist ein gesundes Kind, aber das Glück ihrer Eltern währt nur kurz. Nach einem Narkosefehler verändert sich das Leben der kleinen Familie von einer Sekunde auf die andere. Die Ärzte geben Zahra auf. Wenn sie überhaupt überleben werde, werde sie wohl für immer stark behindert bleiben. Aber die Ärzte haben nicht mit Zahras Überlebenswillen und mit der Konsequenz der Mutter gerechnet. Adelheid Schär beginnt, wie eine Löwin um ihre Tochter, um jeden Schritt hin zu einem einfacheren Leben zu kämpfen. Tag und Nacht betreut, fördert und therapiert sie Zahra und wenn sie nicht gerade Ausflüge mit ihr unternimmt, ins Therapieschwimmen geht oder neue Pflegerinnen einstellt, befasst sie sich mit Fachliteratur, Eltern und Ärzten mit ähnlichen Erfahrungen und entwirft neue Therapiepläne. Entgegen jeder Prognose lernt Zahra, gestützt zu kommunizieren und so haben wir nicht nur Erlebnisberichte der Mutter, sondern auch Erfahrungen und Gedanken von Zahra selber überliefert. Aus diesen Berichten wird ersichtlich, wie lernfähig das menschliche Gehirn mit dem richtigen und andauernden Training sein kann. Bisherige Erkenntnisse und Überzeugungen werden widerlegt oder in Zweifel gezogen und dies lässt in vielen Fällen die herkömmlichen Behandlungsmethoden, sowie das Abschieben in Heime in einem ganz anderen Licht erscheinen.
Mutig und ehrlich schildert Adelheid Schär den Alltag mit ihrer Tochter, die persönlichen Zwiste, das Schwimmen gegen den Strom, den Kampf um jeden Rappen und um einen Ausbildungsplatz und nicht zuletzt auch die Verzweiflung, die eigenen Grenzen und die Ablehnung der Umwelt.

Meine Meinung:
Dieses Buch hat mich erschüttert. Natürlich mit seinem Inhalt, aber auch mit der liebevollen und ehrlichen Sprache, in der es geschrieben ist und mit Zahras Worten und Gedanken, die berühren und Einblicke in ein Leben geben, das wir uns überhaupt nicht vorstellen können.
Sachlich und medizinisch, aber auch sehr emotional kommt der Schreibstil daher. Es handelt sich aber weder um einen kalten, noch um einen um Mitleid flehenden Bericht. Vielmehr ist es eine ehrliche Dokumentation über Höhen und Tiefen eines sehr kurzen Lebens und zugleich eine medizinische Studie um aufzuzeigen, wie lernfähig das Gehirn sein kann.
Sehr beeindruckend ist die Tatsache, dass Zahre selber auch zu Wort kommt. Sobald sie gestützt kommunizieren kann - sie schreibt, indem eine Therapeutin ihren Arm hält und auf feinste Impulse achtend führt - ist es ihr möglich, ihre Situation zu beeinflussen. Lange Zeit war gar keine Kommunikation möglich später konnte Zahra mit "Ja" und "Nein" antworten und schon bald kam die gestützte Kommunikation dazu. Eine Kommunikation, die es ihr ermöglichte, eigene Gedanken und Gefühle auszudrücken, Wünsche zu äussern und konkrete Forderungen zu stellen.
Diese neue Ausdrucksmöglichkeit zeigt dem Leser aber auch auf, in welcher Lage Zahra sich befindet. Sie ist hochintelligent und realisiert alles, was geschieht und natürlich auch ihre eigene Situation. Diese beschreibt sie auch manchmal als ein Gefängnis. Damit hat sie wohl Recht. Sie ist gefangen in ihrem fast starren Körper und kann sich nur schriftlich und deshalb eher langsam äussern. Der Wunsch nach Freunschaft wird immer grösser in ihr und ihre Einsamkeit und Verzweiflung ging mir wirklich an die Nieren.
Adelheid Schär will mit diesem Buch aufzeigen, dass ein Leben, wie Zahra es führte, durchaus lebenswert sein kann. Dem stimme ich natürlich zu. Wenn man diesen ganzen Aufwand auf sich nehmen kann, ist dieses Leben lebenswert. Zahra hatte sehr viele schöne Momente in ihrem Leben. Vor allem aber gegen Ende ihres Lebens wird klar, wie sehr sie leidet und wie gross ihre Verzweiflung ist. Sie wäre wohl nie an ihrer Grippe gestorben, wenn sie mit 16 Jahren den gleichen Lebenswillen gehabt hätte, wie direkt nach dem Ärztefehler. Deshalb bin ich nach wie vor skeptisch. Ich bewundere Zahra und ihre Mutter um ihren Mut und ihre Kraft. Trotzdem frage ich mich, ob Zahra diese schreckliche Einsamkeit und diese zermürbende Hoffnungslosigkeit vielleicht hätte erspart werden können. Und gleichzeitig verurteile ich mich dafür, dass ich dies überhaupt zu denken wage. Was auf jeden Fall klar ist: so viel Mut müsste besser unterstützt und akzeptiert werden. Wer sich dafür entscheidet, einen Weg zu gehen, wie Adelheid Schär ihn mit Zahra gegangen ist, dem sollten nie und nimmer zusätzlich Steine in den Weg gelegt werden.

Fazit:
Erschüttert und aufgewühlt hinterlässt dieser ehrliche und wahre Bericht den Leser. Er regt zum Nachenken an und tröstet zugleich mit der mutigen Haltung einer Mutter, die das Leben und sich selbst herausfordert und mit der Stärke einer Tochter, die das Unmögliche zwingt, möglich zu werden.

Veröffentlicht am 31.05.2020

Kann man lesen, muss man aber nicht

Ein Tag und eine Nacht
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Meine Meinung:

Oda und Till haben sich seit dreizehn Jahren nicht gesehen, aber Till hat nie aufgehört, an Oda zu denken, obwohl er ein scheinbares Bilderbuchleben lebt. Eine Begegnung aus der Vergangenheit ...

Meine Meinung:

Oda und Till haben sich seit dreizehn Jahren nicht gesehen, aber Till hat nie aufgehört, an Oda zu denken, obwohl er ein scheinbares Bilderbuchleben lebt. Eine Begegnung aus der Vergangenheit konfrontiert ihn mit längst unterdrückten Gefühlen und er beginnt, nach Oda zu suchen. Schnell findet er sie online und ohne gross nachzudenken, willigt er ein, sie zu treffen. Dieses Treffen verläuft nicht ganz einfach und nicht ganz glücklich und schnell wird klar, dass da zwei Menschen zusammensitzen, die in ihrem Leben sehr viele Themen, Menschen und Beziehungen gestreift haben, ihren Platz aber eigentlich immer noch suchen. Dies ist einerseits die grösste Stärke, aber zugleich auch Schwäche dieses Buches. Während Oda und Till so herrlich unperfekt sind und ganz viel Identifikationspotenzial für jegliche Leser*innen bieten, sind sie zugleich auch sehr nachtragend, ein wenig einfach gestrickt und vor allem ängstlich. Wäre ein einziges Mal von Anfang an offen miteinander gesprochen worden, hätte sich diese Geschichte ganz anders - aber natürlich auch wesentlich unspektakulärer - entwickeln können. Immer mal wieder hätte ich die arrogante und absolut kindische Oda sehr gerne geschüttelt, den unentschlossenen und rückgratlosen Till angestupst (oder auch ein wenig getreten), aber obwohl mich die beiden Protagonisten mit ihrer insgesamt sehr anstrengenden Art auch genervt haben, konnte ich doch auch ein wenig nachvollziehen, welche Missverständnisse, Ängste und Lebenssituationen sie zu ihrem jeweiligen Handeln (oder manchmal auch untätigen Herumsitzen) bewogen haben.



Schreibstil:

Die Figuren haben es mir nicht immer ganz einfach gemacht, aber trotzdem war dieses Buch kein totaler Schuss in den Ofen. Die Beschreibungen der Orte waren wundervoll und zeugen von einer tiefen Liebe des Autorenduos zur Lüneburger Heide und Hamburg. Besonders gut gefallen hat mir auch die Erzählweise. Die Kapitel sind nämlich abwechslungsweise aus Odas und Tills Sicht geschrieben und eine kunterbunte, aber nicht zu überzogene Mischung aus Tagebuch, Briefroman und erzählter Handlung. Die einzelnen Personen sind sehr detailliert und äusserst authentisch beschrieben, die Schwierigkeiten und Höhenflüge im Leben einer jeden Figur sind nachvollziehbar und stimmig konstruiert und beim Lesen bin ich nur so durch die Seiten geflogen. Dennoch werden einige schwierige Themen, wie Krebs, Burn-out, Ehestreitigkeiten und Arbeitslosigkeit gestreift.



Meine Empfehlung:

Dieses Buch kann man lesen, muss man aber nicht. Ich empfehle es allerdings sehr gerne für entspannte Stunden im Zug oder am Strand weiter und bin mir sicher, dass einige von euch sich besser mit Oda und Till verstehen werden, als ich.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 08.02.2020

Unterhaltsam und kurzweilig aber eher vorhersehbar

Das Glück ist zum Greifen da
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Inhalt:
Anas drohende Abschiebung nach Serbien hängt wie ein Damoklesschwert über ihr und ihren Zwillingen. Die kleine Familie, die doch in Köln so wunderbar integriert ist, wird wohl bald des Landes verwiesen, ...

Inhalt:
Anas drohende Abschiebung nach Serbien hängt wie ein Damoklesschwert über ihr und ihren Zwillingen. Die kleine Familie, die doch in Köln so wunderbar integriert ist, wird wohl bald des Landes verwiesen, weil Ana einfach keinen Job findet. Der Kindsvater, der als Hornist durch die ganze Welt reist und sich seit jeher aus jeglicher Verantwortung gezogen hat, ist auch keine grosse Hilfe. Doch der Klavierlehrer der Zwillinge, Anas beste Freundin Ella und die vielen Nachbarn aus ihrem Wohnblock nehmen Anas Glück in die Hand und stehen mit Rat und Tat zur Seite.

Meine Meinung:
Der Februar ist bei mir buchtechnisch nicht ganz so gut gestartet und ich kam bei vielen Büchern - ich lese ja immer parallel - nicht so richtig vom Fleck, weshalb ich dann schliesslich "Das Glück ist zum Greifen da" als leichte Lektüre zwischengeschoben habe. Das hat wunderbar geklappt und das humorvolle - wenn auch total vorhersehbare Buch - hat mich gut unterhalten. Besonders gut gefallen haben mir der lockere Schreibstil, die Dialoge und der liebevolle Bezug zu Köln, sowie die Verarbeitung einiger eher ernster Themen. Weniger toll fand ich, dass so gar keine Überraschungen anzutreffen waren und dass dieses Buch ohne grosse Umschweife zum Ziel führt. Dass es dabei aber sehr kurzweilig ist, relativiert diesen Aspekt wieder ein wenig.

Schreibstil:
Das Buch liest sich nur so weg und es werden auch ernste Themen intensiv verarbeitet. Obwohl handlungsmässig für keinerlei Überraschungen gesorgt worden ist, wird mit liebevollen Details erzählt. Deloys Liebe zu Köln und zum Erzählen ist in jedem Abschnitt spürbar. Die schrägen und auch sehr charmanten Nebenfiguren sorgen für eine Wohlfühlatmosphäre, Anas Angst vor der Abschiebung, ihre gesamten Existenzängste und die enge Beziehung zu ihren Kindern werden einfühlsam geschildert. Genau so wie die Hilfsbereitschaft der Nachbarn und Freunde, was mir persönlich sehr gut gefallen hat.

Meine Empfehlung:
Wer sich nicht daran stört, dass ein Buch vor allem mit der Atmosphäre und der liebevollen Erzählsprache punktet, inhaltlich aber nicht sehr originell daherkommt, ist mit "Das Glück ist zum Greifen da" sicher sehr gut beraten. Aus der Masse an unterhaltsamer Literatur herauszustechen vermag das Buch aber nicht wirklich, weshalb es in den offenen Bücherschrank wandern und sicher bei weiteren Leser*innen für kurzweilige Lesestunden sorgen wird.

  • Einzelne Kategorien
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Veröffentlicht am 29.09.2019

Ein wenig zu düster, aber sehr philosophisch

Der andere Ort
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Erste Eindrücke:
Dieses Buch beinhaltet zehn Kurzgeschichten unterschiedlicher Länge. Besonders zu erwähnen ist die erste Geschichte, welche auch dem Buch den Namen gegeben hat und mit Abstand die längste ...

Erste Eindrücke:
Dieses Buch beinhaltet zehn Kurzgeschichten unterschiedlicher Länge. Besonders zu erwähnen ist die erste Geschichte, welche auch dem Buch den Namen gegeben hat und mit Abstand die längste Geschichte ist. Auf hundert Seiten entführt uns Stefan Stergiannis in das Leben eines zehnjährigen Jungen, welcher von seinem alkoholabhängigen Vater nur Zurückweisung und Gewalt erfährt und auch in der Schule von seinen Mitschülern gehänselt wird. Als Tom sich einmal wehrt, werden zwei Mitschüler leicht verletzt und er muss als Strafe Freiwilligenarbeit leisten. Seine Aufgabe ist es, den alten Mann Vladjo zu besuchen, dessen Einkäufe in die Mietwohnung zu schleppen und sich mit ihm zu unterhalten. Und die beiden unterschiedlichen Menschen werden bald so etwas wie Freunde und es ist Vladjo, der eine Lösung für Toms Probleme hat. Tom soll lernen, sich an den "anderen Ort" zu flüchten.
In seinen anderen Kurzgeschichten lässt uns Stefan Stergiannis tief in die Gedanken von Bäumen einblicken und er scheint sogar einen heissen Draht zu Gott zu haben. Auch ein Serienkiller aus dem Mittelalter und ein Heckenmonster kommen in den Geschichten vor und lassen jede einzelne Erzählung zu einem schaurig schönen und philosophischen Märchen werden.

Meine Meinung:
Vor allem die erste und längste Geschichte "der andere Ort" gefällt mir sehr gut. Auch einige der anderen Erzählungen wie "0800-Gott" und "die Rast" sprachen mich sehr an. Insgesamt sind mir die Geschichten in Kombination und somit das ganze Buch ein wenig zu düster und fatalistisch. Es fehlen mir dazwischen einige lebensbejahende und hoffnungsvolle Geschichten mehr. Ansonsten muss ich aber den Schreibstil sehr loben. Alles in allem ein Buch, welches ich neben und zwischen anderen Büchern lesen würde um immer wieder genug Pausen zwischen die einzelnen Geschichten machen zu können.
Mein herzlicher Dank gilt noch einmal dem C. F. Portmann Verlag für dieses philosophische Buch.

Veröffentlicht am 12.09.2019

Eine letzte Reise durch halb Eurpa, Roadtrip und Abschied zugleich

Die vorletzte Reise der Ewa Kalinowski
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Darum geht es:

Ewa Kalinowski hat Krebs und bittet ihren guten Freund Lukas, sie und ihren Hund Zizou auf eine Reise durch halb Europa zu begleiten. Der junge Mann, der sich trotz abgeschlossenem Studium ...

Darum geht es:

Ewa Kalinowski hat Krebs und bittet ihren guten Freund Lukas, sie und ihren Hund Zizou auf eine Reise durch halb Europa zu begleiten. Der junge Mann, der sich trotz abgeschlossenem Studium von Gelegenheitsjob zu Gelegenheitsjob hangelt, tut ihr den Gefallen und fährt das Wohnmobil, das Ewa sich eigens dafür gekauft hat, sicher durch diverse Länder und Städte Europas. Auf dieser Reise erfährt Lukas viele Geschichten aus Ewas Kindheit in Polen und die beiden diskutieren und philosophieren über Politik, Geschichte, das aktuelle Weltgeschehen und den Tod und nehmen uns Leserinnen und Leser mit auf eine spannende Reise, die uns nicht nur zu historischen Sehenswürdigkeiten, sondern auch ein wenig zu uns selber finden lässt.


Meine Meinung:

Regina W. Egger hat dieses Buch in nur drei Wochen geschrieben, weil sie selber schwer erkrankt war und sie das Buch unbedingt fertigstellen wollte, um es für einen Schreibwettbewerb einzureichen, den sie damit sogar gewann. Dies beeindruckt mich einerseits sehr, wenn auch ich mir doch immer mal wieder ein paar Beschreibungen und Vertiefungen mehr gwünscht hätte, die aber wohl aufgrund des Zeitmangels gar nicht mehr eingebaut werden konnten. Trotzdem ist eine tiefgründige und insgesamt sehr gut ausgearbeitete Geschichte entstanden, die mich in ihren Bann gezogen hat. Ewa war mir sofort sympathisch und die vielen Reiseorte, die sie noch ein letztes Mal besuchen wollte, sind so beschrieben, dass auch bei mir ein sanftes Feriengefühl aufgekommen ist. Besonders gut gefallen haben mir übrigens die detaillierten Beschreibungen von kulinarischen Spezialitäten aus aller Welt. Aber nicht nur die Esswaren selber haben mir das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen, auch die schönen Beschreibungen der gesellschaftlichen Aspekte des gemeinsamen Essens und Geniessens waren meiner Meinung nach wundervoll dargestellt.

Auch wurde zu allen besuchten Orten einiges an (historischem) Hintergrundwissen eingebaut, das beim Lesen sowohl unterhaltsam als auch lehrreich war und mich vor allem die einzelnen Orte in Gedanken noch besser miteinander verbinden liess.



Was mir nicht ganz so gut gefallen hat:

Leider habe ich doch etwas zu bemängeln, das sich durch dieses Buch durchgezogen hat und zeitenweise ein wenig ermüdend war: Ewa kritisiert nämlich Lukas und seinen Lebensstil permanent. Sie hält ihm vor, dass er sich ab und an einen Joint gönnt, dass er nichts aus seinem Studium gemacht und keine Frau und Kinder hat und ist somit nicht besser als all die anderen in Schubladen denkenden alternden Menschen, die ihren eigenen stereotypen Lebensstil mit (Ehe-)Partnern und einer langweiligen Arbeit, die man nur des Prestiges wegen ausübt, der jüngeren Generation aufzwingen wollen. Dass Ewa Lukas dazu bringt, sein Leben und seine Lebensentscheide zu hinterfragen, hat mich überhaupt nicht gestört. Dass sie, die sonst so eine aussergewöhnliche Frau ist, nun aber null Verständnis für ihn zeigt, überhaupt nicht ausserhalb ihres vorgefassten Lebensrasters denken kann und vor allem nicht realisiert, dass er diese Reise mit ihr gar nicht hätte antreten können, wenn er in einer Beziehung gesteckt oder an einen Job gebunden gewesen wäre, ist sehr eindimensional gedacht. Ausserdem werden die politischen Ansichten der Figuren ein wenig zu plakativ aueinanderdividiert, was insgesamt ein wenig plump wirkt.


Schreibstil:

Mit ihrer sehr schlichten Sprache hat es Regina W. Egger geschafft, mich zu berühren, mich zu unterhalten und ein wenig Fernweh bei mir auszulösen. Zufällig haben Ewa und Lukas nämlich Orte und Regionen besucht, die ich selber sehr gut kenne, oder die ich gerne bald einmal besuchen möchte. Die nicht ganz einfachen Unterhaltungen, die man mit todkranken Menschen führt und manchmal führen muss, aber auch der normale und unbeschwerte Alltag während eines Roadtrips werden einfühlsam beschrieben und stimmig kombiniert. Ausserdem ist auch Ewas körperliches Wohlbefinden immer wieder ein Thema, schliesslich gibt sie das Reisetempo vor. Und vor allem gegen Ende spürt man förmlich die Eile, welche Ewa hat (und wahrscheinlich auch unsere Autorin hatte) um zum Ziel zu kommen. Man spürt die Zeit, welche durch Ewas Finger rinnt, was mir persönlich sehr nahe gegangen ist.


Meine Empfehlung:

Trotz kleiner Schwächen empfehle ich euch dieses Erstlingswerk, das mit charmantem Roadtripcharakter aber auch sehr viel Tiefgang zu überzeugen vermag, sehr gerne weiter. Die schönen Beschreibungen der einzelnen Reiseziele und der kulinarischen Höhenflüge haben mir es dabei besonders angetan.